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Jüdische Presse · 1920-12-10 · 22/38 (10.12.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
22/38 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö.K120*—, Tschechoslowakei Kc. 60*—, Deutschland Mk. 80;—, Schweiz Frcs. 10*»-, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Kc. 1*20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000*—, halbe Seite K 1500*—, viertel Seite K 800'—, achtel Seite K 400*—, sechzehntel Seite K 250-—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 22/38 j Wien-Bratislava, 10. Dezember 1920 .««m »3 nooDpmj " m n-j» | 6. Jahrg. Die Deleaiertent>er$ammluna der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei. Die Trager der Thora haben die in sie gesetzten Erwartungen nicht getäuscht; in würdevoller Ruhe, in echter von dem gemeinsamen Bande der Thora gefestigter herzlicher Freundschaft flössen die Beratungen dahin und alle Stürme, die an dem Gebäude der Orthodoxie im vergangenen Jahre gerüttelt haben, alle inneren und äußeren Kämpfe, haben offenbar gar das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Thoratreuen erweckt und gestärkt. Die slowakische Orthodoxie darf auf das zur Neige gehende Jahr mit Stolz zurückblicken. Sie ist in diesem Jahre wie durch 10 Prüfungen geschritten. Probleme, ebenso neuartig wie schwierig, vertraten ihr den Weg der Entwicklung. Hoch schlugen die Wellen des Umsturzes über Bord, bange Fragezeichen nationaler und sozialer Art dräuten ihr entgegen, und ihre Berufung auf die jenseits aller politischen und sozialen Kämpfe liegende rein religiös-sittliche Bestrebungen fand anfangs schwaches Gehör in einem Staate, der im Begriffe stand, das Band zwischen Staat und Kirche zu zerschneiden. Zu diesen Unbilden des öffentlichen Lebens erstand ihr noch im eigenen Lager eine Partei von Widersachern, die alle Trümpfe der Politik gegen sie ausspielen konnte, und skrupellos genug war, sie auch auszuspielen. In solch widriger Konjunktur ward die Organisation geschaffen, aufrecht erhalten, mit fast leerer Hand Institutionen und eine starke Presse geschaffen und das Vertrauen des soziali- ^se^B^ffcaieff^^ nomie den Ausdruck fand, erworben. Es gereicht dem Staate allerdings zur Ehre, daß er das wahre Wesen der Demokratie betätigend, auch anderen Richtungen und Ueberzeugungen die unbehinderte Möglichkeit der Entwicklung gegeben hat. und den staatserhaltenden Wert der Orthodoxie vollauf würdigt. Mit anerkennenswerter sicherer Hand hat die Leitung der Orthodoxie es verstanden, den richtigen Kurs einzuhalten und unentwegt auf das Ziel loszusteuern. Die ehrende Anerkennung, welche das Präsidium der Zentralkanzlei am Delegiertentag geerntet, hat, bedeutet eine zweifache Genugtuung. Sie bietet au eh eine Gewähr für ein zweites Jahr erhöhter einmütiger Wirksamkeit, erhöhter Arbeitsfreudigkeit und erhöhter Entwicklungsmöglichkeiten. Die orthodoxen Führer kehren von der Delegiertenversammlung mit erhöhter Autorität zurück, die ihren gerechten Ansprüchen innerhalb und außerhalb des Judentums einen stärkeren Nachdruck verleihen wird. Die Delegiertenversammlung. Dienstag nachmittag um 3 Uhr erklärt Präses Weber die Delegiertenversammlung für eröffnet und bittet mit Hinweis auf die Statuten, welche für die Delegiertenversammlung einen Alterspräsidenten vorschreiben, den Oberrabbiner von Mihalovce (Nagy Mihäly) das Präsidium zu übernehmen. Oberrabbiner Ehrenfeld übernimmt den Vorsitz. Er dankt dem Allmächtigen, daß es ihm vergönnt ist, einer solchen Tagung, die zur Stärkung der Orthodoxie und zur Kräftigung der Treue zum jüdischen Glauben beitragen möge, vorstehen zu können. Vorsitzender ernennt sodann im Sinne der Statuten drei Schriftführer, und zwar Oberrabbiner Ungar (Tmava), Samuel Eichner (Spisske-Podhradie, Szepesväralja, Kirchdrauf) und Salamon Weiß (Pezinek, Bazin, Bösing). Präses Weber beantragt, dem Alterspräsidenten drei Rabbiner und drei Laien als Beisitzer zu wählen, und zwar die Oberrabbiner S ehr ei her (Bratislava), Jungreiß (Kosice, Kaschau), Leopold Spitzer (Spisske-Podhradie), Ehrlich (Himsdorf), K o 11 m a n n (Bratislava) und Preis (Presov, Eperjes). Vorsitzender läßt ein von der Regierung herabgelangtes Schreiben verlesen, in welchem dem 'WütÄcho-Ausd^uck.gt'gebeiv ^»r'd, daß die Tagai>gaur Konsolidierung der Verhältnisse in den Gemeinden den angestrebten Erfolg erzielen möge und worin mitgeteilt wird, daß die Regierung ihren Vertreter zur Tagung entsenden werde. Oberrabiner Jungreiß (Kosice) begrüßt die Versammlung im Namen der Kosiceer Gemeinde mit den Worten: Boruch habo besehem haschem! Die Orthodoxie brauche heute mehr als je jeden Mann. Als vor 50 Jahren die alten Führer die Orthodoxie begründeten, hatten sie es mit einem offenen Feind zu tun, heute haben wir gegen Elemente ins Feld zu ziehen, die unter verschiedenen jüdischen Namen die Massen der Jüdischkeit entfremden. Wir müssen daher stark sein und alle unter die Fahne der Thora hakedoscha sammeln. Vorsitzender Oberrabbiner Ehrenfeld begrüßt nun den erschienenen Vertreter der Regierung, den Zsupanstellvertreter, und weist darauf hin, daß das orthodoxe Judentum stets ein loyales staatserhaltendes Element darstellt und bestrebt ist, das Wohl des Staates mit besten Kräften zu fördern. Vorsitzender beantragt eine Begrüßungsdepesche an den Präsidenten Masaryk. Regierungsvertreter erwidert in slovakischer und ungarischer Sprache und versichert der Orthodoxie das Wohlwollen der Regierung. Präses Oberrabbiner Weber, stürmisch akklamiert, ermattet mm den, R«v:!K'p.?o£a.ffebericht. den wir an anderer Stelle bringen. Der Bericht des Präses, wiederholt durch lebhaften Applaus der Versammlung unterbrochen, der sich zum Schluß zu einer erhebenden Kundgebung Hieftt mit Beeresmacftt und niebt mit Kraft... Während unsere früheren Bedränger unserem Leben, unserer Freiheit und unserer Habe nachstellten, war es der Ruhm Antiochus, den Geist Israels ertöten zu wollen, die sittliche Reinheit ihrer Häuser zum Falle zu bringen, Götzendienst oder Tod als Losungswort zu stellen. Alles mußten bis dahin Israels Söhne über sich ergehen lassen — war ihnen doch stets Esaus Schwert überlegen gewesen — ihr Vater war ja „in Zeiten wohnend" — sein Leben war dem friedlichen Ausbau des Hauses zum G-ttesaltar geweiht, während Esau der politische machtreiche Weltbeherrscher geworden und dieser äußeren Macht mußte das Jakobsvolk stets weichen. Sie waren gewohnt, den Körper zu opfern — unangetastet blieb das jüdisch Geistige. Erst Antiochus war es vorbehalten, seine Gewalt gegen Israels höchste Güter zu kehren, zu versuchen, ihnen das Festhalten der Mizwos mit dem Tod zu vergelten. Nur Götzendienst konnte sie retten. Da siegte in ihnen der Sinaigeist und als Vorläufer für so viele der späteren Geschlechter, bestiegen sie willig den Scheiterhaufen mit dem G-tteswort auf den Lippen. Der Geist G-ttes ließ sie dem Leben entsagen, der Geist G-ttes gab ihnen-ungeahnte Kraft zum Leben. Denn wahrlich nicht Heeresmacht und nicht Kraft war es, die sie siegen ließen über ihre Feinde. G-ttesgeist durchglühte die Hasmonäerschaar, als sie mit dem schwachen Häuflein Menschen Syriens Heeresmacht besiegten. G-ttesgeist gab ihnen die Kraft — für ihn kämpften sie, durch ihn siegten sie. Und G-tt half ihnen weiter, daß sie mit Ihm und für Ihn den Leuchter im Tempel, den symbolischen Träger des geistigen Gutes, in alter Weihe und Helle wieder anzünden konnten. Alljährlich, wenn Secharjahs Worte in der Haftauroh an unser Ohr klingen — werden sie uns immer neu Stütze und Sporn. Wenn ringsum in dunkler Golusnacht wir immer wieder neu fühlen, claß wir an Kraft und Macht die Schwächsten sind — so dürfen wir aber auch immer wieder neu erfahren, daß ewig jung, ewig stark.,und erhaltend G-ttesgeist Isroels Herzen durchzieht, stärkt und aufrichtet. Und wenn sich heute, wo immer jüdische Herzen schlagen, die Jugend zusammentat, um als Agudoh echos dem alten ewig jungen G-ttesgeist Stätte zu bereiten, sich an ihm gegen äußere Kämpfe zu stärken, sich mit ihm als Kämpfer zu stärken gegen all die, die ihn zertrümmern möchten, dann kann das Ghanukalicht uns allen Hoffnung und Gewißheit geben, daß solange jüdische Seelen in Reinheit das Licht der Tauron und Awaudoh entzünden, trotz aller äußeren Gewalt und Finsternis dies Licht ruhig und klein, wohl, aber doch ein Symbol für G-ttes oft unsichtbar schützende Hand, daß G-tt weiter in unserer Mitte wohnt und noch sichtbarer wohnen wird, wenn sich erst die Prophezeiung erfüllt und in Jeruscholoyim Sein Heiligtum erstehen wird. Diese Zeit uns zu bringen, soll und kann nicht Heeresmacht und . Kraft beschleunigen, sondern nur „mit meinen Geiste spricht G-tt". Dann aber auch wird Er die Vollendung geben und TD |H jn E. B. Gpilog zum gbanuRafest. Von Dr. L. N. Nur noch einige Abende werden die trauten Flämmchen an unseren Fenstern flimmern, und ihr freundliches Licht unaufdringlich in die Stube streuen. Bald werden sie erloschen sein und damit auch die anheimelnde Weise des „Moaus Zur" verklungen. Das Trenderl mit dem Quadragramm hat dann auch seinen Kreislauf vollbracht und kommt mit dem Leuchter zusammen in die stille Ecke zurück, wo "sie dann wieder ein Jahr lang der Muße frönen können. Erloschen und verklungen ist dann mit Licht und Lied die Halbfeiertagstimmung des Ghanukafestes, das einen heiteren Schein auf die düsteren Stunden dieser schweren Zeit warf. Erlöschen und verklingen darf jedoch nichts von diesen schönen Symbolen und Erinnerungen in den Herzen des echten und rechten Juden. Er muß den milden Schein gierig ins Auge fassen, und in seiner Seele bewahren, sein Weihelied muß noch lange nachwirken und der grauen Alltäglichkeit Richtung und Inhalt geben. Uns, der noch immer verhältnismäßig kleinen Schar gesetzestreuer Juden, mitten im Wellengetriebe der großstädtischen Bevölkerung, hinterläßt das Jlakkabäerfest die ermutigende Lehre, daß die geringe Anzahl der Beherzten nie vor der sie umflutenden Menge zurückschrecken soll. Allenthalben sind und waren Kräfte wirksam, um das alte Judentum in seinen Grundfesten zu erschüttern, und fremde Ideale, wie einst die Zeusstatue im Heiligtum, in dasselbe hinein zu verpflanzen. Wie hat sich hier in Wien trotz alledem, dank der begeisterten und zielbewußten Führung, das thoratreue Judentum aus ganz geringen Anfängen, der Ungunst der Zeiten widerstehend, entwickelt und gestärkt, und wie hat es tiefe Wurzeln geschlagen! Dem wetterfesten Baume des orthodoxen Judentums entsproß nun ein neuer Zweig, die orthodoxe Jugendgruppe und ihr hoffnungsvolles Grün lockt und wirbt immer neue Kräfte für die alte heilige Sache. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß die Begeisterung der Jugend immer weitere Kreise um sich ziehe, und wie die Schar der Makkabäer wachsend und schwellend, den Kampf gegen alle Schädlinge des alten Judentums erfolgreich zu Ende führe. Mut und Ausdauer lehrt uns das Makkabäerfest, und spendet die anspornende Hoffnung, daß es gelingen wird, das reine unverfälschte Judentum in seine Rechte einzusetzen und zu neuer Blüte zu bringen. Jedoch ist dabei das wundersame Oelkrüglein unentbehrlich, jenes Oelkrüglein, das ungezählten Geschlechtern Erleuchtung spendete und jenes Zaubermittel in sich schließt, das die Regeneration des Judentums einzig und allein herbeiführen kann. Wir alle wollen zu der Erkenntnis kommen, daß ein starkes tätiges Judentum, ohne historische Vertiefung undenkbar und daß es nur aus dem unversiegbaren Jungbrunnen der Lehre sprudeln kann. Das ist es eben, was das Judentum unzweideutig von anderen Religionen unterscheidet. Ohne Limud Thora ist das jüdische religiöse Leben ein Torso. Alle unsere Gebete sind darum von Stellen durchwirkt, die nicht Gegenstand der Andacht sein sollen, sondern bloß dazu da sind, um die Stunden heißester Inbrunst mit der Lehre innig zu verknüpfen. Verlöschen und verklingen werden allzubald Licht und Lied, aber in unserem Herzen wird es weiter zünden und wärmen und nachhallen, und uns zur innigen werktätigen Förderung des alten reinen, bibel- und talmudfesten Judentums anspornen. Wien, im Kislew 5681.

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