Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 24/40 (24.12.1920)
- Date
- 1920-12-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ")^ ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnerg-asse 14. fescheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Ftr Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö. K160- -, Tsche choslowakei Kc. 60- -, Deutschland Mk. 60- -, Schweiz Frcs. 10* — , Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3—, Kc. 1-20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000'—, halb« 1 Seite K 1500'—, viertel Seite K 800'—, achte! Seite K 400*—, sechzehntel Seite K 250'—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. JHr^24/4<J Zangwill gegen die zionistische Ceifung» Israel Zangwill veröffentlicht im „Jewish Chronicle" einen Artikel unter dem Titel „Palästina Irredenta". Er fängt an mit dem Beschluß von San Remo, welchen er als einen Optimismus für Opiumgenfeßer bezeichnet. Er vergleicht den San Remo-Beschluß mit den wilden Manifestationen der Schabsei-Zwi- Anhängcr, welche in diesem den Moschiach sahen. Diese Freude, mit welcher das jüdische Volk den Beschluß der Alliierten aufgenommen habe, sollte den englischen Politikern zeigen, welch großes Zutrauen die Juden zu England haben und sie zu ihrer wirklichen Heimbeförderung in ihr eigenes Land be-. stimmen. Allein, Zangwill glaubte wenig daran. Er erklärte, die Zionistenführer hätten von .Anfang bis zu Ende die Rolle von politischen Agenten Englands gespielt und nun sehen sie, wie aus der vielbesagten „nationalen Heimstätte" der Juden im Ganzen ein englisch-jüdischer High Commissioner geworden ist, welcher als Gouverneur in Palästina ebenso englisch sein wird, wie er es als englischer Minister des Innern gewesen ist. Der Berg Zion, meint Zangwill, habe in der Wirklichkeit eine „Maus" geboren; vom Löwen Jehuda sei keine Spur vorbanden. Nichts, sagt er, zeige deutlicher .die-Niederlage •les politischen Zionismus, als das heiße Verlangen Aer Antizionisten, sich an der Arbeit zu beteiligen. Jetzt, da die nationale Bewegung, für die so viel lathusiasmus, Begeisterung und Geld ausgegeben wurde und für die Kapitän Trunrpeldor gestorben ist mit den Worten: „Es ist gut, fürs eigene Land zu sterben", auf eine philanthropische Aufgabe der Emigration und Kolonisation unter fremder Verwaltung und Verantwortlichkeit beschränkt ist, »ehmen die assimilatorischen Kehilo-Führer mit ihrer gewöhnlichen Wohltätigkeit an der Arbeit teil. Für sie sei die Gefahr vorüber, daß Moschiach in ihrem Zeitalter komme; sie denken anders, als an den „Schaufor schel Moschiach" zu glauben. Vergebens, meint Zangwill, bemühten sich die Zionisten, allen einzureden, daß wir jetzt in einem gleichen Zeitalter wie Esra und Nacheirija leben und der Tag des Aufbaues des dritten jüdischen Bes-Hamikdosch nahe sei; ein eingeborener Instinkt und vielleicht der gesunde jüdische Verstand mache den traditionellen Juden klar, daß dem nicht so sei. Es müsse auch gesagt werden, daß mit der Bestimmung des Sir Herbert Samuel zum obersten Leiter dem Lande Jehuda kein Seribowel gegeben wurde. Die beiden historischen Momente können^ gär nicht miteinander verglichen werden. Wenn es beim guten Wjllen des Perserkönigs Cyros trotz einer Eeihe von Oberherrschern gelungen ist, aüif den Trümmern das jüdische Reich aufzubauen, welches sich dann noch Jahrhunderte erhielt, so war dies nur deshalb möglich, weil die neue Ordnung im jüdischen Lande mit einem Gouverneur begann, dessen Funktion nicht war, das Gleichgewicht unter den verschiedenen Einwohnern zu halten, sondern gleich die jüdische Oberherrschaft herzustellen lind dem der Beiname „Perser" fehlte. Cyros sprach nicht viel von hoher Moralität und politischem Idealismus, er sah nicht voraus, daß Palästina ein nationales Heim für zwei Völker sein werde. Er machte den Juden keine großen Versprechungen und führte nicht dann das persische Gesetz ein; auch machte er. keine Versprechungen zu der Zeit, dia er im Kriege mit Babylon lag, um die dortigen Juden für siöh zu gewinnen. Aus reiner Großmut üb,ergab er den Juden erst dann Palästina, als der Sieg bereits vollständig war. Sogar die heiligen Gegenstände aus dem Bet- Hamikdosch gab er den heimkehrenden Exilierten zurück, Es.;, wurde keine persische Bureaukratie bestimmt, ihrk Rückkehr zu kontrollieren. Ihre.Lieder waren nicht voller Einbildungen; die Harfe in ihrem Thillin, die Leier ihres Gesanges drückten wirklich die Heimkehr aus. . Die gegenwärtig zurückkehrenden Juden, sagt Zangwill, wußten selbst nicht, warum sie zurückgehen. Sie hätten sogar keine Sicherheit, die Autonomie zu bekommen, obwohl die Zionisten ihre* Frauen aufgefordert haben, die Befreiung damit zu feiern, daß sie ihren Schmuck spenden. Unter einer zivilen Konstitution, welche die militärische Bureaukratie abgelöst hat, unter der die „Hatikwa" verboten war, sei es noch viel zweifelhafter, ob nicht die nationale Hymne verboten bleiben werde — ujr einer Zeit, wo es tiäher sei, daß die Juden politisch unter den Mohammedanern und Christen, und alle drei zusammen unter der britischen Regierung yerschwinden werden. Das hindere die Zionisten aber nicht, fortwährend politische, geistige und finanzielle Manifeste herauszugeben. Die Zionisten seien, meint Zangwill, weit daroa entfernt, den Musterstaat, den sie proklamieren, aufbauen zu. können; nicht einmal die ökonomische Kontrolle des Landes befinde sich in den Hände» ihrer Organisationen oder der Juden überhaupt. Ausgenommen sind einige individuelle Konzessionen, wie Emigration und Kolonisation, von welchen sie auch ohne die Balfour-Deklaratiqn nicht ausgeschlossen werden könnten.. Eine, britische Kolonie in Palästina könnte keinesfalls die jüdische Rasse ausschließen, deren ein Sohn Lord-Hauptrichter in England und ein zweiter Regierungs-Sekretär für Indien ist, eine Rasse, die sogar unter den Türken in Palästina eindringen konnte. Jetzt werde die Emigration indirekt beschränkt von den Zionisten. Und wenn schon Juden hineinkommen, müssen sie erst der Konkurrenz der überflüssigen arabischen Arbeit standhalten. Das einzige Privileg, das die Juden' haben werden, wird sein, den Hinkommenden Kapital zu beschaffen; damit sie sich anfangs erhalten können —•'das''macht laut Dr. Weizmann zwei- bis dreihundert Pfund für einen Emigranten aus. Zangwill kommt dann auf die Stellung Balfours zu sprechen. Man habe, sagt er, den Juden für Uganda ein viel besseres Gesetz geben wollen, als das, mit dem jetzt Weizmann für Palästina abgefunden wurde. Im Briefe Balfours sei nirgends die Rede von Erez Israel äls jüdische Heimstätte sondern von einher jüdischen nationalen Heimstättej in Päljfetiriä. Die Zionisten ' nättenT ineint^ZäiigwmV" Mne*ö*lti$-? lästerung begangen, da sie in den Bethäusem Halle! wegen eines jüdischen Staates sagen ließen. Er wirft dann die Frage auf, wer im neuen englisch-arabischen Staate in Palästina Bürger werde, ob der Jude laut seiner Nationalität Jude, Engländer, Araber oder überhaupt Palästinenser seinwerde. Nach seiner Ansicht werde er Palästinenser sein. Da er aber infolge einer besonderen Verordnung Die Krise des amerikaniseften Judentums. Von S. Bettelheini, gew. Präsident der Federation of Hungarian Jews in America. (4. Fortsetzung.) Es bedeutete für Jakob H. Schiff eine angenehme Ueberraschung, in seinem Kampfe gegen das Postulat <les jüdischen Minderheitsrechtes mit meiner Darstellung bestärkt zu werden, daß niemand anderer als Herzl diese Bewegung als „eine potzdumme Politik0 bezeichnet hatte, daß das „Minoritätsrecht" laicht nur kein integrierender Bestandteil der zionistischen Ideologie darstelle, sondern daß die ehrlichen konsequenten Protagonisten der jüdischnationalen Autonomie sich selbst als entschiedene Gegner des Zionismus bezeichnet hätten, dessen Wesen der jüdischnationalen Landespolitik diametral entgegengesetzt sei; ebenso wie die großen Zionistenführer, die über den Verlockungen der politischen Vorteile der jüdischnationalen Landespolitik erhaben waren, in dieser Bewegung nicht nur eine Gefährdung des zionistischen Programmes erblickt haben, sondern auch eine böse Gefahr für die Sicherheit des jüdischen Volkes im Osten und eine hoffnungslose Verwicklung der politischen Lage des Judentums aller Länder darin sahen. Diese Bewegung schaffe eine tiefe Kluft zwischen den Parteien, in einem großen historischen Momente, wo sich das Schicksal Palästinas vielleicht auf Jahrhunderte hinaus entscheiden werde und eine Einigung auf ein erreichbares, klares Ziel zu bevorstehen scheine; die Zionisten würden ihre Anspruchs zum Erreichbaren herabmindern, während es von den Antizionisten jeder Fraktion zu erwarten sei, daß sie dem fait accompli gegenüber keine Opposition machen würden, leb drückte die Ansicht aus, daß niemand anderer mehr berufen und geeignet, wäre, eine gemäßigte Palästinapolitik zu inaugurieren und die alten Zionistenführer wie die Orthodoxen und Assimilanten auf eine Plattform zu bringen, als Schiff, der noch mehr als irgend jemand in der Lage sei, etwaige diplomatische Schwierigkeiten durch finanzpolitische Gegenleistungen zu beheben. Meine Darstellung hatte einen vollen Erfolg. Ich erhielt ein Schreiben an Hermann Bernstein, worin dieser von Schiff ersucht wurde, mir im „American Hebrew8 den weitesten Raum für meine diesbezMlichen Artikel einzuräumen und ich begann eWe Serie von Essays über die Gefahr der Minoritätspolitik zu veröffentlichen. Diese Artikel wurden von vielen Journalen nachgedruckt und haben besonders außerhalb des Judentums Beachtung gefunden.* Die Bewegung für die jüdischnationale Autonomie war übrigens in der Ebbe begriffen, zumal der Kongreß — der tatsächlich erst Ende 1918 stattgefunden hat — auf nach Kriegsende geschoben wurde. Das Thema wurde noch in der jiddischen Presse in ermüdender Monotonie wiederholt, besonders ^Freund Borochow, der als Mensch ungemein bescheiden, sanft und liebenswürdig war, variierte dieses einzige Motiv in allen Tonarten. Aber als politisches „issue" war das Thema abgespielt. Der Beginn der Feindseligkeiten mit Deutschland und besonders der Ausbruch der Revolution in Rußland gaben der Aufmerksamkeit der russisch-jüdischen Masse eine andere Richtung. Teils widmete sie sich, von der Wilsonschen Deklaration, daß er für einen Judenstaat in Palästina eintreten werde, begeistert, mit ganzem Eifer der Palästinasache, teils ergab sie sich völlig den sozialistischen Bestrebungen, welche der damals in New York angekommene Leon Trotzky in radikale Bahnen zu lenken bemüht war.** * Ich erhielt späterhin noch einen Brief von Schiff, worin er ein starkes Interesse für die angeregte Palästina-Aktion ausdrückte und mich eingeladen hat, ihn nach der Rückkehr vom Landaufenthalt in der Wohnung zu besuchen, da er sich länger über die Angelegenheit aussprechen wolle. Gewisse Verhältnisse, die jetzt noch besser unbesprochen bleiben, haben eine weitere Entwicklung der Sache illusorisch gemacht. „Krieg oder Friede"! war damals die Parole zweier Monate, bis Wilson die widerstrebende öffentliche Meinung niedergerungen hatte. In dem Wirbel der typischen Kriegsbegeisterung ging jede Spezialfrage unter. Palästina war allerdings ein Bestandteil der Kriegspolitik. Um die ententefeindliche jüdische Masse zu gewinnen, wurden in der Presse die kühnsten Hoffnungen der Zionisten erweckt, besonders als Ende April 1917 die Engländer die Grenze Palästinas überschritten hatten. Die an demselben. Tage versammelte Jahreskonvention der „Jewish Community" wurde die Gelegenheit von Kundgebungen von flammender Begeisterung für Amerika, Zion und das befreite Rußland. Schiff und Marshall erklärten ihren Anschluß an die zionistische Bewegung. Die Frage des jüdischen Minoritätsrechtes schien ausgeschaltet und jede Scheidewand der Parteien gefallen. Die politische Konstellation des Judentumes war in jenem Momente die denkbar günstigste. Die Judenfrage hatte damals in allen Kabinetteri^der alten und der neuen Welt die sympathischeste Behandlung erfahren. Amerika sollte da die Führung übernehmen. Man schrieb und redete sich begeistert in das Zukunftsbild der im amerikanischen Geiste geleiteten „Vereinigten Staaten von Europa" hinein und sah das Banner der Sterne und Streifen als Symbol des ewigen Friedens neben der Fahne der beiVeiten Völker wehen. Das Dornröschen Palästina sollte durch den Kuß Uncle Sams aus dem tausendjährigen Schlafe erwachen. Diese wahrhaftige Hochkonjunktur des Judentums ist mit der ein halbes Jahr später erfolgten Balfour-Deklaration einfach zerschlagen worden. (Fortsetzung folgt.) ** In der größeren Oeffentlichkeit hat Trotzky während seines New Yorker Aufenthaltes kaum irgendwelche Aufmerksamkeit erregt. Er war Mitarbeiter des ,Deutschen Journals" und schrieb auch in jüdischen Blättern. Ich hörte ihn einmal im Labor-Temple vor einem kleinen Publikum ohne besonders starke Wirkung über „Die russische Revolution" sprechen. Wilsons Palästina-Versprechen fertigte er einmal mit dem kurzen Urteil ab: „Englischer Bluff".