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Jüdische Presse · 1921-05-20 · 17 (20.5.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
17 (20.5.1921)
Date
1921-05-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnerg-asse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für OsterreichK 300-—, Ungarn K 250--, Tschechoslowakei Kö. 70'-, Deutschland Mk. 60--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika4 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300«—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kc. 1-50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K lO'-j Fürs Ausland 100 Prozent Touerungsznschlagi Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Mr. 17 Wien-Bratislawa, 20. Mai 1921 .x'sin -pk 3' todditis - m rvjn 7.Jahrg. Der Zusammenbruch. Es gibt in unserem Schicksalsbuche, in der Bibel, manche Stellen, die schon das kindliche Gemüt bei der ersten Lektüre mächtig ergreifen und mit der dunkeln Ahnung erfüllen, daß hier ein alle Zeiten überdauerndes Schicksalswort rezitiert wird. So hebt sich ein scharf pointierter Satz in der Jeremiade aus dem Ganzen ab und prägt sich tief ins Gemüt und Gedächtnis: Tumosso be-schuleho lo sochro achrisso — wa-tered ploirn! „Wenn ihre Unreinheit schon den Rand übersteigt, bedenkt sie noch das Ende nicht — darum stürzt sie so wunderbar tief!" Das blieb die Lehre der Eigenart unseres Schicksales für unabsehbare Zeiten! Der unglückselige Individualismus, die Erbkrankheit des Gorslebens, schafft eine abnormale gesellschaftliche Struktur, wenn nicht anderes die unserem Volkscharakter angepaßte harte Disziplin der Thora den Fluch des Kesche oref, des harten Nackens, zum Heroismus des Glaubens wandelt. Jede in sich geschlossene jüdische Gesellschaft, die nicht auf den Bahnen der Thora vorwärtsschreitet, verfällt, sie mag in ihren Anfängen vom edelsten Idealismus geschaffen und geleitet sein, unrettbar dem Baalsdienst, dem Kultus des „Herrn", des Mächtigen, des Regierenden, des Brotgebenden! Noch immer gilt die Alternative des großen Eiferers Elija: „Ihr wandelt entweder hinter G-tt oder hinter einem Baal." Die jüdische Gesellschaft, die ihr Leben nicht nach der Sonne des Glaubens regelt, sondern den aus den Sümpfen der Selbstsucht entsteigenden Irrlichtern nachgeht, verfällt langsamer oder schneller, immer aber unfehlbar, der Korruption der Baalsherrschaft, der Anbetung des persönlichen Einflußes, der Jagd nach selbstischen Erfolgen. Da sinkt der Wert des Sittlichen und. tf*^^»wj»^*HN>^>»>»H^^ steigt der wahrenBaaTspriester, der v erheiBer unmittelbarer, zeitlicher persönlicher Erfolge zur höchsten führenden Stelle empor. Die dem Golusrnilieu anhaftende böse Neigung des Individualismus, losgekettet von den Banden der Mizwo, tobt sich jubelnd aus, spottet der Prophezeiung derjenigen, welche die hundertfach wiederholten Erfahrungen der Vergangenheit zum Zeugen gegen die Herrschaft des Baals anrufen, läßt die Unreinheit den Rand des Möglichen übersteigen, bedenkt das hundertfach prophezeite Ende nicht und stürzt zum hunderten Male wunderbar tief. So ersteht auch in unseren Tagen wieder das im lebenden Kreislauf unserer Geschichte wiederkehrende, so alte und ewig neue Bild, wie das selbstvergessene Israel falschen Propheten, „die mir mein Brot, meine Wolle, meinen Flachs geben", nachzieht, den „Quell des Wassers des Lebens verlässt, um sich Zisternen zu graben, unbrauchbare Zisternen". Wie sie Führern zujubeln, die ihnen für ein Linsengericht des Tagesvorteiles ihr Erstgeburtsrecht, das Recht sich den Erstgeborenen des Ewigen zu nennen, verschachern! Wie sie sich an den klassischen Falschseher klammern, des Brotes, der Wolle und des Flachses wegen, der da heute wie vor Jahrtausenden von seinem Baalsystem lügen muß „Friede, Friede wird sein, es ist aber nie Friede!" Und uns ereilt eine Hiobspost nach der anderen. Der große Brand des Judenhasses im Osten, den zu löschen und in seinen furchtbaren Folgen zu bekämpfen sie als Existenzberechtigung ihrer Disziplinen anführen, hat ungeahnte Ausdehnungen angenommen und greift von einem Lande ins andere hinüber. Unkundige Hände haben sich gewalttätig der so schwer zu handhabenden Zügel der Leitung unseres Volkes bemächtigt. Die Stränge verwickeln sich rettungslos in ihren Händen, Ersteht niemand unter ihnen selbst, wie bei allen anderen gesunden Volksorganismen, der sie zur Rechenschaft zieht und der ] dem Abgrund zu Tollenden in'die Zügel fällt? Noch ehe die Unreinheit den Rand, das Maß des Möglichen überstiegen hat! » Muß denn immer und wieder der Fall ein so wunderbar tiefer werden? Bei jeder anderen Volksgemeinschaft muß der Führer aus Mißerfolgen für sich die Konsequenzen ableiten. Selbst Pharaos verstocktes Herz bricht bei einer Katastrophe in den Ruf aus: „Der Ewige ist gerecht, und ich mit meinem Volke sind die Ungerechten!" Wann werden wir ein solches Bekenntnis aus dem Munde jüdischer Führer hören? Kein himmlisches oder irdisches Gesetz gibt^ ihnen das Recht angesichts ihrer beispiellosen Mißerfolge, welche die Wunden unseres Volkes mit ihren Arzneien vergiftet, statt geheilt haben, die "statt der „gesicherten Heimstätte" die Unsicherheit in alle Länder verpflanzen, hinter deren Tätigkeit Pogrome, Einwanderungsverbote und Ausweisungen ziehen, kein himmlisches oder irdisches Recht legitimiert sie dazu, ihre unheilsschwere Führung noch weiter zu behaupten. —m. Davis Crictsch Über seilte Palästinareise. In der zionistischen „Jüdische Rundschau" wird ein Interview mit dem Zionisteuführer Davis T ri e t s ch veröffentlicht. Wir geben daraus einige charakteristische Stellen wieder, ohne daran einen Kommentar zu knüpfen. \ Nach den maßgeblichen persönlichkeiten in Palästina befragt, äußerte sich^fl^ietsch wie folgt: '^^ie~£er^ gelten nicht mehr als maßgeblich. Weder bei der englischen Verwaltung noch bei den Juden, mit Ausnahme derer, die aus der gegenwärtig Besetzung ihren Vorteil ziehen und auch dies nur bis zur Grenze dieses Vorteils. So hat die zionistische Leitung ein recht gutes Verhältnis zur organisierten Arbeiterschaft hergestellt. Aber dieses an sich erfreuliche Ergebnis erreichte sie nur unter Opferung aller sonstigen Interessen. Die Leitung überweist der Arbeiterschaft alle Mittel, die sie über den notwendigsten eigenen Etat hinaus zur Verfügung hat, um sich vor Störungen von jener Seitezu sichern. Darüber hinaus aber ist auf seiten der Leitung von einem Verständnis für die Erfordernisse der Arbeiterschaft und von ihrer Rolle innerhalb des Gesamtproblems wenig zu spüren. Die Engländer, die von vornherein sehr bereit waren, mit der zionistischen Leitung in Palästina als einer maßgeblichen Körperschaft zusammenzuarbeiten, sind hiervon weit zurückgekommen. Sie sehen keine :tötim£ftififf^ gegenüber der Judenschaft. Auch nach Auffassung der maßgeblichen Kreise der englischen Verwaltung (in denen auch Juden vertreten sind), ist eine Reform an Haupt und Gliedern notwendig. Neue Auffassungen, neue Systeme der Arbeit und neue Menschen zur Durchführung dieser Arbeit sind nötig — auch, wie gesagt, nach Auffassung der Engländer —, um das jüdische Palästina aus einem Vertragspunkt zu einer Wirklichkeit werden zu lassen. Die Engländer zeigen eine Engelsgeduld. Sie hätten allen Grund, von der jüdischen Arbeit bereits gründlich enttäuscht zu sein. Aber in einem viel höheren Grade als unsere Arbeit und Stellungnahme Abschied von ßew VorU. Am 4. Mai 1917, an einem unfreundlichen Freitagmorgen, da lagen wir abfahrtbereit im Hafen von New York. Um 1 Uhr nachmittags, da erbebte der Rumpf des „Ryndams" von den ersten Stößen der Maschine, und auch in unseren Herzen begann da ein kleiner Kolben mächtig zu arbeiten. Abschied von dem Wunderlande, Abschied von einem Volke, mit dem wir seit jeher nur Beziehungen der Freundschaft, der Dankbarkeit gekannt hatten, um dessen Liebe wir jahrelang mit heißem Bemühen geworben haben, um das Leben unserer Söhne, um die Ehre unserer Töchter, um das Glück unserer Kinder — gebettelt hatten. Welcher Abschied! Der Riß, der durch unsere Seele ging, klaffte weiter durch die ganze Menschheit. Was werden da dem jüdischen Volke, das drüben an den Reibeflächen der Völker wohnt, für neue Prüfungen erwachsen? Ach, das war so überwältigend schlecht, so wahnwitzig dumm, so unerhört grausam, über menschliches Wollen waltend. — Das war eine höhere strafende Macht! Langsam, wie zögernd, entwindet sich „Ryndam" der Umarmung des dunklen Docks und tritt in die Lichtung, macht einige wie Unschlüssigkeit anmutende Wendungen und gleitet den Hudsonstrom hinunter. Kinomänner kurbeln uns eifrig nach. Rechts und links Dock an Dock, in welchen gewaltige Dampfschiffe wie Rosse in ihren Ständen ruhen. Kein Gruß, wie sonst, winkt dem von der österreichisch-ungarischen Botschaft gecharterten „Ryndam", dem Feinde malgre lui! Warum? Sie wissen es ebensowenig wie wir. Nochmals zieht das unvergleichliche Panorama' der Märchenstadt vorüber. Vorbei an dem 40 Stock hohen Metropolitain- Building, das mit seinem Glockenspiel, seiner riesigen Giühlichteruhr und Lichtsignalen, den Stolz New Yorks, der großen Kinderstube, bildet. Vorbei am Woolwprth-Building, dem König der Wolkenkratzer, vorbei am Municipial-Building und an den drei benachbarten Riesenhäusern der kriegshetzerischen Blätter, die „World", die „Tribüne" und ach, die „Sun". „Wackerer Apotheker, dein Tränklein wirkte schnell!" Hinter ihnen breitet sich East Broadway, das jüdische Zeitungsviertel aus. Dort drüben grüßt zum letzten Male die wunderliche Welt der Eastside, mit dem sinnverwirrenden Chaos ihrer Synagogen, Kongregationen. Meetings, Societies, reverends, logdes, flagdays presidents, chairmans, Theater, papers, editors, movies, vaudevilles, cemetries, bal messader kiduschins, committees, dieses riesenhafte Ausstattungsstück, mit seinen rührend-empörenden, entzückend-häßlichen, begeisternd-anwidernden Zwittererscheinungen, immer erhaben und lächerlich zugleich, über- und allzumenschlich in einem Atem, grandioser und erbärmlicher als Unsereins, unser Verderber und Retter zugleich, der mit der Rechten die Wunden verbindet, welche die Linke schlägt. Vorbei an der Gruppe der Riesengötzen, am Singer-Building, Banker Trust-Building, Equitable- Building, Adams-Building, Whitehall-Building . . . tausend äugig wie Argus starren sie uns nach. Hinaus in die Bucht! Dort entschwindet Ellis Island, die Träneninsei, wo zu arme, zu kranke, zu verfolgte Heimatlose vor den Toren des Paradieses zurückgestoßen werden in die Hölle, aus der sie entflohen zu sein glaubten. IVorbei an der Freiheitsstatue. Nun schwingt sie die Leuchte wie eine Brandfackel nach dem todmüden, weißgebluteten Europa. Vorbei an den Stätten übermütigen Strandlebens Goney-Island, Brighton-Beach. Der Himmel senkt sich wie ein Theatervorhang auf das Traumbild nieder, das sich durch einen leichten Nebelschleier wie zur Schlußapotheose gruppiert, zum letzten Male in seiner ganzen berückenden Schönheit zeigt. Dann verschwindet der letzte Streif vom Horizont, und wir sind auf G-ttes Welt einsam und verlassen. Oder hat sich eine neue Sintflut über diese verruchte Welt ergossen und wir treiben in der Arche der Schuldlosen gerettet auf der ungeheuren Wasserwüste umher? Ein leiser, feiner Regen rieselt von hohen Wolken herunter, als ob tausend gute Engel Abschiedstränen weinen würden ... Wir bleiben der vereinsamte Mittelpunkt des Riesenkreises, aus dessen Banne sich das stets rascher dahinkeuchende Schiff scheinbar vergebens zu entfernen sucht. Allmählich löst sich der Alp der verhängnisschweren Bedeutung dieses tragischesten aller Abschiede. Der Siun fliegt froheren Zukunftsbildern zu. Das Tempo der Maschine ist in crescendo begriffen, die Pulse des Schiffsleibes fliegen fieberhaft. Gibt es nicht in Tausend und eine Nacht einen Magnetberg, der alle eisenbeschlagenen Schiffe mit unwiderstehlicher Macht anzieht, daß sie in anwachsender Schnelligkeit ihm zutreiben müssen? So trug uns „Ryndam" mit anwachsender Geschwindigkeit entgegen den großen Magneten: Heimat, Weib und Kind! . . . B.

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