Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 20 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 JÜDISCHE PRESSE Seite 155 Die moralischen Schäden des Krieges. Es wird erst eirier künftigen Untersuchung vorbehalten sein festzustellen, welche Kriegsschiiden größer sind: die materiellen oder die moralischen. Es müßte erst, ein Maßstab oder ein Kurs ertunden werden, wie moralische Schäden in Ziffern Ausdruck finden. So viel steht aber schon jetzt fest, daß die moralischen Schäden sowohl auf seifen des Besiegten, als des Siegers gleich srroß siud. Wenn der Krieg an sich das Hinmordeu von Menschen, das Vernichten von Eigentum als moralisch zulässig, also als kein Verbrechen auffallt, was bleibt noch von Moral zurück V Hie staatliche Dispense von den Grundrechten der Moral, entbindet im allgemeinen die Menschen jeder Rücksicht gegen einander. Die Ausschreitung einzelner Personen während dos Krieges und nach demselben sollen damit nicht, verteidigt werden, aber in mancher Hinsicht eine Erklärung rinden. Es sei hierbei nur auf jener veröffentlichten Ansicht der österreichischen Staatsanwaltschaft hingewiesen, die die große Vermehrung von Kriminallallen darauf zurückführt, daß der Staat, die Behörden, das Volk zu lügen gelernt haben. Diese Ansicht stützte sich auf die Tatsache, daß zur Kriegszeil bewußt die Berichte vom Kriegsschauplatz nicht die Wahrheit gemeldet haben. Die Staatsanwaltschaft, sah darin die Ursache, daß die Menschen die Grundlagen der Moral mißachten gelernt haben. Uns, die wir deu Krieg überlebt haben, bleibt die heilige Aufgabe, den Wiederaufbau der Welt nicht bloß in materieller, aber vorzugsweise in moralischer Hinsicht aufzunehmen. Uns Juden, namentlich wenn wir es mit der Thoratreue wirklich ernst nehnen, fällt die heilige Aufgabe in weit höherem Maße zu. Sagen doch unsere Weisen: Kol Josroel arewim se bosc. Juden sind gegen einander und für einander verantwortlich. Diese Verantwortung, diese Giro-Verbindlichkeit, kennt keinen Rahmen einer Partei, sie erstreckt sich auf alle Juden, gleichgültig ob der Baal awero ein Assimilant, ein jüdisch-nationaler oder ein orthodoxer Agudist, ist. Kommt irgend ein Verbrechen eines Juden vor, dann darf niemand sagen, der ist nicht von unserer Partei. Der Ghilul hasehem ist dadurch gegeben, daß alle Nichtjuden mit Recht oder Unrecht sagen, ein Jude hat ein Verbrechen begangen. Wie gesagt, unsere gegenwärtige Verantwortlichkeit, unsere Arevvus hebt die leere Ausrede der Zugehörigkeit zu einer anderen Partei ganz auf. Wir müssen vielmehr alle au dem moralischen Wiederaufbau arbeiten. Wir haben alle die heilige Pflicht, jene Gefallenen oder Halbgefallenen zur Sittlichkeit wieder zu erheben, zur Achtung fremden Eigentums zu bringen. Die Mittel hierzu sind uns in der heiligen Thora gegeben. Wir müssen uns zusammenschließen, um zu diesem Ziele zu gelangen. Jede Vernachlässigung der heiligen Vorschriften führt zur sittlichen Entartung. Nur der wahrhaft G ttfürchtige kann ein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein. Anläßlich des bevorstehenden Schewuesfestes, jenes Festes zum Andenken an Kabolas hatora, sollten alle Juden diese Aufgabe auf sich nehmnn. Es wird zum Heile der Menschen, zu ihrem eigenen Glücke führen. M. Schmelkes. Tiirsorgwereitt für die jüdische nicht vollsinnige Jugend. Wie arm sind Eltern, die ein Kind ihr eigen nennen, das des Gesichtes oder des Gehörs und der Sprache oder des Verstandes beraubt ist, welches sich in Krämpfen windet oder dessen Zukunft das Irrenhaus oder die Verbrecherzelle zu werden verspricht! Wie arm sind sie, mögen noch so viele Besitztümer ihnen gehören. Wie arm sind erst Eltern solcher unglücklicher Kinder, die von der Sorge und Qual des Lebens geplagt sind! Man kann dem Blinden und dem Taubstummen Bildung und Erziehung geben, man kann sie zu erwerbenden Mitgliedern der Gesellschaft machen und Blinde sind Bürstenbinder, Klavierstimmer, Musiklehrer, Masseure. Taubstumme findet man als Handwerker jeder Art, auch als Buchhalter und Schriftleiter. Man kann auch Schwachsinnige oder Geistesarme erziehen, daß sie im kleinen Kreise nützliche Dienste leisten. Man verwahrt Epileptiker in geeigneten Anstalten, bewahrt sie vor Schaden und verwendet ihre gesunden Kräfte für wirtschaftliche Zwecke. Und jene Wesen, die zu Parasiten der Gesellschaft zu werden drohen, die Entarteten, bringt man ebenfalls unter Aufsicht und behütet sie und die Gesellschaft vor Schaden und Nachteil. Die Schwerhörigen lehrt man das Ablesen, die Schwachsichtigen bringt man auf das ihnen so nützliche freie Land, die Taubblinden, jene Schwerstgeschädigten ohne Gesicht, Gehör und Sprache, kann man auch bilden, lehren und beschäftigen. Erziehung, Menschenliebe und Mitleid machen diese Sorgenkinder zu Menschen. Güte, tiefe und reichlich gebende Güte muß alle diese armen, geschädigten Wesen umgeben und begleiten. Aber auch erziehliche Kunst besonderer Art, die eindringt in die Lebensäußerungen und sie zu Hebeln für die geistige Hebung macht. Der Lehrer und Erzieher der nicht Vollsinnigen muß ein guter Mensch, ein von Glauben und Wiesen erfüllter Erzieher und ein nie erlahmender Lehrer sein. Menschenfreunde haben es nun unternommen, nachdem der Direktor des allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstuinmeninstitutes, Herr Dr. Salomon Krenberger, sie informiert und angeeifert und die Vorarbeiten geleistet hatte, sich solcher nicht vollsinnigen jüdischen Kinder in Wien anzunehmen und von dem Zeitpunkte an, da sie aus dem Schutze des Elterntmuses genommen werden können, bis zu ihrer endgültigen Versorgung in öffentlicher oder privater Pflege unter Schutz und Pflegschaft zu nehmen, also für ihre Unterbringung in geeigneter ärztlicher und erziehlicher Fürsorge zu wirken und diese zu beaufsichtigen. Der neue „F ü r s o r g e v e r e i n für die jüdische nicht voll sinnige Jugend" will demnach solche Kinder , beider Geschlechter aufsuchen, die Eltern beraten, sie zu geeigneten Fachmännern führen, ihre Unterbringung in geeignete Pflege und Erziehung veranlassen und sie dauernd in Evidenz und Aufsicht halten. Es besteht wohl in Wien ein jüdisches Taubstummeninstitut, von dem eben , die Anregung zu dieser Neugründung ausging und wo der Verein seinen Sitz hat (III., Juchgasse, früher Rudolfsgasse 22), es besteht ein jüdisches Blindeninstitut im XIX. Bezirk, Hohe Warte, es besteht ein interkonfessionelles Taubbhndenheim in Hütteldorf-Bad, zu dessen Gründern auch Direktor Dr. Krenberger gehört, aber für schwachsinnige und idiotische, für psychopathische und epileptische jüdische Kinder ist hier nicht gesorgt. Es gibt elf städtische Hilfsschulen für schwach befähigte Kinder, es sind Schwerhörigenklassen in Wien geplant, es gibt durch die Gesellschaft zur Fürsorge für Schwerhörige und Gehörlose, an deren Spitze der Universitätsprofessor Dr. Gustav Alexander steht, Kurse für Schwerhörige,;tber die Schulen und Kurse sind nur Unterrichtshilfen, sie geben nicht die Erziehung und Pflege, welcher solche abnorme Menschenkinder vor allem bedürfen. Und der jüdischen Schüler in den Hilfsschulen muß man sich doch auch annehmen. Gerade die Kinder der Kriegszeit und der wirtschaftlichen Not, der Aufregungen und der Ausschweifungen sind von Entartung bedroht. Im Tempel des jüdischen Taubstummeninstitutes entwickelte sich der Gedanke des r Fürsorge Vereines für die jüdische nicht vollsinnige Jugend" und so stand an seiner Wiege Gottvertrauen. Ergebenheit und Liebe, G-tt.es Segen wird ihn begleiten. Am 1. Mai fand die konstituierende Generalversammlung statt und folgende Herren bilden den Vorstand: Rechtsanwalt Dr. Josef Mises, Obmann; Kaufmann Mathias Peller, Obmann- Stellvertreter; Kaufmann Guido Rendelstein, Schriftführer; Buchhändler Bernhard Schlesinger, Schriftführer-Stellvertreter: Kaufmann Lazar Perez, Kassier; Privatier Benedikt Steiner, Kassier-Stellvertreter; Kaufmann Süskind Kurfürst, H. Blaustein. S. Prötzel, Otto Wagenberg, S. Schwarz, Vorstandsmitglieder; Simon Speiser und Joachim Mandler, Revisoren. Anfragen und Beitrittserklärungen sind nach III., Juchgasse 22. zu richten. Um weiteste Unterstützung wird gebeten. Ignatz Ticho s. A. Am 2. Juni starb hier Herr Ignatz Ticho aus Boskowitz im 76. Lebensjahre. Er entstammte einer alten, bekannten Familie Mährens, in der Thorastudium und echte Frömmigkeit zu Hause war. Sein Vater, Abraham Ticho, ein hervorragender Schüler des Ghassam Sofer, versah bis an sein Lebensende ehrenhalber das Amt des Dayan inder damals noch großen Gemeinde. Der nun Verblichene pflegte die Familienüberlieferungen treu. Trotz seines ganz großen Fleißes und Eifers im Geschäfte hat er es wohl nie auch nur an einem einzigen Tag, auch auf Reisen, versäumt, seinen eingeteilten Schiur zu lernen. Thorapflege war ihm wichtig, und er hat Jahrzehnte hindurch einen Talmid chochom, den er nach Boskowitz gezogen hatte, aus eigenen Mitteln fast völlig erhalten. Er stand in den vordersten Reihen der Kämpfer für das altüberkommene Judenturn in seiner Heimatgemeinde, und der Niedergang des religiösen Lebens in derselben hat ihm den Aufenthalt daselbst arg verleidet. Sehr innigen Anteil nahm er an dem Schicksal der Flüchtlinge, die während des Krieges nach Boskowitz gekommen waren. Du sollst mit dem Hungrigen dein Brot teilen, und wenn du. einen entblöst siehst, bekleide ihn, hat er wortwörtlich erfüllt. Mit besonderer Auszeichnung behandelte er eine Gruppe von Flüchtlingen, die er als Talmide Ghachomim kennen gelernt und zu gemeinschaftschaftlichem „Lernen" vereint hatte: und es war ihm ein bitterer Schmerz, daß es ihm nicht gelungen war, ihnen den dauernden Aufenthalt in Boskowitz zu ermöglichen. Mit Ignatz Ticho ist einer der letzten Reste des alten, schönen jüdischen Mährens ins Grab gestiegen. — . — F. — Agudaversaminlung in Iwaniska. Vorigen Donnerstag veranstaltete die Ortsgruppe eine große Agudaversammlung, in der zu den Ereignissen der letzten Zeit Stellung genommen wurde. Herr Goldmann eröffnete und erstattete einen ausführlichen Bericht über die erfolgreiche Tätigkeit der Ortsgruppe, insbesonders auf dem Gebiete des Ghinuch. Sodann referierte Redner über die bevorstehenden dringenden Aufgaben der Ortsgruppe, wobei er ausführlich über die Gründung von Fachkursen für die orthodoxe Jugend sprach. Seine beifällig aufgenommenen Anträge wurden einstimmig angenommen, Herr Moses Ledermann berichtete hierauf über die Ergebnisse der Wiener Konferenz, der beizuwohnen er das Vergnügen hatte, wobei er sich in scharfen Worten gegen die lügnerischen Ausstreungen der Gegner wendet. Sodann referierte er über die Tätigkeit der Wiener Jugendgruppe und erwähnt, mit welchem Eifer sich dort die jungen Leute dem Thorastudium hingeben. Seine Ausführungen wurden mit großer Begeisterung und stürmischem Beifall aufgenommen. In der darauf folgenden Beratung wurden mehrere Resolutionen gefaßt, unter anderem ein scharfer Protest gegen den schändlichen Kampf, den die zionistische Organisation derzeit in Polen gegen die Aguda führt. Ferner wird die Leitung der Aguda beauftragt, mit aller Kraft dahin zu wirken, daß der Orthodoxie in der Palästina-Angelegenheit, der Emigration usw., die gebührende Vertretung eingeräumt wird. Schließlich wird der Agudazentrale das vollste Vertrauen über die bisherige Tätigkeit ausgesprochen und aufgefordert, weiterhin im selben Geiste und in derselben Richtung wie bisher zu arbeiten und zu wirken. Die Jugendbewegung in Ostgalizien. Die Aguda-Gruppe der orthodoxen Jugend in Lemberg, welche im Laufe ihrer 2jährigen Existenz verschiedenen Verpflichtungen in allen Hinsichten nachgekommen, und fruchtbare Arbeit für die Popularisierung des Aguda-Gedankens unter den breiten Massen geleistet, entfaltete die letzte Zeit eine umfassende-Tätigkeit auf allen Gebieten. Das erste Ziel war rninn pp DÖIH. Zunächst haben wir Abendkurse für Gewerbetreibende und Handwerker veranstaltet, welche unter der Leitung unseres Obmannes und dessen Stellvertreters Hersch Schapira sehr gut gedeihen, außer den genannten Kursen haben wir auchSchiureüjchabbos eingerichtet. Jeden Moze Schabbos finden auch im Aguda- Lokale Vorträge über verschiedene Geistesheroen unserer Geschichte statt. Auf philantropischen Gebiete haben wir erfolgreiche Arbeit geleistet. Im Rahmen unseres Vereines existiert eine Abteilung Mossad Esra mit dem Ziele, die in Not geratenen Bachurim materiell zu stützen. Diese Sektion mit dem Enkel des Brzezaner Gaon, Elie Rubinstein, hat auch die Aufgabe, die Provinzkollegen, die sich im hiesigen Spitale befinden, mit allen Bedürfnissen zu versehen. ' Auch haben wir eine Abteilung der Flüchtlingsfürsorge gewidmet, welche die Jugend der Flüchtlinge mit Arbeit versieht und für die Erhaltung der übrigen Flüchtlinge sorgt. Besonders haben wir letztens eine Propaganda- Aktion in großem Masse entwickelt. Die Propaganda-Sektion unter der Leitung unseres geehrten Obmannes Jakob Halpern hat den bekannten Jugendredner A. G. Friedensohn nach Lemberg eingeladen mit dem Zweck, die orthodoxen Massen mit dem Aguda-Gedanken gründlich vertraut zu machen. Der Redner schilderte ausführlich die Grundsätze der Aguda und ihre Stellung zur Palästina-Frage und es ist ihm auch gelungen, unserer Idee Sympathien zu verschaffen. Mit der Organisierung der orthodoxen Jugend war auch der Grundstein für das Erwachen der Orthodoxie im allgemeinen gelegt und zur Organisierung der gesamten Jugend-Orthodoxie in Ostgalizien. Dank der intensiven Tätigkeit unseres Obmannes J. Halpern haben sich in mehreren Städten der Provinz Ortsgruppen und Jugendgruppen gebildet. Auf Anregung der hiesigen Jugendgruppe hat hier Ende Mai die Vorkonferenz von den Vertretern sämtlicher Jugendgruppen in Ostgalizien stattgefunden. Dank der Jugendgruppe in Lemberg und besonders der Anstrengung unseres Obmannes und dessen Vertreter konnte unsere Zeitschrift mit Namen „Hanezach" erscheinen. Nathan Rock. flgudas 3i$roel-3udtn<!gruppe. Wien, II., Obere Donaustraße 69. Jugendgruppe: Fonds zur Errichtung von Jugendgruppen und Unterstützung von Jeschivos in Erez Israel: Gesammelt bei der zweiten Hauptmitgliederversammlung K 1500, Rabb. Samuel Ehrenfeld (Mattersdorf) 20, Chaskel Rokach 20, Moses Tag Sivan Juni Sonntag 6. 12. Montag 7. 13. Dienstag 8. 14. Mittwoch 9. 15. Donnerstag 10. Iß. Freitag 11. 17. Samstag 12. 18. Notizen I. Tag Schowuos. — Tod König David (Sabbat Mincha) — Märtyrertod R. Meir-Elkisch — Kreuzfahrer zerstören Synagogen in Köln 4856 (1096) II. Tag Schowuos. — Rabbenu Tarn wird von den Kreuzfahrern aufs Feld geschleppt nnd schwer verwundet 4850 — Tod des Bai schem tow 5520 — Araber plündern Juden in Saffed 5599 — Tod R. Dow Ber Ziditschew 5595 Isru Chag. — Tod R. Simcha — Stryj-Lemberg — Tod R. Arje Leb Rappaport Lemberg Titus stellt Sturmböcke gegen Jerusalem— Katastrophaler Brand Judenviertel Posen 5350 — Tod des Beer hagolo Wilna 5444 — Tod R. Isroel Perusch Tewarje 5599 Tod R. Saul, Brody-Krakau 5553 Deutscher Kaiser entzieht Juden Rechte 5318 Nossoi. — Haftoro (Schoftim 13) Wajhi isch echod — I Perek — Tod R. Isak Gersuni Prag 5382 — Tod R. Isak Kohen (Eidam des hohen R. Low) Prag 5384