Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1921-03-04 · 8 (4.3.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
8 (4.3.1921)
Date
1921-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2629891-2629906-2629915--0171-2631768
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon tfr. 49.054. 1 Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. | Ahonnementspreis'e: Gansy ahrig: Für Österreich und Ungarn d.-ö.K200--, Tschechoslowakei Kö. 60--, Deutschland Mk. 60--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 30 Lei, Jugoslawien 20 Dinar, Polen Mk. 240-—. Einzelnummer d.-ö. K 4 -, Kö. 1*20. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 8* — Fürs Ausland 100 Prozent Teuernngsznschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 8 | Wien-Bratislava, 4. März 1921 ,K»snn ms noDDsnß * m rrpa | 7. Jahrg. Gedächtnisschwäche. Seif, jeher besteht der Zweifei, ob Vergessen eine lugend ist oder nicht, ob Vergessen ein Glück darstellt, oder nicht. Gewiß ist es eine Wohltat, daß allmählich das Bild furchtbarer Stunden auch in •lern gedächtnisstärksten Menschen verblaßt, gewiß ist es eine Untugend, wenn die Gedächtnisschwäche der Undankbaren die Vergangenheit aus der Eriiuaerungswelt löscht. Ebenso gewiß ist es unsittlich, wenn das Erinnern in dem Menschen ein ewig brennendes, zu häßlichem Tun aufstachelndes Rachegeffihl auslöst. Aber Gedächtnisschwäche ist ein Unglück, wenn Epigonen es ablehnen, aus der Vergangenheit zu lernen. Diese Gedankenreihe zwingt sich dem Leser mit zwingender Notwendigkeit auf, wenn er auch nur .einen flüchtigen Blick in das Buch wirft, in dem uns Jekusiel Grünwald (Budapest) über die Schicksale der Thora und des Glaubens in Ungarn berichtet. Man erschrickt über den Abgrund von Verworfenheit, in dem damals das Leben der jüdischen Gemeinden sich bewegte, über «üe Tiefe des Hasses, mit welchem man damals die Thoragrößen verfolgte, über die starke Niedertracht und Gemeinheit, mit der damals charakterlose Untreue um die Gunst der in Halbbildung.sich aufblähenden „Fortschrittler" suchte. Nun stehen ja die Gemeindegewaltigen und Demagogen, die Heiligtumsschänder und Herosträten jener Periode schon längst vor dem ewigen Richter; sie mögen vergessen sein und bleiben. Was Wfo nicht vergessen weiden sollte, das ist die Le^F die man aus jener Periode ziehen sollte. Man redet sich so gern ein, daß die keute auf ihrem Scheitelpunkt weilende Kurve des Antisemitismus auf die Gestaltung der inneren Verhältnisse des Judentums von Einfluß wäre. Aus diesen täfc#lfc*!g&tt^^ promissen bereit. Vielleicht, wir gestehen das gern zu, ist dies der größte nissojaun, die größte Versuchung, die jemals an die Orthodoxie im Galuth (und 'Galuth ist überall vor dem Kommen des Erlösers) herangetreten ist. Wir gestehen gerne, es ist furchtbar schwer. Ringsumher Not und Gefahr, materielle Sorgen, die ins Riesengroße wachsen und dabei der Anschein der Möglichkeit als ob die Hintanstellung des Prinzipiellen etwas zur Schwächung der Gefahr, zur Milderung der Sorge beitragen könnte. Es gehört wahrlich Akabjahgröße dazu, um in solcher Situation das Richtige zu finden, aber diese Akabjahgröße erwarten wir von unseren Führern, diese Größe, die mit der Kraft der unangetasteten Persönlichkeit die Zeilgenossen belehrt, daß auch irdisches Glück in Treue und nur in Treue beschlossen ist. Die Einsichtigen werden es verstehen und in Klarheit strahlen, die Führer aber werden in die dunkle Nacht milden Schein tragen und werden Männer sein, welche die Massen zur Liebe und Gerechtigkeit führen (vgl. Daniel XII, 3). Allein letzten Endes ist es nicht unsere Aufgabe, zu richten oder zu rechten, nur auf einen Irrtum der Gedächtnisschwäche möchten wir warnen. Diejenigen, weiche einmal die in der Thora gegebene Bindung von sich geworfen haben, müssen mit psychologischer Notwendigkeit sich stets gegen die Thora kehren, müssen die Thoratreue andeier als einen Vorwurf gegen sich empfinden, müssen, wenn sie nicht sehr groß« Menschen sind, in die kleine, unendlich kleine Welt des Hasses und der Verfolgungssucht hinabgleiten Ach, wie groß sind die Worte unserer Weisen s. A.,i die von einem Baal Tescbuwah fordern, daß er nach _ Erkenntnis seines Fehls sich zunächst einmal aus dem Leben, vor allen Dingen aus dem öffentlichen Treben zurückziehe. Aber gestern mit einem Wust: von Denunziationen gegen die Orthodoxie vorgehen und heute den unschuldigen Naiven, spielen, das geht wirklich nicht an. Wenigstens soll die Orthodoxie sich darüber klar sein, daß sie morgen wieder ganz allein stehen wird, daß morgen dieselbe liebenswürdige Kampagne gegen sie in Szene gesetzt wird. Frage ist nur, ob dann noch ihre Reihen und so in sich gefestet sein werden, daß sie im gegebenen Augenblick in -den Spuren der großen Herren gehen wird. Solange es "pfiK O^ttJnp gibt, solange ist Amalak stark und je mehr man durch eigene Schuld die Reihen der nechescholim vermehrt, um so größer die Freude, um so reicher der Erfolg Amalaks. Daran sollten wir denken und es nicht vergessen. P. K. Dfe Kompetenzfrage in der jüdischen Politik. Allzu oft, besonders dann, wenn die Agudas Jisroel irgend einen wichtigen Schritt im jüdischen Interesse unternimmt, hören wir von gegnerischer Seite die Frage: Ist denn die Aguda berechtigt, auch nur im Namen der Gesamtorthodoxie aufzutreten? Ihrer Organisation gehört doch bloß ein Bruchteil der Glaubenstreuen an, ein Teil steht im Lager _ des „Misrachi'-, die großen Massen befinden sich aber noch immer außerhalb jeder Organisation und nie- Tramd*1rar*'&asiEte^ft^^ und zu handeln. Es soll nicht geleugnet werden, daß diese Frage angesichts des Standes der Dinge nicht ungerechtfertigt ist. Sicherlich umfaßt die Agudas Jisroel- Organisation vorläufig bloß einen Teil der Glaubenstreuen.. Wollten wir unseren Gegnern mit gleicher Münze heimzahlen, so könnten wir ganz einfach den Spieß umdrehen und fragen: Ist denn der Zionismus berechtigt, im Namen des ganzen jüdischen Volkes zu handeln, wenn die Zahl der eigentlich organisierten Zionisten sehr gering ist — vorn „Misrachi", der sich bei jeder Gelegenheit das Recht anmaßt, im Namen der Glaubenstreuen aufzutreten, schon zu schweigen? — Da hat sich nach dem Ende Üüs "-Krieges plötflfcft ■ in'' PaVir* ein Komitee "fler *' jüdischen Delegationenzusammengesetzt, ohne Wahl, ohne jede giltige Vollmacht, ^ohne jede Legitimation, und hat für sich das Recht in Anspruch genommen, nicht bloß im Namen der Gesamtjudenheit aufzutreten, sondern auch zum an- Sabbat Schckolitn. * „Wißt ihr davon?" möchte ich — wie in der Edda — immer wieder fragen, wenn der Gedanke von der Qual des Jetzt hinüber langt zu erhabenen Erinnerungen des Einst, das kleine Leben des ilünkeligen Epigonen, dem Schüler mit der Meistermiene, mit. der großen Elle der Vergangenheit messend. „Wißt ihr davon?" Wißt ihr, was uns. Sabbat Schekolim bedeutete? Die starken Linien jüdischen Eigenlebens sind euch noch irgendwie bewußt. . . Die Symphonie des Kolnidre-Abends . . . das heiniliche Königtum des Sederabends oder das dumpfheiße Weh des neunten Ab . . . aber gerade die feineren Uebergänge von Kodesch zu Chol, die festlich-frohen Tage die nicht im Gesetze festgehalten oder durch überlieferte Gebräuche umrissen sind, waren von so heimlichen Reize, die nur der Kreis der Auserwählten mit feiner gearteten Seele empfand. Sabbat Schekolim kam, er kam mit dem jungen Frühling, mit bJauem Himmel, mit milderem Lufthauche. Am Besengestrüppe am Baum und Strauch tupfte er grüne Punkte, das sie wie Chanukalichtchen aussahen. Er eröffnete das Banderium schöner Tage, die vor dem großen Festwagen des Pessach voranzogen. Der weit vorgeschobene Vorposten war eigentlich Ohamischo ossor beschwat. Da wußten wir Kinder des Prophetenvolkes früher als die anderen, daß die Tyrannei des Winters schon gebrochen sei und sich die Revolution des Frühlings im Geheimen vorbereite. Am Sabbat Schekolim empfanden wir selig sein Nahen. Aber Abends flackerte doch noch heimliches Feuer im großen weißen Kachelofen; fromme weiße Hände hatten Rauchwerk auf die heiße Platte gestreut, und die wohlige Wärme würzte süßlicher Duft! Ein silberner Armleuchter mehr stand auf dein weißen Damast und wenn ein glückliches Geschick Roschchodesch an Sabbat Schekolim fallen ließ, gab's zwei silberne Armleuchter mehr! Der Blumenstrauß vor der Sabbat-menora war üppiger und farbiger / 4fc als sonst! . . . Die weißen Sabbatbrote zierte eine kunstvoll geflochtene goldbraune Rinde", die gleichzeitig sympthomatisch war für eine reichliche Füllung von Rosinen! Die Frau des Hauses trug die neue anmutige Haube mit der Würde einer Fürstin, und vielfältiges Sabbatlicht brach sich in der alten Feiertagsbrosehe und in von heiligem Glücke leuchtenden Augen! „Wißt" ihr davon?'' Keines euerer prachjA'ollen Diademe kann sich des wundervollen Effektes dieses Sabbathäubchen rühmen, und wenn auch euer Gold, alle Spezereien Arabiens, alle Treibhäuser plündert, ihr wetteifert vergebens mit dem holden Rausch unserer Sabbatblumen oder mit dem billigen Zimmerranch, der vom Kachelofen her duftete. Die unvergleichliche Sabbathymne, mit welcher der Hausherr die einziehenden Engel des Friedens begiüßt, am Sabbat Schekolim gewann sie noch an Innigkeit und das Preislied an die eschet chajil, die heldische Hausfrau an liebevoller Verehrung. Allein all diese namenlose Seligkeit dämpfte nictil den aufquellenden Schmerz in dem heißen Flehen: sche-terachmeni od be-golusi .... Dann standen wir Kinder um den Sabbattisch, diesen hehren Hausaltar, und eine priestlich heilige Stimme, durchbebt von Ehrfurcht, von G-ttergebenheit, von Liebe verkündete uns Kiddusch. Oh! all die irdischen Freuden der Tafel, wie waren sie veredelt von dem erhabenen Zweck, für den sie uns Mittel galten, wie unnachahmlich inbrünstig und doch so frohmütig und kindlich-heiter lobten wir dann den Herrn „der die ganze Welt speiste in seiner Güte". Dann saßen wir im Kreise um den alten treuen Ofen und knabberten gepfefferte Zisern.. Da nahm der Hausvater den Lederbahd der Jozrot aus dem Wandschranke und lehrte uns die Dichtungen des Rabbi Elieser Kallir verstehen, die im Morgengebete des Sabbat Schekolim rezitiert werden . . . Früher als sonst beim Sphachris standen wir in einer Reihe, in kleinen Tallessim gekleidet und trällerten sangeskundig die schönen Silukim des Jozer mit. »Wißt ihr davon?* Wir zwitscherten übermütig und doch andächtig die herrliche Allitteration: ,.Ziwo zur lezur, zor zerura leolosor",* und lauschten aufmerksam, wie es unser bewunderter frommer Vorsänger Rabbi David Grünberg um so viel schöner machte als wir es noch vermochten, bis der herrliche G-ttesdienst ausklang in Anim semiros, den Rabbi David Grünberg heute melodiöser gestaltete als an einfachen Sabbaten. Zu Hanse begrüßte uns vom ahnungsvollen Frühstückstisch her ein feiner Vanilleduft im Namen des Sabbat Schekolim. Eine begeisternde Schokoladefüllung des Sabbatkucheus gab Zeugnis von der historischen Feier der Volkssteuer der Schekolim und vertiefte unsere Bewunderung des schönen Sabbats. Dann flogen wir ins Haus der Großeltern, dort saß der wunderschöne Greis mit dem seltenen braunen Haflaa-Ghumesch und sang schnajim mikra weechod targum, und dort waltete mit unsäglicher Würde die edelste aller Großmamas; da gab es neue Sabbat Seheb%lim-Bescheerung ohne Ende. So ward uns fest und unverwischlich in die Seele gebrannt das Bild alter stolzer Größe! Aber dann nach Jahrzehnten kamen sie die Ungeschlachten, Ungelehrten, Gemütsarmen, mit ihrer heidnisch verlebten Jugend, diese Parvenüs des Judentums und maßten sich an, uns, uns die Heiligkeit des Schekels lehren zu wollen; sie, die nie Sabbat Schekolim gefeiert haben, mit Girandoien, Blumensträußen, Zimmerrauch, zwei oder gar drei Seforim mit Vanille und Schokolade; uns, die wir schon im Alter von sieben, sechs oder gar fünf Jahren mit tiefem Verständnis des hebräischen Textes, den wir besser als die Muttersprache begriffen, so frohandächtig, uns als Levitenknabeh auf den Stufen des Beth-hamikdasch wähnend, aus voller Kehle jubilierend gesungen haben: Or poneho olenu Odon nessö we-Schekel esso bewajis nochon we-nissö. (Deines Angesiebtes Glanz, o, Herr, laß nochmals über unser Volk erstrahlen! Fn Deinem Tempel hoch und hehr o, könnt' ioh wieder heil'gen Schekel zahlen!) „Wißt ihr davon?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.