Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 18 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HB JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ',') ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Ahonnementspreise: Ganzjährig: Für OsterreichK 300'—. Ungarn K 250*—, Tschechoslowakei K6. 10'—, Deutschland Mk. 60«—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 60 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300*—. Einzelnummer d.-ö. K 6-—, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10*- Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 18 i Wien-Bratislava, 27. Mai 1921 M'snn t\s w rvDDDjha - nri ,tj» 7. Jahrg. Die Auflösung des Joint. „Ich ruhte nicht, gab keinen Frieden, ich rastete nicht, bis das Unheil kam." Hiob. Zu den Hiobsposten, die uns Schlag auf Schlag ereilen, gesellt sich die traurige Botschaft von der Auflösung des Unterstützungsbureaus des Joint, eine Botschaft, die Tausenden Familien das Tageslicht verdüstert, den letzten Trost in harten Prüfungsjahren raubt und die Vernichtung eines schönen Wahrzeichens der Menschenliebe und der brüderlichen Treue bedeutet, dessen Verschwinden nicht nur den Schützling, sondern auch den Gebenden und die ganze Gesellschaft ärmer macht. Die jüdisch-nationalistische Partei trifft die schwere Schuld, diese Katastrophe — als eine solche wird sie von zehntausenden von jüdischen Familien empfunden werden — allen Vorstellungen gegenüber taub, gewaltsam herbeigeführt zu haben. Die „Diaspora-Nationalisten" — wie sie Amerika nennt — haben in unfaßbar skrupelloser Weise, diese heilige Institution zu einem politischen Machtmittel herabgewürdigt, sie haben jahrelange eine meilo be-hekdesch begangen; sie haben sich sozusagen in den Besitz aller philantropischen Produktionsmittel gesetzt, um eine unumschränkte Gewalt über die jüdische Masse ausüben zu können. Es ist genug bewundernswert, mit welcher Geduld und unzerstörbarer Hingebung die amerikanischen Brüder die immer häufiger und lauter werdenden Klagen über die Uebergriffe der Diaspora- Nationalisten entgegengenommen xhaben, und es ist unfaßbar, welche Verblendung die Jüdisch-Nationalisten verleitet hat, den Bogen bis zum Zerreißen zu, spannen. ÄDie^^ trägt auch ihren guten Teil an dem jähen Ende der Joint- Tätigkeit. Blutaufpeitschend sündhaft war aber das frivole Spiel, welches mit der Verwaltung des Jointgeldes von den tschechoslowakischen jüdischen Nationalisten getrieben wurde. Iii einer geradezu rätselhafter Weise hatte sich ein junger Mensch aus Prag der Jointverwaltung in der alten Gemeinde Preßburg bemächtigt, mit deren Hilfe das Judentum der Slowakei tyrannisiert und den großen Führern des konservativen Judentums, das 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der Slowakei bildet, die Spitze geboten. Bei einer Landeskonferenz der jüdisch-nationalistischen Wahlpartei sagt der Referent der Wahlarbeit, der zugleich mit dem Jointgelde hantiert hat, mit verblüffender Naivität folgendes: „Z. B. Die Dunajskastredaer Juden! Wenn sie Hilfe von uns brauchen, kommen sie zu uns, aber stimmen wollen sie nicht für uns!" Dieser unglaubliche Zustand wurde am schärfsten durch das Verhältnis des Joint zu Karpathenrußland charakterisiert. Karpatho - Russia ist ein Teil der tschechoslowakischen Republik. An den allgemeinen Wahlen in die Nationalversammlung hat aber dieser Teil der Republik nicht teilgenommen. Solange in Karpatho-Russia keine Rede von Parlamentswahlen war, gab es auch keinen Joint in diesem Teile, der die ärmste, notleidendste Bevölkerung der Tschechoslowakei beherbergt, trotzdem von dort fortwährend dringende Vorstellungen über das Elend der jüdischen Bevölkerung am Lande gemacht wurden. Kaum wurde ein — seither fortwährend verschobener — Termin für die Wahlen in Karpatho-Russia anberaumt, da wurde eine Jointstelle in Uzhorod beschlossen, als deren Präsident der Präses der jüdischen Wahlpartei und deren Sekretär der Sekretär derselben Wahlpartei bestimmt wurde. Dieser doch zu gewagte Streich ging fehl. Die allgemeine Reorganisation des Joint schuf auch hier eine Besserung und Karpathenrußland, das zwei Jahre vergebens um die Joint- Unterstützung gefleht hat, ist gegenwärtig, wo Amerika besser informiert wurde, der ganze Mittelpunkt der Joint-Philantropie in den Sukzessionsstaaten. (Der Artikel wird fortgesetzt.) Der Gerer Mnwr in der Sitzung des gescbämfiibrenden Ausschusses. tt diw »an tpü Der Zug des gefeierten Rabbi von Gora sch. 1. j. nach dem heiligen Lande ruft die geschichtliche Erinnerung an jene Größen der Thora wach, die mit ihrem Zuge nach Erez Isroel Epochen der Blüte wahren jüdischen Lebens geschaffen haben, wie Ramban, Schelo und Arij. Die unsterbliche Liebe zur Erez ha-kedoscha findet ihren wärmsten Ausdruck in den der höchsten Empfindsamkeit befähigten, ausschließlich dem Thoraleben geweihten Geistern. Viele Hunderttausende haben den großen Rabbi mit heißen Segenswünschen für sein Werk auf seinem Wege begleitet und harren mit dem klassischen nasso we-nischma mit Spannung auf die Parole des großen Meisters. . Abernicht allein der innere Kreis seiner in ganz außerordentlicher Verehrung ergebenen Anhänger begrüßt den Ad'mur auf der Heimkehr aus Jeruscholajim. Auch weitere Kreise haben diese bedeutungsvolle Reise mit Sympathie und Erwartung verfolgt. Es entsprach einer weithin empfundenen Sehnsucht, wieder einmal etwas mehr Größe, mehr Reinheit, mehr Innigkeit in dem chaotischen Getriebe der Palästinabewegung erleben zu können. Anläßlich der Rückkehr der Aguda-Delegation aus Palästina sind die hier weilenden Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses und des rabbinischen Rates zu einer gemeinsamen Konferenz einberufen worden, in welcher der Gerer Rabbi NtD1^ als Führer oier Delegation und Rabbiner Horowitz aus Jerusalem eingehend über ihre Mission referiert haben. Der Gerer Rabbi betonte seine große Zufriedenheit über seine Wahrnehmungen in Erez Jisroel und erklärt: es sei die Stunde gekommen, daß Agudas Jisroel in seiner Gesamtheit und in seinen einzelnen Gliedern an dem Aufbau Erez Jisroels effektiven Anteil nehmen müsse. Der High Commissioner habe ihn und Rabbiner Horowitz gebeten, die Orthodoxie zu versichern, daß sich die gesetzestreuen Juden, die nach Erez Jisroel kommen werden, in absoluter Freiheit und Unabhängigkeit ausleben können werden. Auf Wunsch des Gerer Rabbi erteilte Rabbiner Horowitz über verschiedene wichtige Einzelfragen Aufklärungen, die von den Anwesenden mit großer Befriedigung entgegengenommen wurden. Der Gerer Rabbi erklärte noch, daß er seine Erfahrungen in ausführlicherer Weise nach seiner Rückkehr in Polen veröffentlichen werde. (Wie wir erfahren, wird der „Jud" in Warschau zuerst in der Lage sein, eine sehr eingehende Dar- Sit Samuels Pcssacbfcier. Eine ungemein gehobene Jomtow-Stimmung, durchglüht von Zukunftsfreude, beherrschte die Pessachtage, glanzvolle Tage, umspielt von alter und neuer Glorie des Seman cherutenu. Am Schwii schel pessach war der High commissioner in der großen Synagoge der Bucharischen Gemeinde, ebenso hervorragend an Reichtum wie an Frömmigkeit, erwartet. Den ersten Tag hatte der Naziw in der Ghurwa Synagoge verbracht. Eine glänzende Gesellschaft füllte die ersten Reihen des Tempels: Justizsekretär Bentwich, Großrabbiner Jakob Meir, Nachum Sokolow, Rabbiner H o r o v i c z, die Rabbiner der Yemeniten- Gemeinde Rabbi Alschich, Dr. Ed er, David Y eil in, Dr. Pool. Die Tefilla geht mit besonders feierlicher Andacht vor sich. Jetzt wird das Sefer von Sir Herbert Samuel ausgehoben und Krias Hatora beginnt. Diese Alios! Sie sind von mehr als engem Kehillointeresse gewesen und werden wohl den Leser des weiteren Auslandes mitinteressieren. Als Kohen wird der Vorsteher der Bucharengemeinde Moschiach aufgerufen, als Levi Rabbiner Horovicz. Jetzt ruft der Kore mit wahrer Heroldsstimme: Jaamod! neziwenu hoeljon morenu raw Elieser ben Menachem, schlischi! Dann folgt Justizsekretär Bentwich, Unterrichtsinspektor Edwin Samuel, der Sohn des Naziw, endlich zu Maftir Nissim Nachum, Vorsteher der kabbalistischen Mechawnin-Synagoge, der 26 Pfund Sterling gelobt zum Zwecke der Gründung eines Komitees, welches den Bach Gichon wiederevschließen solle, denn nach den Büchern der Kabbala wird dieses Ereignis in der Zeit der Erlösung eintreffen. Nach Krias hatora hielt Rabbi Jakob Meir eine warmempfundene Derascha, in welcher er die hohen Verdienste der Bucharer um den Häuserbau hervorhob. Er wünschte der Gemeinde, deren früherer großer Reichtum durch die in ihrer Heimat herrschenden Bolschewisten gelitten hat, neuen Segen. Nach der Tefillo strömt die begeisterte Menge ins Freie, wo der wundervolle Erez-Isroel-Frühling alle seine Reize ausgeschüttet hatte. Man grüßt sich nach bucharisch-jüdischer Sitte mit dem Zuruf: HQ1 DW1? Dtfl. Der Tag war über alle Maßen schön. Im blendenden Sonnenlicht boten die bunten Farben der reichgestickten Seidenkleider der bucharischen Juden ein herrliches Bild. Der High Gomissioner und die ganze Gesellschaft war zu R. Abraham Aminof, Gemeindevorsteher der Bucharen, zum Lunch geladen. Vor dem Tore des Hauses sangen die Talmidim der Bucharischen Talmud Thora einen Willkommgruß. Dem High Commissioner wird da die malerische jüdischnationale Tracht der Bucharim überreicht; auch die übrigen Gäste erhalten dieselben gestickten Mützen. Während der Mahlzeit werden begeisterte Reden gehalten. Sokolow und Yellin priesen die^ große Wandlung in Erez Israel, daß wir jüdische Feste in jüdischer Weise an der Seite eines jüdischen Naziw feiern konnten. Ost und West, Nord und Süd seien hier in wunderbarer Weise vereinigt. Rabbiner Horovicz knüpft an die schöne Hymne Jehuda halevis an, die in der aschkenasischen Tefilla am Schwii schel pessach angestimmt wird: „Degalaj ken tarum al hanischarim utelaket nifsarim kimlaket schibalim. Auf das Hochhalten der Fahne kommt es an — sagte Rabbi Horovicz — damit diese auch in den weitesten Fernen von den Versprengten und Zerstreuten wahrgenommen werde. Israels Fahne ist seine Thora; um diese muß ganz Israel sich scharen. Die Vorredner betonten das jüdische Wesen, dem wir auf Schritt und Tritt in Erez Israel begegnen. Ehre der Wahrheit! Daß die Thora, die geheiligte Tradition, die Würde der Thoraträger auch offizieller Ehrungen sich erfreuen können und jüdischen Festen in den Synagogen und feierlichen Zusammenkünften in imposanter Weise gehuldigt wird, verdanken wir unserem Naziw, der in vornehmster Weise unser Judentum und unsere Thora ehrt." Stürmischer Beifall begleitete diese Worte des Redners, der zum Schlüsse noch auf die ideelle Schönheit Jeruscholajims hinwies und daran erinnerte, daß diese Schönheit nur in aufrichtiger Liebe und Freundschaft, in der weitestgehenden Duldsamkeit der Grundsätze von Andersgesinnten die besten Früchte zeitigen könne. Es sprachen noch Rabbiner Amnioff, der Präsident der Bucharim-Gemeinde, Großrabbiner Jakob Meir und der Vorsitzende des sephardischen Besdin, Rabbiner Pilosoph, der zur Einigung mahnte und insbesondere Herrn Rabbiner Horovicz, der das Vertrauen der maßgebenden Kreise genießt, ersuchte, seine großen Kenntnisse der Verhältnisse in den Dienst des gegenseitigen Verständnisses zu stellen. Nun erhob sich der High Commissioner, dessen Worte Dr. Sola- Pool auf Hebräisch verdolmetschte und sagte: Seit 2000 Jahren wird zum ersten Male im Hause der Regierung Seder gefeiert und Mazzo genossen. Beim vorigen Seder sagte er noch: leschana habaa bejeruschalajim. Diesmal könnte man schon sagen: beschana hasot. Die Frommen wollen nicht darüber unwillig sein, daß im selben Hause von Anderen auch Chamez genossen wurde. Es bestehe aber keine andere Möglichkeit. (Zurufe: Mutar lach!) Er bete für den Aufbau Jerusalems in diesem Jahre. Stürmischer Beifall unterbrach und schloß die herzliche Rede. Der High Commissioner verließ das Haus und schritt durch die vieltausendköpfige akklamierende Menge, die auch Fenster und Balkone füllte. Der Naziw trug noch die farbenreiche bucharische Seidenkleidung mit der goldgestickten Mütze. Bei der ungarischen Kolonie trat ihm der greise Rabbi Akiba Josef Schlesinger, ein Preßburger, entgegen und segnete ihn mit dem traditionellen „Boruch schecholak mikewodo lijreow!" Eine große Menge begleitete den High Commissioner bis in das Haus der Regierung auf dem Oelberge.