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Jüdische Presse · 1921-01-28 · 3 (28.1.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
3 (28.1.1921)
Date
1921-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DJE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Rodaktion und Administration: ^nm, IL, Malzerasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. hechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. *,(Tcheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: l'ür Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnemontspreiso: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö. K 200*—, Tschechoslowakei Kc. 60«—, Deutschland Mk. 80-—, Schweiz Frcs. 10-—. Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 30 Lei. Jugoslawien 20 Dinar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Kc. 1'20. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 8- — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 3 Wien-Bratislava, 28. Jänner 1921 ♦xsnn ttoü w rroDDjnö " nn rri» I 7. Jahrg. erzicbiincisproblcmc. j3ie Wallungen und Wandlungen der jüngsten Jahre haben wiederum einem Gedanken eine Auferstehung bereitet, welcher einst der Stolz der Pädagogik war und ihr eigentlich erst den Wert einer Wissenschaft erkämpft halle durch Herbart und seine Schule. Das ist die Lehre vom erziehenden Unterricht, der in dem materialistischen Chaos der Vorkriegszeit etwas in Mißkredit gekommen war. Der Grundgedanke dieses Wollens besteht darin, daß bei dem Unterricht nicht sowohl ein bestimmtes Quantum vom positiven Wissen allein vermittelt werden soll, Ja es auch nichl-genügt, wenn die Schule die Fähigkeit verleiht, sich in neuen Wissensgebieten zurechtzufinden, sondern vielmehr muß danach gestrebt werden, dal) neben der formalen Bildung, alles was an Wissen geboten wird, bestimmten Einfluß auf die Charakterbildung hat. Es ist hier nicht die Stelle zu einer Diskussion über die Erfüllbarkeit dieser prinzipiellen Forderungen. Folgendes wird unbedingt zugestanden werden müssen: Je mehr der Kampf des Lebens nicht nur wie früher den Vater, sondern die bis dahin mit der häuslichen Erziehung beschäftigte Mutter in Anspruch nimmt, je mehr sich also die traurige Tatsache wiederholt, daß die Eltern ihre Kinder fast nur noch bei Tisch sehen, wie wenig sie also die Aufgaben der Erziehung übernehmen und lösen können, um so mehr fällt die Aufgabe der Erziehung den Schulen zu, um so bedeutsamer ist es, wenn die Schule nicht bloß Unterricht und Zucht, sondern auch Erziehung gibt. Schon Herbart legt überzeugend dar, daß das Ziel nur dann erreicht werden kann, wenn in den Mittelpunkt des ganzen .Sphulbftjtviebes, die, ReMo% Unkundige wird einsehen, daß das nur in einem konfessionellen Schulbetrieb möglich ist. Selbst in solchen Ländern, in denen wie im Westen der sogenannte Religionsunterricht in sehr kleinen, homöopathischen Dosen verabreicht wird, ist aus dieser Erkenntnis heraus die Forderung nach der konfessionellen Schule erhoben worden. Man kann dieses Ideal dahin formulieren, daß in einer solchen Schule alles Wissen von Konfessionsgenossen an eine konfessionell einheitliche Schulbevölkerung vermittelt wird. Die konsequente Durchführung des Gedankens verlangt, daß selbst das Mittelschulwesen konfessionell ausgestattet wird. Um wieviel mehr gewinnl die Forderung der konfessionellen Schule an Bedeutuftg für solche Länder, die verlangen, daß die Kinder dazu geführt werden, die gesamten Quellenschriften der Religion zu beherrschen. Es ist geradezu eine Notwendigkeit, daß in einer Stadt wie Wien, in der das Staatsgesetz es verlangt, daß die Kinder in regelmäßiger Schulform sich ein bestimmtes Maß von Wissen aneignen, dies in einer konfessionellen Schule geschieht. Aber wer nur einen Funken von Verantwortlichkeitsgefühl gegen seine eigenen Kinder hat, der muß unhedingt daYür sorgen, daß liier in Wien ein Schulwesen entsteht, welches nach jeder Richtung vorbildlich ist. Zu diesem vorbildlichen Charakter gehört aber auch, daß endlich alle Unterschiede, welche soziale Ungleichheit in das Leben gerissen haben, auf der Schulbank verschwinden. Das Kind des Reichsten muß auf der Schulbank mit dem Kind des Aernisten Freundschaft schließen können, lieber dieses traurige Kapitel soll in einem besonderen Aufsatze gesprochen werden. Für heute nur noch die eine Bemerkung: Die Wohltat einer Konfessionsj schule verkehrt sich in ihr Gegenteil und wird zur Karrikatur, wenn die Konfessionsgenossen ihrer eigenen Konfession untreu werden, das heißt, um deutlicher zu sprechen, wenn die Lehrkräfte nicht in ihren ganzen Weltanschauungen in der Religion wurzeln, nicht ihre ganze Lebensführung die Treue gegen die Religion bewährt. Denn dann erwächst zwischen Schule und Haus, zwischen Lehrer und Kind ein grausamer Konflikt von unabsehbarer Tragweite. Dann kann unter Umständen die Konfessionsschule zu einem Gewissenszwang schärfster Gestaltung werden. ( Fortsetzung folgt.) P. K. Ittax Rordau über religiöses Judentum und Jlgudas Jisroel Im New Yorker, Morgen-Journal" vom 28. Dezember w erden AeuJJerurjgen wiedergegeben, die Max Nordau einem Besucher gegenüber getan hat und die weitere Kreise interessieren dürften. Auf die schriftliche Anfrage des Besuchers, ob die Einzelheiten der Unterhaltung der Oefl'entlichkeit übergehen werden dürfen, antwortete Nordau am 27. September vorigen Jahres: „Ich beharre fest bei meiner Ueberzeugung, daß dem religiösen Judentum eine übernatürliche Krall innewohnt und daß es unbesiegbar sei. Sie können es deshalb zu jeder Zeit, an jedem Orte und in jeder beliebigen Form veröffentlichen." Es wird unsere Leser sicherlich interessieren, wie der als Atheist geltende Nordau in seinem 71. Lebensjahre über „Agudas Jisroel" uud ihr« Ziele denkt. Wir lassen den Besucher erzählen: »Bezüglich der „Agudas Jisroel" sagt Nordau, daß in einer Gemeinschaft, in der hunderttausende frommer Juden vereinigt sind, sicherlich eine lebendige jüdische Kraft vorhanden sei, mit der man sehr rechnen müsse. Er meint, die Aguda könne in der Form, wie sie jetzt bestellt, in brüderlicher Freundschaft mit den Zionisten für den Wiederaufbau Palästinas arbeiten. Er glaubt nicht, daß die Zionisten die frommen Juden in Palästina in der Beobachtung der Religionsgesetze stören würden. Ich kann mir, sagt er, überhaupt ein Erez Israel ohne den originellen Typus der frommen Juden nicht vorstellen. Welchen Wert hätte dort sonst unsere ganze Kulturarbeit? Und selbst wenn die Zionisten es unternehmen wollten, euere Jüdischkeit zu stören, braucht ihr vor ihnen nicht zurückschrecken, ihr, von (Jenen von jeher Tausende für die Beobachtung der Religionsgesetze den Märtyrertod starben und die weder Kreuzziige, noch spanische Inquisition, noch Pogrome davon abhalten konnten, den Geboten der Thora zu gehorchen — Nordau erwähnte dabei, daß auch einer seiner Ahnen als Märtyrer starb — so braucht ihr euch vor Störungen der Zionisten gewiß nicht zu fürchten. Nordau stellt sich die Lebensführung der frommen Juden so vor, daß sie ihre religiösen Pflichten wohl erfüllen, aber dabei andere nicht stören. Wenn zum Beispiel ein Eruw gemacht werden soll, so sollten die Drähte über den Dächern gezogen werden, damit sie durchfahrende Araber und Engländer nicht hindern. So sollte alles eingerichtet sein. Ebensowenigdurften die nichtfrommen Juden die Gefühle der frommen verletzen und e,twa die Religionsgesetze in ihren Stadtvierteln Me&tiifih^ trachten. Ihr seht doch« daß die Christen selbst dem Enkel eines Getauften noch „Jud" nachrufen. Um wie viel mehr müssen die Zionisten euch als Brüder ansehen. Ja, sie müßten vor euch besondere Hochachtung haben, weil ihr es ward, die das Judentum mit der größten Aufopferung lebendig erholten habet. Dr. Nordau bemerkt dabei, daß selbst ein Minhag, der mit jüdischem Blute bezahlt ist, ihm heilig sei. rSehe ich heute einen polnischen Juden mit Bart und Peos in seiner langen Tracht, so emplinde ich Hochachtung vor ihm, seitdem ich höre, wie viel Verfolgungen, Mißhandlungen und Blutverluste letzthin Juden wegen dieser Kleidung zu erdulden hatten und sie halten an ihr fest. Ein gewisser Grad von Martyrium. Deshalb ist sie mir ein jüdisches Heiligtum geworden. Ein zionistischer Führer brüstete sich vor mir damit, daß er an) Jörn Kippur in Jerusalem mit der Zigarre im Munde vor einer mit Betenden besetzten Synagoge vorbeiging. Ich kann diesem Menschen nicht in die Augen schauen! Er ist ein Verbrecher gegen das Heiligtum eines alten, großen und idealen Volkes. Ich. der Verfasser der „Kou venM onollen Lügen," sage es euch, wenn jemand auf dem Tempe 1 berg den Sjab b at entweiht, er ist des Todes schuldig, weil er nicht einen Menschen töten wollte, sondern — die Seele eines ganzen Volkes! Ich'machte die Bemerkung — erzählt der Besucher — daß es sich dem jetzt zu neuem Leben erwachten religiösen Judentum keineswegs darum handle, von den Zionisten die Erlaubnis zur Ausübung der Religionsgesetze in Erez Israel zu erhalten, sondern um die Möglichkeit, dort ein religiös-jüdisches Gemeinwesen zu errichten, das auch auf das Judentum in der Diaspora befruchtend wirken sollte. Ich legte meine persönliche Auffassung dar. wonach die Religion und besonders die jüdische nicht bloß eine individuelle* sondern eine soziale Erscheinung sei. Die Thora enthält mehr soziale Gebote als individuelle. Es ist deshalb m. E. das größte Unrecht, die Thora aus dem Leben hinauszudrängen, sie in das Bes-hamidracu zu bannen und als Privatsache zu erklären. Nordau erwiderte darauf, daß die neuesten Soziologen in der gleichen Weise wie ich die Religion und speziell die jüdische als soziale Erscheinung betrachten. Dje Orthodoxie habe dieses Recht, die Thora in das Lebenszentrum der jüdischen Gesamtheit hineinzustellen. Zum Schlüsse versicherte Nordau, er glaube, das religiöse Judentum werde nicht besiegt werden. So weit die Erzählung des Besuchers im ^Morgen-Journal". Wir' fr^^ Nordaus gleichfalls zur Erkenntnis solcher elementarer Wahrheiten gelangen? Jugendfürsorge Ein ernstes Wort an unsere Freunde. „Rettet unsere Kinder" ist jetzt der Jammerruf, der aus den Ländern des Ostens und der Zentralmächte in herzerschütternder Weise ertönt. Für die gefährdete Jugend, die heute sowohl körperlich wie moralisch hundert Gefahren ausgesetzt ist, haben Menschenfreunde in allen Ländern Aktionen eingeleitet, um doch die Menschlichkeit an dieser Zukunft der Menschheit nicht zu Schanden werden zu lassen. Auch unsere Jugend ist von der schleichenden Krankheit der körperlichen Verwahrlosung und moralischen Verlotterung arg bedroht. Auch die thoratreue Judenheit muß alle Kräfte anspannen, um ihre Zukunft, die in ihrer Jugend liegt, zu retten. Agudas Jisroel hat es sich in Ländern der Verwüstung zur Aufgabe gemacht, sich der bedrohten Jugend anzunehmen. Für die Schutzlosesten und Bedürftigsten sind Waisenhäuser überall dort, wo Agudas Jisroel die Kraft und die Mittel aufbrachte, errichtet worden. Auch die österreichische Landesorganisation hat es nun soweit gebracht, daß ihr Badener Waisenhaus in den nächsten Wochen seiner Bestimmung übergeben werden kann. Es sind alle Anzeichen dafür da, daß diese Anstalt nach jeder Richtung hin eine mustergültige sein wird. Immerhin reicht sie nicht aus, um jenen Teil der verwahrlosten und verlassenen Jugend, der für uns in Betracht kommt, zu beherbergen. Daher beschäftigt sich unsere Jugendfürsorge mit dem Problem, den Schutz für verwahrloste Jugendliche so auszugestalten, daß man sie bei einzelnen Familien in Ländern mit konsolidierten Verhältnissen unterbringt. Das Badener Waisenhaus ist so eingerichtet, daß dort nicht nur die ständigen Pfleglinge Aufnahme finden, sondern einige Räume für jene reserviert werden, die unter der Patronanz der Fürsorge der Agudas Jisroel mit der Zeit bei edlen Menschenfreunden in besseren Ländern untergebracht werden. Zur Durchführung dieser jüdischen und überaus dringenden Aufgabe müssen wir aber die Unterstützung all unserer Freunde in den Ländern, die für uns in Betracht kommen, das ist die Tschecho* Slowakei, Jugoslawien, Deutschland, die Schweiz, Holland, England und Amerika, in Anspruch nehmen. Wir wenden uns daher zuerst an alle Landesorganisationen der Agudas Jisroel in den erwähnten Ländern und an alle Freunde der thoratreuen Judenheit daselbst, keine Anstrengung zu scheuen und Plätze für solche Jugendliche, die weder Eltern haben, noch hier Unterkunft, Erziehung und gesellschaftlichen Schatz genießen können, aufzubringen. Unsere Organisation wird bedacht sein, alle Wünsche, die an uns gelangen, zu berücksichtigen. Es steht, leider eine große Auswahl zur Verfügung. Es erübrigt sich, die Bedeutung und Tragweite dieser Aktion mit großen Worten auseinander zu setzen. Jeder tKoratreue Jude kennt die unermeßlich große Mizwoh, solche Jugendliche für das jüdische Volk, für unser Judentum, für unsere Thora zu retten. Sie bieten ihnen den Schutz eines frommen jüdischen Hauses und als Entgelt hiefür haben sie schon hienieden die Freude, gerettete Menschenseelen zu sehen, in denen der Geist unserer Lehre weiterlebt. Das Amsterdamer Protokoll. Die holländischen Zeitungen veröffentlichen beifolgendes, von mehreren Unterschriften gezeichnetes Protokoll: Am Mittwoch, 25 Teweth 5681 (5. Jänner 1921), fand in Amsterdam im Hause des Herrn A. Ascher eine Konferenz statt zwischen dem Herrn Oberrabbiner A. S. Onderwijzer und Prof. Weizmann', Präsident der zionistischen Organisation. Im Verlaufe dieser Unterhaltung erklärte Prof. W. zufolge einiger Fragen des Oherrabbiners, daß beim Aufbau Palästinas von Seiten der zionistischen Leitung nichts geschehen wird, was dem jüdischen Religionskodex widerspricht. Prof. W. sagte, daß er unter Religionskodex genau dasselbe verstehe, wie der Oberrabbiner. — Betreffs der in der Presse erhobenen Anklagen über Entweihung des Sabbat und Uebertretung der Speisegesetze in zionistischen Küchen in Jerusalem sagte Prof. W., daß er bei seinem baldigen Aufenthalt in Palastina die Angelegenheit untersuchen und für rituelle Speisung der Chaluzim mit Aufrechterhaltung der Sabbatgesetze eintreten werde, wie er letzteres einige Tage zuvor schon in einer Konferenz mit Repräsentanten des holländischen Misrachi ausdrücklich erklärt habe. In Palästina ist der Sabbat als offizieller Ruhetag für die Juden anerkannt. Post, Telegraph und Eisenbahn sind jetzt in Händen der regierenden Macht, Darin hat die zionistische Leitung jetzt kein Mitbetimmungsrecht. Sobald dies wohl der Fall sein wird, wird auch in diesem Punkte den Anforderungen des jüdischen Religionskodex Rechnung getragen werden. Hinsichtlich der Verständigung mit der nicht an die zionistische Weltorganisation angeschlossenen Orthodoxie erklärt»

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