Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 40 (27.10.1922)
- Date
- 1922-10-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ"); , < >.-<,uu'11*t- > ,l. ' ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag-. — Redaktionsschloß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. 1 Ahonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 48.000, Ungarn 1 E 1000, Tschechoslowakei Kö. 70--, Deutschland Mk. 1000*-, 1 Schweiz Frcs. 10'—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, 1 England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, 1 Polen Mk. 5000»—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kc. 1*50. 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Aus dem Lehrhause Sems und Ebers war der Gedanke entstanden, daß es einzige Aufgabe der jeweils weilenden Generation war, die kommende Generation so zu erziehen, daß sie sich und der Menschheit einen Inhalt gäbe, der geeignet wäre, in erhabenen Gedanken die Erde dem Himmel zu vermählen. Aber der Menschen waren es viele geworden und schon regten sich in der Jugend einzelne Stimmen, die die Kunde von der Strafe der Flut in das Reich der Märchen verweisen wollten und das Ereignis, welches ihnen als ein Merkzeichen furchtbarer Vergeltung geschildert^ worden war, in das Reich der natürlichen Ereignisse einzureihen geneigt waren. Daneben gab es aber immerhin doch auch in der aufstrebenden Generation solche, welche den Idealen treu blieben und im menschlichen Geschehen, sei es des Einzelnen, oder sei es der Gesamtheit, die Beziehungen zu G-tt sichtbar in Erscheinung treten zu lassen sich bemühten; alle diese Menschen kamen zusammen und alsbald zeigt sich eine fast unüberbrückbare Kluft. Es war zunächst eine rein akademische Diskussion. Man stritt sich um die Frage, was denn nun eigentlich das Wesentlichste sei im Zusammenwirken der Menschheit, in der Aufstellung des Zieles und in dem gSuche^ dessen Fortsetzung ^Inl^fir^ Es meinten die Einen, das Wesentlichste sei der Gedanke, die Idee, also etwas, was über dem Vergänglichen stehe, was mit den Menschen nicht sterbe, sondern, wenn es einmal in ihm Wurzel gefaßt habe, sein Dasein überdaure und segnend ein Abbild der Ewigkeit und Unsterblichkeit gäbe. Es meinten die Anderen, das Wesentlichste läge in den realen Mächten beschlossen, in der Kraft und Kraftentfaltung auf rein materiellen Gebieten. Allen gemeinsam jedoch war die Furcht, es könnte einmal der Zusammenhang zwischen den Menschen gelöst werden; allen gemsinsam war auch das Bestreben, dieser Gefahr wirksam zu begegnen. Die Idealisten unterlagen. Man beschloß in der Errichtung eines gewaltigen Gebäudes ein Machtsymbol zu schaffen und dieses Machtsymbol zum sichtbaren Mittelpunkt der Menschheit und Menschheitsentwicklung zu gestalten. Das Unsichtbare, weil mit irdischem Auge nicht erkennbar, sollte aus der Menschheit ausgeschaltet werden; als Name (DtP) sollte nur gelten, was in einem Räume (Dtt?) sichtbar lokalisiert war. Aber da griff der Unsichtbare ein, um deutlich zu zeigen, wie tatsächlich in dem Streit um das Wesentliche dennoch die Materialisten unterlegen waren, denn als sie anhüben zu bauen, trat unter ihnen sofort der Zwiespalt ein. Es bildeten sign Ziegel-Parteien und Mörtel-Parteien. Es behauptelen die Einen, das Wesentlichste zum Bauwerk sei der Ziegelstein, er sei es, der das ganze Gebäude trägt. Es behaupteten die Anderen, der Vorrang gebühre dem Mörtel, der die Steine zusammenhält. Und es hub an ein allgemeines Sicheinandernichtverstehen . . . An dieses Ereignis knüpft immer und immer wieder die Menschheits-Geschichte an. 2. Entwicklung. Der Sieg der Idealisten, welcher durch das unmittelbare strafende Eingreifen des Weltenlenkers bezeugt war, kam jedoch in der Erkenntnis der Menschen nur halb zum Durchbruche; denn der Versuch Abrahams, dem Turmsymbol in den Gefielden Sinears den überall leicht zu zimmernden Altar für den Ewigen entgegenzustellen, begegnete und begegnet bis heute nicht immer dem sofortigen Verständnis. Doch verstehen es die Materialisten, -steh« wenigstfen&-««t dem Nimbus eines Gedankens zu umgeben und selbst ihren tollsten Machtgelüsten eine Idee zu unterstellen oder das Vorhandensein einer Idee vorzutäuschen, ja sogar ihr wirkliches Wollen in das begeisterte Gewand einer Idee zu hüllen. Man wird die ganze Menschheits-Geschichte sofort mit ganz anderen Augen anschauen, wenn man sich folgenden Gedanken klar vor Auge hält: Gewiß, in den verschiedensten inneren Gestaltungen hat der Allmächtige die einzelnen Menschen und die Menschheitsfamilie geschaffen, mit verschiedenen Eigenschaften sie begabt, mit nationalen Eigentümlichkeiten ausgestattet. Es wäre ihnen eine wunderbare Aufgabe gewesen, diese Verschiedenheiten und Eigentümlichkeiten so zu benützen, daß ein harmonisches Zusammenwirken zur Schaffung des Guten und Schönen sich ergeben hätte. Das wäre ein wunderbares Bild geworden, in der Vielheit des Strebens die Einheit des Zieles. Aber was sehen wir? Man hat diese Verschiedenheiten und Eigentümlichkeiten zu blutiger Waffe gewandelt und Lügen ziehen über die Welt. Und dabei wagt man es noch, diese Zersplitterung des nationalen Wollens so darzustellen, als ob es eine menschheitsbeglückende Idee wäre. Und alsbald erhob sich der Streit, was ist wichtiger, die großen Mächte, die sichtbar das Gebäude dieser Auffassung des geschichtlichen Wollens tragen, oder die kleinen Nationen, welche denn doch in die Fugen der gewaltigen Schichtungen eingelassen werden müssen. Und aller Mörtel will Stein werden. Da ist für die Altäre Abrahams wirklich wenig Platz. 3. Klarheit. Frage, was war zuerst? Ein Beispiel; war zuerst die panslawistische Idee und dann die Bestrebung diese Idee unter Führung des alten Rußlands, des damals mächtigsten slawischen Staates in Form einer geschichtlichen Gestaltung zu verewigen, oder war zuerst das Machtgelüste des alten zaristischen Rußlands, welches die Idee des Panslawismus erst künstlich geschaffen, um sie seinen Bestrebungen dienstbar zu machen. Nach dem Ablauf einer Geschichtsepoche wird niemand mehr diese Frage zureichend beantworten können. Wohl aber ist es uns gegönnt, bei den ersten Lebensversuchen und Lebenszeichen einer Idee dieser Frage nachzuspüren und ihr eine Lösung zu rinden. Man soll sich aber ja nicht der Täuschung hingeben, daß selbst die unzweideutigste Lösung sofort allgemeine Zustimmung finden wird. Das überhebt jedoch die jeweils lebende Generation nicht der Aufgabe, ihre Erkenntnis derart auszudrücken, daß sie den künftigen Geschlechtern die Möglichkeit eröffnet, einen Einblick in das Geheimnis der Geschichte zu gewinnen. 4. Nutzanwendung. Schon zur Zeit des Gaon Saadjah bemühte man sich, in die jüdische Welt den Gedanken der rein materiellen geschichtlichen Auffassung zu tragen Hunderttausend Waisenkinder. Die Frage der Versorgung der jüdischen Kriegswaisen in Osteuropa ist eines der schwierigsten und verwickeltsten im Komplex der heutigen jüdischen Probleme. Ist schon die Lage der Flüchtlinge aus Rußland traurig genug, so bieten uns diese schutzlosen Kinder, die ganz väter- oder ganz elternlos in den polnischen und litauischen Großstädten dem Hunger und dem Bettel ausgeliefert sind, die Tragödie aller Tragödien. Wie umfangreich dies jüdische Kinderelend ist, zeigen die folgenden Zahlen und Daten. In Ostgalizien allein erreicht die Zahl der jüdischen Waisenkinder 30.000, im Kreis Rowno in Wolynien wurden schon voriges Jahr 12.000 jüdische Waisenkinder gezählt, die sich aber inzwischen durch den Flüchtlingsstrom um das doppelte vermehrt haben. Rechnet man die Waisenkinder aus den anderen Teilen Polens, Litauens, der Tschechoslowakei, in Rumänien, Ungarn und den westeuropäischen Ländern, nicht zu vergessen die in Rußland selbst hinzu, dann ist die Zahl der jüdischen Waisenkinder mit hunderttausend nicht zu hoch gegriffen. Die Hilfe, die diesen unglücklichen Kindern bis jetzt gereicht wurde, bewegt sich nach zwei Richtungen: Versorgung in europäischen Städten und Ueberführung nach überseeischen Ländern. Für die erstere Versorgungsart tritt vornehmlich das amerikanische Hilfskomitee ein. Von ihm aus werden die Kinder in Privathäusern untergebracht, mit Vorliebe in solchen von Verwandten. Man hat mit den Pensionen leider nicht viel Glück gehabt, was dazu führte, daß man in verschiedenen Städten auch Waisenhäuser einrichtete. Doch sind diese noch sehr klein und zu primitiv, um der Not nennenswert zu steuern. So konnten beispielsweise in Rowno in den fünf Waisenanstalten kaum 200 Kinder untergebracht werden, während die Zahl der Waisenkinder, wie vorhin gesagt, dort 12.000 beträgt, Rationell war diese Hilfe bis jetzt auf keinen Fall, denn in einem bestimmten Alter sind die Kinder der Obsorge entraten und auf sich angewiesen, ohne im entferntesten die Fähigkeiten und die Mittel zur Existenzbegründung erworben zu haben. Es nützt auch nichts, daß Viele ein Handwerk erlernt haben, da gerade in Wolynien auch die altbewährten Handwerker arbeitslos sind und mit ihren Familien am Hungertuche nagen. In den europäischen Städten kommt noch die geistige und religiöse Not dazu. In einem jüdischen Waisenhaus in Wien traf Israel Beikind, wie er im „Daor Hajaum" berichtet, Kinder im Alter von 12 und 13 Jahren, die noch überhaupt keinen hebräischen Unterricht bekommen hatten, Dreizehnjährige, die noch keine Tefillin gesehen und das Gebetbuch verkehrt in die Hand nahmen. Es ist geradezu ungeheuerlich, anf jüdische Kosten mittels der jüdischen Wohltätigkeit unschuldige Kinder solchermaßen der jüdischen Religion und dem jüdischen Leben direkt zu entfremden. Und man kann hieran die Größen des Liebeswerkes ermessen, das die „Agudas Jisroel" mit ihren Waisenhäusern in Baden bei Wien' vollbringt. Nicht weniger mangelhaft ist die zweite Erziehungsart in den überseeischen Ländern. So hat man beispielsweise nach Kanada 1200 Waisenkinder überführen wollen. Den ersten Versuch machte man mit 200 Kindern, die die schönsten und besten sein mußten, da sie sonst, die kanadischen Privatfamilien nicht aufnahmen. Eine eigens delegierte Kommission hielt in Wolynien große Auslese. Das Bild bei der Aussuche in Kanada selbst war das eines Sklavenmarktes. Die Ladys kamen, holten sich die schönsten und kräftigsten heraus, die anderen blieben schutzlos da. Die Auslese der Kommission genügte aber noch nicht, eine zweite mußte an Ort und Stelle folgen. Nach Argentinien wurden die Kinder einfach per Post abgeschickt, ebenso nach Südafrika, das heißt sie wurden nicht abgeholt, sondern per Gelegenheit hinübergeschickt, ohne daß man irgend welche Gewähr für ihre zweckmäßige Versorgung hat. Es handelt sich im ganzen um 300 Kinder, von denen 100 nach Argentinien, 200 nach Südafrika geschickt wurden, über deren Schicksal man noch nichts Bestimmtes weiß. Das schlimmste ist, daß bei diesem System Geschwister auseinandergerissen und damit die Kinder zum zweitenmal verwaist werden. Die Kanadier beispielsweise wollten nur Zehnjährige haben, deren Geschwister, die älter oder jünger ^_ ^_ Engros und Erzeugung s M 1 C ^1_1__ I., Bauernmarkt 24 (Ecke Flelscbmarkt) :-: Telephon 67-i Scnifr Pelzwarennaus rrsssr