Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 19 (26.5.1922)
- Date
- 1922-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Obere Donanstr. 91. — Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K3000, Ungarn K 350-Tschechoslowakei K6. 70'-, Deutschland Mk.150--, Schweiz Frcs. 10- — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500'—. Einzelnummer d.-ö. K 60 —, Kc. 1*60. Zahlungen für Oesterreich: Postaparkaasenamt Wien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Poitaparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tsehechoslowalcei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsparkassenamt Agram, Konto Nr. 40.217; für Rumänien: Banca Marmarosch Blanc ft Co. für Josef Florenz A Co., Bukarest. Nr. 19 | Wien-Bratislava, 26. Mai 1922 .atnn t-k no rvnran» - m n-ys | 8. Jahrg. Auf dem Weg zum Volke. Sobald zwei Menschen irgend etwas zu teilen haben und den Punkt suchen, in dem die gemeinsamen einerseits, die sich kreuzenden Interessen anderseits treffen und berühren, oder sobald zwei Menschen zur Erreichung ihres gemeinsamen Zieles ihre Kräfte verbinden und vereinigen, jedoch mit dem klaren Anspruch, daß Leistung und Gegenleistung sich die Wage halten, beginnt die Wissenschaft der Soziologie, die Wissenschaft von der Vergesellschaftung der Menschheit. Die Geschichte hat für den Schauenden klar erwiesen, daß diese Wissenschaft zur Härte und zum Unglück führt, wenn sie nicht damit rechnet, daß nicht nur kühle Berechnung, sondern auch Empfindung und sittliche Momente die Hebel der Vergesellschaftung und damit auch der Geschichte der Menschheit sind. Ob die Soziologie auf dem richtigen Wege ist oder nicht, kann man objektiv klar daran erkennen und messen, welche Stellung sie der Familie in ihrem Kalkül einräumt, aber der Familie nicht nur im Sinne der Blutsverwandtschaft und* des Zusammenwohnens, sondern auch im Sinne der Momente des Gefühls, des Pflichtbewußtseins, der freiwilligen anspruchslosen Liebe, welche das innere Wesen der Familie bildet. Je mehr ein Volk oder ein Staatswesen die Familie entrechtet, behufs stärkerer Entfaltung der materiellen Kräfte, jemehr deshalb der Staat das innere und äußere Leben des Kindes in dem Zwangsbann seines Kreises zieht, desto machtvoller möge zwar der Staat nach Außen werden, aber desto r'ascheizeugt er auch die Kräfte, welche von Innen heraus ihn zerstören und den Rahmen sprengen, um «ich sodann in ungehemmter, revolutionärer Entfaltung des Ircdividuallebens, meistens irrerid und verwirrend, sich die Güter des Innenlebens wiederzuholen, die ihm ein falscher Aufbau,ein Irrtum der Soziologie, vorenthalten haben. Die letzten Gründe dürften unerforschlich bleiben, allein es steht fest, daß jede Autorität im Leben nur dann von Bestand ist, wenn sie sich innerlich und harmonisch an die erste Autorität der Vergesellschaftung anschmiegt, und so erklären Freunde undFeinde der Judenheit das Wunder ihres Bestandes damit, daß in der jüdischen Gemeinschaft das Familienleben unversehrt dasteht. Es wäre aber falsch, wenn man hiebei unter Familienleben etwas Undefinierbares, Romantisches im Auge hält, vielmehr ist darunter zu verstehen das unbegrenzte Verantwortlichkeits-Bewußtsein des Trägers der Autorität, die erkannte und bewährte Schmiegsamkeit der Geführten und Beschützten. Nun ist allerdings vielleicht von der ersten Familie der Menschheit an ein Streit darüber, wer denn eigentlich Träger dieser Autorität ist. Dieser Gegensatz hat sich in den ältesten Zeiten, soweit wir seine Spuren verfolgen können, zu ausgeprägter Rechtsform verdichtet; und die soviel umstrittene Fragen der Frauenemanzipation gehen rechts und kulturgeschichtlich in gerader Linie auf diesen Anfang zurück. Es gab Formen, in denen die Herrschaft, die Rechtssprechung in den Händen der Mutter ruht (Mischpocho, Mutterrecht, Matriarchat). Unter ziemlich schweren Kämpfen und Erschütterungen ging sodann die Autorität auf den Vater über (Bes ov, Vaterrecht, Patriarchat). Wir können im Rahmen dieser Darstellung uns nicht des weiteren darüber auslassen, wie klar uns die Heilige Schrift in Erzählung von den Ahnen diese Uebergänge zeigt, auch darüber nicht, wie unter dem Zeichen des Mutterrechtes der Götzendienst überhandnahm und überhandnehmen muß. Jedenfalls haben diese beiden Formen ihr Gutes gezeitigt, das Mutterrecht die Innigkeit des Familienlebens und den äußerlich und innerlich engsten Zusammenhang der aufeinanderfolgenden Generationen, das Vaterrecht die starke Betonung der Autorität, starr und stark im Recht, doch gemildert und erträglich gestaltet durch die gegenseitige Liebe. Es ist kulturgeschichtlich und religiös noch gar nicht genügend gewürdigt, was es bedeutet, wenn bei der Zählung des jüdischen Volkes der Allmächtige verlangt, daß das Beste dieser beiden Formen gelegentlich der Zählung jedem einzelnen Gliede des Volkes ins Bewußtsein treten sollte, wenn der Volksgesamtheit im Volkskörper dadurch klar gemacht wird, daß sein Ganzes nur Bestand haben kann, in niemals getrübter Erkenntnis der maß- und richtunggebenden Bedeutung derUrzelle der menschlichen Gesellschaft. Nur dann ist es möglich, daß jeder Einzelne bei seiner Einfügung in den Volkskörper sich fühlt wie neugeboren (Vergleiche Bamidbar, I, 18), denn nachdem er in der Kindheit alles Gute und Treue in sich aufgenommen, was ihm unter der unbeschränkten Herrschaft des Mutterauges einströmt, gelangt er über (AI!) die Mischpocho zum Bes ov, findet er beim Anschluß an das Ganze im Pftichtenkreis des Lebens Wurzeln seiner Kraft, im Gedanken der Autorilät. Das ist die Schule der Individualität für jüdische Kinder und hierin liegt Glück und Gedeihen der Menschheit beschlossen* P. Ä' Die Agudadelegation bei Sir Samuel. Kaum ein Jahr ist verflossen, seitdem die Agudadeiegation m'Cö1ülS&-Offie&^-TfäSö1tV8fP' der schlecht informierten englischen Regierung einen Refus erhalten hat, begibt sich die Delegation neuerdings mit erhöhter Zuversicht nach London. Das ist wahrhaftig eine Wendung durch G-ttes Fügung zu nennen. Die Aguda selbst mit ihrem kleinen Apparat £er Presse und der PrQpagand *$mS*1e1m^^ den zionistischen Publikationsmittel gegenüber. Der lärmende Chor der jungjüdischen Presse verschlang die schwache Stimme des glaubenstreuen Judentumes. Der Umschwung geschah schier über Nacht, .wie durch ein Wunder. In allen Lagein erstehen leitende Ideen in der jüdischen Geschichte. Von Rabbiner Dr. Hermann Klein (Berlin). (Fortsetzung.) Wir müssen aber die Tatsachen der jüdischen beschichte objektiv auf uns wirken lassen und uns nicht irgendeine Hypothese zurechtlegen, der wir dann alle Geschehnisse anpassen, wie dies bisher von den meisten zunttmäßigen jüdischen Geschichtsschreibern geschehen ist, die ja durch den Mund eines Wortführers erklären, daß die Synthese und Deduktion doch das Höhere sei. „Denn,"' so werden wir belehrt, „die wahre Synthese ist kein Vorurteil, sondern das durch mühsame Betrachtung oder-durch blitzartige Erleuchtung gefundene Endlirteil, das nun wie ein wegekundiger Führer die Menge der Naehwandelnden richtig leitet. Der induktive" Forscher weiß nicht, wohin er selber kommt; er hat überhaupt kein Ziel, sondern nur einen w eg. Der deduktive Forscher hat sein Ziel gefunden und spricht zu denen, die sich seiner Führung anvertrauen: ..Hier ist das Ziel! Verlieret es nicht in dem verwirrenden Gewühl der Dinge aus dem Auge!*7 Dieser Maxime sind bis nun fast alle Darsteller unserer Vergangenheit gefolgt, sie alle hatten ein Ziel, das sie durch blitzartige Erleuchtung gefunden, und dieses Ziel verloren sie niemals aus den Augen, wenn die Dinge sie noch so sein verwirrten. Diese Blitze haben aber auch verheerend gewirkt. Was ist aus dieser Wissenschaft der blitzartigen Erleuchtung geworden! Diese Tatsache erklärt uns eine der merkwürdig- | sten Erscheinungen in dem wechselvollen Geschicke des jüdischen Volkes, daß nämlich unsere Brüder zur linken Hand, die sich niemals scheuten, Hand an die Wurzeln des jüdischen Lebensbaumes zu legen, gerade der jüdischen Geschichtswissenschaft mit besonderer Liebe anhängen. Es ist doch zumindest höchst sonderbar, daß Männer, denen die Lehren aller Weisen wirklich sehr gleichgültig sind, sich alle erdenkliche Mühe geben, selbst die Einbandsdeckel eines alten Talmudexenmlares wissenschaftlich zu zergliedern und zu erklären. Dieser ihr Eifer würde sie auch dann verdächtig machen, wenn wir ihre Beweggründe nicht kennen würden. Entweder sie wollen damit sagen, daß das Judentum bereits der Vergangenheit an- * gehört, das schon die Zeit gekommen ist, Inventur zu machen; denn die Gegenwart, in der man Geschichte macht, eignet sich nicht für eine historische Darstellung, denn es fehlt die Distanz, die zur richtigen Wertung der einzelnen Geschehnisse unbedingt erforderlich ist. Wer mitten im Hochgebirge stellt, wird die Höhe der einzelnen Bergeskuppeln nicht richtig (mischätzen, erst aus der Ferne gewinnt man den richtigen Maßstab. Wenn man eine Schrift dem Auge zu nahe bringt, da verschwimmen die Buchstaben vor den Augen, und so vermag man die Schrift der Zeit, in der man steht, nicht zu entziffern. Unseren Alten war das ganze jüdische Leben von der Nationalgeburt des jüdischen Volkes bis in ihre Zeit hinein i Gegenwart, es waren dieselben Ideale, die gleichen Kräfte wirksam, und daher kommt es, daß Avir gerade aus der Zeit, in der das Judentum geistig am höchsten stand, aus der Glanzperiode der jüdischen Wissenschaften nur ganz kümmer- | liehe Aufsätze zu einer geschichtlichen Darstellung der Begebenheiten überliefert erhielten.. List unsere Reformen, die das alte Judentum begraben wollten, schufen Literaturgeschichte, die Friedhöfe der Gedanken, und man schrieb beschichte als Friedhöfe der Begebenheiten. Oder aber — und das ist das Richtige — man trieb Geschichte, um aus ihr Berechtigung und Begünduii"- für den religiösen Abfall zu holen. Das religiöse System, das sich die Herren zurechtgezimmert, war der hohe Gesichtspunkt, von dem man „wie von hohem Bergesgipfel, von wo das Auge einen weiten Ausblick" hat, die Ereignisse der jüdischen Geschichte betrachtet, dieses System war die Grundlage, die Basis dieser Geschichte, deren Ergebnisse dem System als Tragbalken dienen sollten. Es ist, als wollten sie uns sagen: Seht, was wir erstreben, ist gar nichts Neues, ist gar keine Reform, sondern nur eine Restitution, das alles war schon von jeher da: unsere Bestrebungen knüpfen nur an Bestrebungen an, von denen die besten Männer des Judentums, die einen klaren und weiten Blick hatten und nicht in der Enge einer finsteren Klause verharren wollten, beseelt waren! Unsere Vorbilder sind ein Hillel, ein Rabbi Josua, ein Maimonides und wie noch all die Großen heißen, die es sich gefallen lassen müssen, von diesen Herren als Gewährsmänner ihres brüchigen Systems und ihrer am Geiste der Wahrheit und des Judentums sich versündigenden Bestrebungen hingestellt zu werden. Und es ist neben den vielen Verdiensten Samson Raphael Hirschs auch das sein Werk, daß er gegen dieses frevelhafte Spiel seine gewaltige Stimme erhob, zu einer Zeit, da alles diesen Schiff' Pelzwarenhaus Engros und Erzeugung s I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkauf s - Niederlage: I-, Graben 28 Filiale: Kar*liBrib£fccl9 Alte Wiese. i