Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 30 (18.8.1922)
- Date
- 1922-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRi "SE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTW Redaktion und Administration: Wien, IL, Malzgasse 12 a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Uv. 30 Tod und Leben in Deiner Hand. Die Londoner Konferenz und ihre heute schon fast unzählbaren Vorgänger bieten ein er- -<-h reckendes Bild des Mißbrauches der Gewalt. i\s ist in dieser Beziehung' einerlei, ob das Resultat i-iik: Keldung' der valutarischen Verhältnisse bringt oder nicht. Was so furchtbar erregt, ist die Beobachtung*, daß nur wirtschaftliche Erwägungen, nur politische, das heißt machtpolitische Rücksichten in Betracht kommen. Menschenelend, an sich betrachtet, dürfte an die Türen der Gewaltigen nicht pochen. Spätere Zeiten werden diese Konferenz, losgelöst von der Wertung ihrer Erfolge, als «las Schicksal des Materialismus, als die Orgie einer rein materialistischen Weltanschauung*, einer entg-tteten Welt registrieren. Man fragt sich, verzweifelt, ob es denn gar kein Mittel gibt, die in diesem moralischen Sumpfe wuchernden Blüten zu entgiften. Denn man täusche sieh'nicht. Gelingt es nicht, in das Leben der Völker so etwas, wie ein Gewissen hineinzutragen, dann ist auch das Leben* des Einzelnen sehr bald unrettbar verlorene Beute der Entartung. Mm es gibt ein Mittel: nur gehört welterbauender Mut dazu, es zu künden, und die Welt würde uns mit Recht hassen, wenn wir diesen Mut nicht aufbrächten, dieses Heilmittel ihr nicht bieten würden. Vielleicht liegt darin das Wesen der Judeni'rage und zulgeich das Geheimnis des Exils besrhb.'ssen. In diesen Trosteswochen sei uns hier eine kleine,. Abschweifunggestattet. Bekanntlich macht ein alter, bisher noch nicht genügend ge-' . deutete!* 'Spruch die Erlösung davon abhängig, daß entweder alles schuldig oder rein ist. Damit ist geschichtlich die doppelte Möglichkeit des Exilsonde s ausgesprochen; entweder erfüllt Israel seine Mission und führt durch das lebendige, entsagungsi u udige Beispiel die Menschheit zu d e r Höhe des Idealismus, auf der sie Israel bittet dem Ewigen .-in Heiligtum zu errichten, oder die Weit sinkt zu der Tiefe des Materialismus und der Vertierung, Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K8000. Ungarn K 350' — , Tschechoslowakei Kc. 70'—, Dentschland Mk.150--, Schweiz Frcs. 10' — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien '70 Lei, Jnsoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500'—. Einzelnummer d.-ö. K 160 -, Kc. 1*50. daß der Allmächtige dieser Welt die Wohltat der Einwirkung durch seine Kinder versagt. Wohlverstanden, nicht werben sollen wir, sondern so leben, daß die abgeklärte Reinheit des Lebens jeden in seinen Bann zwingt, in dem noch eine Spur des G-ttlichen weilt* Dabei ist diese Aufgabe so unbegreiflich leicht, der Weg so klar vorgezeichnet. Freilich spotten sehr viele jüdische Kinder über das Gehege der Ritualgesetze, wie sie es nennen; dennoch sind dies die unerläßlichen Voraussetzungen zur Erfüllung unserer Aufgabe. Was alles man statt dessen unter den Wesen des Judentums zu begreifen suchte, hat versagt. Die wirklichen Kinder des Allmächtigen wissen, daß für sie-aueh das Verbot des Mordes und des Diebstahles ein Ritualgesetz ist, Nur das Bewußtsein, auch an das Alltägliche die Ewigkeit zu fesseln und Alltag in den Gedanken der Ewigkeit zu Zahlungen für Oes ton; h: Postsparkasaenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Pn°tsparkassonamt Warsehnn, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Poatsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für T9»hechoslowa*toi: Postsparkassenanit Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsparkassonamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rnmänien: Banca Marmarosch Blanc A Co. für Josef Florenz & Co., Bnkarost. | 8. Jahrg. tragen, gibt die Kraft allen Wandlungen zum Trotz seinem Ideal treu zu bleiben. Würde auch nur ein Bruchteil der Menschen, ja nur ein Bruchteil der jüdischen Menschen so leben, dann wäre eine derartige sittliche Entartung, die mit Menschenleben spielt und Völkerleben vernichtet, wie wir es in den Konferenzen der Mächtigen suhen, nicht möglich sein. Wir freuen uns fesstellen zu können, daß ein Mann des praktischen Lebens, wie Herr Josef Lazarus aus Fiuiue, der auch das Judentum in allen seiner Gestaltungen kennt, in einem jüngst veröffentlichten Artikel zu ähnlichen Resultaten Kommt. Die Universalität kann nicht darin bestehen, daß man sich des Judentums entäußert, sondern nur darin, daß man durch das jüdische Leben das Leben der Menschheit erschwingt. F. K. Jahren unser Städchen mit Wasser. Er war der Stadtwasserträger. Sein ganzes Hab und Gut bestand aus zwei großen hölzernen Wasserkannen und zwei noch größeren festen Röhrenstiefeln aus Juchtenleder. Das waren seine Ernährer. Diese gaben ihm Parnosoh alle seine Lebtage. Zwei Kupferkreuzer bekam Wolf Wasserträger für jedesmal Wasserbringen und den ganzen Tag konnte man ihn. von einem Haus ins andere mit seinen großen, vollen Holzkannen einkehren sehen, die ihn fast bis zur Erde mitzogen. Ein großer Talmid-Ghochom war Wolf Wasserträger auf keinen Fall. Das merkte man gleich, als man am Jomtow, oder an einem Schabos-Jozer, Wolf, der immer im Beshamidrosch beim Ofen saß, mit lauter Stimme den Pajit oder Jozer sagen hörte. Immer kam der Text bei Wolf so heraus, daß man einen Türken, oder wie man bei uns zu sagen pliegte, einen „Ger" zu hören glaubte. Dafür aber war Wolf Wasserträger ein Meister im „Thilimsagen". Thilim war sein Leben. Für Thilimsagen gab ihnen Wolf Wasserträger das Beste hin. Das alte, vergilbte, an vielen Stellen von Tränen durchweichte Thileml, sein einziges geistiges Gut, hegte und pflegte Wolf mit einer besonders zärtlichen Liebe, noch mehr vielleicht wie seine Parnosohgeber, die zwei Wasserkannen. Der Einband, kaum ein wenig schadhaft, trug er ihn zu Josel Einbindet-, verpflichtete sich, zehnmal Wasser zu bringen, und noch zweimal darauf als Prozent, und das Thileml mußte frisch gebunden werden. Außerdem machte noch Wolf selbst darüber ein starkes Papier, damit sich die Deckeln, aufweichen mit goldenen Buchstaben der Titel von Wolfs Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: eine Milliarde und 480 Millionen Kronen. Es wurde bereits wiederholt darauf hingewiesen, daß Oesterreich und besonders Wien hinter den Erwartungen, die an den Wohltätigkeitssinn der jüdischen Kreise geknüpft wurden und in Anbetracht der zahlreichen reichen Leute mit Recht daran geknüpft werden durften, weit zurückgeblieben sind. Gerade die kritische Lage, in der sich unser Land befindet, sollte diejenigen, die etwas erübrigen können, zum Nachdenken .."her die Wandelbarkeit der Lebensverhältnisse anregen. Heute sind es die Brüder in Rußland, die unser Mitgefühl herausfordern. Wer weiß, was der Morgen bringt? Man nehme unsere Spendenausweise vor und rechne j nach, wie geringfügig die Beiträge sind, die aus j Wien einlaufen zu einer Zeit, da Millionen j über Millionen für die nichtigsten Dinge ■ verausgabt werden. In allen Kreisen Wiens i gibt es noch Tausende, die mit ihren Spenden im j Rückstände sind. Hier ist ein Gebiet, wo allen ' Juden, die sich mit der russischen Judenheit durch irgend ein Band zu einer Schicksalsgemeinschaft verbunden fühlen, die Zusammengehörigkeit auf eine edle Weise zu betätigen. Millionen jüdischer Brüder sind seit Monaten mit dem Hungertode bedroht, — wer vermag dieser Katastrophe untätig zusehen? Die Rußlandaktion der Agudas Jisroel gibt^ allen jüdischen Gemeinden, Vereinen, Bethäusei'n und federn einzelnen Juden Gelegenheit, an der Errettung zahlreicher Menschenleben Anteil zu haben. Man nehme diese Gelegenheit wahr! Noch ist esZeit, noch können tau sende und ab er tausende unserer Brüder gerettet, noch können zahlreiche jüdische Frauen und Kinder der Cholera entrissen werden. Erfüllen wir allesamt unsere Pflicht und der G-tt Israels wird sich seines Volkes erbarmen. Wir verweisen abermals auf die Sondersammlung „Kinder für Kinder". Diese Sammlung hat außer dein guten Zwecke, dem sie dient, auch das Ziel, auf die Jugend erzieherisch zu wirken. Lehren wir unsere Kindern, Gutes zu üben an ihren Mit- Doktor Wolf „Thilim". Eine alte Erzählung aus jungen Jahren von Josef Grob. Wir hatten im Städtchen zwei Aerzte. Einer war Jude und hieß Max Ghameides, der andere war Christ mit dem Namen Wazlaw Jampolski. Beide erfreuten sich bei der Bevölkerung des Städtchens, die zu 90 Prozent aus Juden bestand, derselben Beliebtheit. Da-- heißt: je weniger man sie brauchte, desto lieber war es. Der eine, der jüdische Doktor Ghameides, hatte nämlich die Gewohnheit, so oft er zu einem Kranken gerufen wurde, frühestens acht Tage später zu kommen, mit der Motivierung, daß wenn man auch krank ist, noch immer keine Todesgefahr vorhanden sei. Der andere wieder, der Dr. Jampolski, war ei:; sogenannter Witzler und gerade diese, seine eigenartigen Witze waren es, 'die ihn bei der jüdischeivBevölkerung des Städtchens mehr Antials Sympathie eintrugen. Das heißt, man sah ihn gerne----bei anderen und nicht bei sich. Kam Dr. Jampolski in das Haus eines Kranken und der Patient war ein Mann, so schnellte er ihm das Käppchen herunter mit dem Bemerken, ein Kranker soll nicht mit dem Käppchen liegen, da dasselbe das Fieber steigere. War der Patient eine Frau, so riß er ihr das Häubchen herunter und behauptete, die Patientin wäre noch nie so schön gewesen, wie,jetzt, da sie im Bett liege, nur paßt das Häubchen nicht für eine schöne Frau. Rief man Dr. Jampolski zu einem Judenknaben, so belästigte er denselben mit verschiedenen Fragen: Ob er schon in Glieder gehe, wie er Mode ani aufsage und ob er s*chon Trefos gegessen. Währenddessen zog Dr. Jampolski solange am Zydakel des erkrankten Knaben, bis er ihm alle Zizis abriß. Nichtsdestoweniger war man doch, mit Rücksicht auf die Pünktlichkeit des Dr. Ghameides — mehr als oft gezwungen, den Dr. Jampolski zu holen. Wenn er auch schließlich nicht immer helfen konnte, so hat er doch niemals geschadet. Er untersuchte jeden Kranken gewissenhaft, verordinierte zumeist Hausmittel und empfahl sich immer mit der Versicherung, daß der Patient in einigen Tagen wieder hergestellt sein wird. Und wenn eine arme Mutter in allen Schubladen herumkramte, um einige Sechserl herauszusuchen, um den Doktor für den Krankenbesuch ihres Kindes zu honorieren, so lehnte es in der Regel Dr. Jampolski ab und meinte: er werde sich schon an den Vetter Rothschild in Wien oder an Baron Hirsch wenden und diese werden ihn schon bezahlen. j Starb jemand im Städtchen, so wurde nie der Todesfall der mangelhaften Behandlung des Arztes zugeschrieben. Die Juden unseres Städtchens wußten ganz bestimmt, daß der Verstorbene keine Jahre hatte, es war sicher von G-tt bestimmt und kein Doktor konnte mehr helfen. Man weinte, klagte und sagte schließlich „Boruch dajon emesK und der Fall war erledigt. Außer diesen zwei Aerzten hatten wir noch im Städtchen einen dritten Doktor. Er hatte zwar keine medizinische Fakultät absolviert, auch sah man nicht an seiner Türe eine Tafel mit 1er Aufschrift Doktor so und so, weil er überhaupt keine eigene Wohnung hatte. Er schlief nämlich im Schwitzbad, war achtzig Jahre alt und versorgte seit einer Reihe von sechzig Wien-Bratislava9 18. August 1922 »n-ann a« to rvraDDy-© - ,Tpa Engros und Erzeugung: I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkauf s » Niederlage: L, Graben 28 Filiale: KariLsribaca» Alte Wiese.