Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 43 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE HKt^t („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Albonnementspreise: Ganzjährig: Für Osterreich K800'-—»Ungarn K 250*—, Tschechoslowakei Kö. 70'—, Deutschland Mk. 60-—, Schweiz Frcs. 10' — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 800*—. Einzelnummer d.-ö. K 15 —, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 20* — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 43 i Wien-Bratislava, 9. Dezember 1921 ♦S'snn hüi n rvDDDjns " m rrj» | 7. Jahrg. Die forderung des Cages, Wir sind belehrt. Bisher dachten wir, es wäre eine Differenz der Weltanschauung, welche Misrachi veranlaßt hat, sich von uns zu trennen und wir , glaubten, es wäre eine Frage der Ueberzeugung und es müßte gelingen, die Misrachisten mit der Zeit zu überzeugen, daß tatsächlich das Thorajudentum, das ihnen sicher sehr am Herzen liegt, nur in seiner Identität mit dem Begriff Judentum gewahrt werden kann. Ist doch alles Unglück und Unheil des jüngsten Jahrhunderts dadurch entstanden, daß. sich der Ber griff Judenheit souverän neben dem Begriff Judentum gestellt hat; und wir hielten und halten es für unmöglich, diese Usurpation zu legitimieren. Nun kommt ein misrachistisches Organ und teilt uns mit, daß das Hauptmotiv der Misrachi ist, der Außenwelt nicht das Bild der Zerrissenheit des jüdischen Volkes zu zeigen. Darüber müssen wir einige Worte sagen, ohne Groll, aber mit tiefem Schmerz, ohne zu rechten, sondern nur, um unseren Gesinnungsgenossen, die bescheidene Möglichkeit zu geben, diesem Vorwurf zu begegnen. Es mag seiri, daß alles, was uns auf dem Herzen liegt, schon tausendr mal gesagt ist. Allein vielleicht kann es nicht oft genug gesagt werden. Man darf übrigens nicht in die Methode verfallen, tiefbegründete Weltanschauungsfragen als die Laune oder den Eigensinn oder selbst als das Eigentum einzelner Persönlichkeit anzusprechen; wirklich nicht. Man darf femer . nicht in den Irrtum verfallen, oder gar den Irrtum nähren, als wollte die englische Regierung in dem Mandatsentwurf Ziffer 4 die jüdische Agentur als eine Vertretung des jüdischen Volkes erstellen. Das würde ja letzten Endes dazu führen, daß diese jüdische VerHältnissff aller Lander der Welt einzügreifen von England ermächtigt wäre. Und gerade England, das selbst in seinen eigenen Kolonien der Landeseinwohnerschaft innere Autonomie im weitesten Umfang mit Glück und Geschick gewährt! Es ist wirklich nicht Englands Schuld, wenn aus uns unbekannten und unbegreiflichen Motiven die Lage so dargestellt wird, als ob die jüdische Agentur auch nur das Atom einer Bedeutung außerhalb Palästinas beanspruchen dürfte. Nein, England sagt ausdrücklich: der jüdischen Bevölkerung in Palästina und England liegt es sehr, sehr ferne, so eine Art von Kapitulationen für die Judenheit in der ganzen Welt ins Leben zu rufen. Wir glauben, die englischen Juden wären die ersten, die gegen, einen solchen Versuch sich wehren würden. Und wir setzen voraus, auch Misrachi würde in seiner programmatischen Sorge für Thora doch nicht blind gegen die Gefahren sein, die aus eine'm derartigen Bestreben nicht nur für das Judentum, sondern auch für die Judenheit entstehen müssen. Vielleicht erscheinen diese Ausführungen als Abschweifung, allein sie gehören zum Thema. Denn im ganzen Verlauf der jüdischen Geschichte gab es kaum eine Periode, in der nicht diese beiden Seiten der Alternative — Judenheit, das heißt ein Volk wie alle, andern, mit rein völkischen Interessen, mit Einstellung alles Wollens auf die Verheißungen der Gegenwart, oder Judentum, eine Menschheitsgemeinschaft eigener Art, mit Interessen für das Glück der Menschheit, Träger einer Idee und Einstellung alles Wollens auf den Sieg dieser Idee in naher oder ferner Zukunft — heiß um Geltung gerungen hatten. Vielleicht sogar ist dieser Gegensatz das Scheideprinzip auch zu den Zeiten der Hellenisten und Makkabäer, der Sadducäer und Pharisäer gewesen. Beide Prinzipien sind so gewaltig, so tiefeinschneidend, so einseitig bestimmend, daß keines von beiden eine sekundäre Stellung verträgt. Kein ernster Mensch wird es als „Zerrissenheit" betrachten, wenn solch grundsätzliche Gegensätze ehrlich sich offenbaren. Im Gegenteil, es wäre unehrlich in einer Zeit, in der die Welt des jüdischen Volkes Geschick zu meistern sich berufen fühlt, darüber Unklarheit walten zu lassen, daß die geschichtlichen Ansprüche aus ganz verschiedenen Quellen fließen, es wäre Untreue, tadelnswerte Treulosigkeit im höchsten „7 sule^jfcfinaJr^^ in die sekundäre Rolle drängen ließe. Gerade d i e Welt, welche dem jüdischen. Volke etwas bieten will, hat den Anspruch darauf, ein klares Bild zu erhalten. Nicht die jüdische Geschichte, nein, die Weltgeschichte könnte und würde es uns nicht verzeihen, wenn jetzt ein bängliches Kompromiß in Form eines schnöden Verrats geschlossen würde, Unnötig zu erwähnen, daß gerade das Judentum die beste, die einzige Wehr gegen die Assimilation ist. Man lese darüber in Klatzkins tiefgründigem Werke nach. Mehr ist darüber nicht zu sagen. Aber wir wehren uns mit aller Energie gegen die Behauptung, als käme lediglich eine Autonomie in Palästina für den Erfolg der Propagierung von Lehre und Leben des traditionellen Judentums in Betracht. So möchten wir doch eine ehrenvolle Geschichte von 2000 Jahren, welche ohne jede Autonomie, rein als Judentum erfaßt und begriffen, die traditionelle Lehre gelebt haben, nicht verkleinern lassen. Als ob wirklich die Gegenwart die glanzesvollste Periode der jüdischen Geschichte wäre!? Ja wahrlich, nur gerade sind die Wege des Ewigen und auf geradem Wege wird das Judentum die beiden Lager der Enkel Jakobs zu erwünschtem Ziele führen. P. K. , Der 3abotin$ky Skandal, Die „Jüdische Presse" hat vom ersten Momente an den energischesten Kampf gegen die Haltung des Mitgliedes der zionistischen Exekutive Wladimir Jabotinsky eröffnet, dessen Name so unjüdisch ist, wie seine Erscheinung und sein Programm. Nunmehr fordert selbst die zionistische Presse stürmisch die Abdankung Jabotinskys. Vor einiger Zeit ging nämlich die Nachricht, durch die jüdische Presse, daß JäTbotinsky mit Petljura (!) eine Abmachung getroffen hätte. Jabotinsky hat diese Nachricht als unwahr erklärt. Nunmehr ist von einigen Blättern in unwiderlegbarer Weise nachgewiesen worden, daß Jabotinsky tatsächlich ein Abkommen mit Petljura getroffen hat. Die Londoner zionistische Tageszeitung, die „Zeit", selbst teilt mit, daß Jabotinsky die Aufstellung jüdischer Regimenter in der Ukraine versprochen habe. Der Redakteur und Zionistenführer Morris Meyer •ve*langt<-im^Leitarä dankung Jabotinskys. Die Leitung der zionistischen Exekutive erklärt, keine Kenntnis von den Umtrieben Jabotinskys gehabt zu haben. Die Abmachung Jabotinskys wird in russischen Blättern veröffentlicht. Die „Zeit" selbst gibt zu, daß die letzten Verfolgungen der Zionisten in Rußland und gegen jüdische Institutionen eine Folge1 des Bekanntwerdens des Jabotinsky-Petljura-Bündnisses sei. Sie . schützt Weizmann selbst, indem sie jetzt auf die Erklärung Weizmanns hinweist, daß man zionistische Angelegenheiten nicht mit Landespolitik* verquicken dürfe. (Warum wird diese Hiebst* frcundiit! Und mag eine Zeitung noch so interessant sein, für die Frau bleibt jener Teil der Zeitung der interessanteste, der die Familiennachrichten bringt. In dieser Spalte sehen wir so deutlich die Macht des Schicksales spielen, das ganze Werden, Sein, Vergehen von Generationen. So las ich auch in diesen Blättern Deine Verlobung, Deine Verehelichung und nun die jubelnde Kunde von der Geburt Deines Sohnes, der den stolzen deutschen Namen „Berthold" trägt. Also, ein freudiges Familienereignis! Keine Wortprägung ist dem Volksmund besser geglückt wie diese! Und ebenso bedeutungsvoll wie traditionell erscheint mir das Wort, das unser ganzes Fühlen und Denken in prägnanter Deutlichkeit wiedergibt, ein Stamm—halt er, ein Stammes—erhalter. Wie erhebend, ist doch der Gedanke, der die Menschheit durch die Erschaffung immer neuer Generationen an die Ewigkeit heranreichen läßt, der den Einzelmenschen über sich selbst und seine Beengtheit hinaushebt und die ragende und trägende Brücke bildet von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! All diese Gefühle und Empfindungen haben bei der so schönen Sitte im jüdischen Familienleben mitgeschwungen und mitgeklungen, immer wieder die Namen teurer Verstorbener bei der Namensgebung des Nachwuchses zu wählen, damit das geheiligte und teure Andenken der Altvordern auch in dem neuen Geschlechfe fortlebend erhalten bleibe! Jowesch Ghozir nowel ziz udwar Elaukenu jokum leaulem. Ein Geschlecht geht dahin und ein neues Geschlecht wächst heran, doch erhaben über Raum und Zeit und über die Vergänglichkeit des irdischen Menschen weit hinaus verkündet das G-tteswort allein dauernde Erhaltung, Entfaltung und Gestaltung. Dieses stolze Bewußtsein, das Ewigkeitswerte in sich birgt, sollen wir bereits in die Seelen unserer jungen Kinder einprägen, schon in frühen Jahren sie die Ehrfurcht und Liebe lehren für unser Heiligstes und Hehrstes, das heranreifende Geschlecht zu seinem Israel-Beruf ertüchtigen, Kämpfer zu werden für G-ttes Recht. Doch wir selbst sind schon fast zu schwach, kaum mehr fähig, opferfreudig zu sein. Es fällt uns last schwer, der Eitelkeit nur kleine Opfer zu bringen, um uns ein wenig mutiger und stolzer, auch nach außen hin als aufrechte Juden zu nennen und zu bekennen. Nur den Kindern keinen biblischen oder gar jüdisch klingenden Namen geben, nur alles vermeiden, wag uns als Juden kennzeichnen würde. Früher mußte man sich einen Namen machen durch Fähigkeiten und Talent, jetzt bleiben auch die schönsten Nahien ungenannt und ungekannt. Bei der Freundschaft und Liebe, die mich mit Dir, liebe Freundin, verbindet, darf ich wohl meinem Erstaunen Ausdruck verleihen, daß auch Du, die so tief im religiösen Judentum wurzelt, es über Dich gebracht hast, Deinem Erstgeborenen einen landesüblichen Namen zu geben, statt dieses Kind mit dem Namen zu schmücken, den Dein verstorbener Vater in Ehren trug, und der in unserer Gemeinde und weit über seine Gemarkung hinaus einen guten Klang hatte, wenn er auch „Benjamin" hieß. Hätte es Dein Vater nicht verdient, daß sein Name fortlebt, nicht nur in seiner Familie, nicht nur im Kreise seiner Freunde und in unserer Kehilla? Dieser ausgezeichnete Mann, dieser edelste Vater, diese unvergängliche Zierde in Israel, der nicht nur jüdischen Institutionen seinen Geist und seine Seele lieh, sondern der als Chef und Gründer einer Weltfirma auch auf sozialem Gebiete Ehre und Ansehen sich erwarb, der ob seiner edlen Gesinnung und seines vornehmen Charakters willen auch von Nichtjuden anerkannt, geschätzt und geliebt wurde, trotzdem, oder besser gesagt, weil er „Benjamin" hieß. Doch Dir erscheint dieser Name zu unmodern, zu unzeitgemäß oder vielleicht gar zu jüdisch? Vielleicht glaubst Du der Pflicht der Pietät Genüge geleistet zu haben, wenn Du Deinem Sohn noch einen zweiten, jüdischen Namen gibst, wohl nur für den Gebrauch im Tempel, wo es nun einmal nicht anders geht und sich nicht anders machen läßt. So wird unsere Pietät, die das Leben verklären soll, herabgedrückt zum Totenkultus. Auf dem schönen, prunkvollen Grabstein prangt in goldenen Lettern der jüdische Name; und auch bei dem Seelengebet für die Verstorbenen wird der jüdische Name der Eltern erwähnt. Doch im Alltagsleben will man sich zu diesem teuren Namen nicht bekennen. Gipfelt darin die namenlose Liebe zu Eltern Wien, I. Bez., Bauernmarkt Nr. 24 {Ecke Fleischmarkt, Telephon 67.302 Große Auswahl in Damenpelzmänteln, Füchsen, Herrenpeizen. Moderni-., sierungen, Reparaturen in eigener Werkstä^e. Schiff5 Pelzworenhaus