Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 13 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: &ansgährig: Für Österreichs 300*—, Ungarn d.-ö.K 250*-, TschechoslowakeiKö. 70*—, DeutschlandMk.60*—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300'—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10 — Fürs Ausland 100 Prozent Touerungsauschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 13 Wien-Bratislava, 15. April 1921 ♦K'snn n maDDjnD - m rrpa 7. Jahrg* Gin historischer Augenblick. Bei der Grundsteinlegung der Universität in Jerusalem — so wird uns berichtet — verstieg sich einer der Redner zu der Bemerkung, von heute ab heißt es nicht mehr lo bechajil wela bekoach ki im beruchi, sondern beruchenuü Wer noch im letzten Winkel seines Herzens eine Spur jüdischen Empfindens hat, wäre verpflichtet, beim Hören dieser Nachricht diejenigen Symbole zu vollziehen, welche für einen Todesfall vorgeschrieben sind und diese Universität, bei deren Grundsteinlegung unwidersprochen derartige Aeußerungen hinausgeschleudert wurden, soll laut Statut von Keren Hajessod unterstützt werden. Wir nehmen diese Einzelheiten zum Ausgange einer ernsten Erwägung. Wir richten nicht und rechten nicht, wir fragen nicht, wo etwa in der Vergangenheit größeres Verdienst liege. Jetzt haben jedenfalls diejenigen, denen nach Fügung des Allmächtigen nicht bloß das Recht, sondern auch die Pflicht zusteht, für die Möglichkeit des Wiederaufbaues Palästinas zu sorgen, die Aufgabe, all den Gedanken und Willensstrebungen eine Heimstätte zu bereiten, die sich in der Geschichte des Judentums als erhaltend und erzeugend bewährt haben. Jetzt, muß historische Gerechtigkeit walten. Es muß ein Weg gefunden werden, wie strenggläubige Menschen nach Palästina übersiedeln können, ohne befürchten zu müssen, daß sie in der Erziehung ihrer Kinder nach der Sehnsucht ihrer Seele und nach dem Willen ihres Herzens behindert sind. Wir können es uns vorstellen, daß selbst Menschen, die religiös ganz indifferent sind, einen großen Reiz in der Aufgabe erblicken, alles eigene Wollen, sagen wir, einmal einem historischen Versuche zu unterordnen, " eine b'fläeri," fiT dem sicher doch die Forderangen der Erde genügend Berücksichtigung finden. Wenn die jüngsten Jahre uns gelehrt haben, das vieles, was auf sozialem Gebiete noch 191? für eine Utopie gegolten hat, in irgendeiner Form der Verwirklichung nähergebracht worden ist, warum soll den nun für diejenigen, die wirklich eine Einheit des jüdischen Volkes ernstlich und treu anstreben, der Gedanke an ein Heiliges Land so ganz unfaßbar sein? Warum soll denn heute, da im Kampfe der Nationen und Nationalitäten sich alles bis ins kleinste differenziert, nicht dem Ideal Raum gegeben werden, das sicher zweitausend Jahre eines großen Volkes einziger Lebensinhalt war? Warum muß in einem großen geschichtlichen Augenblick dieser Lebensinhalt irrit Gewalt erstickt werden? Und wir fragen weitet1. Es liegt sicherlich nicht im Sinne der derzeitigen i Machthaber in Palästina — und wir meinen damit nicht bloß die politischen Machthaber — schlimmste Entartung des Golus auf heiligen Boden zu verpflanzen. Solche Augenblicksmenschen dürften selbst im Taumel des größten Erfolges nicht fühlen, wölches Parteiinteresse und Parteiwollen, selbst im höchten Sinne des Wortes, darin verderblich wirkt.; Im Laufe der nächsten Zeit wird es sich herausstellen, ob der große Moment ein großes Geschlecht findet, und hier kann man sagen, daß das, was der Augenblick verpaßt hat, vielleicht unwiederbringlich verloren ist. Wir richten an die verantwortlichen Menschen die herzliche Bitte, des geschichtlichen Augenblickes eingedenk zu sein: es liegt an ihnen, ob die Stunde sich zum Fluche oder Segen wendet. p. K. Die neue Allianz. Aus Westeuropa kommt eine seltsame Kunde, deren Vorboten wir allerdings schon jüngst unseren Lesern mitgeteilt haben. Dieselben werden sie erinnern, daß unter Vorsitz des Herrn Dr. Klee sich eine neue zionistische Föderation gebildet hat, die sich auf das Basler Programm zurückzieht. Tiefer erfaßt, bedeutet das, daß man der zionistisaiaen TdecTÖgie^ tung zu beanspruchen, daß man es ihr aber verbietet, in bezug auf Stellungnahme zu innerpolifcischen Angelegenheiten Einfluß zu gewinnen. Das kehrt sich letzten Endes gegen die Grundauffassung, welche Voraussetzung des Zionismus ist, also gegen den Nationalismus. Es ist also nun richtig an Stelle klarer Konsequenz, die so imponiert hatte, ein verschwommener Doppeltseelenzustand eingetreten. Wie< immer halten wir uns auch in diesem Fall*1 vor; jeder Kritik zurück, und ebenso möchten w;r \ms; Prophezeiungen über die weitere Entwicklung di-sei' Versuches ersparen. Man braucht auch nicht zi < prophezeien. Denn dem ersten Schritt ist der zweite alsbald gefolgt. Binjan Haarez, wie Klee sein£ Gründung nennt, hat seine Pforten weit geöffne; und es strömen hinein liberale Neologen, wie mal \ sie im Westen, Assimilanten, wie man sie im Oste] j nennt. Als erster zog Paul Nathan mit fliegenden Fahnen in das neue Heim, und wir sind überzeugt, daß nunmehr, wenigstens was die äußere Form betrifft, die Neutralität des Wiederaufbaues Palästinas im besten Zuge isl. Darüber möge sich der Zionismus klar sein, daß dann aus Palästina das wird, was Max Nordau vor 20 Jahren stolz zurückwies: ein Nächtasyl für heimlose Juden, aber niemals eine Heimstätte. Denn soweit kennen wir den Gedankengang Paul Nathans und seiner Gesinnungsgenossen, daß wir nunmehr in Palästina die Stätte haben, in die alles abwandert, was dem satten Behagen der Westjuden unbequem ist. Man kann allerdings diese denkwürdige Tatsache auch anders auffassen. Schürft man tiefer, so wird man klar erkennen, daß nunmehr eine Einheitsfront geschaffen ist aller derer, die sich ein Judentum gegen oder ohne die Religion konstruieren möchten, und in Binjan Haarez, wie es nunmehr von der Doppelfirma Klee und Nathan gedacht ist, hat die Judenheit auch Platz, für das Judentum ist kein Raum. Der Hilfsverein Deutscher Juden ist nun glücklich placiert. Für. die Orthodoxie — wollen wir klipp und kjar sein — ist die Situation wesentlich erleichtert. Der Zweifrontenkampf hat aufgehört, und es ist dasselbe Bild wiederhergestellt, wie 1820, "klar;er~Kampf-för;tfie Erhaltung-der-1 alten-Religion in Praxis und Theorie. Wir sind getrost. Wie es in den jüngsten hundert Jahren gelungen ist, den Ideengehalt und das Wollen der Orthodoxie zum Durchbruche zu bringen, so wird auch bei noch so starker Gegenfront die Orthodoxie auch aus dieser neuen Situation ohne Schaden hervorgehen. p. k. Olenn das Blut zum meine wird. Das Ritualmordmärchen von Märamaros-Sziget im Jahre 1766. Von Leopold Grünwald (Budapest). (Schluß.) III. Am Vorabende des 14. Nissan kam der Szigeter Rebbe Rabbi Zewi nach dem Abendgebete nach Hause. Das ganze Haus spiegelte vor Sauberkeit, Geschirre und Möbelstücke blitzten und die weißen Linnen dufteten. Mit frommem Eifer holte die Rabbinerin eine Kerze, einen Holzlöffel und einen Flederwisch hervor. Der Knabe entzündete das Licht und nun begann ein emsiges Forschen nach Ghamez, na,ch gesäuertem Brote. Der Rabbi beugte sich in jeden Winkel nieder, rückte die Tische und Betten weg, öffnete jede Lade, fand aber wahrlich nichts anderes als die traditionellen Brosamen, welche die Rabbinerin hingelegt hatte. Der alte Rabbi begab sich nach der ermüdenden Arbeit zur Ruhe. Kaum hatte er aber eine Weile geschlafen, als er seinen Namen rufen hörte. Horch! »Rabbi Zewi, steh' auf und suche nach Ghamez!" Der Rabbi fuhr empor, horchte eine Zeitlang, legte sich dann auf die andere Seite und schlief weiter. Kaum hatte er wieder zu schlummern begonnen, da ertönte wieder die Stimme. »Rabbi Zewi, steh' auf und suche nach Chamez!" Dem Greis wurde bange zu Mute. Denn Ghamez ist kein Spaß. Ein Brosamen, der im Hause gefunden würde — und das strenge Gebot war übertreten. Da rief die Stimme zum dritten Male,: »Rabbi Zewi, steh' auf und suche nach Ghamez!8 „Wo soll ich denn suchen?" trug der Rabbi zurück. „Suche in der Synagoge, in der Bundeslade!« Der Rabbi sprang aus dem Bette, weckte den Knaben und eilte mit ihm in die Synagoge. Böses ahnend, öffnete er die Bundeslade, suchte und kratzte, fand aber nichts. Als er aber neben der in der Bundeslade aufbewahrten Flasche mit Kiddusch-Wein leuchtete, schrie er, zu Tode erschrocken, auf: „Es ist Blut in der Flasche!" Der Knabe, der tags vorher die Flasche mit goldgelbem Weine für Kid dusch gefüllt hatte, hielt sie gegen das Licht und bestätigte: * „Das ist Blut! Was tun wir?8 „Geh, schütte den Inhalt der Flasche in den Fluß, spüle die Flasche gut aus und fülle sie mit Wein." Der Knabe tat, wie ihm geheißen. Der Vater gebot ihm strenges Schweigen und begab sich mit ihm nach Hause. Zitternd vor Kälte und Aufregung legte sich der greise Rabbi zu Bette, murmelte aber befriedigt: „Nun gibt es wirklich kein Ghamez mehr im Umkreise meines Hauses!" IV. Am anderen Tage, am Erew Pessach, war der Ort von einer Schreckensnachricht alarmiert. Der zehnjährige Sandor Kerekes war spurlos verschwunden. Es verbreitete sich ein Gerücht, daß Zeugen da wären, die Beweise erbracht hätten, daß das Kind von den Juden in der Synagoge ermordet worden sei. Die Menge nimmt eine drohende Haltung gegen die Juden ein. Man läuft erschrocken zum Rabbi. Dieser saß ruhig auf seinem gewöhnlichen Platze, vor ihm der große Foliant,, aus welchem er die Satzungen des Pessachfestes las. Zu aller Verwundernng bewahrte der Rabbi vollkommen seine Ruhe und sagte den Bekümmerten nichts anderes, als: „Der Himmel weiß, daß wir unschuldig sind, seid beruhigt, bald wird es auch der Stuhlrichter wissen." Das wirkte einigermaßen beschwichtigend und man begab sich, wenn auch bedrückten Herzens, zum Abendgebete in die Synagoge. Der Kantor sang wohl die Melodien ctes Freiheitsfestes nach alter Weise, aber seine schöne Stimme vibrierte vor Erregung, als ob er dieKinot rezitieren würde. Die Sorge lag drückend auf der Stimmung der Versammlung, und tiefes Entsetzen erfaßte sie, als ihre angstvollen Vorstellungen sich erfüllten. Von draußen her drängte sich ein lärmender Haufen in die Synagoge. Panduren umringten das Haus. Ein Wachtmeister stieß die Türe auf und der Stuhlrichter, begleitet von Panduren, drang in den Tempel. Es entstand eine schreckliche' Unruhe, die sich zum Entsetzen steigerte, als man zwischen den Panduren die beiden geächteten Juden und den berüchtigten Wilderer Pop Wassilj bemerkte. Der Stuhlrichter begab sich auf den Almemor und richtete mit. strenger Stimme folgende Worte an die Versammlung: „Die mit Recht erboste Bevölkerung wollte euch .den Tempel über dem Haupte anzünden; ich habe sie mit Mühe daran verhindert, weil ich ein Mann des Gesetzes bin. Ich weiß, daß Sandor Kerekes hier bei euch ist; gebt ihn und seine Mörder heraus, sonst werdet ihr alle im Kerker verfaulen!8 Der Rabbi trat aus der erschrockenen Versammlung hervor und sagte mit Ruhe und Würde: „Hochwohlgeboren Herr Stuhlrichter, unsere Hand ist rein vom Blute, es gibt unter uns keine Mörder." „Das werden wir gleich sehen!8 sagte der Stuhlrichter, eilte auf die Bundeslade zu, riß die Türen auf, und zog daraus triumphierend die Flasche hervor. Er nahm das Glas und goß die Flüssigkeit, langsam prüfend, in dasselbe, roch dazu und sagte dann betroffen: „Das ist doch Wein!* Die beiden Geächteten blickten entsetzt auf Wassilj, der, alles um sich vergessend, hastig von dem Weine kostete und zerknirscht ausrief: ,Ein fürchterliches Wunder ist geschehen. Der G-tt der Juden hat das Blut zu Wein verwandelt." Er warf sich vor den Stuhlrichter nieder, beteuerte seine Unschuld und klagte die beiden Juden an. Sie wurden'in den Kerker geworfen; die beiden Juden sollen sich der Strafe durch die Taufe entzogen haben.