Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 45 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 318 JÜDISCHE PRESSE Nr. 45 die ,Voranmeldung" so unglücklich besorgenden „Gesinnungsgenossen" und seinem hiesigen Fiasko überlegen werden, die übrigens schon seit dem Karlsbader Zionistenkongresse geplante Expedition nach Podkarpatskä Rus zu machen. Der eine interessiert wirklich wenig. Er hat zu Beginn der gegenwärtigen »Kampagne" für die „Vereinigten jüdischen Parteien" Reklamenotizen in die Welt setzen lassen, als ob er, wer weiß wie und von „wie hoch" protegiert würde, um den Juden zu imponieren und für sich und die Aktion seiner Freunde Stimmung zu machen. Wir haben inzwischen auch unsere Informationen eingezogen und uns wieder einmal überzeugt, was von solchen Reklamenotizen zu halten ist! Der andere jedoch interessiert uns schon aus dem Grunde, weil es sich um ein „Ufchoroder Kind" handelt. — Ich erinnere mich noch lebhaft, welches Aufsehen es erregt hat als — es sind wohl bald 80 Jahre her — der damalige „Preßburger Bocher" an das Berliner Seminar ging und möchte gleich hinzufügen, daß ich nebst manchen anderen Freunden später eine gewisse Genugtuung darüber empfunden habe, daß ich damals nicht mich gewissen Scharfmachern anschloß, die aus dem Verhalten des Sohnes weitgehendste Schlüsse zuungunsten der Stellung eines anderen ziehen wollten. Denn Dr. Brody hat inzwischen einen sehr guten wissenschaftlichen Namen und eine angesehene Stellung errungen und dabei sich streng jüdisch geführt. . . Wir halten es auch bis zu einer gewissen Grenze Dr. Brody — der Zionist und Delegierter am letzten Karlsbader Kongresse war — zugute, wenn er der „Parteiparole" DeimcDösterreicD. Professor Lorenz an den „Joint". Der berühmte Wiener Chirurg Prof. Dr. Adolf Lorenz, der gegenwärtig Amerika bereist, schrieb an den „Joint Distribution Gommittee" dieser Tage folgenden interessanten Brief: „Ich habe erfahren, daß die amerikanischen Juden bereit sind, weitere 14 Millionen Dollar für die Notleidenden in Osteuropa zu spenden. Dies ist eine sehr große Spende. Ich weilte während des ganzen Weltkrieges in Wien. Ich habe gesehen, was der „Joint" geleistet hat. Der „Joint" speiste die hungernden Kinder, unterstützte die Kranken und Notleidenden. Ich habe es bereits gesagt und ich wiederhole es, ohne die amerikanische Hilfe wäre heute Wien ein Friedhof. Tausende Kinder in Europa danken dem „Joint Distribution Committee" ihr Leben. Ich bin kein Jude, aber in der Wohltätigkeit existiert kein Unterschied zwischen Glauben und Glauben. Darum sage ich: G-tt segne Euch, amerikanische Juden, und auch Euer Werk sei gesegnet". Weizmann in Wien. Weizmann hat die geplante Reise nach Amerika aufgegeben (was wir als Ersparnis von 4 Millionen öst. Kronen dankbar begrüßen) und will bei der Sitzung des Aktions- Komitees in Wien anwesend sein. Grünbaum aus Warschau will da stark gegen Jabotinsky auftreten. Wir erwarten von dem „Führer des jüdischen Volkes" diesmal nicht die alten Deklamationen von dem ewigen Ideal, von der geschichtlichen Tragweite der Balfour-Deklaration usw., sondern klare staatsmännische Antworten über die Araberfrage, den Diaspora-Nationalismus und die Möglichkeiten der Zusammenfassung aller Kräfte. Tiferes Bachurim-Bankett. Montag, den 26. Dezember (2. Chanukaabend), findet im Turnsaale der Talmud-Thora (IL, Malzgasse 16), um halb 7 Uhr abends, ein Festbankett des Vereines Tiferes Bachurim statt. Der Verein, der die Unterstützung von den von Wien nach slowakischen und ungarischen Jeschiwos gesandten Bachurim zur Aufgabe hat, erfreut sich wohl der besten tätigen Anerkennung seitens aller glaubenstreuen Kreise, muß aber angesichts der Valutaverhältnisse einen verstärkten Anspruch an die bewährte Hilfe unserer edlen Sebuluns erheben. Die Festabende der Tiferes Bachurim-Vereine, bei welchen'sich stets das Angenehme mit dem G-ttgefälligen verbindet, stehen wohl noch allen Teilnehmern in bester Erinnerung und darf die Leitung auf ein Wiedersehen ihrer alten Freunde im Vereine mit neuen Gästen rechntti. Wir laden unsere Mitglieder und Gönner ausschließlich au f di es em Wege ein, uns auch diesmal mit ihrem Besuche zu erfreuen. Karten sind bei den Vorstandsmitgliedern und an der Kassa zu haben. Ohel Rahel. Am Tischobeow nachts war es, da ging ich von der guten Zabner Klaus nach Hause, den Geist beschwert mit den melancholischen Klagen der Echa. Der Weg führte durch die kleine Pfarrgasse, die ihrem Charakter nach wohl angemessener die kleine Rebbegasse heißen sollte. In solcher Umwelt wirkte es doppelt peinlich, als ich aus einer Kaffeehausecke kreischendes Gefiedel, gleich mißtönig dem Gehör wie der Seele, hörte. Der Besitzer war Jude, die Gäste ausschließlich Juden und Jüdinnen. Ich blicke angewidert durch die speckigen Scheiben. Wahrhaftig, da sitzen sie um eine ausgediente Klesmergesellschaft, schlürfen ihren Kaffee und geben sich Mühe, sich nach ihrer Art zu amüsieren — und das alles im nächsten Umkreise der Aguda. Einige Monate später. Welche Verwandlung! Als ob es eines der braven, lehrhaften, zur Verbesserung der Volksmassen arrangierten amerikanischen Kinobilder wäre! Durch klare Scheiben ist der heller erleuchtete Raum sichtbar!?m bnü. Diese zwei trauten Worte prangen auf jeder Fensterscheibe. Verein zur unentgeltlichen Ausspeisung von Armen! Wie eine treffliche, gehorcht. Wir können uns aher eines Kopfschütteins nicht erwehren, wenn — wie es wiederholt letzter Tage geschieht, ohne daß dem widersprochen würde — Dr. Brody eine Rolle vindiziert wird, gemeinsam mit Leuten, die nach keiner Richtung uns als seine ausschließliche Gesellschaft passend erscheint. Dr. Brody weiß wohl, daß er rücksichtlich der wenig geachteten Stellung, welche Prag als jüdisches Emporium bei uns spielt, bei uns kein Faktor sein kann, und wenn irgend ein Hiesiger sich über das „jüdische" Prag noch nicht im Klaren war, so genügt ja ein Besuch für kurze Zeit, um sich darüber zu belehren, was heute aus dieser einstigen „Mnttergenieinde Israels" geworden ist. Dr. Brody, der sich in bewußtem Gegensatz zu mehr als 98 Prozent der Prager Juden gern als „konservativ" bezeichnet und sich und sein Hans auch tatsächlich strenggläubig führt, tritt nun in Jüdischen Angelegenheilen" oder gar behufs „Führung" unserer Judenschaft, mit Leuten Arm in Arm auf den Plan, von denen er sehr wohl weiß, daß sie so vollkommen vom Judentume losgelöst sind, daß sie sich zum Beispiel den Morgenkaffee am „Jörn hakodesch" ebenso gut schmecken lassen wie an jedem anderen Tage des Jahres. Er, der „Konservative", scheint also auch unseren „Konservativen" — deren Fleisch und Blut er doch sein sollte — ganz im Sinne seiner zionistischen Gesinnungsgenossen es nicht zubilligen zu wollen, daß sie sich ihre eigene politische Partei konstituieren, sondern scheint sich das fadenscheinige und lächerliche Argument auch beigelegt zu haben, wonach sich die Konservativen, oder sagen NACHRICHTEN. erbauende Lesebuch-Erzählung. Das muß von der Nähe besehen werden. Eine wohlige Wärme umfängt den Eintretenden. Im weiten Kreise sitzen Männer und Frauen, Kinder der Armut und laben sich frohbewegt an dem Gebotenen. Hundert Bedürftige werden hier täglich gespeist. Der Schöpfer der Anstalt ist Herr Weininger, der nicht weniger als 3 Millionen für die Ablösung und die Adaptierung hergegeben hat und auch sonst Kosten der Einrichtung getragen hat. Der heiße Dank der Gespeisten soll sich an den Namen der verstorbenen Mutter heften, einer edlen Wohltäterin, die sich mit großer Hingabe den Armen gewidmet hat, selbst an die Gründung einer solchen Anstalt geschritten ist, aber plötzlich durch einen Unfall ihrer edlen Wirksamkeit entrissen wurde. Schöner kann das Andenken einer Mutter nicht geehrt werden und besser könnten soziale Probleme nicht gelöst werden als durch Vervielfachung dieses Beispieles. (Es wäre noch zu wünschen, daß es selbst den Rigorosesten des Kaschrus möglich wäre, diese Großtat der Humanität zu genießen.) Fiasko der Jahresversammlung des Wiener Misrachi. Sonntag fand die Generalversammlung der Wiener „Jisshub Erez Jisroel Misrachi" statt, die mit einem vollständigen Fiasko endigte. Es waren 23 Personen anwesend, die einen Vorstand von 25 Mitgliedern wählten. Das Budget betrug sage 58.000 österr. Kronen. Ein Mitglied griff die Leitung heftig an, drückte ihr seinen besten „Undank" aus, sie hättenichts gearbeitet, für den Keren hajessod nicht das Mindeste geleistet. Voranzeige! Das Badener Waisenhaus der Agudas Jisroel veranstaltet am ersten Chanukaabend, Sonntag, den 25. Dezember, um 5 Uhr abends, eine Ghanukafeier, wozu sämtliche Mitglieder und Gönner höfl. geladen werden. Adas Jisroel-Armenbeteiluag. Wie alljährlich, hat der Vorstand auch in diesem Jahre den Gesamteingang für alios und die Spenden für zedoko am Sab. Wajeschew zur sofortigen Armenbeteilung bestimmt. Jahrzeitfeier Rabbiner S. Spitzer. Am zweiten Tage Ghanuka, dem Jahr zeittage nach dem seligen Rabbiner Spitzer s. z. 1., gelangen zwei Stipendien im Betrage von je K 1000 (Kronen eintausend) für unbemittelte würdige Jünglinge, deren Eltern in Wien wohnen und die an einer Jeschiwo mit besonderem Fleiße dem Thorastudium obliegen, zur Vergebung. Gesuche sind bis zum 20. Kislew an den Vorstand der Adas Jisroel zu richten. — Aus gleichem Anlaß wird am Vorabend des zweiten Chanuka-Tages nach dem Maariw-Gebet (5 Uhr) im Bethamidrasch der Adas Jisroel eine Droscho abgehalten. Mazzoth-Versorgung der Adas Jisroel. Der Vorstand der Adas Jisroel hat die für den Mazzothbedarf erforderliche Weizenmenge erworben. Der Weizen wird unter der Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Adas Jisroel vermählen. Auch Schmurahmehl ist versorgt. In den nächsten Tagen wird an alle diejenigen, die auf den Mazzothbezug von der Adas Jisroel Anspruch machen, die Aufforderung ergehen, ihre Anmeldungen rechtzeitig bekanntzugeben. „Gedenket der Talmud Thora." Der Obmann des „Elternrates" der Talmud Thora, Herr Willi Toch, übermittelte uns zu dem in Nr. 43 unseres Blattes erschienenen „Eingesendet" eine Berichtigung, dahingehend, daß die vom Elternrat in Aussicht genommenen „Ueberraschungen" nicht, wie der Einsender unterrichtet war, in irgendwelchen parteipolitischen Quertreibereien, sondern ausschließlich in Vorträgen jüdischer Persönlichkeiten über pädagogische, hygienische und andere Themata und Beratungen zum Wohle der Kinder bestehen sollen. Wir geben dieser Information gern Raum und hoffen, daß die Persönlichkeiten, die die Eltern über die bezeichneten Erziehungsfragen belehren sollen, ihre Aufgabe im Geiste wahrer „Talmud Thora" erfüllen werden. Spendet top die lugendgpuppe! wir es prägnanter, die Orthodoxen lediglich zu „religiöser Betätigung zusammenfinden dürfen, während sie die „Fahrun-» des Volkes" selbstverständlich und bedingungslos den dazu einzig berufenen Zionisten überlassen mül3ten! Wir können ihm versichern, daß seit der Zeit, wo er nur als „verwandtschaftlicher Besucher" zu uns kam, sich die Verhältnisse hier nicht in solcher Weise geändert haben, als daß er mit seinem neuen Programm hier Boden finden könnte! eiscnfcilspänc. Der einzige Artikel, der an der Preissteigerung nicht partizipiert hat, ist die — Wohltätigkeit. Wir empfehlen sie unseren Kommitenten als außerordentlich steigerungsfähig. Dem jüdischen Nationalrat ins Stammbuch: Eure Wohltätigkeit ist eigentlich Wahltätigkeit. * * Die Mittel ihrer Wahl sind ohne Wahl ihrer Mittel. „Moschiach ist gekommen, Moschiach ist schon da!" singen sie — ja, aber er kann kein englisches Visum nach Palästina bekommen! # * An Jabotinsky: An die Front! Ukraina d'igarta inhu lehewe parwanka. C$cl)ecfto$lowaKei. Hermann Pordes. Die Nachricht vom plötzlichen Hinscheiden des im besten Mannesalter stehenden Redakteurs des Preßburger Abendblattes „B. Z. am Abend" ist wohl geeignet, ungeteiltes Bedauern zu erregen. Er war Vorkämpfer der Konsolidierung der Republik und wollte als Zionist sein Blatt gleichzeitig als Organ der Jüdisch-Nationalen in der Slowakei betrachtet sehen. Es wäre im Interesse seines guten Angedenkens zu wünschen gewesen, wenn er hiebei einwandfreie Mittel ergriffen hätte. Es sind kaum drei Wochen her, da saß X. mit ihm im Cafe Savoy in Bratislava. „Ich habe heute den Kampf gegen den orthodoxen Klerikalismus begonnen," sagte er ihm und zeigte da den ersten Artikel, wo er gegen den Munkäcser Rabbi n. j. in maßloser Weise losging. Er stellte einen ähnlichen Angriff auf den Belser Rabbi n. j. in Aussicht. „Geben Sie acht," sagte X. da ironisch, „es hat noch niemandem wohlbekommen der gegen solche Männer angekämpft hat. ,Rühret nicht an meine Gesalbten', sagt die Bibel." Das brachte ihn in Harnisch. „Ich werde Ihren Gesalbten das Handwerk legen," sagte er, „die orthodoxe Kanzlei wird dem Boden gleich gemacht werden, ich werde ihnen die Autonomie aus den Händen nehmen; die Rebbewirtschaft in Munkacs wird ein Ende nehmen." Ueber die Taktik, die er dabei zu verfolgen in Aussicht gestellt hat, sei aus Pietät geschwiegen. Nach einigen Tagen lesen wir erschüttert von seinem plötzlichen Tode. Damit sei durchaus keine Uwde erzählt. Aber in unseren Kreisen löst jeder Unglücksfall einen guten Vorsatz aus. In diesem Falle sei es die Einstellung des frivolen Kampfes gegen die traditionellen Formen des jüdischen Gemeindelebens. Jüdisch-nationalistische Hallucinationen. (JPZ) Der Prager Mitarbeiter der „Becsi Magyar Ujsag" meldet: Dr. Singer, der Präsident des Prager Jüd. Nationalrats, hatte sich nach seiner letzten Audienz beim Ministerpräsidenten Dr. Benes dahin geäußert, daß der Ministerpräsident die Organisierung der Judenheit von Karpatho-Rußland am liebsten auf jüdisch-nationaler Basis sehen würde, weil nach seiner Ansicht dies auch der zielbewußteste Weg der Juden selbst sei. Am 12. Dezember erschien Marek Ungar, der Prager Vertreter der jüdischen Konservativen Partei von Russinsko, beim Ministerpräsidenten in Audienz, während welcher Dr. Benes aufs entschiedenste widerlegte, daß er, beziehungsweise der Organisierung der Juden von Russinsko nach keinerlei Richtung hin Wünsche geäußert habe. Die Juden sollen sich in solcher Weise organisieren, die ihrer Mentalität am natürlichsten erscheint. Wenn ihre Vergangenheit, ihre Tradition, den religiösen Kultus in den Vordergrund stellen, so soll dies auch den wesentlichsten Punkt ihrer Politik bilden. Diese Aeußerung des Ministerpräsidenten läßt den Anhängern beider Prinzipien freien Spielraum. Gemeindewahl in Munkacs. Zwischen den beiden kämpfenden Parteien, deren Schlachtruf: Hie Munkacs, hie Bels war, ist erfreulicherweise ein Kompromiß geschlossen worden. Es wurde eine gemeinsame Liste aufgestellt, in welcher 19 Munkäcser und 10 Belser nominiert sind. Als Präsident figuriert auf der Liste R. Juda W. Grünfeld. Ukraine. Petljura sendet einen Delegierten zu französischen Juden. Die „Zeit" meldet aus Paris: Vor einigen Tagen weilte hier der Delegierte Petljuras, Professor Kawal, um mit den französischen Juden zu verhandeln. Er bat um Antipogrom-Literatur, die er verbreiten wolle, da man kein Vertrauen habe zur Gendarmerie, die Jabotinsky organisieren sollte. Die französischen Juden mögen eine nichtjüdische Gendarmerie