Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 16 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESS („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnerg-asse 14. Erscheint jeden Freitag. — Rodaktionsschiaß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganag ahrig: Fflr Österreich K 300-—, Ungarn K 250«-, Tschechoslowakei K6. fO'-, Deutschland Mk. 80--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika (2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300*—. Einzelnummer d.-Ö. K 6 —, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10* — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 16 T Wien-Bratislava. 13. Mai 1921 .K'snn t-k n :hoddjhb " m n*s» 7. Jahrg. Sepilira. Von Samuel Bettelheim. Die Zählung! ... Die Zählung des glücklich anwachsenden Volkswohlstandes bedeutete es damals als Israel ein normales Volksdasein gelebt hat. In siebenmal sieben Tagen floß die frohe Arbeit des Einsammelns des G-ttessegens dahin und jeder Tag ward mit fröhlichem Sephirasegen gezählt als eine weitere Stufe empor zur steigenden Volkswohlfahrt. Aber dann — als Israel von „Nation zu Nation .taumelte und von einem Reiche in das andere11, wie eine verwunschene Volksseele körperlos unter den Völkern spukte, als jeder Segen sich ihm zum Fluche wandelte, verzerrte sich das glückvolle Lächeln der Sephirazeit zur dräuenden Fratze, Sephira ward der düstere Zähler der blutigen Ernte, die Edom, die Geißel G-ttes, in den Reihen der Kinder Israels hielt. Fast alle Tragödien des Golus tragen die Sephiratage als Datum. Lei Schimurim, ehemals die Nacht des himmlischen Schutzes, eröffnet Tage bangen Zählens. An der Pforte jüdischer Wohnungen ist da, wie oft, ein Wahrzeichen ganz anderer Art als einst erschienen, das den Verderber ins Haus rief, statt ihn zu bannen. Der Frühlingsrausch regt die edelsten und niedrigsten Volksinstinkte wach, heldische nationale Freiheitskämpfe und ruchlose Untaten gegen wehrlose, unschuldige Volksstämme. Der Jüdische Mai", er ist umflort vom Trauerschleier furchtbarer Reminiszenzen; keine jüdische Familie, die nicht in ihren Annalen mit blutiger Schrift den Tribut verzeichnet hat, welcher dem Fatum der Golus-Sephira dargebracht worden ist. Von Jahrhundert zu Jahrhundert steigertei |jgh die. Füllet So entsteht im Laufe der Zeiten das erschütternde Schauspiel, daß ein über die ganze Erde verstreuter Stamm scheu den Reizen des auferstehenden Frühlinges entfliehend, sich in das düstere Kämmerlein der Vergangenheit verschließt, daß die „tausend Stimmen der erwachenden Natur in seinem Busen nur den schweren Kummer wecken" und ihm das ganze Elend seiner Verstoßenheit aus dem Kreise glücklicher Völker ins Bewußtsein hämmern. Selbst als die gewitterschwangeren Wolken des Mittelalters gegen den Horizont der Vergangenheit hinabgeglitten waren und die Zukunft wie ein guter Traum vor ihm lag, vergaßen seine Treuen nicht das Memento der Geschichte. Da stieg der Dämon des Judenhasses gräßlicher als je wieder aus der Versenkung empor. Kischenew hieß der erste Schrei der bitteren Enttäuschung der zerstörten Hoffnungen und böser Zukunftsahnungen. Das Sephira-Fatum zog nochmals verfinsternd über unsere Generation hin. Die Schrecken des Tatnu- Jahres, das wie ein ferner böser Traum weit hinter unserer stolzen Kultur lag, verblaßten neben dem Unheil, furchtbarer an Breite und Tiefe als all das, was unser Volk in dem Buche leidvoller Erinnerungen verzeichnet hatte! Ukraine!... War das nicht das Uebermaß der Heimsuchung, mußte nicht das vor G-ttes Thron stehende Gefäß, in welchem die Tränen Israels gesammelt werden, bis sie überquellend den Erlöser beschwören, endlich seine Bestimmung erfüllt haben? Nein! Die Sephira barg noch bitterere Prüfungen. Auf demselben Boden, wo sie als frohe Sitte eines glückvollen Volkes entstanden war, auf dem heiligen Boden der Väter, ist sie als strafender Engel erschienen. Dort wo der zweitausendjährige Zustand der bösen Verzauberung der Sephira beschworen werden sollte, fallen vor den Augen des entsetzten Bruders ii Chuz-loorez Opfer der Sephira. . . Da irrt der verzweifelte, hoffnungsdurstige Blicl über alle versagenden irdischen Möglichkeiten der Erlösung in die Höhe zu Ihm, dem allein alle Rätsel unseres Seins bewußt sind, der allein Segen zum Fluche und Fluch zu Segen wandeln kann, zu Ihm, der uns — einst wie jetzt — „befohlen, hat zu segnen die Sephira des Omers". . . flpdas 3i$roel, €rez lisrocl und Paläsfina-mandat. Interview mit Jacob Rosenheim. Angesichts der schwer kontrollierbaren Berichte, die ein Teil der zionistischen Presse über die in Wien stattgehabte Zentralratssitzung der „Agudas Jisroel" veröffentlichte, hat sich der Frankfurter S.-Korrespondent der „Jüd. Preßzentrale Zürich" an den in den Berichten erwähnten bekannten Aguda-Führer, Jacob Rosenheirn, in Frankfurt am Main, mit der Bitte um authentische Auskunft über die für die Oeffentlichkeit besonders wichtigen Wiener Beschlüsse und Verhandlungen gewandt. Der Berichterstatter fragte' zunächst, wie es in finanzieller Hinsicht mit der Aguda bestellt sei. „Ich kann darauf nur antworten: recht ungünstig, verhältnismäßig ebenso ungünstig, wie mit und in der zionistischen Organisation, sofern und soweit trägt und die Löcher stopft. Wir müssen vorläufig ganz ohne amerikanische Hilfe wirtschaften, und es ist wahrlich für keinen denkenden Menschen eine Offenbarung, daß eine Organisation wie die unsrige, die erstens jung und ohne finanzielle Disziplin ist und zweitens sich fast föllig auf die jüdischen Massen des Ostens mit seinen entwerteten Valuten stützt, vor den schwersten finanziellen Aufgaben steht. Wir haben uns weder dieser Tatsache zu schämen, noch der immer wieder in die Bresche springenden Opferwilligkeit einzelner begüterter Gesinnungsgenossen. Im Gegenteil: unsere Armut ist der Zeuge unserer Unabhängigkeit, und auch wenn wir jetzt endlich versuchen, die gesetzestreue Judenheit Amerikas um unsre Fahnen zu sammeln, so werden wir um deswillen kein Jota von den Grundsätzen der „Agudas Jisroel", die nur den Thora-Willen als Herrscher im jüdischen Volke anerkennt, preisgeben." „Ist es wahr, daß die „Aguda" in Wien beschlossen hat, sich wegen Mangel an Mitteln und aus Abneigung gegen den Zionismus von der Arbeit in Erez Jisroel zurückzuziehen?" „Eine lächerlichere Erfindung als diese Behauptung ist schwer denkbar. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß die brennende Liebe zu Erez Jisroel und der entschlossene Wille zur umfassendsten praktischen Arbeit im Lande geradezu das beherrschende Moment der ganzen Tagung bildeten. Die Vertreter des Ostens erklärten einstimmig, daß, trotz der Valuta-Schwierigkeiten, aus den- Kreisen der Orthodoxie, aus den Begüterten unbegrenzte Geldmittel für Erez Jisroel zur Verfügung stehen, die nur auf die von der Agudas Jisroel zu schaffenden Aufsaugungs- Instrumente und Betätigungsmöglichkeiten warten. Sie sprachen von „Abneigung gegen den Zionismus"; gewiß, diese Abneigung ist unleugbar vorhanden und sie richtet sich nicht nur gegen den areligiösen Zionismus, sondern — ich bedaure das persönlich — in fast noch höherem Grade gegen den Misrachi, der offenbar gerade im Osten alles tut, um sich die gesamte rabbinische Welt, ja alle unabhängigen, echt jüdischen Elemente zu bitteren Feinden zu machen. Allein diese Abneigung wird die Orthodoxie niemals zum völligen oder teilweisen Verzicht auf Erez Jisroel bringen können; was in Jahrtausenden die nichtjüdischen Völker, nicht vermochten, wird ßbad gadjo. (Zeichnung von Menachem Birnbaum. Deutsche Uebertragung von Uriel Birnbaum. Welt-Verlag, Berlin 5680. Preis Mk. 60'—.) Das Urgründige des Chad gadjo-Motives hat im Stifte Birnbaums zum ersten Male würdigen zeichnerischen Ausdruck gefunden. Die gewohnte Vorstellung von der artigen lehrhaften Fabel eines Kampfes zwischen unseren braven Haustieren, der sich zwischen den Mauern unseres Hofes abspielen mag, wird da überlegen zerstört. Chad gadjo wächst hier an zu einer gigantischen schaurig-blutigen Epopöe, deren Schauplatz die Welt und deren Zeitdauer die Ewigkeit ist. Die zehn Farbentafeln Birnbaums sind zehn Akte eines gewaltigen g-ttlichen Schauspiels. Erstes, Bild. Abba, die legendäre Vatergestalt, trägt das winzige schneeweiße Lämmchen liebevoll an die Brust gedrückt. Die Idylle wird vervollständigt durch das reizende Kind, das entzückt mit verlangenden Händchen zum Lämmchen hinauttangt. Ein einfacher frommer Jude ist Abba, doch seine Füße stehen auf grünem Plane und sein Haupt ragt in die Wolken. Es mag der Abba der Familie sein, der Abba eines ganzenVolkes oder der Abba de^ Weltalls. Der Künstler kommentiert nicht; er gibt das Rätsel wieder und nicht die Lösung. Azurblau ist der Himmel. Keusche weiße Wolken ziehen vorbei. Die eine Wolke mag als eine drohend zugreifende Hand, als Omen kommenden Unheils gelten . . . Zweites Bild. Die Welt des Friedens ist verschwunden. Aus der Perspektive des Himmels blickt man hinunter auf ein grauenhaftes Schauspiel. Ein furchtbares, teufelschwarzes Katzentier ist auf der Erde erschienen, hat sich auf das friedliche Lämmchen geworfen, beißt es todeswund, letzt sich an dem roten Blute, das zum ersten Male den Erdengrund färbt. Fast 'ist das Zittern des gräulichen Katzenleibes wahrzunehmen, jeder Muskel schwillt und strafft sich vor Blutgier, Haß und Siegeswollust. Lämmchen ist. ein traurigstill, zum Aas geworden. Das Schwarze hat die Herrschaft der Welt errungen. Muß immer das Edle, Reine, Liebende, dem Bösen, Sündhaften und Hassenden zum Opfer fallen? Muß Abel sterben, und Kain herrschen"? Drittes Bild. Ein gespensterhaft riesiger Hund jagt über den Erdball. Was ist aus dem unbezwingbaren schwarzen Weltbeherrscher geworden? Andern Maule des Hundes hängt ein kleiner, schlaffer, mitleiderregender schwarzer Kadaver herab. Eine blutige Spur kennzeichnet den Siegeslauf des Riesenhundes, der mit herausforderndem Siegerblicke den Weltraum durchmißt. Viertes Bild. Unter der Wucht des aus dem Himmel niedersausenden ungeheuren Holzknüppels bricht die Herrschaft des Hundes zusammen. Ein kläglicher, verschrumpfter kleiner Hundeleib macht seine letzten Zuckungen unter dem furchtbaren Schlage des Riesenklotzes. Der Holzklotz regiert! Die Welt huldigt auch dem Holzklotz, wenn er Sieger wird, und der Prophet weissagt vergebens gegen den Götzen aus leblosem Holze. Fünftes Bild. Der rote Schrecken, das allmächtige Feuer breitet sich hoffnungslos über die Welt aus, erfaßt das Bestehende und zerstört es zur Vernichtung. Was kann ihm widerstehen? Seine Herrschaft ist wohl auf ewig fest begründet. Sechstes Bild. Da prasselt die weiße Sintflut aus den Himmelsschleußen, schlägt in das wütend zischende Feuer, das weiße und rote Element ringen miteinander, als ob das jüngste Gericht herangerückt wäre. Dann bricht die Feuerwelt in sich zusammen, ein schwaches Flämmchen windet sich noch und ringt mit dem endlosen Wolkenbruch. Wie die entfliehende Seele kräuselt sich der Dampf empor. So vernichtet eine Vernichtung die andere, ohne selbst Segen zu schaffen. Siebentes Bilcl.;.Aus dem Dunkel des Geschehens ist ein Ungetüm ' m der Gestalt eines Ochsen aufgetaucht. Behemot erfüllt die Welt mit seiner Kraft. Mit brennenden Lefzen schlürft das apokalyptische Rind den letzten Rest der Sintflut, einen armseligen Tümpel, auf. Die Mordlust glitzert mit rotem Blitze aus den Augen des geisterhaften Tieres, das wie die visionären Tiere in den Träumen Daniels über den Erdboden dahin schwebt, wer kann es bezwingen? Achtes Bild. Das furchtbare Tier ist zu Boden geschmettert und duckt sich furchtsam unter dem Mordstahl des Metzgers. Ein Unhold ist erstanden, blutdürstiger als das Tier, besessen von der Lust zu unterdrücken, Leiden und Bluten anderer zu genießen. Er schwelgt in Blutdunst, und netzt sein Kleid wollüstig mit den roten Strömen der entweichenden Lebenskraft des Besiegten. Der Kampf um die Weltherrschaft hat machtvolle Dimensionen gewonnen. Zwei Welthälften rangen da den Kampf auf Tod und Leben. Neuntes Bild. Da greift, wo Gewalt zur höchsten Entfaltung und zur Alleinherrschaft gelangt ist, ein ungenanntes Element der Vernichtung ein. Malach hamowes! Er, der Tausendäugige, ist dem Menschen-