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Jüdische Presse · 1920-12-10 · 22/38 (10.12.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
22/38 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE PRESSE Nr. 22/38 Die Olocbe. DU Sidrs „mmt" „Und es war am Ende zweier Jahre . . . und Pharao träumte". Es träumte der Mächtigste der Erde... und es träumte der ebräische Sklave im Kerker. Zwei sind es, welche den Zusammenbruch der Gesellschaft, die nahende Katastrophe erahnen: der von der höchsten Warte der Menschheit Ausblickende und der Leidende, der die Verderbtheit der Zeit am eigenen Leibe erfährt. Sie stehen sich bald gegenüber, der Pharao und der geächtete Paria... Pharao, der Zeitgenosse der Erzväter, ist seiner Zeit würdig. Ueber alle Vorurteile hinweg reicht er das Szepter dem von G-ttes Geist beseelten. Sie linden vor dem Throne Pharaos mehr Würdigung als unter ihren Brüdern. In Mizraim, später in Babel, in Ninive findet die düstere Weissagung des Propheten mehr Gehör und Gehorsam als in Jerusalem. Der Prophet erkennt die sündige Zeit und den fehlerhaften Aufbau der Gesellschaft, der zur Katastrophe führen muß; dieimGolus individualistisch gewordene jüdische Gesellschaft hat dafür das Verständnis verloren; im'Gegenteil, gerade die Zeit vor dem Zusammenbruche dünkt dem Golusjuden als die günstigste, da das individualistische Streben in jenem Momente am leichtesten zu Erfolgen gelangt, wo das Staatswesen in seiner Ohnmacht den Einzelstreber nicht in seinen Dienst zwingen kann. Da ist die sich ewig wiederholende Szene, wo der Träumer inmitten satter Jahre düster von sieben Trauerjahren spricht, wo er inmitten des Genußtaumels der reichen Söhne Ephraims über den Ghurban jammert... in seinem eigenen Volke als müßiger Baal hachalomot gilt, aber vor Abimelech, Pharao, Nebukadenezer als Zofnat Paneach, der Seher des Verborgenen ausgezeichnet wird. Auch in Kanaan gab es wohl sieben fette und sieben magere Jahre, allein der Träumer kann unter seinen Brüdern das Erschaute nicht gestalten. Er, den der Mächtigste auf Erden, über die ehernen Kastengesetze hinweg zu sich erhebt, als er seinen Geist! erkannte, vermag nicht die Führung unter 12 Brüdern, unter Hirten, erlangen. So viel Brüder, so viel Kämpfer um die Vorherrschaft«! Rüben, der Erstgeborene verliert sein Recht an Simeon, allein Levi, der geistliche Führer steht hinter ihm, gedrängt von Juda, dem Haupt des Königsgeschlechtes. Hinwieder klingt der Anspruch des Gelehrten Issachar auf die Bechora, den aber Schulun, der Reiche, aufwiegen will. Und sie staunen als er, der Fürst von Aegypten, diesem Chaos des Kampfes um die Vorherrschaft ein Ende setzt und den „Erstgeborenen, auf den Platz des Erstgeborenen setzt und den Letzten auf den Platz des Letzten". Denn Gerechtigkeit ist das Wesen der Prophetie. ßekrolog. Rabbi Pinchas Menachem h"T\. Mit tiefster Trauer erfüllt uns die Nachricht vom Ableben des Rabbi von Pylica. Er war ein Enkel des alten Gerer Rabbi b*m W\n und Schüler des Rabbi Chanoch Henich b"W aus Alexander. Der Verstorbene war berühmt durch seine Gelehrsamkeit und wegen seiner Wohltaten. Sein 7 2 jähriges Leben war ausgefüllt mit Tauro und Awaudo: kein Hindernis vermochte ihn an seinen Schiurim zu stören. Seinen Lebensunterhalt bezog der Rabbi vom Handel mit Sforim. Er wollte lange keine Rabbinerstelle annehmen; erst als der Baal Ifas Eines b"5tt verstorben war, übernahm er die Rabbinerstelle in Pylica. Hieher strömten dann alljährlich zahlreiche Chassidim zu ihrem berühmten Rabbi. Nur wenige Jahre saß Rabbi Pinchas Menachem auf dem Rabbinerstuhl; er übergab ihn dann seinem Sohne Henich God. Als dieser nach Wieroszöw ging, um das dortige Rabbineramt zu bekleiden, zog mit ihm auch der Verstorbene,, der dann zu seinem ältesten Sohne Izchak Meir ^"1 nach Czenstochöw übersiedelte, wo er auch bis zu seinem letzten Lebenstag verblieb. In den letzten Jahren äußerte der verstorbene Rabbi oftmals den Wunsch, nach Erez Isroel zu fahren und wartete mit Ungeduld auf das Ende des Krieges, da es ihm möglich sein werde, sich dorthin zu begeben. Die Lewa ja fand an) Montag, 11. Kislcw, statt und wurde mit großer Feierlichkeit begangen. Eine ungeheure Menge von Ohassid/rn war herbeigeströmt, alle Rabbiner der Umgebung kamen, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu bezeigen. Am Tage der Lewaja wurde ein Bes Din von Rabbinern eingesetzt, welches das Testament öffnete. In demselben bat der Verstorbene, daß am Grabe keine Rede gehalten werde und daß keine Grabzelle errichtet» werde. Auch bat er, daß man seine körperliche Hülle nach Pylica überführe, was aber infolge der unüberwindlichen Schwierigkeiten unmöglich war; das Bes Din beschloß daher, ihn in Czenstochöw beerdigen zu lassen. Die Werkesollen auf Wunsch des Verstorbenen vom Rabbiner aus Ger redigiert werden. Das Testament enthält auch einen Aufruf an die Chassidim, der demnächst, veröffentlicht werden Avird. Um 6 Uhr abends fand das Begräbnis stall.. In der Stadt waren alle jüdischen Geschäfte den ganzen Tag hindurch geschlossen. Rabbi Israel Tab b"5tt. Wieder schied einer aus den Reihen der Besten Israels. Am 11. Kislcw abends starb in Warschau in seinem 74. Lebensjahre der Rabbi Israel Tab aus Modzice. Derselbe war Sohn des Zwoliner Rabbi Samuel Eii und Unkel des Rabbi Jecheskel ^»jjy von Kazimierz. Der Verstorbene war Mitglied' der „Muazat Gdaule Hatauro* und nahm regen Anteil an der Tätigkeit der Agudas isroel, die in ihm einen ihrer besten Führer verliert. Während der Kriegszeit hielt sich Rabbi Israel Tab ty'X) in Radom auf. Vor .einigen Wochen kam er wegen seiner Krankheit nach Warschau. Wenige Tage vor seinem Ableben hatte sich sein Zustand derart verschlechtert, daß die Aerzte eine Operation anordneten. Am Montag morgens wurde die Operation vorgenommen und noch an demselben Abend war er Terschieden. Vom Verstorbenen blieben einige Werke zurück. Die Lewaja fand am Mittwoch in Anwesenheit der Rabbiner von Ger, Strykow, Sokolow u. a. statt. Gegen zehntausend Chassidim gaben ihrem Rabbi das Geleit. Jfgudas ftsroel'Uugcndgruppe, Ulkn. Sehr anregend verlief die Sonntag, den 28. November 1920, stattgefundene erste heurige Mitgliederversammlung, die ganz unter dem Zeichen der in der letzten Zeit mehr betonten kulturellen Arbeit stand. In Vertretung des krankheitshalber nicht erschienenen Obmannes eröffnete Obmannstellvertreter Emanuel Felsen bürg mit einer kuzen Rede die Versammlung. Redner sagte: Hatten Avir in unseren bisherigen Mitgliederversammlungen das Vergnügen über Teile der erfolgreichen Tätigkeit der Jugendgruppe zu berichten, so können wir heute von der Jugendgruppe als solche als etwas Ganzes sprechen. Alle Teile, alle unsere Sektionen haben ganze Arbeit, geleistet. Die zielbeAvußte und verständige Arbeit des Unterrichtsausschusses Aviederspiegelt sich am besten im Winterlehrplan, dessen Zusammenstellung charakteristisch ist. Der zeitweise alle Kräfte in Anspruch nehmenden Arbeit unserer Sozialen Fürsorge verdankt die Jugendgruppe ihre Position innerhalb der lokalen Judenheit. Die Bedeutung der JeschiAvo- Aktion Avird erst zur Geltung kommen bis unsere ßachurim als menschen- und g-ttgefällige Mitglieder der Gesellschaft ins Leben treten werden. Die Propagandasektion hat und Avird noch viel Arbeit zu leisten haben zur Popularisierung unserer Ziele und »ler ihnen zugrundeliegenden Idee lehagdil Thauro ul hadiro. Zur Tagesorduung übergehend, begrüßt Redner die erschienenen Vertreter der jüngst gegründeten Jugendgruppe Baden (langanhaltender Reifall), ferner die Vertreter der Ortsgruppe der Agudas Jisroel, des Vereines „Tiferes Bachurim" und der Sektionen XVII und XX, sowie derMachsike Loimde Thoiro und erteilt Herrn Dr. Pollak zum Aguda-Referat das Wort. In kurzen eindrucksvollen Worten setzte Herr Dr. Pollak die Idee der Agudas Jisroel, die Idee des Thaurojudentums auseinander, um dann auf das Spezielle, die Jugendgruppe Betreffende überzugehen. So sehr die einzelnen Aktionen als solche zu würdigen sind, bestand und besteht ihre Größe und Wichtigkeit in der ihnen zugrundeliegenden, alles umschließenden Idee, der Idee des souveränen, nach innen und außen unabhängigen Thaurojudentums. Reicher Beifall lohnte die wohldurchdachten und begeisterten Ausführungen des Redners. Als nächster Redner erstattete Herr Simon Schreiber das Unterrichtsreferat. Den zielbewußten und energischen Bestrebungen des Unterrichtsausschusses ist es gelungen, einen allen Bildungsgraden unserer Mitglieder Rechnung tragenden Lehrplan durchzuarbeiten, der denn auch den erhofften Erfolg gebracht hat. Besonders die Schiurim erfreuen sich allgemeiner Anerkennung. Trotzdem läßt der Zuspruch, der noch immer nicht in einem annehmbaren Verhältnis zu unserer großen Mitgliederzahl steht, zu wünschen übrig. Das Band, das uns zusammengeführt hat und zusammenhält, ist die Pflege des Thaurostudiums. Wird diese unsere Hauptautgabe nur im geringsten vernachlässigt, so ist damit die Basis unserer Organisation erschüttert. Mit einem Appell an die Mitglieder, die Unterrichtssektion ihrer Wichtigkeit entsprechend zu würdigen, schloß Redner seine beifällig aufgenommenen Ausführungen. Eingehend referierte der nächste Redner Herr Alfred Stroh, Leiter der Sozialen Fürsorge, über seine Sektion, deren Tätigkeit so vielfältig, wie die Not, der sie begegnen sollte, war. Lebhaftes Erstaunen rief die Mitteilung hervor, daß sich mitunter offizielle Organisationen an die Soziale Fürsorge der Jugendgruppe um Unterstützung oder Intervention wandten. Zahlenmäßig ließen sich die Leistungen, die sich in hunderten Fällen auf behördliche Interventionen bezogen, gar nicht ausdrücken. Die wichtigsten Aktionen des abgelaufenen Semesters waren Kranken- und Flüchtlingsfürsorge. Kinderfürsorge. Palästinenser Heimbeförderung und dergleichen mehr. Der einen breiten Rahmen innerhalb der Sozialen Fürsorge ausfüllenden Stellenvermittlung ist die Unterbringung von 200 jüdischen Arbeitsuchenden auf Sehomre- Schabbos Plätzen zu verdanken. (Lebhafter Beifall.) Samuel Schreiber erstattete den Kassabericht, der einen Umsatz von K H93.Q00 seit April U*-2n ergibt. Von den einzelnen Sektionen schließt die Soziale Fürsorge mit einem Defizit von zirka K 24.00t> und die Jeschiwo-Aktion für das kommende Motuu mit einem Defizit von K 800O ab. Emanuel Fe Isenburg berichtet von dem Ueborgang der Palästina-Sektion der Jugendgruppe in die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel; des weiteren teilt der Redner mit, daß ein derzeit in Erez Israel weilendes Mitglied der Palästina-rSektion uns die Nachricht, übermittelte, daß sich über Anregung der Jugendgrupp.e Wien, Agudas Jisroel-Jugendgruppen in Saffed, Tweria und Jerusalem gegründet haben. (Langanhaltender Beifall.) Samuel Stern berichtet über die Jeschiwo-Aktion. Wenn die erfolgreiche Tätigkeit aller anderen Sektionen eine Ausbreitung unserer Organisa!ion bedeuten, so bedeutet die „Jeschiwo-Aktioiv1. deren Tätigkeit über den Rahmen unserer Mitglieder herausreicht, eine Vertiefung derselben. Aus kleinen Anfängen hat sich die JesclÜAVO-Aktion, dank der aufopferungsvollen und unermüdlichen Arbeit des Vereines „Tiferes Bachurim", zu einem der wichtigsten Instrumente zur Erhaltung der Thauro und Jiro entwickelt. Einzig und allein die finanzielle!! Schwierigkeiten, die nur auf den Mangel an Verständnis zurückzuführen sind, haben die „Jesehiwo- Aktion", wenn auch nur unwesentlich, "ungünstig beeinflußt. Erst wenn sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß das, was wir dem Kinde in der Jeschiwo geben, eigentlich uns geben, wird die Jeschiwo-Aktion in wünschenswertem Uni fange arbeiten können. (Lebhafter Beifall.) Als letzter bespricht Herr W. S c h ö n f e 1 d (Warschau) die Parteiverhältnisse im Judentum unter besonderer Berücksichtigung derselben in Polen. Seine geistreichen Ausführungen, auf die zurückzukommen Avir uns vorbehalten, gipfelten in der Aufforderung an alle Mitglieder, an dem Bau unserer den Bestand bürgenden BeAvegung werktätigst mitzuarbeiten. (Beifall.) In der anschließenden Wechselrede entwickelt Herr Envin Stroh einen. Avenn auch praktisch schwer durchführbaren Wirtschaftsplan, den Herr Abraham Schreiber als praktisch unmöglich zurückweist. Herr Kometh überbringt, lebhaft akklamiert, die Grüsse der Jugendgruppe Baden und verliest eine dort gefaßte Resolution.^ Siegmund Stern weist die Resolution als einerseits überflüssig, andererseits, avo es sich um die Verteidigung handelt, als unmöglich zurück. (Beifall.) Herr Max Fried mann kritisiert namens des Arbeitsausschusses die Leitung des Finanzausschusses. Herr Ignaz B r o d y begrüßt die Jugendgruppe und fordert in feurigen VVorten zur Mitarbeit auf. (Beifall.) Herr Abraham Schreiber drückt der Leitung das Vertrauender Mitgliederschaft aus. (Allgemeiner Beifall.) Mit der Versicherung, alle gemachten Vorschläge auf das GeAvissenhafteste zu prüfen, schließt der Vorsitzende um 1 Uhr nachmittags die Versammlung. Aufruf! rHT£i? N"up blp Die Agudas Jisroel-Jugendgruppe. die sich zum Ziel gesetzt, hat unter der Jugend Thorawissen zu verbreiten und das Studium der Thora zu fördern, befindet sich jetzt in einer großen Finanznot. Gewaltig sind die Aufgaben, die wir zu bewältigen haben. In einer Zeit, da sich das jüdische Volk geistig und materiell in großer Not befindet, war es die Agudas Jisroel-Jugendgruppe, die sofort herbeieilte, um überall, avo es gilt, helfend einzugreifen. Wir haben auch auf einigen Gebieten große Erfolge erzielt, worunter besonders die Jeschiwa Sektion hervorzuheben ist, deren Aufgabe es ist, begabte mittellose Jünglinge in den JeschiAvos unterzubringen, avo sie wahrend des ganzen Tages sich in die Thora «vertiefen können, wie es im Talmud, steht." mm wen bhö o"iy nntn Auch die materielle Not, die infolge des Krieges über die großen Massen des jüdischen Volkes hereingebrochen ist, suchten Avir zu hindern. Wir eilten den polnischen Emigranten, die sich vor den dort Avütenden Pogromen geflüchtet hatten, zu Hilfe. Aber das alles ist verschAvindend gering gegen das, was wir noch zu leisten haben; denn die Avirtschaftliche Not der jüdischen Massen im Osten wächst mit jedem Tag und es besteht die Gefahr, daß in-

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