Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 41 (3.11.1922)
- Date
- 1922-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Vi b. b. JÜDISCHE PPPSSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich E 48.000, Ungarn K 1000, Tschechoslowakei Kö. 70*—, Dentschland Mk. 1000«—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Palen Mk. 5000-—. Einzelnummer d.-ö. K 1000, Kö. 1'50. Zahlungen für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschan, Konto Kr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banca Marmarosch Blanc tt Co. für Josef Florens St Co., Bnkarest Nr. 41 | Wien-Bratislava, 3. November 1922 «rsnn prcn 2' a-vnDDjna ~ m rnc j 8. Jahrg. Zur Frage des Weltkongresses. (Vergleiche unseren Artikel von Nr. 40.) ' wiederholen, wenn jemals vom politischen Wir Standpunkte aus ein Zeitpunkt ungeeignet war für die Abhaltung eines jüdischen Weltkongresses, so ist es der jetzige Augenblick. Es mag in den verschiedenen Zeitungsnotizen, als ob die neue englische Regierung ihre i'alästina-J'olilik auf rein arabische Motive einstelle, ein Körnchen Wahrheit sein oder nicht, auf alle Fälle steht fest, daß der Vertrag von Scvres einer Revision unterzogen werden wird. Daß dabei auch die Mandatsfrage zur Debatte gestellt wird, ist selbstverständlich; selbst wenn nur ein Rücktritt vom £ .Mandat über Mesopotanien betätigt würde, so würde dies von unabsehbaren Folgen auch für «las Palästinamandat sein. Nun ist sicher ein jüdischer Weltkongreß nicht der Ort, an welchem journalistische Banlancierkunst möglich ist, denn wenn auch, wie bereits erwähnt, einzelne journalistische Aeußerungen in den zionistischen Organen jetzt plötzlich, allerdings in der Behauptung, damit England zu dienen, eine protürkische und proarabische Note anschlagen, so wird das auf einem Kongreß schlechterdings unmöglich sein. Es wird aber auch, selbst wenn es belieben würde, die in wahrhaft jüdischen Kreisen unmögliche Methode rein realpolitischer Erwägungen gelten zu lassen und eine ausgesprochene außenpolitische Stellung vorzuschlagen, dies gleichfalls rein politisch gesprochen, unter Umständen von verderblichen Folgen für die Juden in den Diasporaländern. Das ist ja das Bezeichnende der sogenannten nationalen Politik der jüngsten zehn Jahre, daß sie,, obwohl mau sich einst brüstete, nur mit realen Verhältnissen zu rechnen, trotzdem in ganz unverantwortlicher Weise die realen Verhältnisse in den einzelnen Ländern bewußt vernachlässig'! e. Selbst wenn dieser Weltkongreß auch nur den falschen Anschein erwecken würde, als ob die Judenheit eine internationale politische Macht wäre, so würde keine Großmacht der Welt imstande sein, das entsetzliche Verderben abzuhalten, daß dann über die Judenheit der Welt hereinbräche. Wir fragen deshalb allen Ernstes: Sind sich die Herren, die die Weltkonferenz propagieren, vor allen Dingen der Misrachi, der in Karslbad sich am energischesten für diese Idee einsetzte, dieser furchtbaren Verantwortlichkeit bewußt? Jst er sich vor allen Dingen dessen bewußt, daß er Millionen von Juden, die er nicht nach Palästina verpflanzen kann, heimatlos, heimlos und unglücklich macht? Wir bitten alle jene, die im öffentlichen Leben eine Stimme und in dieser Stimme ein Gewissen haben, diesen Gedanken nachzuprüfen und ihn zur Kenntnis der jüdischen Allgemeinheit zu bringen. Nur noch einige Gedanken über einige Fragen die mit der Rlee des Weltkongresses zusammenhängen. Die Not der Zeit und die Leidenschaften, welche, wie Churchill sagte, der Zionismus im Dienste Englands entfacht hat, wäre imstande-gewesen, für das Linsengericht das Beste, die Wahrheit preisgeben zu lassen. Man war also au vielen Stellen bereit geworden, das Judentum, das ewig Bleibende für ein Mandat, für irgendeinen scheinbar politischen Vorteil zu verkaufen. Könnte denn nun ein Weltkongreß unter irgend einem anderen Zeichen tagen, als seinerzeit irgendein Raseier Kongreß der Zionisten? Wäre nicht schon die Wahl zu einem Weltkongreß das selbstverständliche Zugeständnis,' daß Religion Privatsache, religiöse Autorität bedeutungslos sei? Könnte es denn etwas anderes sein, als eine feierliche Entthronung des Judentums, oder im besten Falle eine Unterstellung des Religiösen unter das Schicksal einer parlamentarischen Majorität? Es wäre also schlechthin die Ausdehnung der inisrachistischen Prinzipien auf das gesamte Judentum, ein Rückschlag gegen die religiöse Wahrheit uiub Ehrlichkeit um ein Jahrhundert. Auch hier ergäben sich unabsehbare Folgen — denn wenn auch Millionen sich täuschen lassen, etwas anderes wie eine Täuschung ist es nicht — Millionen sich für berechtigt halten, die Einladung zum Linsengericht anzunehmen, wir haben das Vertrauen, es gäbe trotzdem noch Millionen ehrlicher Judeti und das unschätzbare Gewicht jüdischer Ehrlichkeit. P. K. (Fortsetzung folgt.) Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Hunger, Hunger! Das Wort muß schon zweimal stehen. Freunde, die Gefahr droht, daß das so lange schon und so oft hinausgeschrieene Wort nicht mehr gellt in eueren Ohren, nicht mohr brennt in eueren Herzen. Ihr müsset es mit neuem Klange hören, als käme es zum erstenmal. Ihr müßt das Entsetzen nicht stumpfer werden lassen, denn nichts hat sich geändert. Das Hungerfieber wütet nach |.wie vor und rafft Opfer für Opfer. Der gräßliche Fall ist nicht nur einmal vorgekommen, daß eine Lebensinittelsendung einlangte, als der Adressat IRingers gestorben war. Man kann nicht schnell genug schicken. Man kann nicht schnell genug zahlen. Es ist ja nicht der,Hunger, den wir gegen Mittag nach einem entbehrten FrithlTtück" oder auf Taanis, gegen Nachmittag fühlen. Es ist der Kräfteverfall, es ist der Hungertod nach entsetzlicher Qual des Körpers, bis das Bewußtsein schwindet. Freunde, unser Fleisch und Blut in Rabbi Mordechai Cohen. Erzählung aus dem Mittelalter. Von Dorothea Ebner. Im Morgengrauen eines schönen Sommerfreitags schritt ein Mann am Prager Moldau-Ufer auf einen Fischer zu, der an seinen Netzen seiner regelmäßigen Freitagskunden wartete. Der Ankömmling war ihrer einer und ein sehr geschätzter, der nie feilschte und sich immer den bebten Fisch aussuchen ließ. Mitte der Dreißiger, hoch und breitschultrig, trug dieser Mann die Kraft seines Wesens auch in den Zügen des edel geformten Gesichtes. Und das dem linken Aermel .•ingeheftete gelbe Zeichen, bestimmt, ihn als -luden in den Augen der Umwelt herabzusetzen, vermochte nichts gegenüber dem geschlossenen Wesen dieser machtvollen Persönlichkeit. Selbst zur Hütte des einfachen Fischers waren Erzählungen von der wundervollen Freigebigkeit gedrungen, in die sich M o r d e c h a i Z eni a c h s Menschenliebe ergoß, und während der Fisch sorgfältig ausgesucht und eingewickelt wurde, erging sich der Fischer in Betrachtungen über die neueste Kunde, die ihm über Reb Morde- (diais Großherzigkeit zugetragten worden war. Der schnitt sie mit dem Auftrage ab, ihm durch den Fischerknaben noch drei kleine Fische nach Hause schicken zu lassen. Währenddessen schritt tiotz der frühen Stunde hastigen Fußes ein junger Mann vorüber mit mühsam verborgenen Zeichen der Aufregung, die Reb Mordechais für alles Menschenleid geschärften Augen nicht entging. Unauffällig folgte er dem Jüngeren, der denn auch nach einer Weile von seinem gütigen Verfolger erreicht und nicht nur beobachtet, . sondern sogar belauscht werden konnte. Denn ' der etwa Fünfundzwanzigjälirige, der sich allein vermutete, jagte in halblautem Selbstgespräch dem äußersten Uferrande zu. Vom Sterben müssen murmelte er, von greiser Eltern Schmerz, hoher Abkunft, von schwerer Schuld, Beraubung der Staatskasse, Opfer der Leichtgläubigkeit in eines Freundes Redlichkeit; ein Name Helene kam in glühender Liebe wieder und wieder über die bleichen Lippen, und an abschüssiger Stelle ward Halt gemacht und das Wams abgeworfen. „Guten Morgen, Herr!*' rief es plötzlich hinter ihm. .,Badet nicht an dieser Stellt;, es ist lebensgefährlich." Erschrocken wendete sich der Angesprochene zu Reb Mordechai um. Das fahle Gesicht wandelte sich in Purpurröte. .,Was wollt Ihr?" stammelte er verwirrt. — „Euch warnen, hier zu baden. Ein Jammer wäre es. Ihr mögt Eltern haben, ja? Seid vielleicht gar der einzige Solm. habt vielleicht eine Braut? Und wollt durch Unvorsichtigkeit mit euerem jungen Leben so viel Glück gefährden!" Die Wärme und Aufrichtigkeit dieser schlichten Worte und das liebevolle Auge Reb Mordechais brachte den jungen Lebensmüden um den Rest seiner mühsam errungenen Fassung. In nicht mehr verhaltenem Schluchzen zuckte sein Körper, bis die Tränen flössen und die gepreßte Brust erleichterten. Doch halbe Arbeit gab es für Mordechai Zeniach nicht. „An Euerer Rührung erkenne ich Euer I edles Herz," fuhr er fort. „Ich brauche Euch nur an Euere Lieben daheim zu erinnern, und der Gedanke, ihnen durch unbedachtes Baden an der reißenden Stronistelle Weh zu verursachen, | hat Euch Tränen verursacht. Das ermutigt mich zu einer Bitte. Darf ich sie aussprechen?" — „Kann ich Euch dienen, ich tue es gern," antwortete der junge Mann. — „Das Schreiben fällt mir schwer, und ich habe bis neun Uhr heute Morgen an den Stadtmagistrat ein Gesuch einzureichen, um mir Hab und Gut vor unermeßlichem Schaden zu bewahren. Die Niederschrift dauert nicht lang, ich zahle gern für die Mühe und wäre Euch dankbar, wenn Ihr mit mir kommt." — „Ich will es tun, aber laßt uns gleich gehen, denn bis neun Uhr habe auch ich noch ein dringendes, schweres Geschäft zu beenden." So gingen die beiden der Judenstadt zu, und kein Wort mehr wechselten sie mit einander. Im Prager Ghetto herrschte Freitags-Treiben. Nur wer den Druck des Mittelalters auf die Judenheit und deren infolgedessen tausendfach erhöhte und vertiefte Liebe zum Sabbat ermißt, kann sich die freudevolle Eilfertigkeit vorstellen, mit der man am Freitag für den Wonnetag rüstete. Da wurden Blumen erstanden zum Schmuck des Sabbat-Tisches, Oel zur Lampe, Wein zu Kiddusch und Hawdoloh, Gewürze für die jüdischen Lieblingsspeisen. Dort gingen Männer mit Talisbeutel und Siddur zum Beten; andere, die, wie Reb Mordechai, schon einen der früheren Minjonhn beigeAvohnt hatten, gingen zum Ufer mit einem weißen Tuch, um darin ihren Fisch zu holen. Hier eilten Mädchen mit großen Bare lies auf einem Brette der Backstube zu, dort gingen Mägde mit Geflügel zum Schächter und Fleischerbursehen, die in offenen Körben den Reichen ihr Sabbatfleisch zutrugen. (Fortsetznng folgt,) Schiff' Pelzwarenhaus Engros und Erzeugungs )., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :•: Telephon 67-302 Detail Verkaufs-Niederlage; I., Graben 28 Filiale: K&x'lsb&cl, Alte Wiese.