Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 44 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ*) ORGAN FÜR DIE INTERESSEN OES ORTHODOXEN JUDENTUM». ünlV|Sn3ät8b?bll0^ek/l, •üranzensriäg. Redaktion und Administration: Wien, EL, Malagasse 12 a. - Talophon 49.054. Tschechoslowakei.- Bratislava, Postfach 140. Irscheint jeden Freitag1. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonneinentspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 48.000, Ungarn K 1000, Tschechoslowakei Kc. 70'—, Deutschland Mk. 1000*—, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 5000-—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kö. 1-50. 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Vor allen Dingen zeichnet eines die Methode der alten Zeiten aus. Man sorgt dafür, daß auch der unerbittlichste Feind nicht ein Atom von wirklicher Schuld an den Juden entdecken könnte. Das war selbst in dem sogenannten finsteren Mittelalter der Fall, wobei wir erwähnen möchten, daß der ehrliche Historiker das zwanzigste Jahrhundert viel finsterer kennzeichen wird, als jene Vergangenheit. Nur ein kurzes Beispiel: Als vor etwa 600 Jahien die erfinderische Feindschaft gegen die Juden den Vorwurf erlogen hat, daß Juden solche Dinge mißbrauchen, die dem Kultus einer anderen Religion dienen, verbot die Rabbinerkonferenz in Ferara, solche Dinge überhaupt zu erwerben. Aus diesem einzelnen Beispiel geht hervor, daß man zwar natürlich gerüstet war, alles, was der Altmächtige beschloß, in Ergebung hinzunehmen, daß man aber vor dem Allmächtigen und der Geschichte bereit sein wollte, die volle Verantwoitung in bezug auf die Schuldlosigkeit der Juden zu tragen. Mit dem drückenden Bewußtsein, ein sehr ernstes und verantwortungsvolles Wort zu sagen, müssen wir es aussprechen, daß leider, leider unsere Generation so rein nicht dasteht; das gilt allerdings für die Juden in den Siegerstaaten. Diese Herren leben sich in ihrer ^Heimat poirtiscfn ganz nach Neigung und Ueberzeugung aus. Es fällt ihnen gar nicht ein, ein jüdisch-nationales Bekenntnis abzulegen, oder gar es zur Plattform ihrer politischen Tätigkeit zu machen (Vergleich die jüdischen Kandidaten für die Neuwahl in England). Aber dieselben Herren haben, weil sie glauben, es läge im Interesse ihres Vaterlandes, die nationalistischen Leidenschatten n dem Juden der Ostländer aufgepeitscht, und haben es in der Tat, ohne jede Rücksicht auf die armen, in ihrer Existenz bedrohten, enterbten jüdischen Massen fertig gebracht, daß die Gegnerschaft gegen die Juden ins unerträgliche gesteigert scheint. Wenn in den Ostländern selbst einige mandatshungrige, ehrgeizige Menschen bis zur Würdelosigkeit faule Kompromisse schlössen und dem Judenhasse allzu willkommene Nahrung waren, so gehört dies in dasselbe Kapitel. Es ist eben leider andern, daß man andern unlöslichen Zusammenhang zwischen dem Geschick der Juden und ihrer Stellung zur Thora genau so wenig glaubt, wie zu den Zeiten Jeremias. Dabei ist es ganz einerlei, ob man Thora sogar im Privatleben mißachtet oder die ihr gebührende, ausschließlich führende Stellung in öffentlichen Dingen vorenthält. Wahrlich, auch das Schicksal eines Propheten in unseren Tagen wäre kein beneidenswertes. In allen Ländern regt es sich gegen die Enkel Abrahams. In allen Ländern versucht man, in dieser oder jener Weise einen Weg zu finden, wie die aus diesem Haßgewölk zuckenden Blitze abgeleitet werden könnten. Nun fragen wir einmal, was würden unsere verehrten Zeitgenossen sagen, wenn heute ein Jesaia aufträte und sich an die Spitze einer Abwehrbewegung stellen würde mit dem Programm: „Komm mein Volk, geh in deine Kammer und schließe deine Tür hinter dir, komm mein Volk, warte ein wenig, bis der Groll vorübergezogen ist.* Würden unsere werten Zeitgenossen nicht diesem Jesaia die Türe weisen, weil er die Goluspolitik anempfiehlt, würde er sich nicht den Vorwurf eines Volksverräters gefallen lassen müssen? Und doch hatte Jesaia diese Mahnung gegeben für eine Zeit, die der unseren so unheimlich gleicht, für eine Zeit, in der die Liebe aus den Beziehungen der Menschen zueinander geschwunden ist, und auch die Weltwaltung nach den Prinzipien de& starren- Rechtem «nd>*ier erbarmungslosen Vergeltung zu führen scheint. In zwölfter Stunde möchte man sich dies nochmals überlegen, ob es nicht unverantwortlich ist, wenn man heutzutag in der planmäßig aufgebauten Rebellion gegen Golus und Golusbedeutung das wehrlose jüdische Volk aus egoistischem Interesse in solch Gefahrenzone führt. Wächter, was soll werden aus dieser Nacht? P. K. Die Zentralratssitznng der Agudas Jisroel. (Fortsetxung.) Die rasche Einberufung der Kenessio Gedaulo hat aber nebat dem vorher Gesagten auch die große Bedeutung, daß die Führer der Agudas Jisroel mit den breiten Massen der agudistisch Gesinnten einmal in näheren Kontakt kommen. Es ist eine ganz merkwürdige Erscheinung, daß die Führer, die an der Spitze der Bewegung stehen, nicht einen größeren und unmittelbareren Einfluß auf die Bewegung und die Organisation selbst haben. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß die Führer der Agudas Jisroel in intellektueller wie in moralischer Beziehung auf einer Höhe stehen, wie sie kaum die Führer anderer Bewegungen aufzuweisen haben. Sie arbeiten uneigennützig, sie haben ethische Eigenschaften, wie sie eben die Führer einer Bewegung von der Bedeutung der Agudas Jisroel haben müssen. In geistiger Beziehung können Sie ruhig mit dem Maßstabe der bedeutendsten Staatsmänner Europas gemessen werden und doch kann das geschärfte Auge eine gewisse Müdigkeit und Erschlaffung an ihnen bemerken und diese hat ihren einzigen Grund darin, daß sie eben das vermissen, was der Nährboden für die Tätigkeit eines jeden aktiven Staatsmannes ist, das ist die Ressonanz der breiten Massen. Sie tragen die Sorgen von Klall Jisroel gemäß ihrer geistigen Struktur aus einem ethischen Gefühle heraus, auch ohne die parlamentarische Legitimation hiezu zu haben, sie fühlen vollauf die erdrückende Schwere der moralischen Verantwortlichkeit, die auf Klallarbeiter lastet. Wenn sie nun nicht die breiten Massen des thoratreuen Judentums hinter sich fühlen, so haben sie eben nicht jene Stärke, die unbedingt nötig ist, um die ganze Schwere der Verantwortung aufrecht und ungebrochenen Mutes zu tragen. Also nicht nur zur Gewinnung von neuen Kräften und zur Weckung von schlummernden Energien ist die Einberufung der Kenessio Gedaulo Mittel, sondern auch zur Erhaltung und Stärkung der bewährten Führer der Agudas Jisroel, deren geistige Spannkraft im Laute der Jahre verbraucht oder zumindest gemindert werden könnte, wenn nicht die imposante Versammlung der Jereim der ganzen Welt jene ideellen — und sagen wir es offen heraus — materiellen Quellen öffnet, die das Leben der Organisation verbürgen. Es gibt wohl nichts zermürbenderes für die geistigen Führer einer Bewegung als zusehen zu müssen, wie die Idee, für die sie zu leben und zu sterben bereit sind, in jbjer^Verwirklichun'g und Auswirkung leidet, nur weil die materiellen Mittel fehlen. Wir sind überzeugt, daß, wenn erst die rasche Einberufung der Kenessio Gedaulo fester Entschluß geworden ist, ein reißender Strom von Begeisterung und auch von Gold jenen Stellen zufließen wird, die ihn zu verwerten berufen sind Eine unerläßliche Voraussetzung der Kenessio Gedaulo ist] daß der Rabbinische Rat nnnn ^HS TWItt eine endgültige Gestaltung annehme. Durch die endgültige Konstituierung dieser Körperschaft wird der Aguda eine moralische Kraft zugeführt, die" bisher noch nicht in vollem Ausmaße Rabbi Mordechai Cohen. Erzählung aus dem Mittelalter. Von Dorothea Ebner. (Fortsetzung.) Siebzehn Jahre alt, stand Mordechai verwaist, denn die Mutter hatte er als Kind schon verloren. Als die leidvollen Trauertage abgelaufen waren, raffte sich Mordechai zu dem starken Entschlüsse auf, nicht zu ruhen, bis des Vateis Andenken auch im Kreise seiner Mitwelt wieder vorwurfsfrei dastehe. Mit nie ermüdender Ausdauer, mit unerhörtem Fleiß, arbeitete Mordechai und dank seiner Begabung, seinem feingebildeten Kunstverständnis, dank gewinnender Umgangsformen, Ueberzeugungsvermögen und außerordentlichen Bemühungen, gelang es ihm nach fünf Jahren des Vaters Gläubiger aut Gulden und Kreuzer nebst Zins und Zinseszins zu befriedigen. Nun dachte er hoch aufatmend an sich selbst. Eines Nachbars Tochter hatte er während jener Zeit mühseligsten Ringens kennen und lieben gelernt. Verschuldet, wie er sich fühlte, wagte er nicht, bei ihrem Vater anzuklopfen. Der aber starb und ließ sein Kind als Waise zurück. Ein königliches Edikt vertrieb die Juden aus Böhmen. Da bot Mordechai dem Mädchen an, sein Geschick zu teilen. Und Bela folgte ihm als Gattin nach Polen, wo sich die Mehrzahl der Vertriebenen eine Zutluchtstätte suchten und wo Mordechai durch seine Kunst ein beträchtliches Vermögen im Laufe von acht Jahren ersparte. Da, es war im Jahre 1550, rief König Ferdinand I. die Juden Böhmens in ihre Heimat zurück. Man hatte sie beschuldigt, mit den Türken im geheimen Einverständnis zu stehen. Es war eine Verleumdung, und die Wahrheit kam allmählich ans Tageslicht. Die einzige Genugtuung, die den Verbannten wurde, war eben dieser Rückruf. Nicht alle kehrten zurück. Doch Reb Mordechai und seine Frau waren unter den Heimkehrenden. Er ließ sich in Prag nieder und schuf sich eine geehrte, hohe Stellung in und außerhalb der jüdischen Gemeinde. Sein reiches Wissen schuf ihm die Achtung, sein edles Herz die Liebe seiner Umgebung. Half er den Bedürftigen, es geschah unausgesetzt, dann tat er es so zur passenden Zeit, so diskret, in solch gewinnender Freundlichkeit, daß der Wert der Gabe in des Empfängers Augen vervielfacht wurde. — Es war etwa ein Jahr nach Reb Mordechais Rückkehr aus Polen, daß sich der Vorfall am Moldauufer ereignete. Wohl hatte Reb Mordechai nicht etwa aus plötzlichem Impuls, nur einer Gemütserregung folgend, sein Gesamtvermögen einem Fremden geopfert. Vollstes, waches Bewußtsein und schnelle, doch gründliche Erwägung unbedingter Pflichterfüllung hatten sein Tun diktiert. Und dennoch, als der junge Fremde mit den 5000 Gulden das Haus verlassen hatte, überfiel Bangigkeit unseren großen Menschenfreund. So lange Reb Mordechai sein Kapital besaß, dünkte es ihm nicht mehr als eine Stecknadel wert, wenn es sich um die Rettung eines Menschenlebens handelte. Aber ausgegeben, gewann diese Stecknadel für ihn wiederum den Wert von 5000 Goldgulden. Ein Gedanke keimte in ihm: wie, wenn er seiner Familie jetzt entrissen, sie vermögenslos zurücklassen würde? Hatte er recht an Weib und Kindern gehandelt? Doch kaum entstanden, schwand dieser Gedanke schon wieder. Er hatte seine Pflicht getan. Die Folgen? Die Folgen stellte er dem anheim, der ihm, der seinen Vätern am Sinai sein Sittlichkeitsgesetz offenbart hatte. Seine, einen winzigen Augenblick ins Wanken geratene Seelenheiterkeit rang sich wieder durch, erhöht noch durch die nun ungetrübte hehre Freude über getane Pflichterfüllung. — In begreiflicher Neugier fragte Bela den Gatten nach Zweck und Ergebnis des Besuches zu früher Stunde. Zunächst antwortete er ausweichend: ein erfreulicher und, wie ihm scheine, einträglicher Abschluß sei zustandegekommen. Das Nähere wolle er nach Sabbat- Ausgang erzählen, damit Bela am heiligen Ruhetag ihre Gedanken von geschäftlichen Dingen fernhalte. Doch Bela war eine Evastochter, und so wendete sie ein, daß sie ohne Kenntnis des Handels nicht zur Sabbatruhe komme, sondern erst recht zu erraten versuchen müßte, um welch ein Geschäft es sich drehe. Als Reb Mordechai noch immer zögerte, wurde sie unruhig, fürchtete ein Unglück, eine neue Judenverfolgung oder sonst eine drohende Gefahr. Da blieb ihm nichts übrig, als ihr alles zu erzählen. Bestürzt hörte Bela zu. 5000 Gulden, das ganze Vermögen — einem Fremden, einem Unbekannten, einem Nichtjuden! Das ging selbst dieser, dem Gatten sonst kongenialen Frau zu weit. Den Zehnten geben, mehr als den Zehnten geben, das war ihr selbstverständlich. Aber alles, alles opfern Schiff5 Pelzwarenhaus Engros und Erzeugungs I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :•: Telephon 67-302 Detail verkauf s - Niederlage s I., Graben 28 Filiale: Karlsbad, Alte Wiese.