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Jüdische Presse · 1921-03-18 · 10 (18.3.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
10 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ");; ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion m>d Administration: Wien, II., Malagasso 12 a. — T,;l»>phon Nr. 49.051-, TschochoNlowakei: Bratislava. Tnruer^asse 14.. Si scheint jeden Freitag-. — ßeciaktionaschlnG: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag-. Ahonueniontaureisc: Ganzjährig: FürÖstoi reich K 300-—, Ungarn d. i). IC 250' -,TschechoslowakeiKc. 70- —, Deutschland Mk. GÖ--, <e!vweix Pres. vfl* —. Amerika S .Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 40 Lei. Jugoslawien 25 Dinar, Polon Mk. 300- -. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene PeUtaeile d.-ö. K 10* — Fürs Aasland 100 Prozent Ten er nngszn schlag-. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Mr. 10! Wiesi-Braiislava, 18. Nlärz 1921 ♦x's-.n *n rvDDDjna - nri rrj» 7. Jahrg. Der Purimweg der Hiebe. Unserer Zeil beliebt es. sich einer Täuschung hinzugeben, als oi) es ihr vorbehalten geblieben wäre, den Gedanken von ivelal Jisroel zur lebendigen Tat werden zu lassen. VT r wollen angesichts des nahenden Purim gar nicht nnt» rsucheri, wie weil dieser Gedanke heutzutage auch m bis zu seiner allerersten Voraussetzung, der jüdisc en Liebe, gediehen ist, wie weit er aus dem Aiic, 'eiligsten jüdischen Wollens und Sehnens in. die sei: rmfzige Aiena politischen Strebertums geworfen wurde, wie weit, aus der naiven.!reuen, b ' .oiien Erkenntnis: „Einer braucht (Jen Anderen". <-• Wendung zynischen Mißbrauches getreten is^ „Einer gebraucht den Anderen.'- Aber die Geschichte lehrt, daß die Gesamlerscheinung der Kelai Jisroel nur einmal sichtbar war, und zwar nach dem ersten Kampf mit Amalek. Fortan war es nur einzelnen Exponenten der jüdischen Gesamtheit gegönnt, den Gedanken in sich zu verkörpern, und merkwürdigerweise schürft altjüdische Erkenntnis die Tatsache zutage, daß ein solcher Exponent so oft mit dem Wiederaufleben Amaleks zeitlich zusammenlallt. Natürlich soll nicht damit gesagt sein, daß die perverse Anschauung, als ob erst Abwehrbestrebungen und Abwehrnotwendigkeiten solche Größen erzeugen könnten, unrichtig sei. Nein, solche Menschen gibt es immer, nur erkannt werden sie erst, wenn Amalek hart, sehr hart vor dem Ziele steht, wenn die Not so bitter ist, daß Phrasen nicht mehr täuschen und Phrasenhelden nicht mehr überreden können. Dann ist die Stunde gekommen, in der eines Mordechai Ruf nach Abkehr von der Lüge Erfolg hat. Dieser Ruf ist übrigens das einzig wahre Kennzeichen eines wahren Exponenten der jüdischen Gemeinschaft. Darob muß man sehr,, sehr vorsichtig ^ra^BSfÖi^^ keit das ganze Wohl und Wehe Israels mitschwingt. In unserer so schwer bedrängten Zeit mußten alle, die durch Wahl' oder Ruf Führer irgend einer Zusammenfassung von Juden sind, den Mann suchen, der in diesem Ruf Kelal Jisroel erfaßt. Diesem müßte sich dann alles unterordnen. Auch wir wissen ja, es ist ein Phantom; die „Welt" verlangt „reale* Leistungen und wer ihr diese verheißt, wird als Exponent angesehen. Es gibt aber noch einen Weg, sich als Einheit zu begreifen, und das ist mischloach monaus als Ausdruck des Versuches der gegenseitigen Annäherung. Kino wunderbare Weisheil offenbart sich in dieser Einrichtung, die getroffen wurde in einem Augenblick, in welchem alle Not überwunden war und man am Anfang einer außerordentlichen, glückverheißenden Epoche zu stehen schien. Das Glück macht kalt und ist der geschworene Gegner des rea-Empfindens. Es war die Probe auf die Tiefe des Getneinschaftsbewulitseins, als mischloach monaus zur religiösen Pflicht eingeführl wurde, und wohlverstanden, als religiöse Pflicht, mit bewußter, erzieherischer Tendenz muß sie geübt werden. Nicht unklares Haschen nach Freundschaft, sondern klare Erkenntnis! Eine tiefsinnige Erklärung besagt deshalb, daß der rea, dem zu Ehren man die Gaben sende, der Allmächtige sei, der Allmächtige als der Inbegriff der jüdischen Liebe, der Allmächtige und sein Wort als der wahrste Exponent der jüdischen Eigenart. P. K. Erwiderung.* (Von unserem Korrespondenten in Kowno.) In der Einleitung zu meiner Auseinandersetzung über»die jüdische Autonomie sagte ich unter anderem: „Diese rätselhafte Erscheinung hat ihre tiefe Begründung einerseits im Charakter der litauischen Judenheit, andererseits im historischen Verhalten der Polen zu den Litauern und Juden", worauf eine Schilderung dieses Verhaltens unter gegenseitigen Beziehungen der Juden und Litauer erfolgt, welche schließt mit dem Resume: „So entstanden intime Beziehungen zwischen den Leitern der litauischen Politik und den jüdischen Politikern, vornehmlich ^ö»*Häi^^ ....... * : Diese Zeilen, glaube ich! sagen zur' Genüge, daß die jüdische Autonomie in Litauen nicht ausschließlich das Werk einer einzelnen Person ist, sondern daß die hundertjährige Geschichte der Juden in Litauen den Boden für eine gerechte Stellung der litauischen Juden im Lande urbar gemacht hat, auf welchem die jüdischen Politiker und das sympathische Entgegenkommen der litauischen Politiker zu- * Siehe unseren Artikel „Die Orthodoxie und der Nationalrat in Litauen* und den Brief des Präsidenten des Nationalrates Dr. Rosenbaum (Kowno) in Nr. 6 unseres Blattes. , sammen gearbeitet haben, um die jüdische Autonomie j zu schaffen. Wenn ich dennoch die unschätzbaren"! Verdienste des Herrn Dr. Rachmilewitz hervorgehoben | habe, so geschah es nicht bloß, weil die Zionister j dieselben in ihrer Presse geflissentlich verschweigen 5 oder wie ihr Führer, Herr Pvosenbaum, mit. zweifelhaftem Mute ganz in Abrede stellt, sondern hauptsächlich, weil ich. auf verbürgte Tatsachen gestützt, vollen Grund dazu hatte. Denn als die Litauer VVilna haben räumen müssen und die Taryba nach Kowno verlegt haben, sind fast alle maßgebenden jüdischen Politiker, wie Rabbiner Rubinstein, Dr. Wygodski und Dr. Schabad, in Wilna zurückgeblieben und Herr Rosenbaum hat. sich für längere Z,eit nach Paris begeben, und der einzige, welcher mit der litauischen Regierung nach Kowno gezogen ist, war Dr. Rachmilewitz, wo er mit aller Energie und politischem Takte, die ihm in hohem Grade eigen sind, seine bisherige politische Tätigkeit im Interesse seines Vaterlandes und seiner Glaubendsbrüder einzig und allein fortsetzte, da Dr. Soloweitschik zu jener Zeit, unlängst aus Rußland zurückgekehrt, mit den litauischen Politikern und Politik und in Regierungskreisen wenig bekannt war. Gerade zu jener Zeit, reifte, wie allgemein behauptet wird, die Durchführung der jüdischen Autonomie, welche der viel später erfolgte Brief der litauischen Delegation an das „Gomite des Delegations Juives" nur konstatiert und sanktioniert hat, welcher übrigens nicht die kolossale Bedeutung hat, welche Herr Rosenbaum ihm zuschreibt, ihn Magna Charta libertatum benennend. Daß Herr Dr. Rachmilewitz wesentlich dazu beigetragen hat, den in Regierungskreisen noch wenig bekannten Dr. Soloweitschik zum Minister für jüdische Angelegenheiten zu ernennen, ist bereits auf dem Khiilos-Kongreß öffentlich-konstatiert worden?~tveswegen er seit jener Zeit scherzweise der „politische Schadehen0 genannt wird. . Herr Rosenbaum weiß doch so gut wie wir, daß das litauische Ministerium ganz offiziell den Auftrag erteilt hat, den Budgetentwurf für das jüdische Ministerium auszuarbeiten und sollte dies wissen. Wie Herr Rosenbaum diese allgemein bekannte Tatsache in Abrede stellen kann, ist unbegreiflich: ebenso unbegreiflich ist, wie Herr Rosenbaum die Tatsache in Abrede stellt, daß die Orthodoxie auf dem Khiilos-Kongreß die faktische Majorität hatte. Cofcale Puritti'feiern. Neben dem großen Purim, von dem es heißt, daß sein Andenken nicht weichen wird von den Nachkommen Israels, haben noch viele der Gemeinden, über denen die Wetterwolke des Golusschicksals hinweggezogen ist, als Dank für ihre glückliche Errettung einen Freudentag eingesetzt, einen Lokal- Purim, der oft von alter Zeit her bis in die gegenwärtige beobachtet wird. Zunächst interessiert unsere Leser wohl der Prager Purim, genannt der Fürhang-Purim, der von der Familie des Tempeldieners Altschul am 22. Tewes gefeiert wird. Im Jahre 1623 wurden dem Statthalter Prinz Liechtenstein die damastenen Vorhänge gestohlen. Zufolge Anzeige der Hausverwaltung des Statthalters, ließ die Prager Gemeinde in allen Synagogen verkünden, daß der Käufer dieser Vorhänge dieselben dem Schammes seiner Synagoge abliefern möge. Demzufolge übergab Joseph Thein, dem Schammes der Meisel-Synagoge Altschul die Vorhänge, die er von zwei Soldaten gekauft hatte. Altschui lieferte die Vorhänge ab, weigerte sich aber, den Namen des Ueberbringers zu nennen, da es die Gemeinde verboten hatte. Er wurde eingekerkert und sollte gehängt werden. Da erlaubte ihm die Gemeinde den Thein anzugeben, der nun seinerseits zum Galgen verurteilt wurde. Nach langem, vergeblichem Bitten, gewährte man ein Lösegeld von 10.000 Gulden, die zehn der angesehensten Juden in einem Bündel auf dem Rücken, eskortiert von Soldaten, durch die Stadt tragen mußten. Altschul aber schrieb eine „Megillath ha-kioim" (Megilla der Vorhänge) und hieß seinen Nachkommen den 22. Tewes mit Fasten und Freudenmahl zu feiern. Da ist noch der heimatliche „Po widl-Purim", der von der Familie Brandeis seit nahezu zwei Jahrhunderten ehrlich gefeiert wird. (Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Louis D. Brandeis ein Abkömmling dieser Familie ist.) Am 10. Adar 1731 wurde nämlich David Brandeis in Jungbunzlau mit Frau und Kind in den Kerker geworfen, weil die Familie eines christlichen Buchbinders, welche im SpezereiWarengeschäft des David Brandeis Pflaumenmus (Powidl) gekauft hat, erkrankt und der Buchbinder selbst daran starb. Die Untersuchung ergab die Unschuld Brandeis: er wurde befreit, schrieb zum Danke eine „Megilla schir hamaalot le-David" und hinterließ seiner Familie seinen Willen, diese Megilla jeden 10. Adar zu lesen und an diesem Tage Freudenmahlzeiten zu veranstalten. j Buda-Purrm liegt in zweiter Nähe unserer Interesses. Bei der Bestürmung der Festung Buda im Jahre 1684 sollen die Juden Budas den Türken außerordentlichen Beistand gegen die christliche Beiagerungsarmee geleistet haben. Darüber herrscht in Italien große Erbitterung gegen die Juden, besonders in Padua, wo der Geschäftsneid ohnedies stets Anlaß zum Ausbruch suchte. Trotzdem der Kapuziner Marco d'Aviano, der aus dem christlichen Lager von Buda kam, alle Gerüchte über die Haltung der Budaer Juden widerlegte, erstürmte der Mob das Ghetto zu Padua und konnte nur durch das Einschreiten italienischer und deutscher Garden vom Massenmord abgehalten werden. Nach vielen bangen i Tagen kam die Ordre des Dogen von Venedig, die Juden energisch zu schützen. Dieser Tag, der 10. Elul, wurde in Padua als der .Purim von Buda (Ofen)" gefeiert. Der Pulver-Purim oder Danzig-Purim wurde von Abraham ben Jechiel Danzig zur Feier seiner glücklichen Errettung bei der Explosion des Pulverturmes in Wilna am 15. Kislew 1804 festgesetzt. Der Purim von Ancona wurde von den Juden dieser Stadt am 21. Tewes gefeiert, eingedenk des furchtbaren Erdbebens am 21. Tewes 1690. Am 20. Tewes ward gefastet. Die hiefür verfaßten Gebete sind im „Or Boker" enthalten. Purim-Borghel werde von den Juden in Tripolis am 29. Tewes gehalten. Der Seeräuber Borghel bemächtigte sich im Jahre 1793 der Stadt und drangsalierte besonders die Juden. Nach zwei Jahren eroberte der Gouverneur Karamanli wieder die Stadt und zog am 29. Tewes ein. Purim Edom oder Purim-al-Nasara wird in Algier am 4. Cheschwan gefeiert. Im Jahre 1541 landete Andreas Doria, unterstützt von Karl V., mit spanischen Soldaten, um Algier dein Khair al Din- Barbarossa zu entreißen, doch ein Sturm zerstörte die Flotte. Diese Errettung wurde dem Gebete des Rabbi Salamon Duran (Enkel des Taschbaz) zugeschrieben. Die Juden entrannen so der gefürchteten spanischen Verfolgung. Später gesellte sich hiezu der Tammus-Purim. der am 11. Tamms 1774 gestiftet wurde, als der Dey von Algier Mohammed ben Uman den spanischen General O'Reilly zurückschlug. Rabbi Salamon ibn Duran, der Algier bereits damals vor den Spaniern rettete, hat da noch im Grabe gewirkt. Aus seinem und des Rabbi Isak ben Scheschets Grab schlugen da Flammen auf, welche die Spanier verwirrten. Der Winzer oder Frankfurter Purim wird am 20. Adar gehalten, genannt nach den Lebkuchenbäcker Vinzenz Fettmilch, der sich zum Diktator von Frankfurt aufwarf und die Ausweisung der Juden verlangte. Da der Magistrat nicht darauf einging, stürmte er mit seinem Haufen das Ghetto. Die Juden erwarteten ihn mit den Waffen in der Hand. Bei dem Gefechte fiel ein Christ und zwei

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