Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 17 (12.5.1922)
- Date
- 1922-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FOR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, H., Obere Donaustr. 91. - Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach liO. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Wachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 3000, Ungarn K 350«—, Tschechoslowakei Kc. 70-—, Dentschland Mk.150«-, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500'—. Einzelnummer d.-ö. K 60 —, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. E 150*- Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszaschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 17 Wien-Bratislava, 12. Mai 1922 ♦a'arn "p rrraDDpne " nri rnc I 8. Jahrg. Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Könnten wir doch — wie an jeder Tafel des Perserkönigs Darius „Gedenke der Athener" ausgerufen wurde — an jede der hunderttausend vollbesetzten Tafeln einen Mahner hinstellen, der den glücklich Genießenden das „Gedenke der russischen Juden" zurufen würde! Wo sind die legendären Tugenden der Vätergeschlechter, wo die sittliche Größe, zu der sich Israel in der Zeit der Not emporgerichtet hat? Ist die Weltkriegszeit wahrhaftig der Beginn des Abstieges von einer Höhe, zu der wir durch Jahrtausende erklommen sind? Ist unter den Blitzen und Donnern der Kanonen eine neue Offenbarung der brutalsten, über Leichen schreitenden Selbstvergötterung gegeben worden? Oder ist es gar nur ein böser phantastischer Traum, daß dort drüben, kaum mehr als eine Tagesreise weit,; Hunderttausende von Brüdern und Schwestern seit Jahren auf der Folterbank des Hungers gespannt sind, daß sich dort auf der lichten Oberwelt stündlich von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, infernalische Dinge vollziehen, die der Phantasie eines Dante spotten, und etwas westlicher davon Brüder und Schwestern sich unbekümmert im tollen Reigen jauchzender Lebenslust drehen? Wie muß dieses Bild von erschütternder Faracloxie sich von der himmlischen Perspektive des rechtheisclienden Weltenrichters ausnehmen? Wohin dringt, wie ungehört, der Todesschrei der namenlos Gepeinigten, deren Geist gefoltert ist von den Schreckensvisionen einander überstürzender Kriegskatastro- .Rto^WuLL&e^^ dörrt wird von der Fieberglut ungestillten Hungerpeines, wohin das ungehörte, anklagende Röcheln scliuldreiner Menschenknospen, die vor den Augen doppelt gefolterter Mütter monatelange absterben, eh' sie erblühen durften? Oder ist dies die letzte Prüfung, die schwerste Belastungsprobe der G-ttlosigkeit dieser blutbedeckten Generation, ehe sich ihr Schicksal erfüllt? Wohl dem, der sich in dieser Zeit der schwersten Fehlungen die Hoheit des Menschentums wahren Kann und unbeirrt auf den ewigen Bahnen g-ttlicher Gesetze wandelt, deren tiefster Sinn der Imperativ ist:' Und du sollst deinen Nebenmenschen lieben, als wärest du es selbst. Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: dö. E 10,109.500. Diese Woche zeigt eine weitere Steigerung des Einkaufes, der K 2,821.849 beträgt. Neben der Preßburger Spende rangiert der Schweizer Kriegswaisenfonds mit Frcs. 1000 als zweitgrößte Gabe einer Korporation. Dankenswert ist auch der Beitrag der Budapester orthodoxen Chewra- Kadischa, die mit dem Betrage von K 315.000 vorläufig die fünftgrößte Spende unserer Sammlung geleistet hat. Bei der Sammlung der Schiffschul ist zu bemerken, daß viele Mitglieder derselben bereits früher direkt ihre Spenden gesendet haben. Die Sendung der Ohel Abraham von K 82.000 ist als Anschlaq'szahlung besonders zu würdigen. Die Stiimpersynagoge in Wien steht mit ihrem bisherigen Resultat von K 325.000 an der vierten Stelle der Korporationen. Unter den Einzelspenden ist besonders die Gabe des Herrn Rabbiner;t)r. Jung jn .Cleveland (15 Dollar) hervorzuheben.. ' - . , , . :*-a^.ie-%i^<^ es uns allerdings, 120 Familien einen Monat lang mit Lebensmitteln zu versehen. Allein, wie geringfügig ist diese Leistung gegenüber der tausendfachen Möglichkeit, die gegeben wäre, wenn Jedermann, wenigstens diesem Uebermaß von Menschenleid gegenüber, einen Teil seines Ueberflußes opfern wollte. Den Sammlern sei besonders nahegelegt, die Gelder jede Woche abzusenden und nicht etwa bis zum Abschlüsse der Sammlung zurückzuhalten. Bedeutet doch jede Zösrerung die schwerste Prüfung für alle diejenigen, die unserer Sendung harren. Ein höchst bedauerliches chronisches Uebel ist es auch, die das Rettungswerk lähmt, der Mangel an Aktivität der jüdischen Gesellschaft. Es sind gewiß Tausende Leser entschlossen, „bei Gelegenheit^' ihre Spende abzugeben und vernachlässigen die&3 Pflicht, ohne zu bedenken, daß ihre leider nicht allein stehende Nachlässigkeit Menschenleben zugrunde gehen läßt. Spendenansweis für jüdische Hungernde in Rußland. (Fortsetzung.) Salomon Zuckermann K 20.000, Josef Weiß 3000, Hedwig Prießner 700, T. Hünig 8000, Isidor Guttnann durch Verein „Mikdasch Meatu 2000, M. Berger 1000, N. N. cK 250, Goldmann K B000, N. N. 200, N. N. 120, Rabbiner Dr. Leo Jung (Cleveland) Dollar 15, Orthodoxe Chewra Kadischa (Budapest) durch Abraham Schreiber ung. K 30.000, Siegmund Alt (Sopron) durch Abraham Schreiber ung. K 5000, A. S. K 1000, N. N. durch Leopold Richter 1000, Daniel Bonyhady (Salzburg) 1000, Simon Rosenbaum 500, Bethausverein „Rinoh Utefilo" Mathildenplatz (zweite Sammlung Schönherz 2000, Ch. Bergglaß, S. Kanugar, Dörmer, S. Kanugar a 1000, Fried 800, I. Brecher 520, K. Zell, I. Barbasch, I. Ausschnitt, Dr. Puder, Borotschana, Wittles ä 500, Regenbogen 600, I. Barbasch 400, Fried, Stark ä 300, J. Feldstein, Vogel, M. Biegeleisen, N. N. ä 200, E. Aschkenasy, Lobaschowitz, Big, Lieber a 100) 13.120, Gina B. durch Agudas Jisroel-Mädchengrupper (Wien) 1000, „Adaß Jisroel" (Christiania) durch Rabbiner Seh. I. Lewitan Mark 3000, Mela Weltsch 10.000, Karl Kohn durch Mariabilfer Tempelverein 200, Bethauaverein in „Adas Jeschnrun* Pflug- ■^asä^<erftfc S^tÄ^ Synagogenverein „Beth Israel" Leopoldsgasse (erste Sammlung) 16.900, Quittner 1000, durch Gruppen verband der Agudas Jisroel in Deutschland Mk. 520, Tempel- und Schulverein Stumpergasse durch Obmann Moritz Felsenburg (zweite Sammlung) 70.250, Josef Felsenburg öK 15, Schiffschul (erste Sammlung) 91.628, Brüder Goldmann 50.000, Sammlung des Bethausvereines Ohel Awrohom 82.000, Adas Jisroel (Schiffsynagoge) (erste Sammlung) Spendeeingang im Bethause (1. Ausweis) 56 539, Sammlung für Proskurow 14.298, I Kutscher 300, Dienstmannerverein 600, Der dumme Herl von Zion. Von A. S. Plony. Das Unglück des Judentums der Gegenwart ist der dumme Kerl von Zion und, um zum Schaden noch den Spott zu gesellen, halst uns Antisem zur gleichen Zeit noch das Märchen der „Weisen von Zion" auf. Nein, die „Weisen von Zion" in der Gestalt wie sie judenscheue Geisterseher sich konstruiert haben, gehören dem Reiche politischer Dichtung an. Und dennoch ist ein gewisser ursächlicher Zusammenhang zwischen der Angstvision der Weisen von Zion und dem als Wesen von Fleisch und Blut in zahllosen Gestalten umherwandelnden dummen Kerl von Zion vorhanden. Zangwill, dessen geniale politische Konzeption kein Gegner von rechts oder links verkennt, hat in seiner epigrammatischen Weise mit einem einzigen Satze das geistige Elend des Judentums agnostiziert. „Der Jude ist als Individuum die klügste, als Volk die dümmste aller Rassen." Dieses scheinbare Paradoxon ist im Grunde genommen die Avers- und Reversseite eines und desselben Gedankens. Der individualistisch gerartete Golusmensch konzentriert, mangels eines großen, gemeinsamen Solidaritätsgedankens, einer Solidaritätsgemeinschaft, alle Strahlen seines Geistes auf den kleinsten Brennpunkt seines Ichs. Sein Intellekt braucht sich restlos für seine eigenen Daseinszwecke auf. Bei Völkern, die ein normales nationales Leben betätigen, ist das Volksmitglied nicht nur materiell besteuert, sondern wird auch in der nationalen Schule zu einer Steuer von seinem Intellekte für allgemeine Zwecke erzogen. Von seiner Energie muß ein gewisser Teil an die Nation abgegeben werden; in Zeiten der Not wird das Individuum gar als Ganzopfer angefordert. Die Gesamtheit der dem Ganzen gewidmeten Energien machen die Weisheit der Nation aus. Die Nation ist um so weiser, je mehr Söhne sie besitzt, die einen möglichst großen Teil ihrer Energie der Gesamtheit widmen. Weise ist ja auch nur das Individuum zu nennen, dessen Geistesrichtung auf das Wohl des Ganzen eingestellt ist, während der Kluge, der dem Weisen antipodisch entgegengesetzt ist, wie der Kurzsichtige dem Weitsichtigen, auf das Erkennen des nächstliegenden für ihn verwendbaren Vorteiles eingelernt ist, die Fähigkeit besitzt, aus allen Lagen und Dingen sofort das für ihn Nützliche heraus zu erkennen. Je mehr solche Individuen in einem Volke vorhanden sind, desto kleiner ist dessen Besitz an Volksweisheit. Die ungleiche. Klugheit des Golusjuden ist daher gleichzeitig die Ursache der ungewöhnlichen Unweisheit seiner Volksführung. Darum gleicht das jüdische Volksleben im Golus einem Mosaikbild, das aus einzelnen in sich begrenzten erkennbaren Teilchen besteht, darum ein solches bizarres Gesamtbild bietet, das nie heranreicht an das Farbenbild, wo jedes Teilchen unsichtbar im Ganzen verschwindet. Diese Tragik des Goluslebens ist dem Nichtjuden, und wie oft auch dem Juden selbst, völlig unbekannt. Es ist der verhängnisvolle Fehlschluß des Antisemiten (soweit er ehrlich denkt), daß er den hohen Intellekt und die Energie, die er beim einzelnen Juden wahrnimmt, nach gewöhnlicher Methode, mit der Zahl seiner Volkssöhne multipliziert und zu einem erschreckenden Resultat von konzentrierter jüdischer Energie gelangt, welche die ganze Menschheit in Fesseln schlagen könnte. Und da er die Bande, welche die einzelnen Bestrebungen erfolgreicher jüdischer Unternehmung umfassen nicht wahrnimmt, was Wunder, wenn er, ahnungslos, daß dieser superkluge Jude als Volksganzes gerade wegen dieser Superklugheit mindergeistig ist, immer wieder zur Hypothese einer geheimen internationalen Verbindung getrieben wird. Was ist dieses unweise zionistische Geschrei, welches das Schreckbild jüdischer Macht, von einem geheimen Rate der Weisen von Zion erzeugt hat, anderes, als eine superkluge Propaganda eines selbstsüchtigen Führerkreises, der sich, die Gefahr fürs Ganze verkennend, nur für, dem engen Kreis daraus erwachsenden Vorteile verstanden hat? Auch der dumme Kerl von Zion ist bloß vom Gesichtspunkte des Gesamtwohles aus vernunftlos zu nennen. Er an sich ist superklug, nur, daß er den ganzen respektablen Intellekt gänzlich im Hausgebräuche konsumiert. Er glaubt an die Balfour-Deklaration, aber niemand hätte ihm einen ähnlichen Vertrag in seinem eigenen Geschäfte aufhalsen können. Er glaubt seiner Leitung alles, was sie ihm Erfreuliches über die sich überstürzenden Erfolge des Zionismus erzählt, obwohl er sie in keinem anderen Tagesblatte, die von solchen, die allgemeine Politik beeinflußenden Erfolge doch auch etwas verraten müßten, liest. Er hätte aber sein Leibblatt sofort Engras und Erzeugung! 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