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Jüdische Presse · 1921-08-06 · 27 (6.8.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
27 (6.8.1921)
Date
1921-08-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel 3onntag, für Nachrichten Montag. Abonnenientspreise: Gansg&hrig: Für Österreichs300«—Ungarn K 250;—, Tschechoslowakei Kö. 70*—, Deutschland Mk. 60*—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 shming, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600-—. Einzelnummer d.-ö. K 6—, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10' — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 27 Wien-Bratislava, 6. August 1921 ♦x's-in •« nri an^oopna - n-pa I 7. Jahrg. Tübrer, Woran ging die alte Welt zu Grunde? Weil die Führenden bei ihren Völkern und Getreuen gerechten, sittlichen Abscheu gegen macchiavelüstische Prinzipien zu erregen verstanden und dabei ihrerseits so handelten, daß sich selbst Macchiavelli geschämt hätte. Hat die Welt aus ihrem Sturz etwas gelernt? Nein. Wir sind heute weiter denn je davon entfernt, daß in Staaten oder Gemeinschaften die Grundsätze des Wahren und Guten zur Führung berufen würden. Was wir jedoch am meisten bedauern ist, daß die Empfindungen der innereYi Empörung gegen dieses widerliche Sich-Hervordrängen rein persönlicher Interessen kaum noch einen Ausdruck finden. Man kann deshalb die Charakteristik unserer Zeit also geben: die anständigen Menschen sind müde geworden. Fast nimmt man es schon als Schicksal hin, daß ein Faustrecht der — Kehle sich breit macht: perfide Denunziationen werden von „Parteigenossen" mit wohlwollendein Schmunzeln quittiert, in persönlichen Angriffen versucht man Sachen zu diskreditieren und nur „reine Toren" finden noch den Mut, sich solchen Situationen auszusetzen. Wenn nun Agudas Jisroel ihren Beruf, alle Fragen im Geiste der Thora zu lösen, ernstlich erfassen will, muß sie vor allen Dingen das Führungsproblem baldigst zur Lösung bringen. Wir meinen hier keineswegs Personenfragen, die wechseln ja mit wechselnden Generationen, nein, wir meinen Grundsätze, wir meinen Beantwortung der Fragen: Was gibt man den Führern und was verlangt man von ihnen? Eines folgt aus dem anderen. Man kann dann Vertrauen zur Führung haben, wenn man Eines, aber dieses Eine .auch unbedingt, verlangt und empfängt. Dies ist die Fernhaltung von dem maschgeh 'iwer ba dorech in allen Konsequenzen, oder, um uns eines modernen Ausdrucks zu bedienen, Ehrlichkeit des Mutes und Mut der Ehrlichkeit, auch gegen den Strom zu steuern. Möglichkeiten und Unmöglichkeiten kann die breite Front nicht erkennen und abwägen, dies muß dem Verantwortlichkeitsgefühl der Führenden überlassen blieben. Um so gebieterischer tritt daher an diese die Pflicht heran, die Geführten keinen Augenblick darüber in Zweifel zu lassen, wenn eventuell in dieser feinen Grenzlinie eine Verschiebung stattgefunden hat. Deshalb ist es unter Umständen das erste Erfordernis eines Führers, gehen zu können. Es wäre ein Verbrechen, eine Gemeinschaft oder eine Partei in einen Ideengang hineinzujagen, falsche Hoffnungen zu erwecken oder als unrichtig erkannte Hoffnungen auch nur einen Augenblick länger aufrecht zu erhalten. Es ist natürlich nicht zu verlangen, daß jeder Führer ein Genie sei, in dem Sinne, daß ein wirkliches Genie mit den Mitteln der Zukunft arbeitet, aber dasjenige, was sich an logischen Konsequenzen für die Zukunft ergibt, muß er in den Bereich seiner Betrachtungen ziehen. Auch in diesem vorausschauendem und erwägendem Sinn muß er vor dem Volk einhergehen, hinaus und — zurück. Er muß den Mut aufbringen, wenn Mißbrauch eines Schlagwortes, unvernünftige Anwendung einer Idee die Geführten in Gefahr gebrächt haben, dies eindringlichst klarzustellen und es ist seine Pflicht, den Irrtum einzugestehen1 und szch# ohne Rücksicht auf einen etwaigen.Verlust an Prestige vor den Geführten auf den Rückzug zu begeben, sie sicher zurückj zugeleiten. Die Nutzanwendung dieser allgemeinen Gedanken Ach, welcher einigermaßen Unterrichtete kennt sie nicht? Ist es denn nicht der ganze Jammer unserer Tage, daß dieser Mut fehlt, daß aus den Geführten nur zu leicht Verführte, daß aus den Führern Geführte werden. Es gibt Ideengänge, welche mit perfider Kunst und Geschicklichkeit in die Welt geworfen wurden, um die Völker der Erde gegen-. einander zu hetzen, um Staatengefüge auseinanderzureißen, um schamlos egoistische Pläne und Verträge mit der heuchlerischen Maske großer Gedanken zu umhüllen; die ganze Welt nun ist im Erwachen begriffen, man weiß, daß all die schönen Worte — Worte, all die schönen Phrasen — Lüge waren. Und unsere „Führer" wollen dies nicht begreifen und letzten Endes werden bei diesem System die Juden das beklagenswerteste Opfer sein. Führer Israels, es ist Zeit, höchste Zeit, umzukehren. P. K. Die flguda- Delegation in Rumänien. Errichtung eines Zentralbureaus der Aguda in Transylvanien. Aus Großwardein wird uns berichtet: Dank der Anregung der,Delegation der Aguda, haben wir ein Zentralbureau der Agudas Jisroel errichtet.. Somit ist unser langgehegter Wunsch endlich erfüllt und wir hoffen und gedenken mit G-ttes Hilfe' eine ersprießliche Tätigkeit imr Interesse unserer heiligen Sache entfalten zu können. Wir.gehen jetzt daran, den Preßfonds für die Gründung eines eigenen würdigen Organes für Transylvanien zu schaffen. Die Leiter des Bureaus sindr'Miksa Weiß, Präses; Dr. Samuel Feldmann, Sekretär. Die Delegation in Klausenburg. Die Delegation hat in einer Synagoge mit Erfolg gesprochen. Eine Ortsgruppe wurde gegründet. Die Aguda-Delegation in Chisinau (Kischinew)- Am 21. Juli ist Herr Wolf Pappenheim und Dr. Joel Pollak in Kischinew eingetroffen. Am 26. fand eine Versammlung statt, über welche Bericht folgt. In Kischinew besteht eine gute agudistische Organisation mit eigenem Bureau. Es wird ein eigenes Aguda- Organ herausgegeben werden. Die Delegation in Bistritz. In Bistritz wurde ebenfalls eine Ortsgruppe gebildet. Auf der Durchreise von Czernowitz wurde die Delegation von der Serether Ortsgruppe begrüßt. Versammlung in Deäs. Eine imposante Versammlung fand am 17. Juli in Dees statt. Die Delegation wurde bei der Bahn von einer Deputation der Gemeinde ''unter dei^~~Fü:hnmg:*'des"^ Abraham Auspitz empfangen. Es fand hierauf ein Diner im Hause des Gemeindepräsidenten Herrn Fr. Ordentlich statt. Von Oradeamare traf per Auto eine Deputation unter Führung der Herren Stefan Ulimann und N. Meisler ein. Die Versammlung fand im großen Saale des Komitatshäuses statt. Mehr als tausend Personen haben teilgenommen. Oberrabbiner Paneth schl. zeichnete die Versammlung mit seiner Anwesenheit aus. Eine Depesche des Oberrabbiner Fuchs (Oradeamare) wurde verlesen, worin der An- Uon (Uien nach new York. (R e i s e b r i e f e.) Von J. Kreppel. III. Pariser Juden. (4. Fortsetzung.) Die kurze Zeit, die mir zur Verfügung stand, und das große Interesse, das ich dem Leben und Treiben der Ostjuden in der französischen Hauptstadt entgegenbrachte, erschwerte "mir, auch dem bodenständigen Judentum in Paris die nötige Zeit zu widmen. AHein das, was ich zu sehen und zu hören die Gelegenheit hatte, ließ mich erkennen, daß die sogenannten Pariser Assimilanten viel jüdischer als ihre Brüder in den anderen europäischen Staaten sind. Natürlich gibt es hier Ausnahmen. Der Umstand beispielsweise, daß Baron Edmund v. Rothschild Präsident des jüdischen Konsistoriums ist, und daß alle Kundgebungen desselben seine Unterschrift tragen, bringt es mit sich, daß auch die anderen reichen Juden den jüdischen Angelegenheiten mehr Interesse als anderswo entgegenbringen. Die Atmosphäre in den Tempeln ist viel jüdischer, als beispielsweise in Wien. Die Rabbiner widmen sich ganz ihrem Berufe und bleiben sich auch in ihrem äußeren Auftreten treu. Der Oberrabbiner von Frankreich, Dr. Israel Levy, ist nicht bloß ein großer Gelehrter, der allen Erscheinungen auf dem Gebiete des jüdischen Wissens mit Interesse folgt, er ist auch ein warmer Föftlerer aller Aktionen, die die materielle und geistige Stärkung des Judentums zum Ziele haben. Grand-Rabbin Dr. Levy ist kein Parteiagitator, mag er auch in jüdischen Fragen seine eigene Meinung haben. Er ist eifrig bemüht, zu helfen, wo Hilfe nötig ist und bei dem großen Ansehen, dessen er sich allgemein erfreut, gelingt es ihm auch immer, das gewünschte zu erreichen. Der Oberrabbiner von Frankreich, hat keine Empfangsstunden, sein Haus steht jederzeit offen für jeden, der etwas vorzubringen hat. Für die religiöse Auffassung der französischen Juden ist der Umstand charakteristisch, daß der Grand-Rabbin und sein Assistent, Rabbiner M. Liber, täglich morgens und abends dem Gottesdienst im Tempel beiwohnen. So wird auch denjenigen, die bloß deswegen den Gottesdienst besuchen, um Kaddisch zu sagen, ein gewisser Respekt vor den religiösen Einrichtungen eingeflößt. — Einem religiösen Juden bietet das ganze zwar blutwenig, aber die Sache verdient Erwähnung, wenn man sich die Zustände in Wien und anderwärts vor Augen führt. Von den Pariser Rabbinern verdient, der bereits erwähnte Rabbiner M. Liber, Assistent des Grand- Rabbin, besonders hervorgehoben zu werden. Geboren in Polen, ist ihm das althergebrachte Judentum so sehr in Fleisch und Blut übergangen, daß er in bezug auf religiöse Anschauung und religiöses Leben kaum etwas zu wünschen übrig läßt, obwohl er als Kind nach Paris kam und die Dinge im Osten nur noch als Kindererinnerung beibehält. Die „Girsa dejankussa" wirkt aber ungeschwächt fort. Rabbiner Liber, der als Assistent des Oberrabbiners und als Gelehrter überaus in Anspruch genommen ist, ist trotzdem der Schutzengel der Ostjuden, diö sich an ihn bei jeder Gelegenheit nicht ohne Erfolg wenden. Ganz besonders für die fortgesetzt ausgewiesenen Juden ist seine Intervention zu jederzeit sicher, sehr oft mit positivem Resultat. Bei dieser Gelegenheit darf betont werden, daß das Verhalten der Pariser Juden zu den Ostjuden im allgemeinen viel freundlicher als anderwärts ist. Sie geben ihnen gerne Beschäftigung und schützen sie nötigenfalls gegen das Vorgehen der Polizei. Die allgemeine Wirtschaftskrise, die Folge der Friedensverträge und ihrer Begleiterscheinungen, hat natürlich auch Frankreich nicht verschont. Während meiner Anwesenheit in Paris nahm die Krise große Dimensionen an, hunderttausende Arbeitslose, Einstellung der Betriebe, Stockimg im Handel usw. Die Juden, die auch in Frankreich vornehmlich dem Handelsberufe angehören, lebten eine schwere Zeit durch und auch das öffentliche Leben stand unter dem Eindruck dieser Zustände. In den letzten Jahrzehnten drohte dem französischen Judentum eine Verdorrung. Der Nachwuchs, die Jugend, wurde immer weniger jüdisch. Von außenher kam kein Zuzug. Früher pflegten die sich in Paris ansiedelnden Ostjuden nach und nach französisiert zu werden. Seitdem sich aber die Zahl der Ostjuden vermehrt und, diese angefangen haben, ein eigenes Leben zu führen, blieb der Anschluß aus. / Man glaubt nun in Paris, daß die Wiedervereinigung Elsaß-Lothringen mit Frankreich da Abhilfe schaffen wird. Die Verhältnisse bringen es mit sich, daß viele Juden aus dem Elsaß nach Paris übersiedeln und einen lebhafteren jüdischen Geist, ein stärkeres Festhalten an die Tradition mitbringen. Auf diesem Wege führen sie dem alten Stamm neue Säfte zu. — Die Frage ist nur, ob die Wirkung von Seine-Babel nicht einen entgegengesetzten Effekt zeitigen werde'? ... Parteipolitisch ist das Gros der Pariser Juden assimilatorisch — diese Assimilation ist aber die Folge einer hundertjährigen Entwicklung und äußert sich kaum in derartige Formen, wie in den anderen europäischen Ländern. Der Zionismus hat unter den französischen Juden nur wenig Anhänger. Die Zahl der orthodoxen Juden ist nicht gering, doch ist ihr Einfluß infolge Mangels einer Organisation minimal. Der „Agudas Jisroel" eröffnet sich hier ein großes Feld. Nur der Aguda könnte es, wie in anderen Ländern, auch hier gelingen, die Glaubenstreuen ,von West und Ost zu rallüeren und in dem Lande, das durch Jahrhunderte ein Hort der jüdischen Gelehrsamkeit war, der Krone der Thora ihren früheren Glanz wieder zu geben. (Festsetzung folgt.)

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