Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 26 (29.7.1921)
- Date
- 1921-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Gansy ährig: Für OsterreichK 300'—, Ungarn Z 250*—, Tschechoslowakei Kö. 70'—, Deutschland Mk. 60«—, Schweiz Frcs. 10* — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600'—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. T50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10' — Fürs Ausland 100 Prozent Tonerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 26 Wien-Bratislava, 29. Juli 1921 wann man td nri nnoDjns " rr$z I 7. Jahrg. Entwurzelung und Gnwurzclun^. (Ein Ruf in die Wüste.) Wir zitieren. Davr Triesch („Das neue Palästina", Seite 15) sagt: „In Wirklichkeit hat der Zionismus in Vorbereitung der äußeren Entwurzelung diese ganze Zeit hindurch die innere Entwurzelung vorbereitet und gef<" dert. Er hat den jüdischen Massen gesagt: Ihr geh nicht dahin, wo ihr seid. Er hat von den Aerms.'in Beiträge, Beteiligung an Unternehmungen und dergleichen verlangt: im Hinblick auf eine rr^ifbare, nahe bevorstehende Verwirklichung. Und wenn das Resultat dieser Entwurzelungs¬ und Einreihungsversuche nicht größer gewesen ist, so lag es nicht am Willen der Zionisten, sondern an der Trägheit der Massen. Und oft genug hat man zionistischerseits eben der jüdischen Welt vorgehalten, daß ihr Mangel an Anteilnah ■<» i&s große Werk der Erlösung verzögere." •"|n " Wenn eine objektive Geschieht <r ,K,eibung der späteren Zeit den ganzen Jammer unserer Tage zu begreifen und zu erfassen sich bemühen wird, so wird sie auf diesen Satz oder wenigstens auf den Gedankeninhalt zurückgreifen müssen. Es ist uns nicht bekannt, in welcher Form die zionistische Presse auf diesen Satz reagiert hat. Uns will bedünken, sie hätte sich damit auseinandersetzen und den furchtbaren Vorwurf, der darin geborgen ist, zu entkräften versuchen müssen. Unsere Wege müssen anders sein. Das Suchen nach dem Schuldigen, aus einseitigem Parteiinteresse geboren, vergiftet und ist zwecklos. Der Versuch, aus miterlebten Ereignissen Wirkung und Ursachen zu erkennen, verlangt tiefen Ernst. Ein Rückblick worten. Als eine Folgeerscheinung der französischen Revolution, welche einen Glauben an allgemeine Menschenrechte in das Gehirn der Zeitgenossen eingehämmert hatte, vollzog sich in den Westländern im ersten und zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts die Emanzipation des jüdischen Individuums. Anfangs wirkte diese geschichtliche Tatsache verheerend, weil eine überwältigend große Anzahl jüdischer Individuen ihre religiöse Treue unter dem 'Schutt der fallenden Mauern der Ghetti begrub. Man nannte diesen schnöden Abfall Assimilation, Angleichung an die Umgebung. Ernste Staatsmänner wußten alle Zeit und allen Ortes, daß die Anbiederung Ausdruck der streberischen Selbstsucht war und werteten sie nach dieser Erkenntnis. Entgegen dieser traditionslosen, autoritätslosen, heuchlerischen Würdelosigkeit verband die allmählich erstarkende Orthodoxie den unbeugsamen Willen zur Aufrechterhaltung der Eigenart des Judentums mit froher Erfassung und Erfüllung der Aufgabe der Gegenwart, der Mitarbeit an dem Wohle des Staates, in dem ihr des Allmächtigen' Wille Heim und Herd gewährte. Verlangte der jeweilige Staat bei Verleihung irgendeines Rechtes Aufgebendes religiösen Prinzips (zum Beispiel Religionswechsel bei bestimmten Beamtenkategorien) oder einer religiösen Vorschrift (zum Beispiel Sabbatentweihung bei staatlicher Anstellung), so verzichtete sie ohne Weiteres, ohne das beliebte Konto von Pflicht und Recht, von Leistung und Gegenleistung aufzumachen. Gab ihr doch religiös-fundierte Erkenntnis den Staat als einen Oberbegriff, dem gegenüber eine solche bilanzierende Rechnung untunlich sei. So hat die Orthodoxie jede Gefahr der Assimilation überwunden und hat bewiesen — nicht immer hielt man das für möglich —, daß individuelle Emanzipation und religions-zentrisches Leben in Denken, Wollen und Tun möglich sei. Politisch wurde auf diese Weise der Jude Vollbürger, es erwuchs ihm ein gesundes Heimatsgefühl, in dem äußeren Rahmen der Verhältnisse lag "*chts, was ihn hinderte, Volljude zu sein im richtigen Sinne des Wortes, allen Ansprüchen zu genügen, welche sein G-tt und im Namen G-ttes die jüdische Gemeinschaft an ihn stellte. Er wurzelte in dem jeweiligen Lande ein, ohne entwurzelt zu werden. **H3^^Tnlfe^^ äußerte sich das Emanzipatiohsbestreben in östlichen Ländern, revolutionär (im geschichtsphilosophischen Sinne dieses Wortes), nicht evolutionär. Als der Tag zum Aufstellen von Anträgen und Forderungen wirklich gekommen war, waren usurpatorische Volksvertreter da, welche nichts wissen wollten von der Emanzipation des Individuums, und an Stelle dessen die Emanzipation des Ganzen, des Volkes, wie sie es nannten, stürmisch verlangten. Um aber diese Sprunghaftigkeit den Massen begreiflich zu machen mußte mit zwingender Notwendigkeit das in Szene gesetzt werden, was Triesch in dem eingangs erwähnten Zitat die innere Entwurzelung nennt. Man mußte den Massen die Emanzipation des Individuums als etwas Wertloses, etwas Unwürdiges, etwas Häßliches darstellen. Das geschah in ausgiebigstem Maße, unseres Erachtens in ganz unverantwortlicher Weise. Um die Assimilation des Ganzen in die Wege zu leiten, stigmatisierte man die Assimilation des Einzelnen, ohne, wie es gerecht und anständig gewesen wäre, an dem Hinweis auf die Orthodoxie zu zeigen, daß Emanzipation des Individuums nicht unbedingt zur Entwurzelung führen muß. Nur einzelne auserlesene Geister, wie Klatzkin, waren mutvoll genug dies einzugestehen; auch Herzl warnte eingringlichst vor dieser inneren Entwurzelung durch demagogische Konstruktion eines jüdischen Nationalismus. Man muß gerecht sein und sagen, daß dieser Entwurzelungsversuch nicht unbedingt aus dem zionistischen Wollen folgen muß. Beweis dessen ist die Tatsache, daß sehr viele Zionisten des Westens sehr wohl und sehr eindringlich den Wert der Emanzipation des Individuums zu schätzen wissen und deshalb (?) jene von Triesch geschilderte Entwurzelung als Vorfrucht des Weges nach Palästina, jene Ueberspringung des individuellen Wollens nur von den armen', gequälten Massen des Ostens verlangen, nur von diesen verlangen, daß sie sich all den Gefahren und Kämpfen aussetzen, welche mit der Forderung der Emanzipation des Ganzen verbunden sind. Im übrigen liegt jetzt Weg und Entwicklung klar zu Tage; jeder Einsichtige, jeder verantwortliche Mensch sieht und rät und tut im Verfolg dieses klaren Schauens. Gewiß, es gibt Länder, die sich das Schicksal der alten Hispania bereiten, die mit Gewalt, mit Tod und Leid, mit Raub und Not den Juden die äußere Entwurzelung aufzwingen. Sie werden das Schicksal Assyriens teilen. Und insoferne Palästina eben diese armen Entwurzelten nicht fassen kann, sei es aus ökonomischen Gründen, sei es aus Motiven der Staatsraison, ist es Pflicht aller Juden, ist es Pflicht aller Völker, ihnen eine Stätte zu bereiten, in der sie einwurzeln können. Hier geht G-tt durch die Welt und stellt uns eine Aufgabe von unendlicher Tragweite; versagen die Juden, versagen die Völker, nun, des sind wir sicher, dann wird eben der Allmächtige aufs l^eue die „Grenzen der Völker stecken nach der Zahl der jüdischen Uon Uiiett nach ßtw VorU. (R e i s e b r i e f e:) Von J. Kreppel. II. Die Ostjuden in Paris. . (8. Fortsetzung.) Wie in allen Großstädten konzentrieren sich auch in Paris die Ostjuden nicht bloß im eigentlichen Judenviertel, auch im Zentrum der Stadt gibt es schlossene Massen Ostjüden, so in der Umgebung der Rue Cadet, wo es ein orthodoxes Bethaus und einige verläßlich koschere Restaurants gibt, ebenso um die Rue de Montmartre usw. Aber hier wie dort sind sie wenig auffallend. Bis zur Trennung von Kirche und Staat in Frankreich konnten die Ostjuden keine eigene Gemeinde bilden. Das jüdische Konsistorium war allmächtig und ohne dessen Zustimmung durften keine Gemeinden entstehen. Die Herren vom Konsistorium waren schon zu einer Zustimmung zu bewegen, aber die Sache berührte auch den Staatsfiskus — zahlte doch der Staat die Gehälter der Rabbiner und der anderen Kehilleangestellten — und es war nicht leicht, da etwas zu erreichen. Dieser Umstand führte auch dazu, daß die nach und nach sich in Paris besetzenden Ostjuden der Assimilation verfielen. Deswegen konnte auch kein reges jüdisches Leben aufkommen. Erst seit der Trennung von Kirche und Staat hat das Konsisterium viel von seiner Macht verloren, der Staat zahlt keine Beträge zur Erhaltung der Gemeinden und man darf solche nach Belieben gründen, wenn man nur das nötige Kleingeld hiefür hat. Die Pariser Ostjudengemeinde ist die erste, es dürften sich aber auch in der Provinz ähnliche Gemeinden bilden, besonders in den Hafenstädten, durch welche der Emigrationsstrom seinen Weg nimmt. Der große Emigrantenstrom, der in den letzten Jahren den Weg über die französischen Häfen nimmt, hat Paris mit einem neuen Typus von Ostjuden bereichert; es sind die unglücklichen Emigranten, die hier aus Mangel an Geld oder infolge Fehlens der nötigen Papiere Halt machen müssen und sehr oft Monate hindurch bleiben, wenn sie die Polizei nur in Ruhe läßt. Nicht weniger als drei Emigrantenheime dienen zur Aufnahme dieser Emigranten und sie sind fast immer überfüllt. Die Heime sind ursprünglich seitens der Ostjüden errichtet worden, aber die große Zahl der Zuzügler erforderte derartige Auslagen, daß sich der ostjüdische Emigrantenschutzverein an die französischen Juden um Hilfe wenden mußte. Diese Hilfe ist auch erteilt worden und seither werden die Heime gemeinsam von Ostjuden und von den Bodenständigen — um ein Wiener Schlagwort zu gebrauchen — ausgehalten. Die Emigrantenheime sind 'modern eingerichtet, große luftige Speise- und Schlafsäle, die Behandlung und die Verpflegung der Insassen ist gut. Diese bieten aber in der Regel einen sehr traurigen Anblick. Zumeist befinden sie sich in großem Elend und sehen traurig in die Zukunft. Da sind zwei junge Leute, die man von Havre zurückgeschickt hat, den einen «wegen kranker Augen, den anderen wegen eines unreinen Kopfes. Auf meine Frage, ob sie sich das nicht vorher richten konnten, das wären doch keine unheilbaren Krankheiten, entrollten sie mir ein Bild ihres herzzerreißenden Elends. Der eine kommt aus Rumänien, ist seit etwa sechs Monaten unterwegs, hat alle Schrecknisse der Hölle mitgemacht, bis er nach Paris gelangt ist. Er hat sein ganzes Selbstbewußtsein. Verloren und wußte gar nicht mehr, was er vor dem Besteigen des Schiffes zu tun hatte. Das Schicksal des zweiten ist nicht weniger traurig. Jetzt sitzen sie im Emigrantenheim und warten auf Erlösung. Es fehlt ihnen das nötige Geld und sie erwarten es von ihren Verwandten in Amerika, aber es kommt nicht . . . Noch trauriger ist das Schicksal eines älteren Juden und eines Studenten. Sie sind von Ellis-Island zurückgeschickt geworden, weil sie falsche amerikanische Visa hatten. Die Not in Polen ist groß, jeder möchte so rasch als möglich nach Amerika — aber es dauert Wochen und Monate, bis man ein Visum bekommt. Gewissenlose Menschen haben sich dies zunutze gemacht und heimlich herum flüstern lassen:, für einen solchen und solchen Betrag verschaffen sie das Visum innerhalb weniger Tage. Die Spekulation auf die Leichtgläubigkeit der Wanderungslustigen gelang nur allzu gut, hunderte arme Leute 1 sind diesen Lumpen zum Opfer gefallen. Sie haben das letzte ausgegeben, um nach Amerika fahren zu können, nun stehen sie da und müssen Gäste des Emigrantenheimes werden, da sie nach Hause nicht mehr zurückfahren können. Nicht alle Emigranten bleiben als Gäste in den' Heimen. Viele, die nur irgend eine Profession gelernt haben, bekommen durch die Vermittlung der Heime-Verwaltungen passende Anstellungen' und wären imstande, "sich ehrlich und redlich zu ernähren; es sind aber alle, die aus dem Osten kommen, der Pariser Polizei als Kommunisten verdächtigt und tagtäglich hagelt es Ausweisungen. Alle Interventionen sind vergeblich, höchstens erlangt man eine kürzere oder längere Prolongation — aber, wer einmal das Ausweisungsdekret erhalten hat, der muß fort, selbst wenn er eine Beschädigung hat und sich redlich ernährt. Man sieht: es i6i nicht leicht, als Ostjude in Paris zu leben. Wie groß die Zahl der Osljuden in Paris ist, kann nicht mit Bestimmtheit festgestellt werden. Ihre Zahl ist jedenfalls groß genug, um ein jüdisches Leben schaffen zu können — wenn sie nur die gebotene Ruhe hätten. * (Fortsetzung folgt.)