Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 21 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. 1 Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Ostei reich K 300*—, Ungarn 1 K 250*-, Tschechoslowakei Kc. 70- — , Deutschland Mk. «0-—, 1 Schweiz Frcs. 10--, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, 1 England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, 1 Polen Mk. 300«-. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kc. 1-50. Die 6 mal gespaltine Pet Fürs Ausland 100 Prozent Bei Wiederholung ontsj itzeile d.-ö. K 10' — . Teuerungszuschlag. )rechender Rabatt. Nr. 21 | Wien- Bratislava, 24. Juni 1921 ♦x'-nn p<D rr rvDSD;ns ' * nn jtjd 7. Jahrg. JIguda and it$ aim$. (Die Aguda und ihre Ziele.) To the Editor! Jetzt, da über die Geschicke der Judenheit nach des Allmächtigen Fügung in Ihrem Heimatlande entschieden wird, dürfte es von besonderer Bedeutung sein, wenn Ihr geschätzter Leserkreis über Ziel und Tun der Aguda informiert wird. Agu da ist in ihrer Gesamtheit der Meinung, daß die Zeiten zu ernst sind, als daß sich die verschiedenen Organisationen, die ja letzten Endes alle in ihrer Weise der physischen und psychischen Not Abhilfe suchen, einander bekämpfen dürfen. Im Gegenteil, es dürfte wahrhaftig für alle Organisationen Platz sein, nach Maßgabe ihrer Grundanschauungen das Beste für die Gesamtheit zu leisten. Die Zeit der kleinen Geister, welche einseitig parteigemäß denken und handeln, ist definitiv vorüber. Wenn Aguda im Osten, an der Stätte der Massensiedlungen (Polen, Tschechoslowakei, Rumänien usw.) so viele Anhänger gefunden hat — über die Zahl soll nicht gestritten werden, die rage de nombre ist unwürdig — so liegt das daran, weil sie lückenlos an eine zweitausendjährige Tradition anknüpft. Wären die Fragen, welche heute aktuell sind, vor 150 Jahren aufgetaucht, so wäre es selbstverständlich gewesen, daß sie abseits, von jüdischer und nichtjüdischer Seite im Sinne der Prinzipien der Aguda erfaßt und der Lösung entgegengeführt worden wären. Dieses. Prinzip ist ein doppelter Glaube, zunächst das Vertrauen, daß alle die Judenheit betreffenden Fragen ausschließlich am Maßstab der in der jüdischen Religion niedergelegten Gedanken und, Vorschriften xtgemesaen^i^iJ^^iBiäisis werden können, zweitens die Forderung, daß ein' anderer Maßstab nicht gesucht und nicht angelegt werden darf. Nun wurde freilich in den jüngsten 150 Jahren in mannigfacher Weise anderer Inhalt des Judentums gesucht, allein Aguda lehnt prinzipiell all diese Versuche ab und ist der festen Ueberzeugung, daß schließlich nach manchen Irrungen und Wirrungen ganz Israel zur früheren Auffassung zurückkehren wird. Die historische Mission, diese ausschließlich an der Religion orientierte theoretische Betrachtung und praktische Bewährung des Judentums am Leben zu erhalten, ist die beste und einzige Legitimation der Aguda. Soviel zur Erörterung der Theorie. Es leuchtet ein, daß auch che vordringlichste jüdische Frage, die Palästinafrage, an der Hand dieser Erwägung von Aguda erlaßt wird. Es ist wohl überflüssig zu betonen, daß die Liebe zu Palästina, die heiße Sehnsucht, alle ideellen und materiellen Kräfte im heiligen Lande zu investieren, allen Gliedern der Aguda gemeinsam ist. Aguda meint und hofft, daß es möglich sein muß, auch dem alten jüdischen Ideal im heiligen Land eine selbständige Heimstätte zu schaffen. Aguda erwartet, daß alle in Frage kommenden Faktoren diesem Verlangen wohlwollende Berücksichtigung zu teil werden lassen. Tausende und aber Tausende warten bis diese Voraussetzung erfüllt ist. Es besteht der Plan, dann ein trotz der minderwertigen Valuta von Zentraleuropa bereits fundiertes Projekt auszuführen, eine geschlossene, gemischt agrarische und industrielle Kolonie in Palästina zu begründen, welche als Typ eines genauest nach den Vorschriften der Religion inaugurierten und geführten Siedlung wahres jüdisches Wesen des Pionier fördern soll. Ist erst eine solche Heimstätte begründet, welche auch dem sozialen Frieden dient im höchsten Sinne des Wortes, dann werden sehr bald andere ähnliche Gründungen aus allen Schichten der Bevölkerung erfolgen. Es besteht die Hoffnung^ daß jeder, dem es ernst ist um die heilige Sache Palästinas, diesem Projekt Förderung zu teil werden läßt, so daß reibungslos und kampflos Aguda an dem großen Werk des Wiederaufbaues teilzunehmen gerufen sein wird. Als Vorarbeit, ist in Wien eine Passage- und Transportgesellschaft „Siloah" mit für den Osten bedeutendem Kapital ins Leben gerufen worden, jvelcj^s^ _" treüt und sowohl für möglichste finanzielle rung, des auch für die Ermöglichung unbehinderter Erfüllung der religiösen Pflichten während der Fahrt und bei der Ankunft Sorge trägt. Aguda hat aber auch während des Krieges dort, wo ihr ein Wirken möglich war, die Lösung der Aufgaben im Exil sowohl nach der charitativen, wie nach der sozialen Seite hin im Sinne ihres Grundprinzips erfaßt. Obwohl sie nach Lage der Dinge von dem Genuß der bedeutenden Hilfsmittel der Westländer, insbesondere Amerikas fast ganz ausgeschlossen war, hat sie doch mit den größten Opfern und der größten Energie praktische Arbeit an Flüchtlingen und Waisen geleistet. Sie setzt diese Arbeit heute noch in großem Umfang fort. Und wenn sie auch politisch — gleichfalls an den Stand ihres religiösen Grundgedankens — auf dem Standpunkt steht, daß die Juden eines jeweiligen Landes ihre Rechte von diesem Lande zu fordern und zu erhalten haben, so kennt sie doch keine irgendwie gearteten Schranken, wenn es gilt zu helfen. Die Armen und Aermsten können nicht auf die Erfüllung irgend eines noch so schönen Traumes warten. Ihre Not verlangt Taten. Und weil Aguda/' diese Taten vollbrachte, hat sie das Recht, als ge-f schichtliche Erscheinung bewertet, zu werden. SieJ hat bewiesen und wird beweisen, daß unsere heiligev Religion allen Forderungen aller Zeiten Genüge zu leisten imstande ist. Rab. P. Kohn. („Jewish Guardian".) Da$ Rries$wai$enbau$ der flguda. Wenn die herzerschütternde Apostrophe, die uns in dem Worte Jossom, Waisenkind, klingt, noch einer Steigerung fähig schien, so geschah es in der Zusammensetzung Jasme milchomo ... Kriegswaisen. Das Kriegswaisenhaus der Aguda in Baden. Das Golusschicksal hat aber einen schrecklichen ungeahnten Superlativ des Jammers geschaffen: Ukrainische Waisenkinder! Alle Begriffe von der Heiligkeit des Wohltuns, die wir ererbt haben von unseren Bei den jüdischen Kriegerwalsen. Ein neues Heim für verlassene und verwaiste Kinder. Tief eingebettet im Grün der Germerstraße in Baden ein rosenübersponnenes Haus. Große, helle Räume, luftige Terrassen, ein Garten voll von Obstbäumen, ein sich weithin dehnender Spielplatz — das Ganze so recht ein Ort zum Aufenthalt für Kinder.- Es ist noch nicht lange her, da diente dieses Gebäude mit seinen prächtigen Gartenanlagen als Pensionat für Knaben reicher Eltern. Seit kurzer Zeit erst hat es eine andere Bestimmung. Vom Kriegswaisenfonds der Wiener „Agudas Jisroel", des über die ganze Welt verbreiteten „Jüdischen Bundes", wurde es angekauft und für die Aufnahme von fünfzig jüdischen Kriegerwaisen eingerichtet. Die gehässige Oeffentlichkeit, geblendet von parteipolitischen Interessen, hat sich daran gewöhnt, in den Juden des Krieges nur Drückeberger und Schieber zu sehen. Aber die überlauten Schreier dieser Anklagen können die schwachen Kinderstimmen nicht übertönen, die, noch immer schüchtern und verängstigt, mit bescheidenen und doch von ungeheurer Tragik erfüllten Worten die Schicksale mehr andeuten als erzählen, durch die sie elternlos wurdet). Denn das ist die besondere Tragödie dieser kleinen, blassen Jungen, daß ihnen der Krieg Vater und Mutter nahm. Soll man diese Kinder fragen, was sie erlebt, bevor sie Unterkunft und Schule in den stillen Mauern fanden, an denen die roten Buschrosen so dicht emporranken, als wollten sie liebkosend alle Trauer, alles Leid für die armen, kleinen Waisen überdecken und die ganze Welt in purpurne Schönheit tauchen? Da berichtet schon einer: zögernd, stockend, in halben, abgebrochenen Sätzen: „Die Russen sind gekommen. ,Geht voraus', hat der Vater gesagt, wartet im nächsten Dorf, ich komm' nach. Wir haben gewartet, er ist nicht gekommen. Er hat den Iveller zumauern wollen und war noch nicht fertig damit, wie die Russen gekommen sind, da haben sie ihn erschlagen. So haben die anderen dann gesagt." Das erzählt ein Kind von kaum zehn Jahren, ein kleiner Mensch, der vom Leben noch nichts anderes wissen sollte, als daß der Himmel blau ist und die Menschen gut. Aber eine Kindheit wurde durch Krieg und Pogrom in den Haß geschleift. Jahre, Jahrzehnte können unmöglich die Erinnerung an die Stunden tilgen, in denen eine Mutter mit ihren kleinen Kindern in einem nur mehr für kurze Zeit sicheren Versteck voll Angst und Schrecken auf den Vater wartete. Wartete, wartete, bis sie endlich erkennen mußte, daß dieses Warten vergeblich sein würde, und sie mit ihren Kindern weiterhastete, ihrem eigenen unausweichlichen Geschick entgegen. Wer hätte den Mut, diesen kleinen Jungen noch um das Los der Mutter zu fragen? Wahrscheinlich ist auch sie auf der Flucht das Opfer eines Pogroms geworden, im Sterben noch von dem Gedanken gefoltert, was aus ihren Kindern würde, wenn diese nun schutzlos und verlassen zurückblieben. Jedes der Kinder, die schon in dem neuen Heim eine Zuflucht gefunden haben und die anderen, die noch aus Galizien und der Ukraine unterwegs sind, haben ein solches oder ähnliches Schicksal hinter sich. Der Vater mußte entweder einrücken und seine Familie schutzlos zurücklassen und ist dann im Schützengraben geblieben oder er wurde zum Opfer eines Pogroms; die Mütter wurden geschändet und erschlagen. Die Kinder aber sollen nun trotz der grauenhaften Erfahrungen ihrer ersten Jugend zu guten Menschen, fern von allen Empfindungen glühenden Hasses im Sinne ihrer frommen und strenggläubigen Eltern herangebildet werden. An die(Stelle der Erinnerungen voll Blut und Schrecken sollen freundliche Bilder treten und liebreiche Menschen versuchen, diesen tausendfach bedauernswerten Waisen das Leben ruhigen Glückes zu gestalten. Sie haben ihnen das wunderschöne Haus gekauft, in das der Atem der Außenwelt nur dann dringen wird, wenn neue kleine Märtyrer des Lebens von draußen kommen — denn das Heim enthält auch eine Abteilung für verwahrloste, auf der Straße aufgegriffene Kinder, die nach vorübergehendem Aufenthalte vielleicht wieder in Privatpflege abgegeben werden können — sie haben es reizend mit weißen Betten und roten Steppdecken ausgestattet, ein Badezimmer mit versenkter Kachelwanne vorbereitet, für eine große, schöne, reine Küche und eine tüchtige Köchin gesorgt und verständnisvolle Pädagogen gewonnen, welche den Kindern den Mut zum Leben zurückgeben sollen. Eine ganz eigenartige Gesellschaft fand sich am Einweihungstage in dem neuen Heim, von dem einer der vier anwesenden Großrabbiner (Wien-Schiff gasse, Baden, Jerusalem und Brody) sagte, es sei wie eine Wiederaufrichtung des zerstörten Heiligtums von Zion, geheiligt durch die Liebe, mit der es gestiftet, und geheiligt durch den Zweck, dem es nun dient. Da waren ein Vertreter des Staatsamtes für soziale Fürsorge, dann der New-Yorker Präsident des „Joint", der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, ein Wiener Gemeinderat, der Präsident der Badener Kultusgemeinde und eine ganze Schar gedrückter, dürftig aussehender Kaftanjuden. Als aber der Präsident des Waisenfondskomitees mitteilte, daß die Stiftung des Hauses wohl erfolgt, dessen Fortbestand jedoch durchaus nicht materiell gesichert sei und die Anwesenden um milde Spenden bat, da war in kaum einer Viertelstunde mehr als eine Viertelmilliarde Kronen (Es waren bloß -100.000 Kronen. Anmerkung der Redaktion.) sofort bar auf den Tisch gezählt, beisammen. Das Opfer, das die Eltern mit ihrem Leben bringen mußten, soll an den Kindern zum Segen werden. E. T. („Neues Wiener Journal/)