Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1922-12-01 · 45 (1.12.1922) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
45 (1.12.1922)
Date
1922-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2629891-2629953-2629994--0773-2632453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 864 JÜDISCHE PRESSE Nr. 45 gössen worden. Dieser Wein bringt kein Hirn mehr zum Taumeln. Ueber uns triumphieren sie. Ueber uns, über das jüdische Volk, über Gottes versprengte Untertanen haben sie — gestehen wir es nur ein! — einen glänzenden Sieg errungen. Wir haben uns gewehrt. Vom Tage an, da der Mandatsentwurf bekannt wurde, haben wir Protest über Protest in die Welt gesandt: An die englische Regierung, an den Völkerbundrat, an den Hohen Kommissar Palästinas; sind wir zu den Mächtigen der Erde gegangen, ihr Herz dem Jammer unseres in seinem Heiligsten getroffenen Volkes zu erschließen: nach London, nach Genf, nach Paris, nach Jeruscholajim; haben wir die treuen Söhne unseres Volkes aufgerufen, ihre Stimme mit der unseren zu vereinen: in Wien, in Warschau, in Preßburg, in Zürich, in Jeruscholajim, in New York —: Der Erfolg ist uns einstweilen versagt geblieben. Das Ungeheuerliche ist Ereignis geworden: Ueber unser Volk hinweg ist ihm. eine, seinen lebendigen Traditionen durchaus fremde, ja feindliche Organisation, die einen winzigen Rruchteil seiner Söhne umfaßt und die sich im Zustande vollendeter Empörung gegen das heute wie einst seine Grundverfassung bildende, seine Einheit und Fortdauer gewährleistende Gottesrecht befindet, als Vertretung vor der Mandatarmacht aufoktroyiert werden. Eine abgesplitterte Minderheit hat mit Hilfe des weltlichen Staates, die Gott und seinem Recht die Treue wahrende Masse vergewaltigt. Die traditionslosen Führer der nationalen Emanzipation sind bei den traditionslosen Führern der sozialen Emanzipation mit Glück in die Schule gegangen. Die Feinde der Thora bleiben sich immer gleich. Bleiben sich auch gleich in dem Streben, den Mantel ihrer angemaßten Gewaltherrschaft nachträglich mit dem erschlichenen Purpur des Rechts, der Rechtmäßigkeit zu verbrämen. Wie einst Deutschlands Judenreformer, nachdem sie längst Gottes Recht als wertlosen Plunder aus ihrem entweihten Kreis hinausgeschleudert hatten, den Ruf nach „allgemeinen" — nicht etwa reformistischen — Rabbinerkonferenzen über Deutschlands Juden erschallen ließen, damit der Akt maßlos roher Willkür seine späte Sanktion gewinne, so muß auch heute das Satyrspiel auf die Tragödie folgen und der jüdische Weltkongreß herhalten, um die Tyrannen unseres Volkes auf den legitimen Thron zu erheben. Wie aber die „allgemeinen" Konferenzen der Reform an dem Widerspruch der Treuen zerschellten und in der jüdischen Geschichte als Konferenzen der — Reformrabbiner ein klägliches Trümmerdasein fristen, so wird auch in unseren Tagen unser Volk Sorge tragen, daß die Tyrannen und ihre Gefolgschaft unter sich bleiben und statt eines „jüdischen Weltkongresses8 ein kläglicher Rumpfkongreß von einem Haufen Zionisten unter begeisteter Absingung der „jüdischen Nationalhymne" — nicht Hallel, sondern Hatikwah — die Gewalttat von London mit Geschrei und Rührung bekräftigt. — Was aber nun? Wir haben eine Niederlage, das jüdische Volk eine schwere Niederlage erlitten. Aber wir haben den Krieg nicht verloren. Der Krieg beginnt jetzt erst recht. Nie und nimmer werden wir geduldig tragen, daß unser Land den Feinden der Thora ausgeliefert bleibt, die nach dem Befinden der Der Rebbe war noch auf und „lernte". Reb Mordechai teilte ihm das Geheimnis mit und zugleich den Entschluß mit, sobald der Morgen anbräche, trotz des Festtags, wegen der Lebensgefahr Tausender, nach Wien zu reisen. Der Raw billigte den Plan, dessen Einzelheiten ernst und sorgfältig besprochen wurden und Reb Mordechai ging endlich heim, um von den Seinen Abschied zu nehmen. Als der erste Pessach-Morgen graute, schritt Reb Mordechai vor das Wyschehrader Tor, reisemäßig gekleidet und bewaffnet und mit Mazzos und einem Schlauche Wasser versehen. Das gesattelte Pferd stand vor dem Tore angebunden. Schnell löste er das Halfter, sprang auf und ritt mit verhängten Zügeln die Straße nach Wien. Nach dem Morgengebet lud der Raw die Dajonim und Gemeindevorsteher zu einer geheimen Sitzung, und nachdem sich alle Anwesenden verpflichtet hatten, seine Mitteilungen verschwiegen zu halten, berichtete der Raw: Mitten in der Sedernacht habe Reb Mordechai Cohen aus sicherer Quelle den kaiserlichen Beschluß erfahren, die Juden in Prag und Böhmen des Landes zu verweisen, ein Beschluß, der einstweilen jedermann, auch dem Staatsrate noch, unbekannt, indessen so unerschütterlich sei, daß Bitten und Fürsprache, als unbedingt zwecklos, außer Betracht bleiben müßten. Vielmehr mußte man zu einem ungewöhnlichen Mittel greifen, das dem Reb Mordechai als das einzige bezeichnet wurde, das vielleicht, vielleicht eine Sinnesänderung des Fürsten erwirken könnte. Größte Eile, das hob der Raw hervor, war von ausschlaggebender Notwendigkeit. So mußte- Reb Mordechai bei Tagesanbruch zu Pferde steigen, um nach Wien zu reisen und die unübersehbare Lebensgefahr für Zehntausende jüdischer Seelen machte die Feiertags-Entweihung zum gebieterischen Muß. „Durch seine Außerordentlichen Geistesgaben, seine Gelehrsamkeit Mandatarmacht für jeden Rückzug, den sie Arabien gegenüber antreten müssen, einen Schritt vorwärts tun dürfen auf dem Wege der Vergewaltigung unseres Volkes. Nie und nimmer werden wir uns damit abfinden, daß eine Agentur sich als jüdisch bezeichnen darf, die nicht jüdisch, sondern zionistisch ist, daß das jüdische Volk sich der Vermittlung der zionistischen Agentur bedienen muß, um sein Anliegen wegen seines Landes der Macht vorzutragen, der das Land vom Völkerbund anvertraut ist. Für uns ist die zionistische Agentur nicht vorhanden. Wir werden es darauf ankommen lassen, ob England, ob der Völkerbund das jüdische Volk wirklich zwingen wird und kann, die Vormundschaft einer abgesplitterten Minderheit anzuerkennen. Und wenn die zionistische Organisation nach ihrem glänzenden Sieg über das jüdische Volk mit der dem Sieger so wohl anstehenden Gebärde der Großmut das mit den zionistischen Emblemen geschmückte Tor der Agentur nun vielleicht öffnet und das jüdische Volk liebenswürdig einlädt, Gäste der zionistischen Organisation in der Agentur zu sein, so dürfen wir gerade angesichts der zu Mißdeutungen Anlaß gebenden Haltung unserer Delegation in London nicht einen Augenblick Zweifel darüber aufkommen lassen, daß wir von Gnaden des Zionismus in der Agentur nicht sein wollen und daß für uns diese Agentur eine zionistische, die Geltung dieser Agentur eine angemaßte so lange bleibt, als nicht die im Mandat zur Anerkennung gelangte Vormachtstellung der zionistischen Organisation fortgeräumt und das Mandat mit dem Recht des jüdischen Volkes in Einklang gebracht ist. Dafür gilt es, unentwegt weiter zu kämpfen. Nicht nur dafür allein. Der Kampf um die Agentur ist gewissermaßen nur das Losungswort in einem Kampf, der um weit Höheres geht, als um Sitz und Stimme in einem Gremium, dessen realer Einfluß nicht überschätzt werden darf. Es gilt unser Land, es gilt unser Volk, es gilt beides in Einem: Was heute in unserem Lande vorgeht, ist keine territoriale Frage eines bestimmten und verhältnismäßig geringen Teiles der Gola. In unserem Lande kämpft heute Jakob mit Esaus Genius, der den thorafremden Zionismus beseelt. Ob Jakob wieder Jisroel wird: In unserem Lande wird es entschieden. Arabien bedroht gleich Laban unser Leben. Aber der Zionismus bedroht das Leben unseres Lebens. Das mag die Gola wissen. Und darnach handeln. Lausanne. Wir fürchten, daß nach Sevre und San Remo, nun auch Lausanne eine Station in der modernen jüdischen Geschichte.bilden wird. » » ■ Nebst den Vertretern der Großmächte und der Türkei an den Haupttischen tauchen Nebenfiguren auf, die die Lausanner Verhandlungen für die jüdische Welt interessant machen. Zeitungsnachrichten wissen davon zu berichten, daß sowohl Herr Sokolow als auch Herr Musa Kasim Bei nach Lausanne gefahren sind. Der eine als Vertreter des Zionistenkongresses, der andere als jener des mohammedanisch-christlichen Kongresses. Es handelt sich also wiederum um Palästina. Um noch augenfälliger zu unterstreichen, daß es sich um jüdische und G-ttesfurcht und durch den Umstand, daß sein Gewährsmann eine hochgestellte Persönlichkeit sein muß, die ja vor allen anderen und bislang als einzige von dem Verhängnis direkte Kunde erlangte, ist Reb Mordechai Cohen", so schloß der Raw, „unzweifelhaft der geeignetste Vertreter der Gemeinde. Gelinge es ihm doch mit g-ttlichem Beistand, das über unserem Haupte schwebende Unglück abzuwenden. Unser Beten begleitet ihn auf seinem schweren, verantwortungsreichen Wege; und unsere Sorge müssen wir im Innern verschließen, damit die unheilvolle Kunde sich nicht zu unserem Verderben zu früh in der Gemeinde und dem Volke verbreite." In tiefem Schweigen ging die Versammlung auseinander. In der zweiten Hälfte der Sefiro-Wochen fingen dunkle beängstigende Gerüchte an, sich in der Prager Judenschaft zu verbreiten. Mehrere Juden, die zu Prager Beamten kamen, um Waren anzubieten, wurden mit geheimnisvollen Andeutungen gequält: sie sollen nur verkaufen, wenn auch billig, denn ihre Prager Zeit gehe dem Ende entgegen. Erst gab man nichts auf solche Reden. Dann wurde man ängstlich, bat um des Himmels willen um Aufklärung, die denn auch mit fürchterlichster Deutlichkeit erteilt wurde. Zum Raw, zum Vorsteher stürzten die erschreckten Familienväter und erfuhren da, daß in der Tat eine Ausweisungsgefahr drohe, daß aber Reb Mordechai Zemachs Reise damit zusammenhänge und der Allmächtige helfen werde. Reb Mordechai Cohen als Stadion — das Wort wirkte beruhigend. Leider aber kam von ihm keinerlei Nachricht. Weder seine Familie noch der Raw wußten etwas Weiteres von ihm, als daß er am Frühniorgen des ersten Pessachtages abgereist war. Man zog Erkundigungen in Wien ein und erfuhr, daß er Wien verlassen hatte, unbekannt wohin. Hatte er des Interessen handelt, wird nicht verschwiegen, daß auch der gewesene Großrabbiner Chacham Ghajim Nachum, der als Diplomat der Angora-Regierung große Dienste geleistet hat und als Londoner Botschafter in Aussicht genommen ist, ebenfalls nach Lausanne abgereist ist. Als Hintergrund zu dem Erscheinen dieser Diplomaten wird von „Jewish Chronicle" die Nachricht verbreitet, daß die Angora- Regierung den türkischen Oberrabbiner aufgefordert hat, die jüdischen Gemeinden der Türkei dahin zu beeinflussen, daß sie das Palästinamandat für die neuerstandene Türkei verlangen sollen. Es ist nicht unsere Sache, über den Ausgang der Lausanner Verhandlungen uns in Vermutungen einzulassen. Wir wollen an dieser Stelle bloß daran erinnern, daß in den vergangenen Jahren die Orthodoxie sich nicht entschließen konnte, sich ihres biblischen Rechtes und ihrer ewigen Hoffnungen auf Palästina zu begeben und statt dieser die Balfour-Deklaration und die Beschlüsse von San Remo als Beginn einer neuen Aera zu betrachten. Schien es ihr doch ungeheuerlich, Ewigkeitswerte für Momentgüter hinzugeben und heilige Zukunftshoffnungen der momentanen Konstellation einzelner Mächtegruppen aufzuopfern. Seit vier Jahren hat sich die politische Konstellation gründlich geändert. Wahrlich eine sehr kurze Frist im Leben der Nationen. In England selbst der Sieg der Konservativen, die gar keine Lust haben, in Palästina gegen die Araber zu regieren, ferner der mächtige Vorsprung der Arbeiterpartei, die sowohl aus ideellen wie aus materiellen Gründen Palästina und Mesopotamien, ja gar Indien der Selbstbestimmung der Einwohner überlassen will. Anderseits der gewaltige Sieg der Kemalisten, der ganz Vorderasien in Bewegung gesetzt hat, so daß dort alles gärt und kocht. Ist es nicht unpolitisch, wenn schon nicht unjüdisch, die Interessen des jüdischen Volkes mit den Interessen anderer Mächte zu verknüpfen? Seit vier Jahrtausenden haben wir so viele Völker wachsen und ins Grab sinken gesehen. Wir blieben, weil wir zeitlos waren. Zeitlos, weil wir auf einer Grundlage standen, die für alle Zeiten bestimmt ist: auf der Grundlage unserer ewigen Thora. Getäuscht und beschämt werden alle, die sie verlassen. P. Die neueste Parole. In einem ernsten und beachtenswerten Artikel der „Jüdischen Rundschau" Berlin Nr. 98 beschäftigt sich Herr R. W. mit dem Problem der nationalen Minderheiten in Polen. Es gibt also selbst den Jüdisch-Nationalen zu denken, daß durch den Sieg der nationalen Minderheiten die Lage derer immer schlechter wird, zu deren Heil für dieses Prinzip so erbittert gekämpft wurde. Nun glaubt Herr R. W. dem polnischen Staate den Rat geben zu sollen, daß er sich auf eine neue moderne Grundlage stelle: „Gerade ein Staat wie Polen, dessen Bevölkerung nur zu zwei Dritteln polnisch ist, könnte der Schrittmacher einer neuen Epoche der Weltgeschichte werden, die durch die Ueberwindung des nationalen Staats begriffes des 19. Jahrhunderts und durch eine neue freiere größere Konzeption des Staates charakterisiert wird, in dem Nation eben so Privatsache ist, wie Religion: ein unveräußerlicher geistiger und sittlicher Wert, der aber nicht verdient, zum Schlagworte der Politik degradiert zu werden." Es kann nicht geleugnet werden, daß Herr R. W. dem polnischen Staate mit einleuchtender Klarheit und Eindringlichkeit seine friedlichen und freiheitlichen Ideen auseinandersetzt, aber weniger überzeugend erscheint uns seine Logik, daß die Befolgung seiner Ratschläge die polnische Regierung dazu führen werde, den Juden mehr Wohlwollen entgegenzubringen Kaisers Ohr erreicht, gab es Hoffnung? Niemand konnte die bange Frage beantworten. In einer Gemeindeversammlung wurde beantragt, eine Delegation nach Wien zu schicken, um vor dem Throne vorstellig zu werden. Der Raw widersetzte sich: „Ist eine Rettung überhaupt in G-ttes Plan, so kann nur Reb Mordechais Vorhaben sie herbeiführen. Von ihm weiß ich den Grund, der den Monarchen zu dem unheilvollen Entschlüsse trieb; weiß, daß keine flehentliche Vorstellung auch nur das Geringste beim Kaiser nützen .kann. Ein einzig Rettungsmittel gibt es und Reb Mordechai versucht es." Der großen Einsicht ihres Oberhauptes vertraute die Gemeinde, sie folgte ihm ergeben und zitterte jedem kommenden Tage entgegen, lange und bang. Weiß man denn heute noch, was Verbannung eines Volksteiles heißt? Heutzutage verlassen Auswanderer-Massen selten und nur freiwillig das Heimatland. Doch unter dem Zwang der Lanzenknechte fortzumüssen von dem Boden, der durch Jahrhunderte die Heimat der Eltern und Voreltern war; Häuser und Vorräte für einen lächerlich winzigen Preis abstoßen zu müssen, weil niemand zu ernsthaftem Preise ein Besitztum kauft, das in kürzester Zeit herrenlos wird; Guthaben nicht eintreiben zu können, weil die Schuldner den Gläubiger verlachten, der keinen Ruhepunkt mehr hat für den Ballen seines Fußes; schutzlos, schirmlos zu werden, weil die Regierung das Aufenthaltsrecht aufsagte; greise Eltern, zarte Frauen, kleine Kinder, Kranke auf die Landstraße geworfen, ungewohnten Mühseligkeiten ausgesetzt zu sehen; nicht zu wisssn, wohin; nicht zu wissen, wie lange der Weg — das ist hart, das ist ein Unglück! Darum schwebten Prags Juden in den Sefiro-Wochen jenes Jahres in grauenvoller Pein der Ungewißheit. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.