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Jüdische Presse · 1923-02-02 · 5 (2.2.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
5 (2.2.1923)
Date
1923-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b. JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONC '•I 2f9Xia.O'HqTQ3a.,ö*'ESJ:oAiTii ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K48.000, Ungarn X 1500, Tschechoslowakei K6.70--, Deutschland Mk. 5000«-, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 100 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 10.000'—. Einzelnummer d.-ö. E 1000, K6.1*50. Zahlungen fnr Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Kont« Nr. 13.468; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Kont« Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 60.170; ffir Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; ffir Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 4X1.917; für Rumänien: Banca Harmarosch Blanc * Oo. für Josef Florenz A Co., Bukarest. Nr. 5 Wien-Bratislava, 2. Februar 1923 .rann toaw no mscojnc - nn rrys I 9. Jahrg. Der einzige Weg. Als die Knechtschaft in Aegypten unerträglich erschien, hatten sich unter Führung des Seved und Schuselach zwar wohlmeinende, doch irrende, jüdische Kinder zusammengefunden, um auf Grund vermeintlicher historischer Ansprüche das Land ihrer Väter wieder "zu erobern. Die Expedition mißlang. Als nun die Stunde der wirklichen Befreiung geschlagen hatte, und zwar ganz ohne Zutun der bisher Bedrückten, führte sie der Allmächtige nicht auf dem nächsten Weg in das Land ihrer Sehnsucht. Die Motive hierfür lagen, soweit uns das Wort der Heiligen Schrift und die mündliche Erklärung hierüber Aufschluß geben, auf doppeltem Gebiete. Es könnte erstens unter den Befreiten Menschen geben, in deren Brust nichts anderes lebt, als das Pochen auf historische Ansprüche, und wenn diese nun sehen würden, wie alle lediglich von Menschen ersonnenen und lediglieh von Menschen angemeldeten historischen Ansprüche an den Machtfragen und Machtentwicklungen scheitern könnten, so möchten sie sich in einem Augenblick der Verzweiflung hinreißen lassen, in das Grab ihrer historischen Ansprüche auch den Glauben an die Verheißung des Allmächtigen zu legen und so durch eigene Schuld nach Aegyptens Knechtschaft zurückkehren müssen. Der zweite Grund Jag in dem Willen des Allmächtigen, daß sie sich erst am Fuße des Sinais das Recht auf ihr Land erwerben sollten. In diesen schlichten Mitteilungen über die Geburtsstunde des jüdischen Volkes liegt eine gewaltige Mahnung für unsere Zeit und sicher der einzige Ausweg aus ihren Wirrnissen, denn wir befinden uns in einem üblen Dilemma. Glaubt man nämlich, daß historische Ansprüche lediglich um ihrer selbst willen, also lediglich aus den Gefühlen der Gerechtigkeit heraus, Anerkennung finden werden, so ist es wahrlich nicht vonnöten, diese Ansprüche auch noch mit einer Art dekorativer Machtentfaltung zu' unterstützen. Dies aber ist dann doppelt überflüssig und schädlich, wenn eine wirkliche Macht im Sinne des modernen politischen Handwerkszeuges gar nicht zur Verfügung steht. Man sollte sich dann nicht wundern, wenn die realen und materiellen Machtbereiche, von denen man gewissermaßen selbstlose und uninteressierte Erfüllung der historischen Ansprüche erwartet, alsbald die Hohlheit und Unzulänglichkeit der fiktiven Machtansprüche erkennen und zum zermalmenden Gegenstoß ausholen. So ungefähr dürfte ein späterer Historiker das Elend unserer Zeiten erfassen und darstellen. Wir müssen uns schlicht und einfach zur folgenden Erkenntnis durchringen. Es gibt keine Möglichkeit, selbst unter Zusammenfassung aller finanziellen und materiellen Kräfte der jüdischen Gemeinschaft uns als einen beachtenswerten aktiven Faktor in dem Kalkül der Nur-Politiker einzustellen. Seit Barkochbas Zeiten ist ein solcher Versuch immer mißlungen, und soviele Seved und Schuselach auch erstanden, sie haben selbstverständlich, ohne es zu wollen, Unheil von unabsehbaren Konsequenzen erzeugt. Es gibt aber nur einen Anschlußpunkt, an dem wir uns in das Getriebe der Welt einschalten dürfen und können, und der ist dort gegeben, wo wir nicht historische, aber in jedem Augenblick sich neu erzeugende und deshalb unsterbliche Ansprüche anmelden, und zwar als Vertreter der großen und einzigen Macht, als einzige Vertreter der Idee des wahren Rechtes und als Träger der Verheißung, die noch jedes' Kunstgefüge menschlichen Wollens und politischer Menscheitsgestaltung überdauert hat. Man täusche sich darüber nicht, auch die verschlagensten Kabinette kennen diese Ansprüche, und wehe den Völkern, welche die sichtbare Mission erhalten hätten, diese Ansprüche des Allmächtigen für sein Volk und damit auch für das Gedeihen der Menschheit zu erfüllen, zu dieser Erfüllung aber zu schwach und zu klein wären. Wenn aus fünfzehn Millionen Kehlen ein Schrei ertönen würde, als Widerhall der Schofartöne von Sinai, dann könnten alle Armeen und alle Kabinette der Welt nicht widerstehen. Wenn aber diese fünfzehn Millionen ganz oder zum Teil sich in den dunklen Gängen dieser Kabinette einzunisten versuchen, oder aber gar je nach der Laune des Augenblickes sich als ein Machtgebilde irdischer Art präsentieren, dann beginnt ein Zerfall wie zu den Zeiten Seveds und Schuselachs. Ein tiefblickender Historiker sagt einmal, daß von der höchsten Warte ans die sittliche Wertung eines Krieges in der Art der Siegesfeier ihren Ausdruck findet. Nun möge man einmal durch die Welt gehen und bei all den Siegesfeiern des jüngsten Jahrfünfts suchen, ob aus irgend einer Kehle ehrlich das Wort erklungen ist: „Der Ewige aber ist König für und für." Unser Sieg wird ein anderes Lied nicht kennen. P. K. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Seit einigen Monaten waren wir bemüht, die jüdische Oeffentlichkeitdarauf aufmerksam zu machen, daß die geistige und religiöse Not unserer jüdischen Brüder in Rußland die leibliche bei weitem übersteigt. Wir vor&ffentlichen in folgendem eine offizielle Erklärung der Sowjetregierung über ihre Judenpolitik. Die Erklärung wurde als Antwort an Herrn Lucien Wolf auf seinen Brief vom 11. September 1922 gegeben. Sie lautet folgendermaßen : Das Verbot des Religionsunterrichtes in den jüdischen Schulen der Sowjetrepublik ist eine Folge des Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat. Dieses Gesetz wird für sämtliche Religionen angewandt. Keine Religion hat von diesem Gesetz, welches jede Form der staatlichen Unterstützung der Kirche und jedes Privileg zerstört hat, soviel profitiert, wie die jüdische Religion. Seinerzeit war die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion ein Grund zu den härtesten Verfolgungen und Verletzungen der Gewissensfreiheit. Die Sowjetregierung, die den jüdischen Religionsunterricht verboten hat, hat aber zugleich der Erziehung von Millionen Kinder anderer Glaubensbekenntnisse im Geiste religiöser Unduldsamkeit und Antisemitismus ein Ende gemacht. Die Regierung verbietet zwar die Benützung der Synagogen für politische Propaganda und die Aufhetzung der Massen gegen die Sowjetmacht (wegen einer solchen Propaganda gegen die Sowjetmacht wurde eben Rabbiner Borischanski in Hornel verurteilt, in Anbetracht seines Gesundheitszustandes wurde aber die Strafe reduziert), zu gleicher Zeit aber hat die Sowjetregierung jener Pogrompropaganda ein Ende gemacht, die in Schulen und in einem großen Teile der Kirchen vor sich gegangen war. Kein Staat in der Welt kann Gesetzesübertretung oder Aufforderungen an seine Bürger, die Gesetze zu mißachten, dulden. In den Gefängnissen sämtlicher Weltstaaten sitzen Tausende Meuschen, deren einziges Verbrechen darin besteht, daß ihre Ideen den Interessen der herrschenden Mächte widersprechen. Die in ihrem Komitee sitzenden Kapitalisten betrachten diese Verletzung der Gewissensfreiheit der Bürger (einschließlich derjenigen ihres eigenen Bekenntnisses) als etwas ganz gewöhnliches, sie protestieren auch nicht gegen ähnliche Gewalt, die gegen Arbeiter (jüdische Arbeiter inbe- Mossul—Ninive. In Lausanne, der mit allen Komfort Westeuropas ausgestatteten Stadt der Schweiz, wird über das Schicksal des Orients verhandelt. Der wunderbare Kampf der wiedererwachten Türkei wird von Ismeth Pascha geführt — mit diplomatischen Mitteln. Er konnte es doch nicht verhindern, daß die Minderheitsvölker, die noch im türkischen Staatsverband verblieben sind, vor der Friedenskonferenz ihre Stimmen erheben. Unter ihnen haben die Nachkömmlinge der alten Assyrier die größte Aufmerksamkeit wachgerufen. Sie haben ihren Anspruch auf Mossul angemeldet. Der wiedererwachte Orient ist durch diese Vorgänge wieder in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gerückt, vor allem Mesopotamien, das Heimatland unseres Vaters Abraham, und die Stadt Mossul. Mossul ist eine der bedeutendsten Städte dieses Gebietes. Es liegt am rechten Ufer des Tigris, an dem Kreuzpunkt zweier Straßen, in niedriger, flacher Landschaft. Dieser glücklichen Lage verdankt Mossul, daß es früher eine recht bedeutende Handelsstadt war, und noch heute herrscht hier ein ziemlich bedeutender Transithandel zwischen Bagdad, Syrien und Konstantinopel. Der berühmte Reisende Marco Polo, der am Ende des XIII. Jahrhunderts lebte, erzählt, daß auch jener feine, durchscheinende Baumwollstoff, der unter dem Namen Musselin bekannt ist, früher in Mossul hergestellt wurde und von dieser Stadt seinen Namen hat. In unmittelbarer Nähe von Mossul, am linken Ufer des Tigris, liegen mehrere Schutthügel, auf denen sich angeblich das Grabmal des Propheten Jonas befindet. Hier oder nahe davon stand, wie man heute bereits mit ziemlicher Sicherheit weiß, die Stadt, die viele Jahrhunderte lang der Mittelpunkt der orientalischen Geschichte war — das berühmte Ninive. Ueber die Gründung dieser Stadt unterrichtet uns die Bibel (1. B. M., 10, 11): Aschur, der Sohn Sems, trennte sich von Nimrod und zog aus dem Lande Sinear, um Ninive und andere Städte zu gründen. Nach einer anderen Auffassung hätte aber Nimrod selber im Lande Aschur diese Stadt erbaut. Beide Auffassungen lassen sich mit dem Text des biblischen Berichtes vereinen. Im IX. Jahrhundert wurde Ninive die Residenzstadt der assyrischen Könige. Hier regierte König Sancherib, der einige Jahre nach der Eroberung des Landes Israel durch Salmanassar (721) gegen Jerusalem zog um auch das Reich Juda der assyrischen Herrschaft zu unterwerfen. Die Bibel erzählt (2 Ghron. 32.) wie in der Stunde der höchsten Gefahr den schwer bedrängten Einwohnern von Jerusalem die Rettung entstand; Gott sandte eine schwere Seuche über das feindliche Heerlager, und es wurden vertilgt „alle tapferen Krieger, die Fürsten und Obersten im Lager des Königs von Assyrien, und mit beschämten Antlitz kehrte er nach seinem Lande zurück8. Hier in Ninive wurde er von seinen eigenen Söhnen niedergemacht. . . Unter Sancherib wurde Ninive vergrößert und befestigt. Zahlreiche Paläste schmückten die Stadt, eine Wasserleitung wurde angelegt und die Stadtmauer, die hundert Fuß hoch und so breit gewesen sein soll, daß drei Wagen auf ihr Platz fanden, trug angeblich nicht weniger als fünfzehnhundert Türme. Diese Zahlenangaben sind gewiß nicht wörtlich zu nehmen und sicherlich nur der üppig wuchernden Phantasie des Orientalen entsprossen. Aber mar; erkennt daraus die Größe und Pracht der Stadt, an deren Schilderung sich die Legende gar nicht genug tun kann. Ninive war eben der Mittelpunkt des Reiches. Hier konzentrierten sich Handel und Verkehr, fanden Wissenschaft und Künste eifrigste Pflege, hier war aber auch die Stätte, wo infolge der verfeinerten Lebensführung Ueppigkeit und Luxus am raschesten Eingang fanden, die, wie die Geschichte lehrt, den besten Nährboden abgeben für die Lockerung sozialer und sittlicher Bindungen. Unter Assurbanipal erreichte Ninive seine höchste Blüte. Dieser König war von früher Jugend an in den Künsten und Wissenschaften der Babylonier erzogen worden und zeigte, auch nachdem er den Thron des assyrischen Reiches bestiegen hatte, eifrige literarische Interessen. Er legte eine große Bibliothek der babylonisch-assyrischen Literatur an, von der zahlreiche Ueberreste durch Ausgrabungen wieder zu Tage gefördert wurden. Aber die Zeit der größten inneren Machtentfaltung zeigt bereits die Vorzeichen des beginnenden Verfalls. Immer schwächer wurde der Widerstand, den die Assyrer den anstürmen- Pelzwapenhaus Engros und Erzeugung i I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkauf s « Niederlage s lM Graben 28 Filiale: Koi-lstooLcl, Alte Wiese.

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