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Jüdische Presse · 1922-05-05 · 16 (5.5.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
16 (5.5.1922)
Date
1922-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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I. yr*ngen*rlüg JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ"); ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, IL. Obere Donaustr. 91. - Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Nr. 16 «■■■■■■■■■■■i Urplötzlich sind alle Begriffe, Leidenschaften und Tatsachen im Wirbel des Weltkrieges ins Ungeheuerliche gewachsen, als wenn alles Geschehen mit einem Male ins Gesichtsfeld eines Riesenteleskopes gerückt worden wäre. Nicht allein die Bühne der Geschichte und das ganze Recmisitorium des Krieges, auch die Dimensionen des Hasses haben ein Riesenmaß angenommen, wie sich das Tätigkeitsgebiet der Liebe ins .Ungeheure gedehnt hat und wie das Maß menschlichen Leidens nie gekannte, nie geahnte Möglichkeiten erreicht hat... Uns ist es beschieden, Zeitgenossen einer der grauenhaftesten, alle menschliche Phantasie übergipfelnden Schreckensaera zu sein, in welcher alle Bewohner Gehinoms und Ganedens aus ihren Sphären zu uns niedergestiegen scheinen, um den erbittertesten Entscheidungskampf zwischen dem guten und bösen Prinzip auf unserem Planeten auszufechten. Dem vergrößerten Maßstabe aller Dinge entspricht auch das Dimensionale der Gewissenlosigkeit, mit welcher Millionen von G-ttes Ebenbildern, unschuldiger Menschenkinder, auch die drei dem Schutze menschlicher Barmherzigkeit von jeher anbefohlenen Kategorien von Greisen, Frauen und Kindern, der Höllenqual des Hungertodes überantwortet werden; es entspricht ihm die Größe der Verruchtheit g-ttloser politischer Kalküle, die kaltblütig mit Menschenopfern von siebenstelligen Ziffern operieren, wie die Größe der verbrecherischen Gleichgültigkeit, mit welcher .Millionen vom Glücke gesegneter Menschenbrüder aus den Logen ihres behaglichen Daseins auf die fürchterlichen Szenen des russischen Schauerdramas hinstarren. Den vertausendfachten Proportionen des Geschehens entsprechen aber auch die Großtaten der unentwegten Rufer im Streite für die ewigen Gesetze der Menschenliebe. Hoover, Nansen, War- Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich £3000, Ungarn K 350*—, Tschechoslowakei Kc. 70*—, Deutschland Mk.150'—, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Polen Mk. 1500-—. Einzelnummer d.-ö. K 60 —, Kc. 1-50. bürg und ihre Scharen, sie werden der dem Banne der Kriegspsychose entronnenen Nachwelt als die eigentlichen Helden und die letzten Sieger des Weltkrieges erscheinen. Nansen! Wie der in einer kleineren Vorstellungswelt entstandenen Sprache der Ausdruck mangelt für das Maß unserer Abscheu vor den Untaten der Gegenwartsgeschichte, so fehlt ihr auch schier die Möglichkeit, den Segnungen dieses wahrhaften Uebermenschen gerecht zu werden. Eine solch überragende, der Hypnose millionenstimmigen Haßgeschreies widerstehende Großtat der Menschlichkeit konnte vielleicht nur einem Geiste entspringen, der monatelang der Jämmerlichkeit der menschlichen Gesellschaft entfliehen konnte, der in der ungeheuren keusch-weißen heiligen Einsamkeit mit dem Schöpfer allein geweilt hat, der sein Glück in Regionen fand, in denen noch das Wesen der Urzeit waltet und das Nordlicht wunderbar aus Urfinsternis erglimmt, als wenn sich die Wunder der Lichtschöpfung erneuern würden. Dort mag die großartige sittliche Unabhängigkeit dieses Mannes erstarkt sein und in der einsamen Eis wüste, vor dem gleich dem Dornbusche brennenden Polarlichte die Sendung gereift sein, der fernen entarteten Gesellschaft die Botschaft der Liebe zu bringen. Nansen! Wenn Einer, so zählt er zu den „Edlen der anderen Nationen" (Chasside umos hoolam), von denen die Lehre sagt, daß sie der gleichen Seligkeit wie die Besten unseres Volkes teilhaftig Averden. Fast wirkt es beschämend, daß diese Sendung nicht von einem unseres Stammes ausgehen durfte. Wir haben ja teuere Pfänder in den von G-tteshand heimgesuchten Gebieten auszulösen. Die G-tteslehre hatte keine glühenderen Bekenner, das wahrhaft jüdische Leben kaum eine würdigere Stätte gefunden als in Rußland. Es war der klassische Boden des Thoragenies. Die Er- | Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 150*—. Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. I 8. Jahrg. forschung der Lehre hatte nirgendwo tiefeie Stollen treiben können, nirgends quollen reichlicher Erzadern der Thora als in den finsteren Schachten des Goluselends in Rußland. Seltsam genug, daß wir das Stichwort Nansens abwarten mußten, um uns unserer Schuld zu erinnern! Nun aber öffne sich die Schleuße vor der so lange zurückgehaltenen Barmherzigkeit und die schuldig gebliebene Liebe offenbare sich um so machtvoller! „Wenn nicht jetzt, wann denn!" Die Menschheit sah niemals ähnliches Grauen und wir wollen ihrer Ehre willen glauben, daß dieses Gleichen niemals mehr wieder geschehen dürfe. Allen zukünftigen Menschengeschlechtern wird die furchtbare Parabel des Schicksals Rußlands Gegenstand des Studiums bleiben. Wir wandeln auf den Gipfeln der Geschichte und unser Tun wird weithin in kommenden Zeiten sichtbar bleiben. Wir sind uns kaum bewußt, vor welch ungeheurer Zuschauerschaft unsere Zeit agiert. Erheben wir uns doch zur Höhe unserer Aufgabe! _ S. B. Die Sammlung. Bisheriges Ergebnis: dö. E 7,287.651. Trotzdem die Organisation der Sammlung noch nicht begonnen hat, sind diese Woche wieder iy2 Millionen österr. Kronen eingelaufen. Bei den Spenden von Korporationen steht die altehrwürdige Preßburger Jjemeinde mU^ Milli^nen^ dö^ Kronen an ITer Spitze. ^~ireln^uns, "cfie aTEberüTrmTe TSemeinde, die vor kaum zehn Jahren nach der Brandkatastrophe selbst als Bittende auftrat, wieder, wie einst als Helferin und Ir weem bejissroel wirken zu sehen. Hoffentlich werden die Preßburger Gemeindemitglieder selbst noch ein Bedeutendes zu dieser Summe hinzufügen, um so die reiche Hilfe, die Wien-Bratislava, 5. Mai 1922 .ssnn "pk i rrraoopna - nn rvyz Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland, Auel) ein Mtiges Gespräch, Liest man die Bezeichnung wichtiges Gespräch, so denkt man natürlich an den großen Chaim, der dem Vernehmen aus der „W. M." nach, nichts anderes tut, als „wichtige1' Gespräche führen. Das Ahasvertum seines Volkes äußert sich so rührend in der Unstätigkeit des großen Führers, der, wie Aliasver (nur nicht so billig) auf Orientexpreßzügen (Orient!) ruhelos durch die Diaspora rast, um wichtige Gespräche zu führen. Die hohe Wichtigkeit dieser Gespräche drückt sich arithmetisch in der hohen Ziffer der darauf verwendeten Spesen aus, in diesen imposanten Repräsentationskosten, welche das jüdische Volk stolz in die Reihe der ersten Nationen erheben. Gewiß das ausschließliche Verdienst Weizmanns und Sokolows. Ich wette Eins gegen Tausend zugunsten des heiligen Keren hajessod, daß die Reisespesen des Dr. Wirth im abgelaufenen Quartal nicht an die unserer Nationalführer heranreichen; freilich werden auch dessen Gespräche niemals als so „wichtig" bezeichnet, wie die Reden und Gespräche des Professor Weizmann. * Wie armsleig nimmt sich daneben das „wichtige" Gespräch aus, daß ich mit einem bedeutenden türkischen Journalisten um die Kosten einer Wiener Tramwayfahrt und eines schwarzen Kaffees führte. Ich bin nämlich der nicht kostspieligen Ansicht, daß ja alle Mächte und Rassen in Wien (gewiß auch in London) vertreten sind, und daß man nicht — wie der unübertreffliche Professor Strauß — um die Kosten zahlloser englischer Pfunde den Berg zu Mohammed senden muß, um mit Arabern zu verhandeln, sondern daß man in jeder Hauptstadt mit ihnen sprechen kann. Das nachstehende wörtlich geführte Gespräch, das ich trotz der billigen Spesen für wichtig halte, ist, ohne Absicht der Publikation, wie ein unbefangenes Kaffeehausgespräch geschehen. Ich habe einen jüdischen Journalisten, den arabischen Korrespondenten eines ägyptischen Blattes, einem hiesigen bekannten türkischen Pressevertreter vorgestellt. Der Erstere versuchte die Zionisten, wenn auch nicht zu preisen, doch zu entschuldigen. Der Andere, ein distinguiert aussehender, westeuropäisch gebildeter älterer Mann, erwidert ihm fast bekümmert: „Wissen Sie, was uns die Zionisten nach Jerusalem gebracht haben, was man bis dahin nicht kannte, Tanzhallen und öffentliche... Sie kennen die strengen Sitten des Orients und können sich den Eindruck vorstellen, den es hervorruft, daß gerade die zionistischen Einwanderer da eine sehr freie Art mitbringen." Als hartgesottener Verräter wies ich darauf hin, daß die Orthodoxen darüber gerade so entrüstet seien, wie die Araber, daß jener Kreis nicht das Judentum repräsentiere, daß die Mehrzahl des Judentums und gar desjenigen Teiles, der sich für Palästina interessiert, aus Orthodoxen bestehen, und daß — fuhr ich Verräter fort —: die hervorragendsten Führer des Zionismus die Methoden der Leitung aufs Schärfste verdammen. „Sehen Sie," sagte der Andere, „ich sah einen zionistischen Rabbiner bei einem Leichenbegängnis funktionieren; ich würde mich von einem solchen Rabbiner (er nannnte keinen Namen) nicht begraben lassen! Er trug dabei einen europäischen Hut und ein gestutztes Bärtchen. Ein Rabbiner! Das war sonst bei uns ein ehrwürdiger Mann in orientalischer Kleidung mit einem Turban und einem über die Brust wallenden Bart; wenn unser Militär einem solchen begegnete, so wurde Ehrenbezeugung kommandiert, das war uns der Repräsentant des Moses, aber dieses Rabbinerchen mit dem europäischen Hütchen und dem gestutzten Bärtchen!" Als ich ihm sagte, daß wir die gleiche Vorstellung von einem jerusalemitischen Rabbiner hätten, und daß unsere Rabbiner gar von den Zionisten mißhandelt wurden, frug er erschrocken: „Wie? Man hat Rabbi Sonnenfeld mißhandelt?" und ich beruhigte ihn, daß nicht er selbst sondern seine Mitarbeiter attakirt wurden . Ich vervollständigte den „Verrat" und informierte ihn darüber, daß es eine Weltorganisation namens Aguda gebe, die das g-ttlose Treiben der Zionisten im Heiligen Lande noch schmerzlicher empfinde, als die Araber. Welches ihr Standpunkt in der Palästinafrage sei? „Sie kennen ja die Bibel, sagte ich ihm. Sie wissen^ daß darin die Verheißung enthalten ist, daß Palästina einst das Land der Juden sein wird. Wir glauben felsenfest daran. Aber wir glauben auch, daßdieZeit dafür noch nicht gekommen ist. Sowohl die Propheten in ihrer höheren Inspiration, als auch der auf realer politischer Erwägung bauende Herzl haben nie anders gedacht, als daß die Landnahme Palästinas durch die Juden mit dem allgemeinen Weltfrieden zusammenfalle. Die ^_ ___f< ^Engros und Erzeugung i W% _ I_! C Al a _— ÄMÄB-LÄ1M Bauernmarkt 24 (Ecke Flelscninartt) :•: Telephon 67-302 Schiff5 Pelzwarennous ^rastr

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