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Jüdische Presse · 1921-02-25 · 7 (25.2.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
7 (25.2.1921)
Date
1921-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö. K 200--. Tschechoslowakei Kc. G0-, Deutschland Mk. 80--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 30 Lei, Jugoslawien 20 Dinar, Polen Mk. 240--. Einzelnummer d.-ö. K 4 —, Kc. 1*20. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. E 8*- Fürs Ausland 100 Prozent Tenernngszuschl&g. Bei Wiederholung entsprechender Rahatt. Nr. 7 Wien-Bratislava, 25. Februar 1921 «Kann tk t row« " nn ,tj» 7. Jahrg. Kompromiß oder Bündnis. Die Stellungnahme zu politischen Ereignissen ist bedingt entweder durch materielle Gesichtspunkte oder durch ein bestimmtes Verhältnis zu ideellen Fragen und Prinzipien. Je nach Vorherrschen des einen oder anderen ergibt es sich, daß die Pärteiungen mit den Tagesfragen wechseln oder durch alle Wirrungen und Irrungen hindurch einen bestimmten Standpunkt einnehmen. Letzten Endes ist dies der grundlegende Unterschied zwischen Parlament und Rätesystem. Daß bei dem Vorherrschen wirtschaftlicher Momente sehr leicht die einzelnen Parteien eine gemeinsame Linie finden und diese Gemeinsamkeit durch Bündnisse oder Zusammenarbeit bei Abstimmungen in Parlamenten betätigen, leuchtet ein. Denn, wenn nur das wirtschaftliche Interesse, unter Umständen auch das Streben nach Macht und Einfluß gewährleistet ist, so vergibt sich dabei keine Partei irgend etwas und es käme höchstens auf die Untersuchung an, welche von beiden Parteien bei einem solchen Bündnisse der gewinnende Teil ist. Allein trotzdem ist bei derartigen Versuchen eine Voraussetzung unbedingt notwendig. Die Parteiführer, welche derartige Bündnisse schließen oder derartige Kompromisse eingehen, müssen der politischen Schulung ihrer Anhänger sicher sein; ein Kompromiß wirkt dann kompromittierend, wenn dadurch die Anschauung der jeweiligen Parteimitglieder in Verwirrung gerät und wenn der Unterschied, der die einzelnen Parteien trennt, verwischt zu werden droht. Vielleicht ist es so zu erklären, daß in neuen staatlichen Gebilden bei neuauftauchenden Gesichtspunkten die Parteizersplitterung ins Unendliche wächst. Politik verträgt im allgemeinen die Konsequenz« nicht.;Piese„ Qe^iehtspunkte werden, umbedeutsamer^, wenn es sich um Parteien handelt, dfe sicli 'durch ideelle Momente voneinander scheiden, wenn also nicht Interessen, sondern Prinzipien die Grundlagen des Parteiwesens sind. Da ergibt sich oft klaffender Gegensatz zwischen Prinzip und Politik; eine Politik, die glaubt das Prinzip verletzen zu können, untergräbt die eigene Partei Bei noch so starker politischer Schulung und Disziplin geht, eine Partei daran zugrunde, wenn ihr oberstes Prinzip durch Bündnisse oder Kompromisse verletzt wird. Wir haben diese allgemeinen Gesichtspunkte vorausgeschickt, um es unseren Lesern zu ermöglichen, aus eigenem Können und Wissen heraus Stellung zu nehmen zu all den Fragen, welche heute die jüdische Gesamtheit in ihren tiefsten^ Tiefen erschüttern. Man ist sich wohl stets dessen bewußt, was es bedeutet, die Vertretung eines Prinzipes in das politische Leben und Weben einzufühlen. Die Verantwortung, mit der hiedurch die Träger eines Prinzips belastet werden, ist ungeheuer. Auf der einen Seite wird von ihnen verlangt, daß sie den grundlegenden Gedanken vor allen Trübungen bewahren, daß sie unbeirrt von der Möglichkeit eines Erfolges, unbeeinflußt von persönlichen Interessen für die Reinheit des Parteiwollens eintreten, auf der anderen Seite heischt man von ihnen, daß sie auch äußeren Erfolg, zahlengemäß ausgedrückten Wahlsieg an ihre Fahnen heften. Da liegt die Versuchung unendlich nahe, auf Umwegen durch. Bündnisse mit Prinzipien anders begründeter Parteien zur Geltung zu gelangen. Wir glauben, daß es unmöglich ist, nach so kurzer Frist der Politisierung des jüdischen Gedankenlebens derartige Kompromisse ohne Gefährdung und Trübung einzugehen, wir zweifeln, ob schon der Grad der politischen Schulung erreicht ist, der ein solches Bündnis ohne Verletzung des prinzipiellen Bewußtseins gestattet. Vielleicht nur einmal in der jüdischen Geschichte ist das Streben nach prinzipieller Klarheit .in Form einer absoluten Intransigenz hervorgetreten,, das war damals, als im alten Ungarn die Führer und Größen ihrer Zeit schweren Herzens, unter Verzicht auf alle wirtschaftlichen Vorteile, unter bewußter Entsagung in bezug auf Macht und Erfolg die Doppelkonfessionalisierung des Judentums erstrebten und erreichten. Dadurch ist in das öffentliche Leben der gesamten ..}üdj*c]ae»<4Mt.Ä^ heit* und Reinheit eingetreten. N Wir möchten 'der Hoffnung Ausdruck geben, daß kein Bündnis und kein Kompromiß imstande ist, dieses kostbare Gut der jüdischen Allgemeinheit zu rauben. Denn wir betonen nochmals: Von welchem Gesichtspunkt aus man das Judentum betrachtet, es bleibt eine unveräußerliche Hoffnung für jede Anschauung, daß die Gedankenwelt und das Wollen klipp und klar ihre Vertretung suchen und finden. p. k. Die amerikanische Rilfe. Der furchtbare Weltkrieg und noch mehr die Neuordnung Europas, wie sie durch die Friedensverträge von Versailles, St. Germain, Trianon, Neuilly und Sevres erfolgt ist, haben es mit sich gebracht, daß das Gros der Juden in Mittel- und Osteuropa aus seinen bisherigen Kreisen geworfen wurde, ohne daß es bisher gelungen wäre, für diese Tausende und Abertausende neue Existenzen zu schaffen. Die Folge ist, daß unzählige jüdische Familien auf fremde Hilfe angewiesen sind und daß es wieder unsere Brüder in Amerika seien, die in erster Reihe diese Hilfe leisten. Von den drei Tugenden, mit welchen das jüdische Volk ausgezeichnet ist: Rachmonim, Bajschonim und Gomle-Chassadim (Barmherzigkeit, Bescheidenheitund Wohltätigkeit) haben sich die Juden Amerikas die erste und die letzte in vollstem Maße angeeignet. Wir wollen an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, inwieweit es bei ihnen um die Bajschanut bestellt ist. Daß sie Rachmonim, daß sie tatkräftige Gomle-Ghassadim sind, darüber kann kein Zweifel obliegen. Das, was unsere Brüder im Lande des Dollars schon während des Krieges und noch mehr in den letzten zwei Jahren für die Juden Mittel- und Osteuropas getan haben, steht selbst in unserer Geschichte fast ohne Beispiel da. Diese Leistungen sind noch höher einzuschätzen, als es sich diesmal nicht blos um die Juden irgend eines Landes handelt, denen geholfen werden mußte — wie dies in früheren Zeiten der Fall zu sein pflegte — sondern daß es heute um das Gros der Judenheit geht, um die Juden auf dem Gebiete der früheren österreichischungarischen Monarchie und des russischen Kaiserreiches, also um Millionen, Juden,, deren, Existenzen. irtoS*#8f*^ leben und die kaurri imstande sind, sich selbst irgendwie zu helfen. DK Tritt BTOn Das, was unsere Brüder in Amerika für uns leisten, läßt sich schwer in Ziffern ausdrücken. Vielleicht ist es möglich, die Höhe der Ausgaben, die die diversen jüdisch-amerikanischen Organisationen in Mittel- und Osteuropa machen, festzustellen — das, was der Einzelne dem Einzelnen in kleinen Dollarsendungen (die freilich hier zu großen Kronen- und Marksummen werden), in Dollarpaketen, in sonstigen Liebesgaben Die Zwiebel-Revolution in Bew VorK. Nirgends ist der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen so klein als in Amerika, nirgends mehr ist die politische Wetterprognose so unsicher, die Volksstimmung so unberechenbar als im Reiche des Sternenbanners; die zum Himmel schlagende Woge der Begeisterung kann im nächsten Momente in Nichts zerrinnen, ebenso wie Niemand vorauszusagen weiß, ob ein in die Menge geworfenes issue vom Schneeball zur Alles mitreißenden Lawine anwachsen oder als Fehlschuß eines Ungeschickten verlacht werden würde ... Es ist gerade vier Jahre her. Am 2. Februar flog die Schreckensnachricht durch die Millionenstadt, daß Wilson in selbstherrlicher Weise den Abbruch der Beziehungen mit Deutschland diktiert hätte. Das fuhr wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel nieder! Gleichzeitig begann aber ein mächtiger Apparat der Propaganda, die sich auflehnende öffentliche Meinung niederzuzwingen. Nirgends war die Konsternation darüber so groß, als in der Judenstadt, deren Bewohner zumeist aus jenem unglücklichen Teil Europas entstammten, wo die russische Dampfwalze unaufhörlich hin und wieder rollend, bei jeder Umdrehung Tausende von jüdischen Heimen zermalmt hat. War es bisher bei der Anspannung der Kräfte aller amerikanischen philantropischen Organisationen nicht gelungen, das Danaidenfaß des Kriegselends in Osteuropa halbwegs zu füllen, so eröffnete sich1 mit der von Wilson geschaffenen kriegerischen Situation eine hoffnungslose Perspektive auf wachsendes Elend und verminderte Möglichkeiten der Hilfe. Der Widerwillen gegen den Krieg war ein solch allgemeiner, daß die kriegshetzerischen Blätter selbst die Meinung heuchelten, daß es mit dein Abbruch der diplomatischen Beziehungen sein Bewenden haben würde, wenn nicht — Deutschland selbst den Krieg provozieren würde. Wie über einen leicht zugefrorenen Strom ging Wilson! über die öffentliche Meinung auf sein längst erwogenes Ziel, den Krieg mit Deutschland zu, bei jedem Schritte vorsichtig prüfend, ob die dünne Schicht nicht unter ihm einbreche und scheu zurückhaltend, wenn es irgendwo verdächtig knackte. Ein kleinlich scheinender tragikomischer Zwischenfall war imstande, die Kriegshetze für einige Tage verstummen zu machen und Wilson zu friedlicheren Vorbehalten zu nötigen. Die erste Wirkung des Abbruches der Beziehung Avar natürlich die Hausse in Lebensmittelpreisen, besonders gingen die Notierungen der Kartoffel in die Höhe und vor allem die der Zwiebel, welche vorwiegend von Spanien importiert wurden. Die Zwiebel haussierte — wenn ich nicht irre — von 8 bis 32 cent: das wird besonders in der Judenstadt als eine schwere Prüfung empfunden. Von allen vergessenen Traditionen der alten Heimat war unter anderen auch die noch aus Mizraim stammende Liebe zu Zwiebelgerichten geblieben. Wenn auch in der sozialistisch orientierten East-side der Sabbat bedauerlicherweise nicht mit dem gebührenden Respekt empfangen wird, so hing man dennoch pietätsvoll an der heiligen Tradition der sabbatlichen Zwiebeleier, wovon die gewaltigen Zufuhren von Zwiebel auf dem Freitagsmarkte der New Yorker Ghetti ein genug beredtes Zeugnis ablegte. Von den enormen Umsätzen an Zwiebein sprach auch. der Umstand, daß ein Zwiebelhändler an der Ostseite New Yorks schon in den ersten kritischen Tagen 500.000 Dollar Gewinn eingestrichen hat. Das gab den ohnedies leicht entzündlichen Gemütern der russisch-jüdischen Weiber von New York den Rest. Als eines schönen Erew-Schabbos der Gemüsemarkt weitere Erhöhung des Zwiebeis aufwies, zerschlugen die rabiaten Weiber alles was ihnen unter die Hände geriet. Es wurde alsbald ein Boykott der Gemüsehändler ausgesprochen, und jede zuwiderhandelnde Schwester in Israel weidlich verprügelt. Food-riots (Lebensmittel- Exzesse) in New York, verkündete die Presse sehr beklommen. Bisher hatte man triumphierend von food-riots in Berlin und Wien als ein Zeichen bevorstehender Revolution berichtet. Die Kriegshetze hielt den Atem an, ungewiß ob die Bewegung nicht bedrohlichen Charakter annehmen werde. Man riet zu Geduld, entdeckte, daß der Reis eigentlich ein herrliches Volksnahrungsmittel sei und nur 6 cent kostet. „Reis!!" tönte es empört von den Vorstädten zurück. „Das sollen Chinesen fressen, nicht wir! Nieder mit den Kartoffel- und Zwiebelpreisen!" Die Sensationslust und die Reklame unterstrich die Situation. Ein großes Kino in der 14. Straße kündigte an, daß es zufolge der Kartoffelnot die Sitzplätze für eine Kartoffel verkaufe. Die Exzesse nahmen überhand und schließlich kündigte sich ein Monstredemonstrationszug gegen die Teuerung und den Krieg an. Samstag nachmittag sollten aus der Bronx und Brooklyn gewaltige Massen zu einer imposanten Kundgebung gegen Krieg und Teuerung aufgeboten werden. Als Treffpunkt war der am Schnittpunkt des Broadway und Fifth avenue liegende große Platz der Madison square bestimmt. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Ich hatte unter einigen 1000 Schaulustigen vor dem Portale des prachtvollen, einige 40 Stock hohen Metropolitan- Gebäudes, eine Nachbildung der Campanile, Posto gefaßt und harrte gespannt der kommenden Dinge. Endlich war in weiter Ferne am oberen Ende der schnurgeraden Madison-avenue ein Gewimmel von Menschenköpfen sichtbar, über weiche amerikanische und rote Fahnen flatterten. Voran wurden lange Stangen getragen, auf welchen Kartoffel und Zwiebel aufgespießt waren, auch war jede Fahnenstange mit einer diesen zum Symbol erhobenen Feldfrüchte geziert. Bald war die ganze Avenue auf Sichtweite

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