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Jüdische Presse · 1922-06-23 · 22 (23.6.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
22 (23.6.1922)
Date
1922-06-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 142 JÜDISCHE PRESSE Nr. 22 - iiml sei es auch mir eines verblaßten reformier- .en Neologenjudeutuiiis ausmacht. Ferner waren neben' einigen dem wahren Judentum gewissermaßen vonder Schule Ihm* abgekehrten Reform- Rabbinern. Zöglingen des Budapester Seminars, etliche Rabbiner anwesend, denen die gute Absicht. <jen Weg zum gesetzestreuen Juden- 111111 für sich sowohl, als auch womöglich für i Ii r e G c m e i n d c n zurückzufinden, nicht abgesprochen werden soll. Diese so merkwürdig zusammoiigestzle Versammlung hat nun namens ihrer Mandatare, einen ..Bund der jüdischen (Gemeinden in der Slowakei" gegründet. Der Name dieses Hundes zeigt zur Genüge, mit welch kindlicher Naivität man dort an die Probleme herangetreten ist. Darüber ist wahrlich kein Wort zu verlieren. Das Organ des ..Yolksverbandes der .lüden für die Slowakei" findet sein Ergötzen daran. Nicht ganz zu Purecht. Wenn der Name des einen Verbandes ..der Juden" berechtigt erscheint, warum sollte es nicht auch der, eines, Bundes ..der Gemeinden" sein? Sodann wurde eine ..Sciiulclian Artieh-Deklaralion" verkündet. Der Antragsteller, offenbar der zukünftige geistige Führer der slowakischen -gesetzestreuen Neologie". scheint der Meinung zu sein, durch die einstimmige Annahme einer solchen ..Deklaration" -— ursprünglich von dem journalistischen Wortführer der Neologie in Ungarn Max S z a b o I c s i -propagiert — sei der ' seinerzeitige Abfall der Neologie und der auf neologer Basis organisierten (Jemeinden vom wahren Judentum mit einem Schlage wieder gutgemacht und Jude und Ghrist würden in Zukunft nur noch ein einheitliches, auf gleicher Basis wirkendes' Judentum in der Slowakei sehen. Das meint der neologe Oberrabbiner von Treucin w i r k 1 i c h. ebenso wie er w i r k l i c. h der Ansicht ist. die ungarische organisierte Neologie habe eigentlich die - Basis des Schulchan A nie Ii nicht nur niemals verlassen, sondern sie sei sogar \ über die Wünsche der damaligen ..Orthodoxen Fraktion" (nämlich sämtliche Gaonim uirdolim. die damals in Ungarn segensreich gewirkt haben!) durch das Statut, die Rabbiner hätten ihre Entscheidungen nach den Bestimmungen der ..mosaisch-rabbinisehen Lehre" zu treffen, weit hinausgegangen. Diesen ü b e r orthodoxen neologen (Jemeinden fehlte im 0runde genommen zu ihrer Anerkennung nichts als ein formales Bekenntnis, zu dem nun einmal von der. ..orthodoxen Fraktion" kurzsiehtigenveise aufs Panier erhobenen Schulchan Arnch. Das "htxt nun' die Pisvaner Tagung der 21 neologen plus ö status quo-Geineinden feierlichst nachgeholt. Gewisse Schönheitsfehler bemerkt allerdings auch der von seiner Idee enthusiasmierte Referent, zum Beispiel die Orgel in einigen Gemeinden. Das sollte indessen der Schulchan Ariieh-Poklaration wahrlich kein Hindernis sein und der nunmehr öffentlich'deklarierten Gesetzestreue der betreffenden CJemeinden keinen Abbruch tun. ..Kol Jisroel arewim seh boseh" heißt wohl nach seiner Deutung: man tut so. als ob es im Schulchan Arnch nicht drin stände. Auch plausibel! Orgel al pi heter der Schulchan Arueh-Deklaration... Hat sich der Herr Oberrabbiner von Trencin — oder haben ihn vielleicht andere aus dieser bedeutungsvollen Versammlung — über auch gefragt, was nun mit ihm selber und den übrigen neologen Rabbinern, Schochtim usw. werden solle? Diese Rabbiner und Schochtim, die bisher t r o I z des a u f G r u n d d e s S c h u 1 c h a n A r u c h erlassenen Issurs in neologen Peineinden gewirkt haben, den Schulchan Arnch für sich, für ihr eigenes Wirken also nicht für verpflichtend betrachteten, können doch unmöglich nun mit einem Male Rinnenträger dieses Schulchan Aruch werden. Glaubt Herr Oberrabbiner Fischer und glauben alle die rabbinischen Autoritäten der neologen und Status rpio-Gemeinden, die für seinen Antrag gestimmt haben? es sei auch auf Basis des Schulchan Aruch d e n k b a r, daß Rabbiner und Schochtim, die sich bewußt dem Thorajudenttim entgegengestellt, habeil. auch nach der Annahme der Schulchan Aruch-Bestimrnung im Amte bleiben? Werden Mechalele Schabbos befarhesjoh. werden Apikorsinv und owre Aweroh — wie sie die Präsenzliste der anwesenden Rabbiner aufweist — weiter ..auf Basis des Sehnlchan Aruch" Rabbiner und Religionslehrer bleiben dürfen? — Herr Oberrabbiner Fischer stellt die Annahme der ..Schulchan Aruch-Deklaration" so dar. als ob in allen anwesenden Rabbinern und Gemgindevertretern eine gehobene Stimmung der Selbstbesinnung, der Teschuwoh schelemoh geherrscht hätte. Wer wünschte nicht, es wäre so. Was soll man aber von dieser Tesehuwoli-Stimmung. yon dieser seelischen Wandlung halten, wenn man in dem gleichen Artikel des Herrn Oberrabbiner Fischer liest, daß in allen diesen (Jemeinden a u c h Iiis h er dieselben Prinzipien gewaltet hätten, de r selbe Schulchan Aruch maßgebend gewesen sei. der fortan die offizielle Richtschnur für das Gemcindeleben bilden werde? Wenn in Zukunft der Schulchan Aruch. das anerkannte Religionsgesetz, für die dem neuen Rund angeschlossenen Geineinden maßgebend sein wird, wie >eit dem denkwürdigen Kongreß von 1868 bis zur Tagung in Pistyan.' so hat sich eben nichts geändert, als. daß die Nachfahren um einige Grad e w e n i g e r e h r 1 i eh s i c Ii e rw i e seil als d i e V o r k ä rn p f er d e r N e o- 1 o g i e v o n- 18 0 8. Wir begrüßen aufrichtig jeden Fortschritt, in der Gesinnung unserer thoraentfremdeten Brüder in den Neologeiigemeinden. wollen jeder e h r- 1 i c h e u Annäherung an das geistige Erbe unserer Vorfahren gern die helfende Hand bieten und die heimkehrenden Brüder mit offenen Armen empfangen. Aber e i n e Vorbedingung müssen wir stellen: VV a h r h «i f t i g k e i t u. n d E h r- 1 i'c h Ire i t de r G e s i u n u n g. Der bewußt, virreführende Namen des neuen Gemeindebundes und das Bekenntnis zum Schulchan Aruch ohne, p r a k t i s c h e Konsequenzen Avecken schwere Zweifel. .. Soker. ' \ Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: ca. 180 Millionen Kronen. Die Hungersnot in R-ußlrtnd nimmt Maße an. die alle bisherigen Vorstellungen an Grauenhaftigkeit übersteigen. Um den Lesern ein Bild von defr Lage zu bieten, geben wir im folgenden einige Daten aus dem Berichte des Delegierten •des Nansen-Komitees, Kapitän Widkun Quisling, vom April wieder: Die Sowjetukraine umfaßt in ihren politischen Grenzen (nicht zu verwechseln mit den ethnographischen) 400.000 Quadratkilometer und '20 Millionen Einwohner. Nach der durch die ukrainische Sowjetregierung vorgenommenen Zählung sind. 70 Prozent der Einwohner Ukrainer, 1.1 Prozent Russen, 7 1' r o z e n t J u d e n, 2 Prozent Deutsche und der Pest Tschechen, Rumänen, Bugaren Bolen und Griechen. Ein großer Teil der nationalen Minderheiten wohnt in den ukrainischen Hungerdistrikten. Die Juden wohnen hauptsächlich in den Städten. In den Hungerdistrikten sind manche Städte, wie Odessa und Cherson, zii einem, Drittel von Juden bewohnt. Auf dem Lande erreicht die Zahl der Juden nur in wenigen Gegenden 5 Prozent. Die Juden hatten bekanntlich während der Revolution und des. Bürgerkrieges unter furchtbaren Pogromen zu leiden. I n d e n II u n g e r d i s t r i k t e n s i u d d i e J u d e n d e z i m i e r t u. n d b e f i n d e n s i c h g e g e n w artigi u d e r s c h r e c k- 1 i c h s t e n N o 11 a ge. V o n .17 0 0 j ü d is c Ii e n landwirtschaftlichen Betrieben, die ehemals im Gouvernement Zaporosche existierten, sind j e t z t n u r (5 7 v o r h a u d e n. Wenn man die Friedhöfe der vom Hunger betroffenen Städte, die Spitäler und die Wohlfahrtsinstitutionen besucht und das Leben in diesen Städten beobachtet, fällt, einem in erschreckender Weise die Tatsache auf, daß die Lage der Juden viel s c h 1 i m m er i s t, als die der übrigen Bevölkerung. Die statistischen Daten bestätigen diesen Eindruck.' So gab es zum Beispiel im Monat Februar 1922 nach, den behördlichen Angaben in der Stadt Cherson 8 8 9 B e e r d i g u n g e n a u f d e m j ü d i.s c h e n F r i e d h o f und 5 8 auf dem christlichen. Daraus geht hervor, daß die Sterblichkeit' der jüdischen /Bevölkerung viel größer ist als die der niehtjüdisehen. Bisher bestehen dank der Tätigkeit jüdischer Hilfsgesellschaften Ausspeiseküchen für jüdische Kinder in Kiew, Schitomir und Berditsehew. Dr. B a c i l i e r i, der Vertreter des Nansen- Komitees, telegraphiert aus Kischinew: Ich biit ist wie der Geist der Wahrheit, dessen Träger, es ist. A'us der Asche der Scheiterhaufen stiegen dem Phönix gleich immer neue Dulder. Kämpfer und Sieger. Und das Judentum in seinem Kern bleibt einig in der Ablehnung fremden Geistes, fremder Kultur, bis wieder ein neuer Alexander der Große sie mit neuen Idealen in Berührung treten läßt. N a p o 1 e o n gehört auch zu denen, die Sanherib und Alexander gleichen, er bringt den Geist der französischen Revolution in alle Länder Europas. Ueberall werden die 'Kerkerpforten gesprengt, die Scheidewände fallen, und die Juden verlassen die Ghetti. und Unzählige werfen sich dem neuen Ideale in die Arme. Die modernen Hellenisten, die Neologen und Reformer, griffen gierig nach dem Fremden. Die Juden werden emanzipiert, und aus Dank hierfür wollen, die .luden ihr Judentum preisgeben. Um diesen Preis hätten sie längst die Gleichberechtigung haben können. Und als die modernen Hellenisten einsehen mußten, daß ihre Politik der Tndividual- Assimilation an dem gesunden Sinn der großen jüdischen Massen scheitern muß, da gingen sie :»ei den alten Hellenisten in die Schuh* und wurden Nationalisten mit saddueäistischem Gepräge. Wie sollten auch die Abkömmlinge der Hellenisten Verständnis für (las wahre Wesen des jüdischen Nationalismus haben? Alle, die sich individuell assimiliert haben, können für die Ge- -amtheit. auch nur in einer Gesaintassiinilation an die umgebenden Nationen das Heil erblicken. Hören wir eine Schilderung der .alten Sadducäer. und wir* werden sehen, daß unsere modernen Nationalisten sieh in nichts von ihnen unterscheiden. Die alten Sadducäer waren die geistigen Erben der Hellenisten und die neuen. Erben der Reformer. .,Den Sadducäern", so werden sie uns geschildert, ,.ging das Interesse an dem jüdschen Gemeinwesen über das au dmjüdischen Lehre und dem. tiesetze. Der glühende Patriotismus war ihr vorherrschendes Gefühl, und die Frömmigkeit nahm in ihrem Herzen erst die zweite Stelle ein. (in' Wahrheit hätteman sie auch an zehnter und elfter Stelle nicht entdeckt, doch wir lassen einem Verehrer der Sadducäer das Wort). Als erfahrene Weltmänner mochten sie von der Ueberzeugung ausgegangen sein, daß das bloße Vertrauen auf G-tt und die strenge Uebung der Religionsgesetze nicht ausreichen, die Unabhängigkeit des jüdischen Staates zu erhalten, sondern glaubten, der Mensch müsse seine körperlichen und geistigen Kräfte dazu anspannen; man dürfe sieh nicht durch religiöse Bedenklielikeiten zurückhalten lassen, politische Verbindungen einzugehen oder Kriege zu führen, wobei eine Verletzung der' Religionsvorschrifteu unvermeidlich sei. Ueberhaupt habe, nach ihrer Ansicht. G-tt dazu dem Menschen den freien Willen geschenkt, damit er sein Wohlergehen selbst begründe, er sei eigener Herr seines Geschickes und G-tt mische sieh gar nicht in menschliche Angelegenheiten ein'. Von (kmi 'Fun und Lassen des Menschen'allein hänge sein Wold umbWehe ab, imd es sei töricht, die Hände in den Schoß zu legen und von der Dazwischenkunft G-ttes die Wendung der Verhältnisse für den Einzelnen, wie für den Staat zu erwarten".....Von dem Uebermaß der religiösen Satzungen beengt und gehemmt, leugnete die saddueäische Partei die Gemeingiiltigkeit und Verbindlichkeit derselben/' (Grätz, Gesch. der Juden, Bd. III. S. 95—90.) Ihr glühender Patriotismus hinderte sie allerdings nicht, die Römer ins Land zu rufen, und ihre an zweiter Stelle in ihrer Seele sich befindliche Frömmigkeit hinderte sie nicht, die Gesetzestreuen zu kreuzigen. Sie waren Nationalisten, aber ihre Nation war nicht die von G-tt zu Trägern seines Gesetzes eingesetzte jüdische Nation, und darum "ing auch der Staat verloren. Die 'Präger des wahren jüdischen Nationalismus wendeten sich von einem solchen Staate ab und überließen ihn seinem Schicksal, während sie für eine Stärkung des wahren jüdischen Nationalgefühls alles Erdenkliche taten. In Jawne fanden sich die. Träger der jüdischen Nationalideale nach der Zerstörung des Staates zusammen, und dort wurde dafür Sorge getragen, daß das jüdische Nalionalgefühl nie erlösche. Die Sadducäer vernichtetem den einstigen jüdischen Staat, und die N'eosadducäer werden ihn nicht errichten. Und wenn Herder meint, daß wir keine Sehnsucht nach einem eigenen Heim empfinden, so mag er insoweit Recht haben, daß wir nach einem Staat, der genau so politisch orientiert sei wie die anderen Staaten, wirklich keine Sehnsucht tragen. Zion sei die Burg unserer Zukunft, wo G-t t unser Richter. G-t t unser König. G-v t unser Gesetzgeber sei! Der Kampf zwischen modernem Sadducäismus und der unentwegten Schar der G-tttreuen hält noch an. Wie er enden wird? Die Hellenisten wurden von den Makkabäern, ihre, Erben, die Sadducäer von den Pharisäern besiegt, denn der jüdische Geist ist ewig und unsterblich. Unsere Gegner, die modernen Sadducäer, lesen uns anderes aus der jüdischen Geschichte heraus? O nein, sie lesen etwas anderes in sie hinein. .Ms Juden sollen wir unsere Geschichte lesen, und wir werden erkennen, daß die Gänge der Welt G-ties sind, der schließlich doch zum Ziele gelangen wird, die Welt mit seiner Wahrheit zu erfüllen und Seine Herrschaft in den Geistern und Gemütern seiner Menschen zu liefest igen und den von Ihm erfüllten Menschen eine dauernde Stätte auf Erde zu bereiten. ..Du bringst sie hin und pflanzest sie ein in (las Gebirge Deines Erbes, die für Dein Weilen bereitete Stätte, die G-tt, Du erzielt, das Heiligtum. G-tt. das Deine Hände gegründet!"

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