Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 12 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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■ ■ _ _ _ _ ____ JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Rodaktion nnd Administration: Wien, II., Malagasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. ~V hechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. ijtv.cheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: I'iir Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abotmeraentspreise: Ganzjährig: Für Osterreich K300"—, Ungarn d. ö.K 250- — . TschechoslowakeiKö. 70-—, DeutschlandMk.60'-, Schwei« Pres. 10' — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien ßÖ Lai, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300--. Einzolnum..ior d.-ö. K 6-, Kö. 1-50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10 — Fürs Ausland 100 Prozent, Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Hr. 12 i Wien-Bratislava, 1- April 1921 .x-Enn -n«i 33 maoopna - m rrj» Im Jahrg. gebt in Jerusalem vor? Schneller als wir gefürchtet, schreiten die Dinge der Katastrophe entgegen. Unsere Leser werden vohl an anderer Stelle dieser Zeitung über die Vorgänge informiert werden, die sich in Jerusalem bei Konstituierung des sogenannten Belli Dirt abspielten. Wir möchten auch hier zunächst nur konstatieren, de Ii das ganze Unglück letzten Endes zurückzuführen ist auf de?i Mißbrauch eines würdigen Namens. Man konnte selbstverständlich der englischen Regierung iv:'ht verwehren, in ihrem eigenen Namen irgend einen Gerichtshof einzusetzen und diesen Gerichtshof zusammenzusetzen, wie es ihr beliebt. Es wäre der englischen Regierung zu überlassen, ob sie •bei auch Wert legt auf Kenntnis des jüdischen : ^htes, wie weit» sie das Laienrichtertum dabei ücksichtigen will, welches Gesetzbuch den Entscheidungen dieses von ihr kreierten Gerichtshofes sie zur Grundlage geben will. In der Tat. ist ja auch viel weniger an einen' Gerichtshol gedacht wie an eine Legislative. Das geht sowohl aus den einleitenden Aeußerungcn des Oberkommissärs wie auch aus den Ausführungen Norbert Bentwichs klar hervor. Aber schließlich wäre es ein bitteres Unrecht, wollte man der englischen Regierung irgendwie einen Vorwurf machen. Unsere /Ynklage geht gegen jene jüdischen Kreise, die auf der einen Seite nicht oft genug das Wort von jüdischer Kultur im Munde führen und auf der anderen Seite bei demjenigen Gegenstand, der am tiefsten ins Leben eines Volkes einschneidet, so vollkommen respektlos gegen die vornehmste Aeußerung der jüdischen Kultur vorgehen. Denn diejenigen Maßnahmen, unter denen sich im jü^cheuw-.y.ollce-.überb>iapt eine Legislative vollziehen kann, sind schließlich so bekannt, daß wir sie hier nicht nochmals auseinanderzusetzen brauchen. Und es klingt wie ein bitterer Hohn auf eine ehrenvolle Vergangenheit von zweitausend Jahren, daß nunmehr die Straße in Form von Frauenversammlungen und sonstigen Veranstaltungen gegen diese Entwicklung mobil gemacht wird. Wir möchlen bloß historisch feststellen: es hat sich in der Rabbinerversammlung ein Herr bemüßigt gefühlt, gegen Separatisten mehr oder weniger biedere Vorwurfe zu etlichen. Wir fragen jeden ehrlichen Menschen, was sollen nun nach der Meinung dieses Herrn die Vertreter der Absolutheit des religiösen IVinzipcs in solcher Situation anfangen? Wie können sie sich das Heiligste ihres Innenlebens von außenstehenden Faktoren diktieren lassen? Wie können sie die Hand bieten zu der Möglichkeit, einer Zerstörung des Besten und Reinsten, was sich Israel in Goluth erhalten hat? Fühlen denn die Mitlebenden nicht, daß sich eines der grausamsten Spiele in der jüdischen Geschichte vorbereiten, wenn auf dem Boden des Heiligen Landes sich etwas abspielt, was letzten Endes zur Entwurzelung des jüdischen Volkes überhaupt führen muß, selbst dann, wenn man dieses Volkstum rein rassenmäßig begreifen möchte? Wenn die Herren glauben, die in Deutschland usw. beliebte Methode der billigen Satyre gegen Separatismus usw. in Palästina, verwerten zu müssen, kann man es füglich ihnen nicht verwehren. Aber es bleibt geschichtlich das Sympton eines furchtbaren Niederganges, wenn man für Prinzipientreue so gar kein Verständnis mehr aufbringen kann. Es ist aber Pflicht eines jeden ernsten Menschen und jeden ernsten Juden, welcher Anschauung er auch sonst ist, bei diesem Falle die Fahne der wirklichen Kultur und der wirklichen Bildung zu erheben und dafür z-u sorgen, daß im Heiligen Lande nicht die jüdische Kultur zu Grabe getragen wird. ' P. K. Ulolf Pappenbeim bei fjerbert - Samtti: — — Aus J e r u s a 1 c m wird uns berichtet: Herl- Wolf Pappenheim, Präsident der Wiener Aguda-Zentrale, wurde Mittwoch, am 23. Adar (3. März), 10 Uhr vorm., in einer Spezial-Audienz vom High-Comissioner, Sir Herbert Samuel, empfangen. In seiner Ansprache an den High-Comissioner drückte Präsident Pappenheim in bewegten Worten seine innige Freude darüber aus, daß es ihm noch im hohen Alter gegönnt war. die Stätte der Ahnen zu betreten und einen der größten Söline unseres Stammes, den ersten Neziw von Erez Jisroel kennen zu lernen. Er fühle sich glücklich durch die Wahrnehmung mit welcher Sympathie So. Hoheit dein orthodoxen Judentume gegenüberstehe. Herr Pappenheim referierte hierauf über die Tätigkeit der Aguda, die in erster Reihe den unglücklichen Brüdern gegolten hat, die durch den Krieg gelitten haben, wodurch die Aguda bisher einen geringeren Anteil hatte an dem Aufbauwerke in Palästina, das ja einen der wichtigsten Programmpunkte der Aguda bilde. . Der High-Comissioner zeigte großes Interesse für die Tätigeit der Aguda, über die er bereits seit längerer Zeit informiert ist und drückte seine Freude aus über die Ankunft orthodoxer Gruppen nach dem Lande der Väter, um sich auf Basis der Thora und der Tradition an dem Aufbau Palästinas zu beteiligen. Sir Samuel versicherte Herrn Panjpenheim seiner sowie der Unterstützung der Regierung bei der Tätigkeit der Aguda in jeder Hinsicht und der Unterstützung des vom Präsidenten Pappenheim in Jerusalem organisierten Lokalkomitees. Die Audienz dauerte ziemlich lange. Das Ergebnis der; ^nterreo^jnjf^ y^J^Z$s#g$- jdes-, Higji-Comisr, sioners in wichtigen Fragen der A gada Jisroel-Organisation. Das Gesicht des greisen Führers der Aguda leuchtete vor Glück und Freude, als er von dieser ersten Audienz, über deren Verlauf er sich mit großer Befriedigung äußerte, zurückgekehrt war. Ulenn das Blut zum meine wird. Das Ritualmordmärchen von M&ramaros-Sziget im Jahre 1766. Von Leopold ßrünwald (Budapest). 1. Draußen herrscht ein Unwetter, als ob die Welt unterginge. Ein heulender Sturm jagt durch die Häuserreihen des Märamaros-Szigeter Ghettos. Der herabschießende Schneegries schlägt wie volle Schrotladungen an die mit Eisblumen belegten Fensterscheiben. Durch die Risse der alten Mauern dringt ein eiskalter Luftzug in G-ttes baufälliges Haus. Aber die Versammlung drinnen fühlt keine Kälte. Jeder einzelne da drinnen ist Feuer und Flamme. Die Hände gestikulieren heftig, die Augen sprühen Funken. Der Odem heißer Worte erfüllt den Tempel. Auch drinnen gibt es Unwetter. „G-tteslästerer! Messiasleugner!" schreit man hin und wieder und schlägt auf die Gebetpulte. — Schal Ruhe! der Rebbe kommt! — ruft plötzlich der Schammcs. Da verstummen die erregten Männer jählings. Die hohe, düstere Gestalt des Rabbi erscheint im Türrahmen. Er streicht mit nervöser Hand die triefenden Wassertropfen von seinem langen schneeweißen Barte, seine stechenden schwarzen Augen blitzen aus dem pergamenten Gesichte, seine feinen Nasenflügel beben. Schweigend schreitet er die Stufen vor dem Aron hakodosch empor und sieht im Kreise herum. Der Schammes hat indessen 12 Kerzen entzündet und der Kantor tritt hervor und greift nach dem Schophar. Der Rabbi spricht ein leises Wort zu ihm . . . Da stößt jener nach uralter Weise in das Horn. Ein langgedehnter, klagender drohender Ton heulte hinaus in die finstere Nacht, überhallte den kalten Frühjahrssturm und machte das Mark in den Knochen der Zuhörer stocken. Die Versammlung stand wie erstarrt da nnd horchte lautlos auf den Bannfluch des Rabbi, auf den Gherem: ,.Ich, Zewi ben Mo sc he Awrohom, Rabbi und Richter der jüdischen Gemeinde der Stadt Sziget spreche im Namen des Allmächtigen aus den Bann gegen Anschel Schlomo ben Arje und M o s c h e b e n I s r o e 1, dieweil sie nach beglaubigter Aussage zweier Zeugen, sich als Anhänger und Chassidim des falschen Propheten Jakob Frank bekannt haben. So wie sie sich abgewendet haben von G-tt und Seinen Lehren, so stößt sie die Gemeinschaft Israels aus ihrer Mitte aus und verbannt sie wie Aussätzige aus dem Lager Judas. Sie seien verdammt in alle Ewigkeit. Amen!" Es folgen einige Augenblicke peinlicher, lautloser Stille. Dann erscheint Anschel Schlome am Eingange der Synagoge. Sein wirrer Bart bebt im verzerrten Gesichte', die gelockten Schläfenhaare zittern um den bleichen Kopf und er schrie mit vor Wut erstickter Stimme zum Rabbi hinauf: „Gut, Rabbi, du hast mich ausgestoßen aus der Gemeinde. Gib aber acht, du wirst sehen, wie viel dir von dieser Gemeinde bleiben wird!" Der greise Priester antwortete nichts auf diese wilde Drohung; er wendete sich mit Würde an die entsetzte Versammlung und sagte mit tiefer Ruhe: „Siehe! es schlummert und schläft nicht der Hüter Israels. Balebatim, gehn wir nach Hause!" Die Männer schlichen in der stürmischen Nacht ihrem Hause zu, aber im Sturmgeheule schien ihnen noch der langezogene klagende Schophar zu klingen. 11. Die beiden Geächteten verschwanden am nächsten Tage aus der Stadt und blieben verschwunden, als ob sie die Erde verschlungen hätte. Sieben Wochen waren verzogen, und keine Kunde war da von ihnen. Da wich der Alp von den Herzen und die Geächteten gerieten in Vergessenheit. Allein die Beiden hatten die über sie verhängte Schmach nicht überwunden. Sie hatten sich in ein benachbartes ruthenisches Dorf verborgen und brüteten dort den furchtbaren Plan einer mörderischen Rache aus. In einer einsamen Waldhütte kauern sie neben einem niedrigen Tische und flüstern erregt. Ein Herdfeuer beleuchtet entstellte Gesichter, in welchen bald die unbefriedigbare Rachelust, bald die grinsende Schadenfreude sich widerspiegelt. „Was nützt alles Trachten", stöhnt Mosche resigniert, „hinausgeprügelte Hunde sind wir! Was können wir zwei gegen einen ganzen Zibbur?" „Wir werden noch mehr werden", tröstete sich Anschel Schlomo. „Wir haben ja einige geheime Anhänger in der Stadt." „Ach, man erzählt sich anders. Da hast du Meir ben David, der treueste Anhänger Franks, er hat vorigen Sabbat öffentlich beim Sefer Thora Frank verleugnet und ist zu seinen Feinden übergangen. Auf wen ist noch zu bauen, wenn er Frank verraten hat?' „Diese Leute haben Angst vor dem Gherem. Vergiß aber nicht, daß die polnischen Juden stark auf unserer Seite sind. Unser Katt (Sekte) verbreitet sich immer mehr und wird die Welt überschwemmen." „Och", sagte jener abwehrend, „das Gegenteil ist wahr. Mir hat gestern ein polnischer Freund erzählt, daß Frank aus Polen geflüchtet ist und die polnischen Anhänger zerstoben seien wie eine Herde ohne Hirten. „Meinetwegen! Wir sind nicht hier, um zu jammern! Komm, ich will mit Wassilj reden. He, Wassilj, setze dich einmal her zu uns!" Dieser Anruf löste die mächtige Gestalt des Pop Wassilj, eines ruthenischen Bauern, aus dem Dunkel des Hintergrundes. Er glich in seinem braungrauen Pelzrock einem Eisbären. Er war mit einer weiten Haiina bekleidet, in welcher verschiedene Jagdmesser blitzten. Der wackere Bursche war wohl nur Wilflerer, aber er hatte auch schon manchen Jäger und Forstaufseher niedergestreckt. Der Bauer ließ sich neben ihnen auf die Bank nieder. Sie begannen selbstdritt in rumänischer Sprache zu flüstern. Drei böse Worte zuckten durch die fürchterliche Unterredung. Geld... Passah... Blut. Der Bauer erhob sieh mit wilder Lust im rohen Gesicht und wiederholte mit brutalem Lachen: „Gut. ich werde das Blut in die Synagoge schmuggeln! Verlaßt euch darauf!" (Füiiseizimfolgf.)