Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1922-08-04 · 28 (4.8.1922) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
28 (4.8.1922)
Date
1922-08-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2629891-2629953-2629981--0675-2632336
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1ÜDISCHE V. b. b. („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDEN! N Redaktion nnd Administration: Wien, II., Obere Donanstr. 91. — Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — , Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Fü. ' K 350-Tschechoslowakei Kö. 70« Schweiz Frcs. 10'—, Amerika äftV'1 ",;"*£>ij«m 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänion 70 l*v üucoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500-—. Einzelnummer d.-ö. K 160 —, Kc. 1-50. 'erreich K8000, Ungarn $^vv "4 MtL15?:-> Wjf "k Zahlungen für Oesterreich: Post9j. Nr. 13.458; für Polen: Postsparkasse *S^t Nr. 190.409; für Ungarn! Postsparkassen. Nr. 60.170; für Tschechoslowakei: Postsp». Konto Nr. 63.386; für Jugoslawien: Postsparka^ Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banca Marmarosc für Josef Floronz & Co., Bukarest. "^nto *o o am, A Co. Nr. 28 Wien-Bratislava, 4. August 1922 " rYrapDjnD - nn navz I 8. Jahrg. Das Geheimnis des Trostes. Auch im schwersten menschlichen Leid klingt tief im Herzen ein Unterton des Bedürfnisses nach Trost. Unter Trostlosigkeit begreift, man die höchste Stufe des Leides. Zumeist schwingt dabei auch die Hofinung mit, daß es Menschen geben wird, die uns das Leid tragen und mindern helfen. Doch gibt es ein Leid von solcher Höhe, daß ihr gegenüber die Kraft des Menschentrostes versagt. Dergestalt ist das Leid des jüdischen Tolkes. Nicht weil es gequält und zertreten wurde, nicht weil es verfolgt und gedrückt wurde, sondern weil, es stündlich davor bangen mußte,, daß es das Recht auf seine Existenz verwirkt habe, und zwar deshalb, weil es den Allmächtigen verließ und es deshalb, der Allmächtige verstoßen mußte. Wer mißt die Tiefe des Leides der jüdischen Eltern, die zusehen mußten, wie ihren Kindern, der nächstkommenden Generation, das Heiligtum zerstört wird. Da gibt es nur einen Trost und den nur kann die Ewigkeit selbst bieten. Sie hat ihn geboten, wenn sie uns durch ihre Propheten die Gewißheit gibt, daß auch diesem Leide ein Ziel gesetzt werden kann. Dann atmen wir auf, selbst wenn alles um uns einer Wüste gleicht, selbst wenn wir Abgründe vor uns und Berge gegen uns sehen. Dann erblicken wir, selbst unter dem Schleier der Tränen über die Untreue und die dadurch bedingte Ratlosigkeit einen Weg zum Allmächtigen. Täuschen wir uns nicht, es ist dieser Weg in unserer Zeit mit Gestrüpp verwachsen. Es sind Tage und Jahre, in denen offenkundig dem Frevel und dem Unrecht vieles gelingt, weil Juden selbst aus ihrem Wollen jeden Ausblick auf die Ewigkeit genommen haben. Deshalb wird das Schicksal des jüdischen Volkes an dem der anderen zeitlich bedingten-und zeitlich erschöpften Völker gemessen, und Juden stehen frohlockend dabei und höhnen des Allmächtigen, der einst gesagt, daß wir ein Reich von Priestern sein sollen. Und mit ihrem Raub in den Taschen wagen sie den Satz, die Juden haben keine Mission auf Erden, wohlgemerkt, das sagen Juden jn dem Augenblick, wo die anderen Mächte wenigstens das Dekorum wahren nnd sagen, daß das religiöse Interesse Judenheit und Erez Jisroel verbinde. Wie kann man diesen flächten grollen, selbst wenn sie tatsächlich diese religiösen Interessen mißachten, nachdem Juden selbst ihren Adel von Sinai mit frevelhaftem Mut zerfetzten. Diesem traurigen Mut gegenüber gibt es nur einen Trost und'das ist der wahre Mut, der Mut zur Wahrheit. Wenn man mit nachhaltiger Kraft nicht müde wird, dem Jerusalem, das sich auf anderer Grundlage aufbauen will, dem Judentum, das sich in seinen Städten ein Genüge tut, zuruft: Und doch ist dein G-tt da, er ist da, in der furchtbaren Versuchung der jüngsten Jahre, welche lockte, um den Preis der Treue, um cren Preis des Ideals in einem falschen Bilde des jüdischen Volkes zeitlichen Vorteil zu erringen lassen. Aber dieser Trost bedeutet auch eine leise Frage der Ewigkeit, eine Frage an diejenigen, welche sich von dem Ansturm' des Frevels entmutigen lassen und angstvoll ihr Antlitz verhüllen. Und diese Frage lautet: Ist euch euer G-tt wirklich nahe? Bin ich in deinen Entschlüssen oder weichst du feige zurück vor der Lüge? Daß diese Frage zunächst Antwort erheischt von denen, die in' Treue zur Thora den Fragen des Tages eine Lösung suchen, braucht nicht gesagt zu werden. Und letzten Endes birgt dieses Wort des Trostes ein letztes, höchstes Geheimnis, welches zu der Hoffnung berechtigt, daß auch die am weitesten verirrten Kinder den Weg zur Heimkehr finden ~ werden. Solange noch eine Stimme mutvoll sich erhebt-um dem Frevler, oder äe*n Vei'zweifelteB^die- Frage zuzurufen: „Wo ist dein G-tt", solange ist er da in der Menschen Willen und Trachten und wird sich in diesem Bereich durchsetzen. Dieser Gedanke aber ist Ewigkeit, Kraft und Wort des Trostes. Und dann wird bei der Musterung der wahrhaften jüdischen Seelen keiner fehlen und es wird sich sonnenklar zeigen, daß alle die ihren G-tt verraten und seiner Thora höhnen, nicht vom jüdischen Blute, nicht vom Stamme Abrahams sind. Die Reihe der sieben Sabbate des Trostes beginnt deshalb in machtvollem Akkord des Trostes der Gewißheit, und schließt — kaum ein Mensch kann es wagen, dies auszusprechen —, daß unser Leiden Leid der Ewigkeit ist und daß es deshalb eigentlich ein Leid überhaupt nicht ist, weil es sich lösen wird in der Harmonie der Stunde, in der die Palme des Sieges dem Mut der Wahrheit gereicht wird. P. K. Der Weg zur Klarheit. Nun hat also der Völkerbund gesprochen. Wir wissen zwar, daß es an ernsten Bemühungen seitens der englischen Regierung und seitens des Oberkommissärs nicht fehlen wird, auch die Kreise der Aguda heranzuziehen. Soweit dies das Interesse und die Tätigkeit für Erez Jisroel betrifft, bedurfte es dieser Bemühungen nicht. Denn die Orthodoxie hat stets ganz unbeeinflußt durch politische Verhältnisse und ohne politischen Ehrgeiz in und für Erez Jisroel alles getan. Die Orthodoxie allein, das muß in diesem geschichtlichen Augenblick nochmals gesagt werden, hat in früheren Perioden so gearbeitet, hat durch die mit bewußter Perfidie vorher verfehmte Chaluka überhaupt erst eine Besiedelung Palästinas ermöglicht, die es dann den Zionisten gestattete, durch ihr korrumpierendes und korruptes Subventionssystem in Palästina Raum zu gewinnen, die es England gestattete, das „jüdische Heim" in ihr politisches Kalkül einzustellen. Jetzt, nachdem *daa-Manda* .to^ also die lügenhafte Verleumdung nicht mehr möglich ist, als wollte Aguda das Mandat hintertreiben, kann und muß man das ganze Getriebe offen aufdecken. Jetzt müßte, was irgendwie noch religiös denkt und fühlt, den eingangs erwähnten Bemühungen gegenüber von allen, die noch Anteil suchen an Die erste Milliarde für die Hungernden in Rußland. In der Vorkriegszeit, wenn die Wochen der Trauer, die schwarzen Tage des Monats Ab heran kamen, mußten wir rückschauend die schmerz- und leiderfüllte Geschichte unseres Volkes uns vor Augen führen, um uns so ganz hineinzuversetzen in jene traurigen Tage, da ein blühendes Land vernichtet, eine herrliche Stadt zerstört wurde und ein großes, starkes Volk dem Untergang geweiht schien. Wie oft ward unsere mitfühlende Seele aufgewühlt ob solchen Leides, ob des großen Jammers. Unser Herz erbebte in schmerzlicher Trauer über das grausame Geschick und unser Gemüt durchzuckte tiefstes Mitleid, wenn die traurigen Weisen längst verklungener Klagelieder an unsere Ohren schlugen. In solcher Stimmung begingen wir alljährlich den 'Tischobeaw, als traurigsten Gedenktag unserer Geschichte, mit Kasteien und Fasten. Doch kaum waren die kurzen Stunden eines Fasttages vorübergegangen, so suchten wir Herz und Gemüt wieder i aufzurichten, wieder abzulenken von den ernsten Leiden trauer- und schauervoller Vergangenheit, durften und konnten wir auch unseren Körper stärken durch reichliches Mahl, das auch für den; Aermsten erreichbar, wieder Frische und Kraft verlieh. Im freudigen Bewußtsein, mit dem Fasten schon ein kleines Opfer gebracht zu haben, schüttelten wir Sorge und Leid gar bald ab, gaben uns wieder ganz der Lebensfreude hin, ohne noch daran zu denken, daß wir noch immer und immer im Goluth weilten,, als die Stiefkinder des Glückes, ohne schützende und stützende Heimat. Diese heitere Sorglosigkeit wurde uns bald genommen, als vor acht Jahren, auch an einem Tischobeaw, an jenem Tage traurigen Gedenkens, der Weltkrieg jäh entbrannte und in seinem unheimlichen Gefolge nie dagewesenes Leid und Elend über die schwer geprüfte Menschheit hereinbrach. Die Klagelieder längst vergangener Jahrtausende bekamen wieder Gegenwartsaktualität. Unsere tränenumflorten Blicke wenden sich nach Rußland, dem Lande unsagbaren Grauens, wo sich vor unseren entsetzten Augen wiederum ein Stück Geschichte von ungeheurer Tragik abrollt, die beispiellose Katastrophe des Unterganges eines Volkes. Die.vom Schwerte verschont geblieben, werden vom Hunger hin weggerafft. Liebende Mütter morden ihre jungenKinder, um ihr eigenesLe.ben fristen zu können. Angesichts der unfaßbaren Größe solchen Elends versuchen wir zu helfen, Not zu lindern, Leid zu mildern, Hunger zu stillen, Tränen zu trocknen. Ob wir auch selbst geschwächt und entkräftet sind von allen Schrecken und Schrecknissen dieses unseligen Krieges, sagen wir uns doch, rufen es einer dem anderen zu: „Die Blüte des Fastens ist das Wohltun." Wer nur je die Auswirkungen eines Fasttages in seinem physischen und psychischen Bewußtsein gefühlt hat, kann ermessen, wie der Hunger kraftstrotzende Männer, reife Frauen und blühende Jugend schwächt und lähmt. So soll der Erfolg dieses Tischobeaw, der alle Glieder unseres Volkes in nationaler Trauer eint, den Segen mit sich bringen, daß wir der Hungernden in Rußland gedenken. Nur wer selber weiß und fühlt, wie weh Hunger tun kann, kann sich der Hungernden erbarmungsvoü annehmen. Zu allen Klageliedern, die wir anstimmen, die unsere Seele erschüttern und unsere Herzen erschüttern machen, muß sich die rettende Hand, die helfende Tat gesellen! Der 9. Ab wird uns von den Propheten als ein Festtag bezeichnet. An uns liegt es, in diesem Jahre das Prophetenwort, zumindest für die Hungernden Rußlands, zu einem Wahrwort zu machen! Wenn wir auch alle zerstreut sind und schmachten, wir sind einig und vereint im festen Willen zur rettenden Tat. Der Zentralrat der Aguda Jisroel hat vor wenigen Monaten die Initiative ergriffen und uns den Weg hierzu gezeigt. So gelang es, bereits eine Milliarde Kronen zur Verfügung stellen zu können. Eine Milliarde ist viel! Wie viel Arbeit mußte geleistet, wie viel Opfer gebracht werden, um diese gewaltige Summe aufzubringen! Und eine Milliarde ist wenig, denn unser Geld ist entwertet und die Zahl der Hungernden mehrt sich noch täglich! Wie groß ist diese Summe, wenn wir die Quelle und Quellen verfolgen, aus denen sie fließen, und wie klein ist diese Summe, wenn diese Hilfsquelle der Sättigung zur unversieglichen Segensquelle werden soll! Unser G-ttes Heiligtum ist zerstört! Darum klagen und trauern wir, doch der Altar der Nächstenliebe soll uns auch heute opferfreudig finden. Unsere Millionen sind entwertet, doch reicher, Millionen Lohn und Dank . ist uns gewiß! Die erste Milliarde -ist vollendet, doch nicht unsere Arbeit. Denn noch nicht hat die Rettung in diesem Kampfe gegen den allgewaltigen Hunger die siegreiche Oberhand gewonnen. Aber eines haben wir mit dieser ersten Milliarde erreicht: den Glauben, helfen zu können und die Hoffnung, daß geholfen wird. Dieses Bewußtsein wird vielleicht die Schatten der Trauer zu Strahlen des Trostes wandeln! n. Schiff1 Pelzwarenhaus Engros und Erzeugungs I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detailverkauf s - Niederlage s I., Graben 28 Filiale: Karlsbad, Alte Wiese. /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.