Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 4 (4.2.1921)
- Date
- 1921-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, n., MalzgäSSd 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tflöhechoslowakei: Bratislava, Tornorgrassö 14. Erscheint jeden Freitag. - Eedaktionsschlnß: Für Artikel Montagr, Öfr Nachrichten, Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig1: Für Osterreich nnd Ungarn d.-ö. K 200*—, Tschechoslowakei Kc. 60*—, Deutschland Mk. 80-—, Schwei« Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 30 Lei, Jugoslawien 20 Dinar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Kc. 1*20. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. E 8* — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 4 Wien-Bratislava, 4. Februar 1921 ♦x'snn lost? "D nnoopna - nrt rrjn 7. Jahrg. Die Oraanisationsfrage in DeutscManl Wer sich des Sturmes erinnert, der vor einigen Jahren die Länder des alten Oesterreich durchzitterie, als von gewisser Seite der Plan einer Gesamtorganisation der österreichischen Juden betrieben wurde, dem dürfte nicht uninteressant sein, auch einmal zu erfahren, wie die Dinge in Deutschland stehen. Es dürfte sich sogar hieraus für jeden ernsten Juden ..ein sehr eindringliches Memento ergeben, ^fe^cßiand bfldet zurzeit ein erschreckendes Bild für,,* iJÜÄ^erstörung, welche Mangel an Prinzipienfestigfceife. schafft. Am klarsten wird es ein rein hisföritcffer Bericht erweisen, wobei wir uns eine Kri$j^'d.er ^Verhältnisse ausdrücklich vorbehalten. Die Verfassuhg des deutschen Reiches von Weimar- C gibt nicht bloß den einzelnen Gemeinden, sondern apch den' Religionsgesellschaften und den Weltänsphauungsgemeinschaften überhaupt die Möglichkeit, sich' die Rechte einer öffentlichen Körperschaft zu erwerben. In Verfolgung dieses Gedan^are hat sich vor 'etwa Jahresfrist eine große.Ärtzahljjöfeö^- gesinnter Gemeinden zusamm engesch^ossel^^Snr für sich'die Wohltat des obenerwähnten Paragräphen der deutschen Reichsverfassung in Anspruch zu nehmen. Diese, Gründung vollzog sich fa§t kampflos, da man, belehrt durch die Erfahrung der letzten ,50 jähre, es endlichso weit gebracht hatte, daß man esauf allen Seiten für richtig und würdig hielt, 'wenn Anschauungsgemeinschaften ohne Verhüllung und in voller Klarheit ihre Prinzipien nach innen 'und außen squverän vertreten. Es wurde schon damals in Aussicht genommen, daß, wenn' sich.' Aufgaben ergeben sollten, die allen Juden gemeinsamem Ziele" darstellen, diese von Fall zu Fall durch , oJ^*iÄ&^Jä'&^ fittften^lfßn. Nun besteht schon in Deutschland seit dem Jahre * 1869 der sogenannte Deutsch-Israelitische Gemeindebund, welcher seinen Statuten nach religiös neutral ist, aber doch immerhin in Zeiten der Zwangsorganisationsgedanken auf starke Gegnerschaft der Orthodoxie stoßen 'mußte. Es ist aber gerade in dieser Zeit in führenden Kreisen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes die An- , schauung zum Durchbruch gekommen, jlaß man es ehrlicherweise der Organisation nicht zumuten könne, alle Anschauungen innerhalb der Judenheit als gleichberechtigt anzuerkennen. Und gerade in diesen Kreisen brachte man ursprünglich den Bestrebungen des Bundes gesetzestreuer Gemeinden das weiteste Verständnis entgegen. Nun hatte nach langen inneren Kämpfen innerhalb der Kreise der Neologie des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes dieser am 23. Jänner 1921 eine Tagung nach Berlin einberufen, um die Ueberführung jr« ijie Form des Reichsverbandes der deutschen Juden in der Weise in die Wege zu leiten, daß die Verfassung dieses Reichsverbandes in die Debatte gestellt und über die Konstituierung desselben prinzipiell Beschluß gefaßt werden sollte. Es tri&ten schon vorher Verhandlungen zwischen dem Deutsch-israelitischen Gemeindebund und denk-j Bund gesetzestreuer Gemeinden stattgefunden, Ja denen betont worden war, daß natürlicherweise'Itfer Bund gesetzestreuer Gemeinden nicht korporativ! in den Reichsverband eintreten könne, daß er aber' ^ereit sei, zur Erledigung gemeinsamer Aufgaben ertifa ständige gemeinsame Delegation mit dem Reichf|yerband zu bilden und so dort, wo es nötig -sei^ie deutsche Judenheit gemeinsam zu vertreten. Dieser Standpunkt wurde von einem Vertreter des Bundes zu Eingang der Tagung vom 23. Jänner noch einmal öffentlich präzisiert unter Verwahrung! dagegen, daß der zu gründende Reichs verband sich als Gesamtorganisation 4er deutschen Judenhaß bezeichne. Es wurde bei dieser Gelegenheit auch mitgeteilt, daß einzelne dem Bunde angehörende Gemeiht&n Abänderungsanträgebringen, von deren Annahme sie ihren Eintritt in;den Reichsverband abhäium machen. Diese Abänderung bezog > siebgegen das Frauenwahlrecht,, _jzweite^ g&pi^ ein Vertreter des Rabbiner-Seminars zu Berlin, des Rabbiner-Seminars zu Breslau und der Hochschule in Berlin dem engeren Rate des Reichsverbandes angehören solle. Selbst diejenigen konservativen Gemeinden, die im Prinzipe bereit waren, dem Reichsverbande anzugehören, bezeichneten es als sittlich unannehmbar, gegen ihre Ueberzeugung in dieser Weise die Gleichberechtigung der diametralen, entgegengesetzten Anschauungen in dieser Weise zu proklamieren. Es war ein widriges Schauspiel/als ein sogenannter konservativer Rabbiner diese Anträge als unnötig bezeichnete. Selbst viele Neologen fanden dieses Intermezzo als unwürdig. Bei der Abstimmung wurden sodann die Anträge mit 300 gegen 600 Stimmen abgelehnt. Üeber diese Abstimmung ist noch folgendes zu bemerken: Die Großgemeinden hatten zwar beispielsweise 50 Delegierte, aber nur einen Stimrc> führer, der also seine Stimme gleichzeitig auch für seine 49 Mitdelegierten abgab. So kam es, daß die Vertreter von Berlin, Hamburg usw. ihre Stimmen gegen die Anträge abgaben, obwohl auch Delegierte aus diesen Orten die Anträge selbst gezeichnet hatten. Was nun die nächste Zukunft bringen wird, ist unklar. Nach der auf der Tagung im Prinzip angenommenen Verfassung müssen nun sämtliche Gemeinden noch einmal gefragt werden, ob sie dem Reichsverbande beitreten. Es ist wohl zu erwarten, daß wirklich und ehrlich konservativ gesinnte Gemeinden auf die Ablehnung der, Anträge die richtige Quittung erteilen. Es ist Sache des Bundes gesetzestreuer Gemeinden, hier in derselben vornehmen Weise, Avie er bisher seine Geschäfte geführt hat, für Aufklärung zu sorgen. Diese Aufklärung ist um so nötiger, als bei der Tagung, leider nicht o)me , Unterstützung sogenannter konservativer Kreise, die alte Verachtung wieder zu Tage trat, mit der früher die sogenannten liberalen Kreise die Orthpdoxie bedacht haben. Es will uns dünken, als .ob sich1 dipse Herren fünf Minuten zu früh demaskiert hätten. _'_ P. K. Stärkung der Orthodoxie in Ccttlanl (Eine Jeschiba in Riga. — Hilfskomitee für religiöse Institutionen. — Der Dwinsker Gaon an der Spitze des HilfsfcoBjitqes.) (Von unserem Korrespondenten.) feste Schanzen gegen die Anstürme der Zeit, ermüdlich wirkt der Oberrabbiner Menachem M. Sacfe in Riga für den Aufbad der Orthodoxie. Dank seiner rastlosen Arbeit besitzt Riga nunmehr eine Landes-Jeschiba, wo nicht nur für die geistige Erziehung der Bachurim, sondern auch für ihren ganzen Lebensunterhalt, gesorgt wird. Ebenso ist es den Bemühungen des Oberrabbiner Sack gelungen, ein Hilfskomitee der Rabbiner- und Talmudistenfamilien für ganz Lettland zu bilden. Oberrabbiner Sack hat. sich an den gefeierten Godol hador, den Dwinsker Gaon Rabbi Meir Simcha Hakohen KD^E? mit der Bitte gewendet, das Präsidium dieses ein Prozef» mit RotbscMM. (Nach einer wahren Begebenheit erzählt von M. Ehrenthal.) Feischi und Itzl waren SchwAgersleute. Sie waren sogar doppelt verschwägert, denn Feischi hatte die Schwester ttzls und Itzl die Schwester Feischis zur Frau. Sie gehörten der Gilde der Geflügejhändler. oder wie man sie landläufig nennt, der Hendlkrämer an, und versorgten die Stadt Wien mit dem guten Bissen jener gemästeten Zweifüßler, wie sie nur die Schüttinsel zu produzieren vermag. Sie wohnten in einem Hause, fuhren auf einem Wagen, hatten gemeinschaftliche Kasse und ein gemeinschaftliches Reisemenü (sie aßen nämlich von einem Freitag Abend bis zum anderen keine gekochten Speisen). Wie sie im bürgerlichen Leben eigentlich genannt wurden, darüber würde nur die politische Behörde Aufschluß geben können.. In der Gemeinde kannte man nur statt eines Weisz Ferehc. einen „Feischi püspöki". statt eines Weisz Ignaz', einen „Itzl kalaräbe" und kein Mensch würde z. B. vermuten, daß „Haschl bika" mit Heinrich Levald identisch ist. Wie Bunem Fajlesz und Sawel Manesseus benamset wurden, müßte'vielleicht im Militärschematismus eruiert werden, im Gothaischen Almanach sind sie nicht zu finden. Wenn ich die Ethnographie der heimatlichen Juden beschreiben wollte, müßte ichdem Menschenschlage dieser Geflügelhändlergilde ein eigenes Kapitel widmen. Ihre Heimat ist die Schüttinsel, hauptsächlich die Gemeinden Dunaszerdahely, Nagymagyar und Nagyjöka. Freilich, wer solch einen jüdischen Hendelkrämer in seinem Markt- und Jbisekostüm mit seinem ungepflegten Barte, seinem wettergebräunten Gesichte, dem befiederten Anzüge und ungeputzten groben Stiefeln auf dem Marktplatze oder in der Markthalle sieht, muß zumindest glauben, daß diese Leute nur Abkömmlinge der von unseren Gegnern „vielgepriesenen" G h a z a,r e n sein können. Und wer früher sein Huhn im Topfe haben will, besitzt auch nicht die Zeit, Betrachtungen über die Naturgeschichte dieser Menschenklasse anzustellen und hat auch keine Ahnung, wie viel gesunder Volkshumor, natürliche Herzensgüte, Gefäjligkeitssinn und oft auch edle Nächstenliebe in dielen Leuten steckt. Allerdings darf man nicht nach ihren kernigen, oft derben Zornesausbrüchen, auf ihren inneren Charakter schlußfolgern, denn das Nomadenleben macht hart und umgibt den guten Kern oft njit einer rauhen Schale. ,Man muß diese Menschen Hur betrachten, wenn sie am Freitag nachmittags zu ihrer Familie zurückkehren. Da wird gewaschen, gereinigt, umgekleidet und sieht man den Mann zwei Stunden später ins Gotteshaus gehen, würde man ihn kaum erkennen. jUnd wie sein Aeußeres, so hat isich auch sein Interieur einer Verwandlung unterzogen. Kein Fluch, kein Zornesausbruch, kein gemeines Wort kommt über seine Lippen, er gehört nur seiner Religion und seiner Familie an, aus ihm spricht da nur der gläubige Jude, der aufmerksame Gatte und der zärtliche Vater. Samstag abends, nach „Hawdala", wird wieder gerüstet und fort geht-es wieder an die „Arbeit", [st schon der Fleiß dieses Völkchens bewunderungswert, so ist ihr Mut, ihre Lnerschrockenheit und Kühnheit sprichwörtlich geworden. Sie fürchten kein Wasser, kein Feuer, kein Wetter, keine Gefahren. Wie dem Fische das Wasser, so ist ihr Lebenselement der Wagen. Hier essen, hier schlafen, hier beten sie. Ihre Gebetutensilien sind die unzertrennlichen Begleiter, einer anderen Wegausrüstung bedürfen sie „nicht. Und mit welcher Liebe behandeln sie ihre Tiere! Es bedarf da keiner Propaganda des Tierschutzvereines, natürlicher Instinkt und ungekünstelte Frömmigkeit sind ihre Lehrer! Auch unsere Helden Feischi und Itzl hatten in diesem Genre gelebt. Da sie arme Leute waren, entlehnten sie von dem damaligen Parnesz Frey einige hundert Gulden, durchzogen mit ihrem Wagen alle Dörfer der Schüttinsel und führten die Ware per „Achse" nach Wien. Feischi, der das Fahrzeug bis nachFischamend geführt hatte, übergab nun sein Zeug der Leitung seines Schwagers Ifzl und legte sich schlafen; d. h. der Oberkörper lehnte an der Seite des Vorderschragens und die ziemlich langen Beine desselben (welche ihm den Ehrentitel „nyakigläb" eingetragen) balanzierten in der Luft an der Randseite des Vehikels. So ging ja alles ganz glatt, Itzl ein gewiegter Rosselenker führte das Gespann mit bewährter Hand. Sie passierten anstandslos die Favoritenstraße, um dann über den Ring zum „Schanzl" zu gelangen, wo damals der Hauptgeflügelmarkt abgehalten wurde (vom Vo^ce auch die „ Gänsebörse" benannt). Schon wollten sie den Engpaß der Wiedener Hauptstraße überqueren, als. eine elegante Equipage aus der Kreuzung ' der Heugasse mit Blitzesschnelle heranstürmte und der Kutscher derselben", ganz ahnungslos, daß an den Stiefeln des Feischi auch ein menschliches schlafendes Wesen hängen könnte, um ausweichen zu können, dieselben unwillkürlich anrempeln mußte. Wie ein Stück Blei sank der schlaftrunkene Feischi vom Wagen und wäre vielleicht selbst auf dem Steinpflaster nicht erwacht, wenn nicht ein paar Kernflüche aus dem ungewaschenen Munde Itzls eine Menschenansammlung auf diesem exponierten Teile der Stadt provoziert hätte und ein herbeigeeilter Diener der heiligen Hermandad nicht gar so neugierig nach dem Wohnplatz der beiden Geflügelhändler gefragt hätte. Itzl bezeichnete als das jeweilige Domizil der beiden den Einkehrgasthof zum „Goldenen Widder" in der Taborstraße, worauf sie weiterfuhren.