Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 32 (9.9.1921)
- Date
- 1921-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSI („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: 1 Wien, IL, Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. I Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. | Erscheint jeden Freitag*. — Redaktionsschluß: 1 Für Artikel Sonntag", für Nachrichten Montag. | Abonnementspreise: Ganajährig: Für ÖsterreichK 300*—, Ungarn K 250*-, Tschechoslowakei Kö. 70-Deutschland Mk. 60--, Schweiz Frcs. 10'-, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Binar, Polen Mk. 600-—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d Fürs Ausland 100 Prozent Teuerui Bei Wiederholung entsprechend« Nr. 32 % | Wien-Bratisl lava, 9. September 1921 .g'&nn W>« i rrDDDjnß - nn ,Tj73 i'- Korruption. (Eine Elulbetr ach tun g.) Eindringlich mahnt des Allmächtigen Wort, Bestechung nicht entgegenzunehmen, nicht zu gebön. Und das Wort wiederholt sich, ob von den Rechtsnormen oder von den Rechtsträgern die Rede ist. Dies mag seltsam klingen in einem Zeitalter der Korruption. Zwar mag manchem die Korruption als eine Art Palliativmittel erscheinen gegenüber den Unmöglichkeiten, welche die Zeit geboren hat. Allein der Wissende ist sich klar darüber, daß sich früher oder später jedwede Korruption an Gebern und Nehmern gar bitter rächt. Der Zeitpunkt dieser unausbleiblichen Kehrseite ist dann gegeben, wenn erst das Auge auch der Weisesten trübe, das Wort auch der Edelsten inhaltslos geworden ist. Es braucht ja nicht immer grobkörnige Form der materiellen Bestechung zu sein, welche das erste, leise Symptom der Korruption ahnen läßt. Vielmehr ist Korruption zunächst ein Vorgang des Innenlebens. Binsenwahrheiten sollen in diesem Zusammenhung nicht ausgesprochen werden, sonst könnte ausführlich dargelegt werden, wie der so häufige Mangel an Selbsterkenntnis letzten Endes auf einen Tribut beruht, welchen man der in Bestechungszauber so wohl bewanderten Eitelkeit zollt. Doch wahrlich ein Leitartikel als Bußpredigt möchte großen Anklang eben nicht finden. Man hielt die Bilanz seines Innenlebensfür ein streng umgrenztes Rechtsgebiet seines Selbst. Sei's d'rum, aber wenn sich Schäden der Korruption am Körper der jüdischen Gemeinschaft zeigen, dann ist ein offenes Wort wohl am Platze. Jüdisches Blut und jüdische Tränen schreien zum Himmel, und diese Stimirre hallt sin die Pforten- -der- Mächtigen auf Erden — sie droht zu verhallen. Täuschen wir uns darüber nicht. Denn diese Stimme fordert Gerechtigkeit und Liebe. Und was geschieht? In das unentwirrbare Getriebe einer, undurchsichtigen Politik wird die Judenfrage als eine Mache eingefügt. „Rechte" verleiht man, wo Gerechtigkeit auf dem Spiele steht, „Rechte" erstrebt man, wo nur allumfassende Liebe helfen kann. Und die alle, welche uns Juden richtig auf eine Linie mit irgend einem kaukasischen Bergstamm zu setzen verstanden haben und Judentum zur dienenden Magd erniedrigt haben, hämmern nun dieses Streben in das Haupt der Massen. Weil aber, wie fast selbstverständlich, solchem Streben, das sich dem politischen Weltgeschehen, dem politischen Tun so verständnisvoll anschmiegt, äußerer Erfolg nicht immer fehlt, ist es ach so leicht, zu blenden und also unmerklich, vielleicht sogar ungewollt, zu bestechen. Ja, so weit ist die Korruption gediehen, daß von den Besten fast die peinliche Frage und Sage laut wird: Ja, sehet die anderen, die „leisten" etwas, die haben Erfolge, die zeigen der Jugend ungeahnte Perspektiven usw. usw. Für schlichte Ehrlichkeit des Wollens ist das Verständnis abhanden gekommen und die Korruption der Schlagworte feiert Orgien. Weiter! Jene Stimme von Blut und Tränen, von Leid und Not hallt schüchtern an die Pforte der Reichen — sie verhallt. Herr im Himmel, nur acht Tage wenn man von seinem Sommeraufenthalt abgegeben hätte, Herr im Himmel, nur einmal wenn alle richtig Maaser gegeben hätten, aber nicht für politische Fonds, sondern ganz im Sinne der religiösen Vorschriften über Maaser, was hätte da geschehen können, was könnte noch geschehen. Aber nein, da rauscht und braust das Wort von zarter Fürsorge für die Gesundheit, von Bedürfnis nach Genuß und nach dem Schauen des Schönen, nein, da heult die fade Sirene von Valutaelend und Geldentwertung und korrumpiert den reinen Schlag so Älgi^so , guter H^ ist das Verständnis gemindert "ulia^ie ^^üplion' des Genießens feiert Orgien. Aber der Vater der Waisen lebt, und der Allmächtige, der in seinem Rechte Liebe und Gerechtigkeit zur Harmonie geeint, geht durch die Welt. Wir lauschen atemlos dem Werk seine* ,uuen^.- Doch am allerschlimmsten ist die Korruption im religiösen Leben. Was lügt man .da von einer Einheit, die nicht vorhanden ist, es sei* denn, man höhnt 'des Sinai! Was versucht man, die immerhin mögliche Einigkeit in Form einer Einheit zu erstreben? Wen täuschte man da? Die altenJHeroen, die für das Wort der Thora ihr Leben ließen, so daß die Hingabe ihres Daseins in den Augen der glorreich erleuchteten Mitwelt zur Farce ward? Die Völker der «Welt, indem man ihnen vortäuschte, religiöser Inhalt.sei nicht im Judentum, religiöse, Bindung sei eine Fabel, freies Spiel der Kräfte könne walten, Sabbathalten und Sabbatentweihen, Offenbarungsglaube und Thoraleugnung, alles sei gleichberechtigt? Und weshalb, weil Einigkeit nach außen not tue, um politische Erfolge zu erzielen, um der Flut des Hasses zu begegnen? Wirklich, mit einer Lüge glaubt man Liebe zu kaufen? Da sind die Augen der Weisen blind geworden und schwankend das Wort der Edlen. Für Wahrheit des Bekenntnisses ist das Verständnis geschwunden und die Korruption der Furcht feiert Orgien. Wie lange noch? Leset Jesaia VI, II und X. 20. P. K. Der XII. Zionfstenkongre^ Geistiger Niedergang. So unbestritten die Tatsache ist, daß der Karlsbader Zionistenkongreß hinsichtlich der Quantität alle früheren Kongresse .übertrifft, so evident ist es auch, daß er qualitativ weit hinter seinen Vorgängern zurückbleibt. Dieser Kongreß weist kaum einen einzigen Namen von Klang auf, keine einzige Pörsönlicbkeityv ..dia.jenseits - aucb-de^güdisdinafto-. nalen Parteirahmens irgendwelche Geltung hat. Weit entfernt davon alle die unermeßlichen Werte der politischen, geistigen und finanziellen Kraft, die im Weltjudentum aufgespeichert sind, mobilisieren zu können, ist wunderbarerweise gerade dieser Kongreß Honig faissul und die tne$opotami° seben Süden. Die Wahl Emir Faissul zum König von Mesopotamien und Irak hat die gesamte Bevölkerung der Stadt Bagdad und der anderen Städte des Hedschas mit einem Male zu neuem Leben erweckt. Schon lange vor der offiziellen Bekanntgabe der erfolgten Wahl durch die Stammeshäupter und Effendis traf man Vorbereitungen, um die Wiedereinsetzung eines arabischen Königs würdig zu feiern. Alle Pracht des Orients wurde aufgewandt, um den neuen König zu begrüßen. Daß die Juden des Landes, und besonders die große Judengemeinde von Bagdad, hinter der anderen Bevölkerung nicht zurückstehen konnten, versteht sich von selbst. Wir lesen im „Doar Hajom" einen ausführlichen Originalbericht über die Feier, die die jüdische Gemeinde in Bagdad aus Anlaß der Thronbesteigung Faissuls veranstaltet hat. Die Feier fand am 18. Juli im Hause des Oberrabbinates statt. Die Spitzen der Behörden, die Notabein des Landes, die Gesandten und Konsilien der fremden Regierungen und ebenso der High Gommissioner der großbritannischen Regierung waren im Hause des Oberrabbiners zu dieser Feier erschienen. An den Wänden des Empfangssaales hingen Schilder mit entsprechenden Inschriften und die Bilder Faissuls und seines Vaters Königs Hussain. Ueber den ad hoc errichteten Thronsessel wehte eine arabische Fahne mit hebräischer Inschrift. Jüdische Kawasse und Ehrendiener hielten Wache und an beiden Seiten der Straßen wurden die Zöglinge der jüdischen Schulqn aufgestellt. In Saale selbst boten die erschienenen Vezire, Konsule, Scheichs, Ghachains in ihrer bunten orientalischen Tracht, und zwischen sie gemengt Journalisten, Bankiers und hervorragende Kaufleute in europäischer Kleidung ein eigenartiges Bild, wie es sonst wohl selten anzutreffen ist. Unter den Klängen der arabischen Nationalhymne erschien König Faissul im märchenhafter orientalischer Kleidung und nahm auf dem Throne Platz, während die anderen Anwesenden der Feier stehend anwohnten. Der Oberrabbiner trat vor den König hin und überreichte ihm namens der Gemeinde ein prachtvolles Geschenk: ein reich vergoldetes Tenach in Prachjeinband. Der Emir nahm das Geschenk an und dankte dem Oberrabbiner. Nachdem einige eigens zu diesem Anlasse verfaßte arabische Lieder vorgetragen wurden, richtete der stellvertretende Oberrabbiner Salim Effendi an den König eine Ansprache, in der er die Huldigung der Jüdischen Nation von Irak" dem jungen König darbrachte. Er pries in seiner Rede die Tugenden des arabischen Volkes und besonders die Vorfahren des neuen Königs, die dem arabischen Volke seit Generationen Ruhm und Ehre bereitet haben. Emir Faissul war es vorbehalten, die arabische Nation wieder aufzurichten und in allen Ländern, wo Araber wohnen, das Arabertum zu neuem nationalen Leben zu erwecken. Araber und Juden sind stammverwandt. Sie führen ihren Ursprung beide auf den Erzvater Abraham zurück. Aber nicht nur dieser gemeinsame Urahne verknüpft die Juden mit den Arabern, sondern auch ein inniges freundschattliches Verhältnis, das bereits Jahrhunderte währt. Sehr oft in der jüdischen Geschichte kamen die Araber den Juden entgegen. Als die Juden aus Palästina vertrieben wurden, wurden sie von den arabischen Stämmen des Irak freundlich und mit offenen Armen empfangen. Zum Schlüsse seiner Ansprache schilderte er die glorreiche Herrschaft der Abassiden und gab dem König die Versicherung ab, daß die Juden des Landes gemeinsam mit der gesamten Bevölkerung ihre Pflichten dem Vaterlande gegenüber erfüllen und den Thron Faissuls mit allen Kräften schützen werden. Weitere arabische und hebräische Lieder wurden vorgetragen. Drei Juden traten vor mit reichgeschnitzten Thorarollen am Arm. Zuerst küßte der Oberrabbiner die Rollen und nach ihm König Faissul. Diese Szene wurde photographisch aufgenommen. Zum Schlüsse erhob sich König Faissul und hielt folgende Ansprache an die Versammlung: „Ich danke meinen jüdischen Kompatrioten, die den belebenden Geist der irakischen Nation bilden, für diese Feier, die ihre Gefühle für mich und ihr Vertrauen in mich zum Ausdrucke brachte. Ich bete zu G-tt, daß es mir gelingen möge, dieses Vertrauen zu erhöhen. Denn nichts fördert das Vaterland so, wie gegenseitiges Vertrauen. Ich wünsche nicht zu hören, daß es in diesem Lande Muselmanen, Christen und Juden gibt, denn dieses Vaterland ist nichts, als arabisch und semitisch. Im Wörterbuche des Nationalismus gibt es nicht Muselmanen, Christen und Juden, da gibt es nur Iraken. Ich verlange von meinen Brüdern, die dieses Land bewohnen, daß sie nichts anderes seien als Iraken. Wir gehören alle dem gemeinsamen semitischen Stamme an, ohne Unterschied zwischen Muselmanen, Christen und Juden. Wollen wir vorwärts schreiten und uns entwickeln zu einer gesunden Nation, so müssen wir diese trennenden Bezeichnungen vergessen, sonst machen wir Rückschritte statt Fortschritte. Jakob Effendi erwähnte vorhin in seiner Ansprache, daß die Araber vom Hedschas in fast allen Epochen den Juden zu Hilfe gekommen waren. Die Araber haben damit bloß ihre Pflicht ihren jüdischen Stammesgenossen gegenüber erfüllt. Auch die Juden teilten mit den Arabern das Schicksal und alles Schiff5 Pelzwarenhaus Wien, I.Bez., Bauernmarkt Nr. 24 Ecke Fleischmarkt, Telephon 07.302 Große Auswahl in Damenpelzmänteln, Füchsen, Herrenpelzen. Modernisierungen, Reparaturen in eigener Werkstätte.