Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 23 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Fttr Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für OsterreichK 300*—•, Ungarn K 250*—, Tschechoslowakei Kö, 70'—. Deutschland Mk. 60*-., Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600'—. Einzelnummer d.-ö. K 6-—, Kö. l'BO. Die 8 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. E 10* Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 23 i Wien-Bratislava, 8. Juli 1921 ♦»•am n»n o rmoopna - n:*i stjd 7. Jahrg. €in6($präcl)iflitIiermannBem$teim Ohne leichtfertig den amerikanischen Superlativ zu gebrauchen, darf man Hermann Bernstein als den größten jüdischen Journalisten bezeichnen. Er genießt auch in der amerikanischen Journalistik Ruf ' und Wertschätzung, seine Leidenschaft bleibt aber der seit mehr als ein Jahrzehnt gegen die Bedrückung des Judentumes geführte Kampf, der nicht in hohlen Protesten, nichtsagenden offenen Briefen und ä la „Wiener Morgenzeitung" gemachten wirkungslosem Sensationsreport besteht. Bernstein hat in der Tat die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten für das Los des osteuropäischen Judentumes zu interessieren gewußt und hat oft starke politische Errungenschaften erkämpft. Bernstein hat das jüdische Tagblatt „The Day" gegründet, später auch den „American Hebrew" redigiert und zu einem großen Aufschwünge verholfen. Als ständiger Mitarbeiter des „American Hebrew" bin ich mit Bernstein in persönlicher Fühlung gewesen, und wie ich ihn jetzt nach Jahren wieder einmal hier im Bristol gegenübersaß, fühle ich mich in jene größere Zeit zurückversetzt, als man noch die kühnster Hoffnungen auf die Friedenskonferenz setzte, und mit amerikanischer Zielsicherheit ihr vorarbeitete. Die längstentbehrte knappe, sachliche Ausdrucksweise der Amerikaner, das kühne, rasche Urteil, das wirkt so erfrischend nach der heillosen, langatmigen Scholastik unseres in Spiralwindungen fortlaufenden, von ewigem Wenn und Aber komplizierten, in möglichst diffizilster Form ausgedrückten politischen Denkens. Hermann Bernstein bereist Europa gegenwärtig als Berichterstatter der Hearst'schen Blätter. William Randolph Hearst darf mit Recht der Zeitungskönig genannt werden. Mehr als 60 große Tageblätter Amerikas sind sein Eigentum. Einem Hearst'schen Berichterstatter erschließen sich alle Türen. Bernstein entspricht mit dieser Aufgabe dem idealen Typus des amerikanischen Journalisten, wie ihn das Kino darstellt, der neben der Aufgabe seinem Blatte zu dienen, den Ruhm des Banners der Streifen und Sterne, als Patronanz für alle Verfolgten und Bedrückten mehren will. Bernstein kommt jetzt aus Polen. Auf die Erkundigung der dortigen Verhältnisse sagt Bernstein: „Die Exzesse haben überall aufgehört, allein der wirtschaftliche Boykott wird mit Härte fortgesetzt. Aber in den regierenden Kreisen beginnt man einzusehen, daß man ohne Juden nicht nach Innen und noch weniger nach Außen regieren kann. Ich war einer der bestgehaßteten Männer in Polen, aber diesmal habe ich freundliche Aufnahme gefunden, man hat mir gesagt, daß man im Auslande und besonders in Amerika die Folgen der judenfeindlichen Politik unangenehm fühlt. Man fühlt sich bei allen Kreditfragen im Auslande gehemmt und ist entschlossen, eine ganz andere Richtung in der Judenfrage einzuschlagen. Es wird in der allernächstenZeiteineentschiedeneWendung in der Judenfrage eintreten" fügte Bernstein in bestimmten Tone hinzu. Welche Haltung sollen die polnischen Juden einnehmen? „Sie sollen fest auf ihr Minoritätsrecht bestehen!" Unter Minoritätsrecht versteht Bernstein das konfessionelle Minoritätsrecht, ein anderes ist in den polnischen Staatsakten gar nicht anerkannt. In der Frage des zionistischen Konfliktes in Amerika gibt Bernstein der Brandeis-Partei Unrecht. „Brandeis war durch die Londoner Beschlüsse gebunden und durfte sich nur an den Kongreß wenden, um sein Prinzip zur Geltung zu bringen." Ich bemerke hiebei, daß der Kongreß kein demokratischer Ausdruck der öffentlichen Meinung im Zionismus sei, weil man alle selbständige Naturen mit Gewalt verdrängt und sich durch die Sekretäre der Landesorganisationen — fraget nur nicht wie — sichere Anhänger in den Kongreß schicken läßt. Man brauche für ein Staatswesen doch Staatsmänner. „ Aber jüdische Staatsmänner]" betonte Bernstein. — Sie glauben also, daß Weizmann im Recht ist? — „Ich sage nicht, daß Weizmann Recht hat, sondern nur, daß Brand eis im UnrecM war. ^<ätiWäfiiM*. Weizmann seinerzeit in San Remo und sagte ihm: Gebet acht! Dieses kommende Jahr muß gut ausgenützt werden — und es ist gar nicht ausgenützt worden. Man redet viel von amerikanischer, englischer oder arabischer Orientierung der zionistischen Politik, vor allem müßte eine jüdische Orientierung gesucht werden." Ich stellte dar, wie die österreichischen, tschechoslowakischen und polnischen Zionisten die Palästinafrage gewaltsam mit der Landespolitik verquickt haben, dadurch das Judentum zerklüftet und ihre eigene Kraft nutzlos vergeudet haben. Man habe mehr auf Positionen in Wien, Prag und Warschau gearbeitet, als in Palästina, habe Joint, Gemeinde, Stadtverwaltung, Nationalratsmandate an sich zu reißen getrachtet und das Fünffache für politische Zwecke als für Palästina verausgabt. Wir sympathisieren daher in der Palästinafrage mehr mit Brandeis, der alle Kräfte auf Palästina konzentriert haben will. „Brandeis", sagte Bernstein, „hat übrigens nicht mehr den Einfluß von früher". — Wegen des Sieges der Republikaner?— „Nein, die Parteizugehörigkeit zu Demokraten oder Republikaner spielt in der jüdischen Frage keine Rolle. Die hervorragendste Persönlichkeit ist jetzt Louis | Marshall. Er bedeutet eine ganz gewaltige (tremendons) politische Macht und ist ein weitschauender, großzügiger Mann." Bernstein reist auf einige Tage nach Budapest. Er kennt von den ungarischen Juden Eugen v. Polnay, der vor einigen Wochen in Amerika war. Polnay habe mit großem Erfolge gewirkt, ein großes ungarisches Komitee gegründet und hat einen guten Eindruck, auch auf Louis Marshall, gemacht. Allerdings habe es drüben eigentümlich berührt, daß Polnay selbst erklärte, daß er sich bis vor kurzem nie mit der jüdischen Sache beschäftigt habe. Ich bemerkte, daß Polnay in Abwesenheit Väzsonyis seitens der Regierung als der Führer des Judentums betrachtet wurde, seit der Rückkehr Väzsonyis nach Ungarn, hätte der Letztere wieder die Führerrolle übernommen. Ich empfahl Bernstein auch Paul Sändor kennen zu lernen, der in der schwersten Krise des ungarischen Judentums eine wahrhaft heroische Haltung bekundet hat. Bezüglich Oesterreich bemerkt Bernstein, daß er ,y o r r. z,we|^Iahr q&igrjfoflfecfc ^dfe JSsflaj^aßjjM eine Besprechung mit dem Reichskanzler. Er besuchte auch Siegmund Freud, von dem er mit Erstaunen wahrnimmt, daß er in Amerika und England viel berühmter sei, als in seiner Stadt. Ich legte Bernstein nahe, sich besonders für Wien einzusetzen. Wien sei gegenwärtig die freieste Stadt der Welt. Wien sei das, was New York vor dem Kriege war, ein Asyl für die Verfolgten aller Länder. Mehr als hunderttausend jüdische Flüchtlinge haben hier nicht nur eine Zufluchtsstätte, sondern Erwerb und Glück gefunden. Der Wiener Bevölkerung muß hiefür Die Ulelt der ßbassitliiti. Von Chajim Bloch. Gastfreundschaft. Als Rabbi Mose Leib an einem Freitagnachmittage bei klapperndem Frost in die Mikwah ging, um zu Ehren des Sabbats ein Bad zu nehmen, sah er einen Juden an einen Wagen gelehnt stehen. Der Rabbi las von seinem Antlitze Traurigkeit und Verzweiflung, auch hörte er sein schweres Seufzen. Der Wagen des Juden war mit allerlei Hausgeräten beladen, ein leichenblasses Weib mit kleinen, zitternden Kindern war darauf. Rabbi Moses Leib befragte den Mann, von wo er sei und warum er in der Kälte draußen stehe. Zuerst wollte der Jude keine Antwort geben; wußte er doch nicht, daß Rabbi Mose Leib vor ihm stehe. Als aber der Rabbi in ihn drang, ihm sein Leid zu erzählen und ihm zu helfen versprach, erheiterte sich das Antlitz des Mannes und er erzählte, die Bauern des Ortes Oleschow, wo er eine Arenda hatte, hätten ihn aus dem Dorfe vertrieben, er kam daher in die Stadt, doch wollte kein Mensch ihm und seinem Hausgesinde Unterkunft geben, weil er kein Geld habe, um den Wohnungslohn zu bezahlen. Tief ergriffen sprach der Rabbi: „Dann fahret zu Rabbi Mose Leib und verlangt, daß er Euch in sein Haus nehmen und für Euren Unterhalt Sorge tragen soll." Indessen eilte Rabbi Mose Leib nach Hause und als er durch das Fenster den Juden vor seinem Hofe halten sah, lief er freudig hinaus, öffnete das Tor und fragte, als wüßte er von nichts, was er, von ihm wünsche. Der Jude erkannte den Rabbi nicht, denn dieser hatte nun seine Sabbatgewänder an — und >man weiß, daß er in diesen Kleidern eine andere Gestalt annahm — und erzählte ihm seine ganze Begebenheit, auch von ' dem Rat eines Unbekannten, sich zum Rabbi zu begeben und ihn um Einlaß in sein Haus zu bitten. Freudig sprach der Rabbi: „Gesegnet sei Euere Ankunft! Welch' vornehme Gäste mir der Schöpfer bescherte!" und lief ins Zimmer, um die Anordnung zu treffen, daß der unglücklichen Familie in seinem Hause eine Wohnstätte zugewiesen werden soll. Seine Gattin wendete ein: „Wohin mit ihnen und ihren Sachen? Ist doch unsere Wohnung selbst für uns zu eng!" Rabbi Mose Leib aber entgegnete: „Fürwahr, unsere Wohnung ist eng, daher bleibt uns wirklich nichts anderes übrig, als uns eine andere Wohnung zu bestellen; geh' und bestelle eine Wohnung, uns wird wohl jeder gerne ins Haus nehmen, dieser Unglücklichen erbarmte sich jedoch keiner", lief wieder hinaus, half die Sachen abladen und brachte die Leute in ein behagliches Zimmer, wo der Ofen glühte und eine erquickende Wärme verbreitete. Die Freude des unglücklichen Mannes und seiner Kinder war unbeschreiblich — noch größer aber war die Freude des Rabbi Mose Leib. Ein alter Sünder. In Sassow wohnte ein Jude namens Nuchim, der wohl nicht unwissend war, aber auf schiefe Wege geriet und sein Brot von Angeberei verdiente. Immerfort trug er den Edelleuten Dinge gegen ihre jüdischen Pächter zu und auch vor Gericht bezeugte er gegen Juden Falschheiten und Verkehrtheiten und bekräftigte solche durch Schwüre. Aber er hatte eine offene Hand und pflegte außergewöhnlich viel Geld an Arme zu verteilen, und erfuhr er, daß es einem Juden schlecht erging, so war er der Hilfsbereiteste. Im Alter, da sein Körper siech und seine Füße lahm geworden waren, wiesen ihm die Edelleute die Türe und er kam zu Rabbi Mose Leib und sprach: „Rabbi, gebt mir Brot!" Rabbi Mose Leib aber brauste auf: „Bist Du nun mit Deiner Kraft zu Ende, versagen nun Deine Beine, dahinzugehen, um Deine Brüder bei den Herrschaften anzugeben, daß Du zu mir um Brot kommen mußtest?" Darauf erwiderte der Mann: „Rabbi, zwanzig Jahre sind es her, daß ich der Sünde der Angeberei anheimgefallen bin und ich habe seither stetig Frevel auf Frevel gehäuft, wie denn unsere Weisen lehrten: Eine Sünde zieht die andere nach sich! - Aber der Schöpfer aller Welten ließ mich trotzdem leben, ohne mich zu besudeln, gab mir Geld und Kraft und erfüllte mein Herz oft mit der Begierde, auch zu helfen. Ihr aber, da ich ein einziges Mal zu Euch gekommen bin, beschimpft mich und reichet mir nicht die Hand als Zeichen Euerer Liebe?" Rabbi Mose Leib war ob der Worte des Mannes sehr ergriffen, er nahm ihn freundlich in seinem Hause auf und er pflegte später, wenn jemand über einen Juden ein böses Wort zu sprechen wagte, diese Begebenheit zu erzählen. G-ttliche Eigenschaften. Einmal kam ein bekannter Bösewicht zu Rabbi Mose Leib und bat ihn um eine Geldunterstützung. Der Rabbi gab ihm sein ganzes Geld weg und ließ sich ohne einen Kreuzer. Seine Leute fragten ihn: „Meister, warum gabst Du diesem Bösewicht Dein ganzes Geld weg?" Der Rabbi darauf: „Bin ich besser als er? Dennoch versagt der Schöpfer mir nicht seine Hilfe. Da heißt