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Jüdische Presse · 1921-07-15 · 24 (15.7.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
24 (15.7.1921)
Date
1921-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, IL, Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Fär Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 300-—, Ungarn K 250* -, Tschechoslowakei Kö. 70--, Deutschland Mk. 60«-, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei. Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 800*—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10'--. Fürs Aasland 100 Prozent Tonernngsznschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 24 1 Wieh-Bi ratitlava, 15. Juli 1921 «g'snn nön rwDDsna - ■ nn n*j?2 1 7. Jahrg. Die Zukunft? *'Die Zukunft? . . . In jenem verklungenen goldev Zeitalter der antidiiuvjanischen, vorweltkriegerisehen Aera. da noch der Friedensengel leibhaftig unter uns Erdenkindern wandelte, eh' noch die latente Disharmonie des europäischen Konzertes in die diabolische Katzenmusik des Weltkrieges ausgeartet war ... dargebracht dem Urgeisi der Liebe, dem über den Sternen waltenden Pazifizisten, dem sie noch, um zum Schaden auch den Spott zu fügen, blasphemisch ein Tedeum laudamus nach dem andern zum Himmel empororgelten — was rief der Gedanke an die Weltzukunft damals für wohlige Vorempfindungen wach? Galten die anrückenden Dezennien nicht als gleichgestaltete Stufen, ansteigend zu einer Kulturhöhe, die berückende Ausblicke in das Wunderland ütopia, in ein wahres Schlaraffla von Vollgenüssen ethischer und technischer Höchstschöpfungen gestattet hat? Rückten nicht dem ausschauenden Seherblicke der Menschheit alle feindlichen Volkergruppen mit der Regelmäßigkeit des Gesetzes der Perspektive aneinander stetig näher, wie die konvergierenden Bäume einer Allee, die sich am Horizonte gänzlich berühren müssen? War unser Glaube an die erlösende Mission des 20. Jahrhunderts nicht so unzerstörbar mächtig, daß wir selbst in den ersten Akten des großen Schauerdramas, dieses höllische Feuerwerk noch immer für das apothetische Schlußfableau einer untergehenden, vom Weltfrieden abgelösten Welt erblicken wollten? Die Zukunft! . . . Nun schrillt das Wort schaurig an der Menschheit Gehör, wie der Anruf an den verstiegenen Somnajralen; peinigt die Ahnung mit Visionen, wie expressionistisch. inej^aM.ej; aewirbelte Phantasiefetzen von hippokratisch grinsenden Leichenfratzen, die Sonne verfinsternden Qualmschwaden über infernalischen Feuerfraß, einem Taumeln und Krachen des Weltgebäudes unter den Simsonfäuslen des Amok laufenden Proletariers . . . bis alle Entsetzen dieses Höllen-Breughels gar verblassen neben der „gelben Gefahr", den aufzuckenden Halluzinationen einer Sturmflut schwarzer, gelber und brauner Dämone, nie erhörter Massen von Rachegeistern seit Anbeginn grausam versklavter Menschenrassen, die sich an das ahnungslose Europa herangeschlichen hatten, wie der herkulische Unhold Othello an das Lager des liebreizumflosscnen Blaßgesicht Desdemona herantobt. Dazwischen dräut das Gespenst des Rätselgeschöpfes Jude, des von allen über diesen Planeten wandelnden Geschlechtern Gesegneten und Verdammten, dieses janusköpflgen Volksgebildes, halb Seraph, halb Beelzebub, hie Moses hie Shylock, bald mit Mammons gleißender Krone, bald mit der phrygischen Rotmütze gekrönt, erhabenster Gesetzesgeber und dessen ruchlosester Zerstörer zugleich, anbetungswürdig und zum Rasen bringend," mit seinem ewigen Doppelseelentum seine Umwelt selbst irritierend, sie heute zu Hosianna, morgen zu „Steiniget!" hinreißend; schwächlicher und mächtiger als die anderen, stolzer und doch so selbstverachtend bis zur Weltverlorenheit, zur endlosen Daseinsqual verurteilt durch die Gegensätzlichkeit zweier in ihm ringender polarer Kräfte, deren eine ihn zur Gravitation um das vererbte hohe himmlische Ideal zwingt, während ihn der dämonische Individualismus „des Golusmenschen stets an das Allzuirdische niederbeschwert. Vertausendfacht wurde die Heftigkeil, des heißen Widerstreites zwischen den Extremen der über- und allzumenschlichen Triebkräfte, welche die jüdische Volksseele zerfleischen, durch C ^n rasenden Kriegssturm, der alle Antriebe zur Höchstentfaltung anspannte und jüdisches Glück und Hoffen bald in die höchsten Sphären erhob, um den Sturz um so grausamer zu gestalten. Da erfüllt sich in seiner ganzen Bitterkeit das Verhängnis derTochacha: „wesam lorik kochachem". Die Kraftfülle des Volksgenies quillt über und ergießt sich JfeeL -reigene Unrast in die Seele^er äno^ seine Volkskraft selbst zu halten und zu seinem Glücke zu verarbeiten, erweckt den falschen Schein von ungeheuren Ueberschüssen und gewaltigem Expansionsdrange und zu dem Schaden des ewigen Kraft Verlustes fügt sich noch der zornige Spott, des unschuldig erregten Judenhasses, in dessen Halluzinationen die Angst vor der Ueberlegenheit des jüdischen Einzelindividuums über die nichtjüdischen Kompetitors sich zur unheimlichen gespensterhaften Vorstellung eines dämonischen Volksdings verdichtet, das jedem Maßstahe der Gesellschaft spottet, und daher jedes Rechl auf geltende Maße des Rechtes und der Freiheit verwirkt, hat. So schwillt die unheilsschwangere Gewitterwolke über das Haupt des über alle Zonen verstreuten Volkes, das der Zusammenhänge seiner Schicksalsgründe unbewußt dahinlebt, weniger als irgend ein anderes Volk befähigt, sein Horoskop zu stellen und sich darauf einzurichten. Kein anderer Volksstamm ist so wenig mit dem Seherblick für seine Zukunft begnadet als die Kinder des Propheten. Der Individualismus des Ghettos ist kurzsichtig, scharfsichtig für Nähe greifbarer Augenblicksinteressen und blödsichtig für die Ferne kommender Dinge. Darum werden die anderen in nationalem Altruismus atmenden Völker über troffen an scharfer Erkenntnis der realen Notwendigkeiten des Tages, und darum ist das superkluge Volk so blind für die großen Aspekte seiner Zukunft. Könnte Antisem den ganzen Jammer unseres in falschem Glimmer gleißenden Glückes erfassen, so würde sich die ganze Ueberfülle seines grimmigen Hasses in tätiges Mitleid verwandeln. So aber füllt sich die Atmosphäre um uns mit furchtbarer Spannung, deren Entladung die empfindsamen Seelen schmerzlich vorahnen, wie der leidende Muskel das nahende Gewitter. Die Zeichen der Zeit reden die fürchterlichste Sprache. Die Zerrissenheit in Israel ist größer als je, die Ausdehnung und die Dynamik des Judenhasses ist von den riesenhaften Proportionen der ganzen Weltkrise diktiert! Der Geist bäumt sich auf vor den entsetzlichen Visionen des unerbittlichen Verstandes, langt aus der Uferlosigkeit der Verzweiflung und Hoffmings- IßäjprefrTflr^^ säulen des Glaubens zu'Ihm, zum Midas Harachmim, das immer erlösend in die Erscheinung tritt, wenn der „Maßstab des Reddes" die Vernichtung voraussagt. Aus allen zertrümmerten Systemen menschlichen Irrglaubens, steigt dann majestätisch wieder die Glorie des Glaubens empor. Wie in allen bis zur Unzulänglichkeit verworrenen Lagen Israels, urplötzlich die Herrlichkeit G-ttes in der Wolke erscheint, so üon lUicn nach Deiv Vork. (R eise b rief e.) Von J. Kreppel. 1. Wenn jemand auch in der normalen Vorkriegsperiode eine Reise unternommen .hat, hatte er viel zu erzählen. Heute, da das Reisen viel umständlicher geworden ist, kann man über eine Reise ganze Bücher schreiben. Die geehrten Leser brauchen jedoch nicht zu erschrecken: das, was für Bücher paßt, wird ihnen in diesen Reisebriefen nicht präsentiert werden. Das kommt tatsächlich in ein besonderes Buch. Hier werden nur eben kurze Reiseberichte "zur Veröffentlichung gelangen, vornehmlich jüdischen Inhalts. Man begegnet auf Schritt und Tritt dem ewigen Juden, selbst im D-Zug Wien-Paris. Der D-Zug, mit dein ich am 28. März abends von Wien aus meine Reise angetreten hatte, war übervoll. Trotz Platzkarte. Manche Plalznummern waren zweimal belegt und das Personal hatte alle Hände voll zu" tun, um Ordnung zu schaffen. .Zum Glück ist die so schöne Einrichtung, daß man bei jedem Zuge trotz allen Gedränges einige Plätze für Proteklionskinder freiläßt, auch beim D-Zug Wien-Paris beibehalten worden und so konnte den Passagieren mit Platzkarten ohne Sitzgelegenheit geholfen werden. •Nachdem die Ruhe und die Ordnung einigermaßen hergestellt war, konnte ich mir meine Mitreisenden näher ansehen: merkwürdigerweise zum großen Teile Emigranten, Menschen, welchen die alte Heimat zur Hölle geworden ist und die im freien Amerika eine neue Heimat finden wollen. Aus allen möglichen Schichten setzen sich diese Emigranten zusammen: Arbeiter, Handwerker, Kaufleute, Studenten, Studentinnen usw., alle Berufe und Berufslosigkeiten sind vertreten. Der Glaube am heiligen Dollar ist trotz der amerikanischen Krise unerschüttert geblieben. Aus allen. Herren Länder kommen sie, Flüchtlinge aus der Ukraine, Vaterlandslose aus Rumänien, Ausgewiesene aus Ungarn, Brotlose aus Wien usw. Eine Völkerwanderung im kleinen Maßstabe — oder vielleicht gar im großen Maßstabe? Die damaligen statistischen Zahlen1 liegen ja nicht vor . . . . Nur die wenigsten haben alles in Ordnung: dem einen fehlt Geld, das er von seinen amerikanischen Verwandten in Paris angewiesen zu erhalten hofft, dem anderen fehlt noch irgend ein Visum, ein dritter Hat noch keine Schiffskarte — mit einem Worte: man „schöpft Nachaß" von allen Seiten. Denn die meisten Auswanderer sind ja Juden, die Unglücklichsten aller Menschen. Sie sind die „schiwa rnedure Gehenom" durchgegangen, bis sie es so weit gebracht haben. Nun aber erwarten sie neue Piagen: Quarantaine, Untersuchungen, Elüs Island und dergleichen. Die meisten sind hiebei hilflos, ratlos, den Machinationen aller möglichen Agenten, den Schikanen der Schiffsgesollschaften ausgesetzt. Und das alles bei D-Zug-Reisende I. und II. Klasse — was haben noch die ärmeren zu erdulden? Die meisten Auswanderer haben das letzte weggegeben, um mit diesen Zug fahren zu können, wo sie zumindest bis Paris nicht als Emigranten behandelt werden. Weiterhin geht die Reise III. Klasse, Zwischendeck, wie gerade die Geldmittel ausreichen. Der D-Zug wird seinein Namen nicht ganz gerecht. Er macht keine Sprünge und bequemt sich erst, nach 38 Stunden in Paris einzutreffen. Immerhin ist die Reise leidlich. In Feldkirch heißt es: alles aussteigen zur Revision mit Sack und Pack. Die Revision aber ist entgegenkommend und nach zwei Standen geht die Fahrt weiter nach Buchs. Da genügt das Wort „Transilo", um unbehelligt im Zug bleiben zu können. Bloß einige Emigranten werden runtergeholt, um in einer Sanitätsstation auf „Reinlichkeit" untersucht zu werden. Es geht ohne Zwischenfall vorüber. Dann' geht die Fahrt weiter: Zürich, Basel. Neue Passagiere steigen ein: auch jüdische Emigranten. Die Wirtschaftskrise, die auch die Schweiz nicht verschont hat, treibt sie nach Amerika. Da ist einer ein Uhrmacher, der seit 12 Jahren in Biel gewohnt und sich redlich ernährt hat. Heute muß er weg: die Uhrenindustrie kann infolge der hohen Schweizer Valuta nicht exportieren, die Folge ist Stagnation, Arbeitslosigkeit mit allen bekannten Nebenerscheinungen und der Jude muß wandern. Da. ist wieder ein Kommissionär: 15 Jahre im Land, jetzt muß er fort, da die Valuta das Geschäft totschlägt. Jüdischer Jammer auch aus der Schweiz. Nach Mitternacht in der französischen Grenzstation Delle. Auch da: alles aussteigen usw. Aber es genügt, den Zollbeamten das amerikanische Visum im Paß zu zeigen, um das Gepäck frei zu bekommen. Ein junger Beamte, der die Pässe abstempelt, versucht die des Französischen ohnmächtigen Reisenden zu sekkieren, indem er ihnen verschiedene Fragen vorlegt, die sie natürlich nicht beantworten können und verlegen stehen bleiben. Ein anderer Funktionär verschafft ihnen aber freie Passage und bald ist a.ucli diese Prüfung überstanden. Die Fahrt geht nach Paris, wo man um 9 Uhr vormittags eintrifft. Mit dem Betreten französischen Bodens beginnt, eine schwere Sorge die Herzen der meisten Reisenden zu bedrücken. Sie verstehen kein Wort französisch, müssen aber in Paris die Reise unterbrechen, „deutsch" reden darf man doch nicht — was tun? L)ie Sorge ist aber überflüssig. Man darf freilich die „FakteureK am Bahnhof (so heißen dort die Gepäckträger) nicht so ohne" weiteres deutsch ansprechen, aber sie erkennen schon den unbeholfenen Fremden und rücken bald mit ihrem bischen deutsch heraus. Auch in den Hotels wird deutsch gesprochen, ebenso in den Banken und in den großen Geschäften. Es muß nicht gerade deutsch sein, mit einem guten jiddisch geht man in Paris auch nicht verloren, selbst außerhalb des ostjüdischen Viertels. Dieses kennen zu lernen, war meine erste Beschäftigung in Paris, nach der Erledigung einiger kleiner formeller Angelegenheiten. Die Ostjuden in Paris verdienen eine ausführliche Behandlung. V

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