Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 12 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 92 JÜDISCHE PRESSE Nr. 12 Volk ins Exil." Nun soll es anders werden, ja noch mehr, der erfreuliche Umschwung begann sich schon allgemach zu vollziehen. Verheißungsvoll klang aus allen Reden die Feststellung der Tatsache, daß die hiesige Jugend sozusagen vorbildlich auf dem Gebiete der Thorapflege wirkte. Mir, dem Fremden, der sich nicht restlos mit allen Bestrebungen der Aguda identifiziert, tat aber noch etwas anderes wohl. Trotz der heißen Begeisterung, mit der d i e R e d n e r ihr e Z uh ö r ers ch aft e n tf 1 amrate n, erklang kein Mißton, kein unduldsames Streit wort auf ihren Lippen. Mild und versöhnlich floß die Rede aus ihrem Munde. Wie fein gesponnen war zum Beispiel die geistreiche Deutung der schönen Memre seitens des Dr. Hildesheimer (Berlin) wie rein abgeklärt waren seine Worte, die er ohne allen Pathos und oratorischen Flitter an die Jugend richtete. Patriachalisch weise sprach der Amsterdamer Raw. Zündend und hinreißend war Dr. Pinkas Kohn (Ansbach- Wien). Beifallsstürme umrauschten die Worte des eingangs erwähnten Herrn Jakob Rosenheim. Eine ganz persönliche Note hatte die Rede des Heidelberger Dr. Simon der wunderschöne Stimmungen aus dem weltberühmten alten deutschem Kulturzentrum auf die Wiener jüdische Jugend wirken ließ. Ein gewissenhafter Berichterstatter wird auch jenen anderen Herren Erwähnung tun, die sich dem Reigen dieser Redner wirkungsvoll anschlössen, wie Herr Bondy, Dr. Birnbaum und Lehmann; doch ich begnüge mich zusammenfassend festzustellen: Es war ein schöner Abend, ohne Dissonanz, voll Ernst und Würde. Die Jugendgruppe kann ihn mit stolzer Befriedigung in ihren Annalen verzeichnen. BcricDf über die TlücWlittgsaktion der flgudas 3i$roel-3udendgruppe, Bratislava. Schon im Monate Juli fluteten polnische Emigranten in großen Massen nach Bratislava. Anfangs wußten wir nicht, wie wir uns zu verhalten haben, da der größte Teil der Flüchtlinge Chaluzim waren, die durch ihre unreligiöse Lebensweise die Entrüstung der hiesigen Juden aufbeschwörten. Später aber kamen auch Mitglieder der Schomre Emune Jisroel und auch andere religiöse Elemente, gegenüber denen wir uns verpflichtet fühlten, Hilfe zu leisten. Im Monate August versahen wir nur Mitglieder der Schomre Emune Jisroel mit allen was sie benötigten. Wir wählten jene aus, die sich dem Thorastudium widmen wollten und brachten sie in Tmavaund Galanta unter, wo noch jetzt viele von ihnen fleißig lernen. Leute mit Fachkenntnissen brachten wir auch hunderte unter, andere Beschäftigungslose aber wurden von uns finanziell und mit Naturalien unterstützt. Mit der Wohnungsfrage war es am schwierigsten. Herr Koß stellte uns zwar Räumlichkeiten zur Verfügung, diese faßten aber nur zirka 40 Mann. Die übrigen wohnten auf unsere Kosten bei Privaten. Am 29. August mieteten wir ihnen eine Küche (Frau Kostolic), wo 75 Personen bis zum 17. Oktober speisten. An diesem Tage bekamen wir nämlich eine Baracke in der Strohhütte, wo wir unseren Leuten ein separates ßethaus und separate Küche, außerdem eine Schuhwerkstätte errichtet haben. Erwähnenswert ist, daß wir unseren Emigranten durch die Zentralkanzlei Legitimationen ausstellen ließen, welche mit polizeilicher Stampiglie versehen, für freies Passieren des Eigentümers diente. Selbe wurde zehntägig erneuert. Die Aguda mit der Zentralkanzlei wurde ermächtigt, den Emigranten auch Pässe auszustellen. In den ersten 14 Tagen haben wir nicht nur unsere, sondern alle Baracken mit Brennholz versorgt. Im November war es jedoch in den Baracken" bereits so kalt, daß die nur mit Sommerkleidern versehenen Flüchtlinge buchstäblich froren. Einige hiesige junge Mädchen — denen wir hiermit unseren innigsten Dank aussprechen — machten sich erbötig, Kleider zu sammeln, welche Sammlung auch mit einem glänzenden Erfolg endete. Von sämtlichen Baracken wurden die Leute mit Wäsche und Oberkleidern versehen, außerdem bekamen andere Arme einzelne Kleidungsstücke. Durchreisende ungarische Flüchtlinge haben wir ebenfalls unterstützt. Daß die Aguda imstande war, trotz der vielseitigen Anspruchnahme eine derartige große Aktion durchzuführen, ist nur durch die opfervolle, selbstlose Tätigkeit der Herren Alfred Rosenbaum, Moritz Vogelmann und Heinrich Kohlmann, ferner von der Ortsgruppe Herrn Berthold Donnebaum möglich gewesen. Diese Aktion wurde auch von allen Kreisen gehörig gewürdigt. Herr Oberrabbiner Schreiber, ferner Herr Oberrabbiner Weber und Herr Rabbiner Hirschler haben unsere Baracken besucht und waren mit der Versorgung sehr zufrieden. Der Intervention des Herrn Rabbiner Hischler haben wir es auch zu verdanken, daß wir durch die Behörden genügend mit Mehl versorgt wurden. Bis heute wurden 917 Reisepässe nach verschiedenen Ländern verausgabt. Dies war nur durch die aufopfernde Tätigkeit der Herren Sekretär Heinrich Schwarz, Herschkovicz und Rebjmn gelungen. Unser Kassagebaren weist seit Anfang August über Kö 200.000 auf. Hiezu hat die Kultusgemeinde Kö 1000-— und das Joint Kc 3000-— gegeben. 338 Emigranten wurden durch uns mit Reisespesen versehen, was bei den hohen ausländischen Kursen eine riesige Summe bedeutet. 184 Personen bekleideten wir gänzlich, zirka 125 Personen bekamen durch uns provisorische Beschäftigung. Lebensmittel bekamen wir im Werte von Kö 15.000. Vor Errichtung einer eigenen Küche mußten wir die Verköstigung der Leute durch Private besorgen, und es wurden auf diese Weise über 2600 Mittagmahle verabreicht. Auch in der Mensa speisten zirka 50 Personen. Durch unsere Küche wurden 6780 Mittagmahle ausgefolgt. In vielen Fällen ist es auch vorgekommen, daß wir sämtliche Baracken mit Brot versorgen mußten. Pmonalia. Verlobung. Am vergangenen Dienstag fand die Verlobung des Herrn Abraham Schreiber, Sohn des Erlauer Gaon mit Frl. Sarah Schreiber, Tochter des Herrn Akiba Schreiber (Sereth), Vorstandsmitglied der Aguda, statt. (Wir gratulieren herzlich.) Verlobungen. Ing. Arnold List-Lchvcnstein— Rella Reich (BieJitz). Margit Lövvinger (Neusatz)—Ödön Kux (Zsilina). Jutta Wittmawi—Moritz Kanzler (Bratislava). Hochzeiten. Oskar Müller (Wien)—Hulda Deutsch (Nikolsburg). 27. Marz. Geburten. Herr Nathan und Frau Charlotte Weizenhof', ein Mädchen. Todesfälle. Nathan Samuely, jüd. Schriftsteller (Baden-Wien). Spendenausweis. <j£»<ag»<jg> <9<tf<S5><3t? Agudas 3i$roel»3u8em!gnippe. Wien, II., Obere Donaustraße 69 Jugrendgruppe: Bela Spiegel (Salzburg) durch Herrn Daniel Bonyhady (Salzburg) K 200, J. K. 50, Simon Jelenko 50, Moses Reiner 20, Ghaini Seidrnann 50, Siegmund Walfisch 10, Akive Schwarzmann 20, Moritz Silberstein 20, Jakob Kornherg. 20, Nathan Fuchs 25, Theodor Schur 50, M. Goldschmidt 50, Pepi "freister 20, Siegmund Grünhut 50, Ernst Brunner 10, Walter Weiß 10, Jakob Aschkenasy 10, Erich Lövvy 10, Berthold Austerlitz 20, Heinrich Slaving 10, N. Windholz 10, Max Friedmann 50, Secharje Mendel Wechsler 50, S. M. Erber 50, Siegm. Erber 20, Bornstein & Co. 50, gesammelt beim Vortrage der Delegierten am 28. Marz 1270; zusammen K 2205. Jeschivo-Sektion: Aron Kober (Breslau) zu Ehren des 90. Geburtstages des Herrn Markus Bondy (Wien) K 1000, J. K. 100; zusammen X 1100. Soziale Fürsorg-o : Oskar Weinreb (Wochenbeitrag) K 100. Kranken!'ürsorge: Sandor Adler (Wochenbeitrag) K 100, am Jahrzeit des Jossef ben Reizel (20. Adar) K 50; zusammen K 150. Koren Erez Jisroel: Gesammelt beim Vortrage der Delegierten am 28. März K 1500, Nathan Donner Neder durch M. Kamm 59, Chaim Blei 20; zusammen K 1579. flgudas JisrocI-mädctKttaruppc Krankensektion: Blanka Fönigsberg K 500, Sammlung des Frl. Berta Neumann 1000, Sammlung Frl. Stella Richter 400, Herr M. Frey (Bratislava) Kö 60, Sammlung Frl. Selma Gottesmann bei der Hochzeit Aschkenasi-Hager K 631 zusammen K 2531 und Kc 50. Machsike Loimde Thoire. Hochzeitssammlungen: Teitler K 50, Bobrker 212, Jonas Krammcr 441, Neuheiser 341, Retter 627, Markus Isak Schachter 200, Reis 181, Barbasch 76, Rappaport Hirsch 400, Roptczye 62, Rosenzweig Blumenfeld 240, Becher Szamszon 50, Brodfeld Teich 445, Blau & Elster 110, Rabb. Jeruchem 528, Leib Kofler 130, Motner 400, Apfel 75, Reiser 516, Meiseis 300, Kasmann Karl 617, Nagler 862, S. Brauer 146, Sammlung Bris-milo Mermelstein 384, Taler 352, GroUrabb. Friedmann Sadygora 1478, Rabb. Kellmann 290, Sammlung Hochzeit Aschkenasy-Hager 575; zusammen K 10.088. Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel: Siegmund Löwin durch Dr. Pollak K 5000. Preßfonds: Fr. Fischof K 20, Adolf Pappenheim (Karte) 20; zusammen K 40. Gesamtsumme der Spenden: K 17.858 und K6 50. Citeramr, ^lS* eingelaufene Bucfter.* Geschichte der Nationalökonomie. Eine erste Einführung. Von Adolf Damaschke. Erster und zweiter Band. 61. bis 70. Tausend. Zwölfte, durchgesehene Auflage. Jena. Verlag von Gustav Fischer, 1920. Der neue Mensch. Die Ziele der „Garte". Von Rudolf Jeremias Kreutz. Zwei Vorträge, gehalten in der österreichischen Friedensgesellschaft. Der Aufstieg. Neue Zeit- und Streitschriften Nr. 17/18. Anzengruber-Verlag, Brüder Suschitzky. Leipzig. Wien. Der Weg zur Nährpflicht. Von Ingenieur Paul Frei. Die Verwirklichung der Reform vorschlage des Sozialethikers Josef Popper Lynkeus. Vortrag, gehalten im Vereine „Allgemeine Nährpflicht" in Wien, am 31. März 1920. Der Aufstieg. Neue Zeit- und Streitschriften Nr. 16. , Anzengmber-Verlag, Brüder Suschitzky. Leipzig. Wien. * Ausführlichere Besprechung vorbehalten. 's0^X/;x^v/;x/, Briefkasten. Israelitische Wochenschrift Zürich. Ihre wenig geistvolle Bemerkung soll auch reproduziert werden: „Freilich nicht die Redakteure dieser Zeitung sind es, die den Mitgliedern der Aguda entgegengesetzte Meinung vertreten ". (Schweizer Deutsch muß anders sein. D. R.) „Sie sind Beamte, die das zu schreiben haben, was die Vorgesetzten verlangen". Wir meinen, daß ein Redakteur, der nicht soviel Autorität besitzt um obige seine und seines Standes Ehre herabsetzende Bemerkung zu streichen, dieser Redakteur mu/3 wahrhaftig nur „ein Beamter sein, der das zu schreiben hat, was seine „Vorgesetzten" verlangen." Dieser Redakteur soll aber von seinem Verhältnisse nicht auf Andere schließen. Eigentum einer Societät. — Verantwortlicher Redakteur für Deutschösterreich: Jakob Dentsch. Für die Tschechoslowakei : Heinrich Schwarz. — Druck: Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Hernalser Gürtel 20. — Telephon Nr. 19.772. KALENDARIUM. __Tag Sonntag Montag Dienstag Donnerstag Samstag Adar II 24. 25. April Notizen Nissan 1. Tod R. Eisek Margolies, Prag 5285 — Tod R. Chaim Algasi, Konstantinopel (Nesiwot Mischpat) 5400 — Tod R. Abraham Berlin, in Amsterdam (früher in Halberstadt) 5490 — Czar Alexander I. Ukas gegen Ritualmärchen 5578 Ewil Merodach befreit König Jojachim (Jerernia 52) — Tod R. Awigdor Kroo-Glogau Tod R. Isak Drohobicz in Lemberg 5578 — Tod R. Juda Selke, Stanislau 5578 Autodafe in Granada, Sevilla 5463 — Tod 11. Abraham Fasselberg, Prag 5475 R. issachar Ber, Wien-NikoJsburg 5513 Tod R. Juda A. di Modena, Venedig 5408 witz 5615 Tod R. Arje Leb, Meseritsch und Bosko- Tod Machazis Jomkippur-Koton-Teknfa. Tod R. Simcha Rofe (Leibarzt Sobicskys) 5462 haschekel 5567 Erew-Bosch-Chodesch. Tod R. Arje Juda Thumim (Rabbiner von Czortkovv-Jartschuw) 5558 Tod Rabbiner Ahron Moses-Amsterdam (Proselyt aus schwedischem Adel) 5563 Tasria — Parschas-ha-Chodesch — Rosch-chodesch. Errichtung des Mischkan — Aufforderung an die Landbewohner um Jerusalem um Fleischlieferung für Ole Regel Der Monat Nissan ist der erste im Monatsjahre und der siebente im Kalender. Sein Sternbild ist das Lamm. Nissan hat stets 30 Tage. Rosch-Chodesch Nissan kann nie auf Montag, Mittwoch oder Freitag lallen. In der Thora heißt er auch „Owiw". Da im Monat Nissan das tägliche Opfer begonnen ward, gilt der ganzeMonat als fesÜicher.Tachnun,Zidkos-cho-zedek und Zidduk ha-din werden in diesem Monate ausgelassen. Vom 15. bis inklusive 22. wird das Pessachfest gefeiert. Die erste Hälfte Nissan bedeutet daher für das gutjüdische Haus die häusliche Epoche des großen Reinmachens. Das Gebot der peinlichsten Reinigung des Hauses von jedem Brosamen oder Mehlkörnchen bedingt einen außerordentlichen Reiniguugsprozeß, der dem ganzen Hauswesen eine hohe Weihe verleiht. Auch die Wohltätigkeit verlangt ihren Tribut. Es ist Pflicht, den Armen Weizen für Pessach zu besorgen. Die meisten Gemeinden haben eine Pessachmehl-Steuer zugunsten der Armen eingeführt. Die Staffelung des Mazzespreises ist seit jeher eingerichtet. Frohe Frühlingszeit, verklärt vom Reflexe alter stolzer Erinnerungen bedeutet der Nissan, aber er ist auch verdunkelt von blutigem, geschichtlichem Gedenken. Der Lenzmonat weckt Liebe und Haß. Der Talmud in Pessachim sagt mit Bezug darauf in seiner sinnigen Weise: „Stelle dich nicht entgegen dem schwarzen Ochsen in den Nissantagen, wenn er von der Wiese heraufkommt, denn Satan wiegt |sich zwischen seinen Hörnern." „Wenn die Pflanzen emporsprießen, schwillt sein Herz und er stößt aus", bemerkt Raschi hinzu. Nissan klingt zwischen dem frohen Neß und dem schweren Nissajon. Parschas ha-Chodesch. Darum begrüßen wir am Sabbat vor Roscb-chodesch-Nissan denselben mit erhöhter Feierlichkeit, die in diesem Jahre, wo Rosch-chodesch selbst an diesem Sabbat fällt, zur dreifaltigen festlichen Gelegenheit wird. 3 ThoraroIIen werden zur Thoraverlesung ausgehoben. Neben der Sidra wird zu Matliidie Stelle vom Opferdienst am Rosch-chodesch (Pinchas) verlesen und im dritten Sei er die Parscha in Bo, hachodesch hase. Die Huftoro in Jecheskel 45 rekapituliert in erhabener Weise die Art der Pessach-Feier im Beth-hamikdascb. Jozer wird auch wie am Feiertag zu Mussaf gesagt. In sieben Strophen von hoher Schönheit, die mit den Worten: „Rischon le-Zion hine hinom" usw. beginnen, drückt sich die Sehnsucht aus, die große Vergangenheit wieder erstehen zu sehen. „Kaaseher schomanu ken od nechse" ist der sehnsuchtsvolle Refrain: „Was wir erzählen hörten, o könnten wirs wieder erschauen!" „Borchenu ba-scjiolom ba-chodesch hase": „Segne uns mit Frieden in diesem Monate" klingt der Mussaf-Jozer aus, ein Gebet, das die Not der Zeit inniger als je gestalten sollte.