Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 47 (15.12.1922)
- Date
- 1922-12-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite I8f JÜDISCHE PRESSE Nr. 4T der Verdacht in den Massen festsetzen und die uniformierte Oeffentlichkeit wird sprechen, ja wenn Dr. Brody etwas behauptet und die Kanzlei es nicht dementiert, so muß wenigstens 50 Prozent der . Behauptung wahr sein. Und Dr. Brody begnügt sich schließlich, wenn die Hälfte der Rabbiner dHrch die Kanzlei bedroht wurde. Ueberhaupt scheint Dr. Brody ein neues System in die öffentliche Diskussion einführen zu wollen. Er beruft sich auf Gedaulim, auf Rabbiner, auf Roschhekohols ohne deren Namen zu nennen und arbeitet immer in Annonymen. Wie es scheint, möchte er im geeigneten Moment ausspringen. Das wird ihm aber diesmal nicht gelingen. Er hat die Kühnheit zu behaupten, daß nicht alle Rabbiner zur Versammlung im Monat Elul geladen wurden und begründet dieso Unwahrheit mit einer sachlich tuenden Argumentation im Postwesen. Dr. Brody hätte bloß bei einem befreundeten Postbeamten nachfragen sollen, der hätte ihm die Aufklärung gegeben, daß in der Republik das Postwesen derart geregelt und konsolidiert wäre, daß jeder Brief der den Adressaten aus welchen Grunde immer nicht eingehändigt werden kann, an den Absender zurückgestellt wird. So war es auch mit den Einladungen zur Rabbinerversammlung. Ohne Unterschied und ohne Ausnahme wurden dieselben an alle Rabbiner verschickt, aber bloß eine einzige, diejenige des Verboer Rabbiners Reich ist mit dem Vermerk an die Kanzlei zurückgelangt, „der Adressat verreist". Dr. Brody behauptet ferner, daß als der einzige Punkt der Tagesordnung auf der Rabbinerversammlung eine Geldverteilung figurierte. Diese erlogene Tagesordnung zwecks Diskreditierung der Rabbiner soll jene schwere Beleidigung der tschechoslowaksichen Rabbiner, daß diese dann immer gefehlt haben, wo es galt religiöse Inter- ( essen wahrzunehmen, es sei denn, wo es ihre materielle Ziele erforderten, mit der Dr. Brody in der Prager zionistischen Selbstwehr seine Verleumdungskampagne gegen die Orthodoxie begonnen hat, bekräftigen, aber ptvdj? rrmp rpvop Sünde zeugt Sünde, die Beleidigung basiert auf eine falsche Einstellung und die Beweisführung gründet sich auf eine erlogene Tagesordnung. Die Tagesordnung die jedem Rabbiner zugeschickt wurde, lautet: mn pltn Stärkung der Gesetzestreue und Glaubensfestigkeit und JYWW nipäTin verschiedene Anträge. Wie nennt man solche falsche Behauptungen in anständigen ehrlichen Kreisen, fragen wir mit der Emphase Dr. Brodys und mit allen ehrlichen gutgesinnten Menschen antworten wir, eine bodenlose Unwahrheit. Gerade damit jede Politik aus der Rabbinerversammlung ausgeschaltet bleibe, und ausschließlich der religionsgesetzliche Charakter derselben nachdrücklichst betont erscheine, wurde ITOKT ITH plttT als der Gegenstand der Tagesordnnug angegeben, aber Dr. Brody meint, als geschulter Parlamentarier, der er doch als zukünftiger Senatsabgeordneter sein muß, es hätte ausdrücklich heißen müssen, der Issur der Zionisten und Misrachisten steht auf der Tagesordnung. Da dieser Formfehler geschehen, so ist der Beschluß der Rabbinerversammlung ungültig. Wir erlauben uns nun die ergebenste Frage an Herrn Dr. Brody, Oberrabbiner von Prag, Präsident der Landes-Misrachiorganisation, zu stellen, ist auf der Tagesordnung des Mährisch- Ostrauer Zionistenkongresses die Denunziation der Träger der Thora, die Anrufung,der staatlichen Gewalt gegen die orthodoxen Rabbiner gestanden? Nicht war nein, Herr Dr. Brody? Und doch wurde die Denunziation nicht nur beschlossen, sondern, wie wir bestimmt wissen, bereits ausgeführt. Und vergeblich sagt Dr. Brody am Schlüsse seines Aufsatzes, er hat noch ganz andere Mittel gegen die Orthodoxie zur Verfügung, die aber keine Drohung sein soll. Das stimmt vollkommen. Der Gebrauch verwerflicher Mittel is.t keine Drohung mehr, es ist bereits ein Faktum., Die Denunziation ist geschehen und wir hoffen mit Haschems Hilfe auch mißlungen. Und wenn Dr. Brody von einen Harikiri, der Landeskanzlei spricht, so erinnert dies an jenes alte nervöse verbitterte Weib, das über eine verhaßte Person mit den Schrei herfällt, ich begehe an dir einen Selbstmord. Auch Dr. Brody ruft der Landeskanzlei entgegen, ich vollziehe an ihr ein Harikiri. K. W. Bin klares Wort. Seitens des Oberrabbinates in Amsterdam, erging an den Präsidenten der Landeskanzlei der tschechoslowakischen Orthodoxie, an Herrn Oberrabbiner Weber, eine kollegiale Anfrage über Umfang und Bedeutung der Stellungnahme der tschechoslowakischen orthodoxen Rabbiner zu Zionismus und Misrachi, wie sie in der jüngsten Zeit betätigt wurde. Herr Oberrabbiner Weber antwortete darauf in einem ausführlichen Expose, welches wir zur Klärung der Situation und als ein wichtiges Aktenstück in dieser Frage im Wortlaut veröffentlichen. Bratislava, am 13. Kislew 5683. Sr. Ehrw. Horm Oberrabbiner! Euer Ehrwürden hochgeschätzte Zuschrift vom 4. Kislew 1. J., die Ew. Ehrwürden im Namen und Auftrage mehrerer gesetzestreuer Oberrabbiner Hollands in einer hochwichtigen Klallangelegenheit an mich zu richten die Freundlichkeit hatten, bin ich, infolge Abwesenheit einiger Tage vom Hause, erst, heute in der Lage, achtungsvoll zu beantworten. Ich bin dessen sicher, daß Ew. Ehrwürden aus dieser vorzögerten Erwiderung auf meine, den glaubensfesten holländischen Rabbinern entgegengebrachte Ehrerbietung keine ungünstigen Schlüsse folgern werden. Ich möchte gleich eingangs meines Schreibens kurz konstatieren, daß die in der am 19. Elul v. J. in Bratislava stattgefundenen Vollversammlung der slowakischen Rabbiner gefaßten Beschlüsse einzig und allein für unsere engere Heimat, für die Slowakei, Geltung haben und ausschließlich für die Jereim dieses Landes verpflichtende Kraft besitzen. Mit dieser Feststellung wäre eigentlich jeder weiteren Fragestellung in Ihrem interessanten Schreiben der Boden entzogen und jedes Wort der Aveiteren Diskussion abgeschnitten. Jedoch ich möchte nicht den Verdacht auf mir lasten lassen, daß ich einer von solch hochgeschätzter Seite gewünschten Aufklärung geschickt aus dem Wege zu gehen bestrebt bin. Ich will daher Ew. Ehrwürden frei und offen die Beweggründe beleuchten, von denen die Rabbinerversammlung am 19. Elul sich hat leiten lassen und im Lichte dieser Beleuchtung sollen alle im Zusammenhange mit derselben gestellten Fragen befriedigende Antwort finden. Ich schicke voraus, daß die in der gegnerischen In- und Auslands-Presse in verhetzender Absicht verbreiteten Nachrichten, wonach die Rabbinerversammlung ihre Kompetenz überschritten, oder gar einer gesetzwidrigen und strafbaren Hand^ lung sich schuldig gemacht hätte, vollkommen unwahr und aus der Luft gegriffen sind. Die Rabbinerversammlung hat sich streng an die religionsgesetzliche Seite der ihr zur Beratung gestellten Angelegenheiten gehalten und dementsprechend auch ihre Beschlüsse erbracht, und ist die ganze Aktion in erster Reihe als ein erbitterter Aufschrei des gequälten religiösen Gewissens gegen die durch den Zionismus geplante Dethronisierung unseres heiligen Glaubens zu betrachten und als unerschütterlicher Entschluß der Träger der Thöra anzusehen, die, unserer heiligen Emünah zugefügte schmähliche Beleidigung, wie sie seit Menschengedenken nicht vorgekommen, kräftigst abzuwehren. Bei aller Umschreibung und Bemäntelung ist und bleibt die Grundlage des modernen Zionismus (nichts anderes, als) die Ausschaltung unserer heiligen Religion, als bestimmenden Faktors im Judentum und bildet den Wesenskern seines Programms die Anschauung, daß das Bekenntnis zum jüdischen Glauben völlig irrelevant und das laute und phrasenhafte Bekennen zur jüdischen Nationalität den Begriff des Judentums erschöpft. Nun erlaube ich mir die Frage, kann und darf die Gesamtheit der Rabbiner, deren religiöses Verantwortungsgefühl so hoch entwickelt ist, wie bei uns, angesichts der gefahrdrohenden Erscheinung, daß in den Wirbel der zionistischen Ideenwelt immer weitere und auch fromme Kreise gezogen werden, für die Dauer ruhig die Hände in den Schoß legen und dem sittlichen Verderben freien Lauf lassen? Sind die Rabbiner als Träger des Thoragedankens nicht vielmehr verpflichtet, mit aller ihnen zu Gebote stehenden Macht die Unterwaschung der Grundlagen des Judentums zu verhindern und der Verbreitung gefährlicher Anschauungen Einhalt zu gebieten? Gewiß, der Misrachi hat seinen Eintritt in die, die Religion negierende Zionistische Organisation mit der Begründung vollzogen, dem nationalen Judentum dienen zu wollen, bei gleichzeitiger wirksamer Wahrnehmung der Interessen der jüdischen Religion. Womit begründet aber der Misrachi sein konsequentes Ausharren in einer Gemeinschaft, durch die, wie es heute schon jedem Klarsehenden offenkundig sein muß, dem .Judentume blutwenig genützt, der Glaubenstreue in den jüdischen Massen hingegen riesiger Schaden zugefügt wird. Wo, um des Himmels willen, ist es dem Misrachi gelungen, die durch die zionistische Ideologie verursachte Irreligiosität zu verindern und wo auf der ganzen Welt hat der Zionismus auch nur dio leiseste Rücksicht auf seinen glaubenstreuen Flügel walten lassen, nicht den jüdischen Glauben in aggressivster Weise herauszufordern? Das Gegenteil ist geschehen, das Mitgehen des Misrachi mit dem Zionismus durch dick und dünn wurde vom letzteren dazu mißbraucht, jeden Protest, der den Zionismus perhorreszierenden Jereim gegen die Vergewaltigung unserer Emünah zu ersticken und mundtot zu machen. Unter Deckung des Misrachi wurde ein verheerendes Feuer der Zerstörung gegen die Gesetzestreue eröffnet und alle Träger der Thor« als die Verteidiger der jüdischen Tradition scharf ins Ziel genommen. Nie und nirgends ist der Misrachi aktiv gegen das zionstische Treiben aufgetreten, immer und überall hat er durch »eine Passivität die religionsfeindliche Auswirkung des Zionismus gefördert. In Erez Jisroel, in unserem Heiligen Lande, das dreimal im Tage den Gegenstand unseres inbrünstigen Gebetes bildet, schreitet die Entweihung ungehemmt fort, die Stabilisierung der unreligösen Institutionen, der sittlich und moralisch defekten Einrichtungen, schlägt in dem geheiligten Ahnenboden immer festere Wurzel, iu den hebräischen Apikorses-Schulen wird, der entschiedenen Verwahrung der Geonim in Jeruschulojim zum Trotze, eine geistige Atmosphäre geschaffen, aus der in gegensetzlicher Richtung zum Sinaizeitalter, wo es heißt: D'31P V.T jüdische Kinder als Bürgen für die dauerhaft entjüdischte, relgionsfeindliche zionistischorientierte Weltanschauung hervorgehen sollen. Einer der bestinformierten Misrachiführer ist aus der Exekutive mit\ der Motivierung ausgetreten, daß bei dem gegenwärtigen Verhältnisse des Misrachi zur Zionistischen Organisation die traditionstreue Entwicklung im Heiligen Lande gefährdet erscheint. Wer nun geglaubt hat, daß dieser Austritt eines überzeugungstreuen Führers ein Signal zur Um- und Einkehr der Misrachisten bedeutet und das endliche Abrücken des Misrachi vom Zionismus zur Folge haben wird, ist einem Irrtum zum Opfer gefallen. Der Austritt ist einfach todgeschwiegen worden, damit das religiöse Gewissen der frommen Misrachisten nicht wachgerüttelt und nicht unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen soll. Ich fürchte, daß das Gewissen der Frommen zu spät erwachen wird, denn wer die Ereignisse der letzten Monate munteren Auges begleitet und die Sprache des Weltgeschehens zu begreifen vermag, kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß es nicht ausgeschlossen, daß schon in absehbarer Zukunft der ganze Zionismus als treibendes Element im Judentume der Vergangenheit angehören wird. Und da erst wird es jedem offenkundig werden, wie die Vorteile, die dem Judentume durch den Zionismus gebracht wurden, gleich Null und die Risse und Wunden, die der jüdischen Keligion geschlagen wurden, fast unheilbar sind. Die Schuld hiefür wird in erster Reihe jene Kreise treffen, die, die wahre Situation fälschlich beurteilend, wegen vermeintlicher jüdischer Interessen die Kraft der Verteidigung der wahren Jereim auf der ganzen Linie geschwächt haben. Ich bin in der Lage, Ew. Ehrwürden zur Erhärtung meiner Ausführungen mit einem Beispiele zu dienen, wie es in der Geschichte unseres Landes beispiellos dasteht. In der Tschechoslowakei hat der Zionismus auf die Gemüter derart verwirrend gewirkt, alle Begriffe über Religion und Judentum derart getrübt, daß die staatsämtliche Statistik elf katholische Nationaljuden in Prag auszuweisen vermochte, das heißt der Nationalität nacü sind diese Herren Juden, dem Glaubensbekenntnis nach Katholiken. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wenn diese Begriffsverwirrung weiter schreitet, die katholische Kirchenbehörde in Prag sich veranlaßt sehen wird, gegen die Verjudunqdes Katholizismus Einspruch zu erheben. Es ist nun klar, daß von irgendeiner Seite der Judenheit rechtzeitig gegen die Katholizisierung des Judentums entschiedene Verwahrung eingelegt werden muß. Von Seite des Zionismus kann dies nicht erwartet werden, da derselbe logischerweise das Erscheinen der elf katholischen Juden auf dem Plan in Konsequenz seiner Neutralität in Glaubensdingen als den vollständigen Sieg der werbenden Kraft des von ihm verkündeten Gedankens betrachtet, daß das nationale Moment den eigentlichen Juden darstellt. Der Misrachi entfaltet bei uns eine fieberhafte Tätigkeit. Die meisten seiner Führer zeichnen sich durch die rührigste Agilität aus. Alles wird aufgeboten, um die Aufmerksamkeit und das Interesse der Massen nicht abflauen zu lassen. Jede Woche werden Konferenzen abgehalten; in jedem Orte gibt es eine kleine oder größere Ortsgruppe, der es obliegt, die Ereignisse in der Gemeinde in Evidenz zu halten. Die Lösung jeder jüdischen Frage soll vom Gesichtspunkte des Zionismus beeinflußt werden. Alles und jeder soll in den Dienst eines angeblich höheren Zieles gestellt werden. Unter dem Schlagworte der Demokratisierung der Kultusgemeinden soll die Leitung derselben den Händen altbewährter gesinnungstreuer Männer entrissen und ungestümen, zu Abenteuern neigenden jugendlichen Elementen