Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 19/35 (19.11.1920)
- Date
- 1920-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE PRESSE Nr. 19,35 Italien. Ueber die Initiative des Rabbiners Dr. Margulies wurde in Florenz ein Pro-Emigranten- Comite gegründet. Kanada. Der „Jud" in Warschau macht über Mitteilung seines Korrespondenten aufmerksam, daß das Hereinkommen nach den Vereinigten Staaten durch Kanada noch schwieriger ist als direkt in New-York, und daß viele Personen in Kanada ebenfalls zurückgewiesen werden, und zwar zurück nach Europa. ßeltrolog. Heinrich Leitner s. A. Mit Herrn Heinrich Leitner s. A. hat die Fürsorge für die verwahrloste, verlassene und verwaiste Jugend einen überaus wertvollen und tatkräftigen Mitarbeiter verloren. Er war den Aermsten der Kinder ein Freund und ein Vater. Wahrhaft, unerschrocken und leidenschaftlich, kannte er kein Maß und keine Grenze, galt es zu helfen und zu retten. Bei Tag und bei Nacht, im großen und im kleinen, war er bereit, ohne langwierige Ueberlegungen und ohne Rücksicht gegen sich selbst. Denn dieser Mann war ein Herz. Herb in seinem Gehaben, herb in seinen Worten, aber grundgütig in seinem inneren Wesen und verläßlich in seinem Charakter. Was dieser prächtige, aus kernigem Holz geschnitzte Mensch — dieser Mann der ununterbrochenen lebendigen Wohltaten, nicht der bequemen Almosen — in dem jüdischen Kreise bedeutet hat, dem er angehörte und der leider nicht allzureich 'ist an vergleichbaren edlen und frischen Krätten, das werden wir erst ganz erfahren, sobald die Arbeit an der Jugendfürsorge weitergeht. Denn dann erst wird die Lücke offenkundig werden, die sein Heimgang hinterlassen hat. Aber schon heute wissen wir: Ein Ebenbürtiger wird kaum zu finden sein. Dr. M. E. Fran Jeremias Stern s. A. Herr Jeremias Stern (Piestany), Mitglied des orthodoxen Verwaltungsausschusses und der Landesrepräsentanz, hat einen schweren Verlust erlitten. Die treue Lebensgefährtin, die ihm verständnisvoll zur Seite gestanden ist, eine echte Escheschajd, ist viel zu früh von ihrem irdischen Lebenswandel abberufen worden. Das Leichenbegängnis zeugte von dem Wert der Verstorbenen. Wir drücken dem tiefgebeugten Gatten unser wärmstes Beileid aus. Josef Israel Stern, eines der angesehensten Mitglieder der Galantaer Gemeinde, ist vorige Woche nach langem Leiden gestorben. Der Verstorbene hat sich durch besonderes Genulus Chessed ausgezeichnet. Revue. „Die Jüdische Presse", das Berliner Organ der Misrachisten, knüpft an die in den „Blättern" erschienenen Forderungen der Aguda an die Zionistische Organisation, folgende unpolierte Bemerkung: Wir erheben nach wie vor Einspruch dagegen, daß die Agudas Jisroel ihre Forderungen, Wünsche, Hoffnungen oder Proteste im Namen des orthodoxen Judentums ausspricht oder vertritt. Dazu besitzt sie nicht das Mandat. Am besten weiß diie zionistische Organisation, wie Hunderttausende aus dieser Orthodoxie, darunter Zierden des gesetzestreuen Judentums sich im Misrachi zusammengeschlossen haben. Daß die Agudas Jisroel unsere Organisation ablehnt, ist ihre Angelegenheit, daß aber außerhalb der Aguda niemand sie als die Vertreterin des orthodoxen Judentunis anerkennt, muß ihr doch allmählich zum Bewußtsein gekommen sein. In der gleichen Nummer der „Blätter" wird entgegen der Wahrheit behauptet, ein Misrachiführer sei mit der niedlichen Denunziation hausieren gegangen, die Aguda sei ein Instrument der deutschen Politik. Wir registrieren diese Kampfesweise: „Legt's zu den übrigen!" (Unsererseits geschieht hiezu die Frage, ob denn in diesen Kreisen die Rechtsempfindung wahrhaftig gänzlich im Schwinden begriffen ist? Die Misrachi vertritt einmal doch nichts anderes als die Misrachi- Idee, während die orthodoxe Idee doch nur durch eine spezifisch orthodoxe Organisation vertreten werden kann. Es kommt, der Aguda garnicht „allmählich zum Bewußtsein", daß man sie außerhalb ihres Kreises nicht als Vertreter der Orthodoxie anerkennt. Uns dünkt es, daß die Aguda an Einfluß und Prestige viel gewonnen hat. Sehr ungern berühren wir das angeschnittene häßliche Thema der gegen die Aguda gerichteten Denunziationen. „Die Jüdische Presse" nennt es eine „Karnpfweise", wo doch von einer bösen Tatsache die Rede ist, die nicht leichtfertig mit „Legt's zu den übrigen" erledigt ist. Uns kommt aus Großward ein eine Mitteilung zu, daß das dortige Misrachi-Organ sich in der oben angedeuteteu Richtung gefällt, mit der Variation, daß.dort die Aguda als ein Instrument jener Politik denunziert wird, die in Rumänjen verpönt ist. Das sind denn doch unhaltbare Zustände, die wir nicht einfach „zu den Uebrigenlegen werden.") Die (UoclK. DU Sidra „lüajcK". Dieser Wochenabschnitt, so reich an wundersamen Bildern aus weltenferner und doch aus so greifbar naher Urzeit, umfaßt das erste symbolische Golus, das sich, zwei Jahrzehnte während, wie ein Olam katan, ein Mikrokosmos, des späteren, zwei Jahrhunderte zählende Golus Mizraim und des ferneren zur entsetzlichen Dauer von zwei Jahr tau seh d en angewachsenen Exillebens darstellt. Der Vorhang der Sidra geht auf und dieberückende Szenerie des am Fuße der Himmelsleiter träumenden Flüchtlings Jakob, die schönste Apotheose des in unserer Volksseele webenden g-ttlichen Optimismus, entzückt von Jahr zu Jahr mit neuer Macht den frommen Leser . . . WTie erst in Zeiten, wo Golus aus tiefster Seele Selbsterlebtes ist, wo des Flüchtlings Seelenzustand endlose Erfahrung von Millionen geworden ist! Unabweislich ist die herbe Lehre, daß Jakob durch das Maß überschreitende leidenschaftliche Ringen um wirtschaftliche Macht die Strafe des Golus erleidet. In der Stunde der Erkenntnis der Nichtigkeit menschlicher Berechnung, die auf dem harten Steine zu Lus anbricht, wendet sich das leidenschaftliche Streben mit aller Macht, dem g-ttlichen Willen zu. „Brot zum Essen und Gewandung zum Kleiden" ist das edle Gebet, das sich allen Geschlechtern als Gebot der Genügsamkeit überliefert hat, „Und der Ewige wird mein G-tt sein." Aus dem tiefsten Unglück-weist die Allmacht ihm die Leiter zur höchsten Glückseligkeit. Wer ermißt den erziehlichen Einfluß der Erzählung vom Jakobstraum auf das ganze Menschengeschlecht! Das nächste Bild zeigt das Wunder, wie der' in geistiger Arbeit geschwächte Jakob es allein vermag, den Stein wegzuwälzen, den die sehnigen Hirten nicht bewegen konnten. Ist das nicht das Wunder des ganzen Volkes, in seiner Geistigkeit schwächer als die anderen geworden, aber imstande in einer Stunde der Begeisterung Großtaten zu vollbringen, deren Heroismus allen Völkern vorbildlich geworden ist! . . Nochmals leben wir mit dem großen Ahnen, welchen das Leid zu dem „Auserwählten der Erzväter" erhöht hat, zweiundzwanzig Jahre Leid und Freud mit. Die Bestimmung ist erfüllt, machtvolle Sehnsucht weist gebieterisch den Weg zurück nach der Väter Heimat. Wieder ist die heimliche Flucht Schicksalsgebot. Das Hirtenlos, den kriegerischen Völkern wie Mizraim „ein Greuel", eine verächtlich weichliche Beschäftigung, ist den künftigen Hirten der Menschheit Symbol des Schutzes der Schwachen, < das Symbol Israels selbst, „dem Schafe unter siebzig Wölfen" geworden. Sie haben den verächtlichen Namen des Hirten zum höchsten Begriff erhoben. In keuscher Natureinsamkeit, umringt von der treuen Herde, da erschloßen sich ihnen Offenbarungen über das Recht und das Leid der Schwachen und Frommen in Fluren, in welchen G-ttes Odem erleuchtend und entflammend weht.....Wir erahnen, ohne zu begreifen, daß das Traumbild Jakobs von den emporsteigenden Akudim, Nekuclim und Berudim, zu denen ein Engel des Herrn geheimnisvoll große Worte im dunkeln Zusammenhange mit der anbefohlenen Rückkehr Jakobs zur Erfüllung seines Neders. seiner Mission spricht, eine unerschlpssene Fülle von Wissen in sich bergen mag . . . In der von hohem Pathos getragener endlichen Aussprache des neuerdings gehetzten Jakobs mit Laban spricht sich der Konflikt von Nationen aus, der noch keinen Austrag gefunden hat .. . Die Sidra endet, wie sie begonnen hat, mit der übersinnlichen Vision von Engelsschaaren. Eine Schaar von Engeln des Ghuz-laarez, die abgelöst wurde von Schaaren der Engel Erez Israels* Machanajim: Doppellager nannte Jakob den Ort, wo ihn die Geister des Exils verließen und die Genien Erez Israels ihn begrüßt haben. Machanajim kann auch die Stelle in unserer Geschichte genannt werden, wo die Geister des Golus uns den Engeln der Erez ha-kedoscha übergeben . . . Machnajim heißt Vereinigung aller Lager. Sie kann nur im „Machne elokim" geschehen. * Midrasch Rabba. AGUDA-JUGEND GRUPPE. Uortrag Dr. Birnbaum. Vor einem den großen Vortragssaal und alle Nebenräume der Agudas Jisroel Jugendgruppe, Wien, bis auf das letzte Plätzchen füllenden geladenen Publikum sprach Herr Dr. Nathan Birnbaum am 13. November, abends, über das Thema: „Da ma schetoschiw leazmoch" (Wisse, was du dir antworten sollst). Ist ein Vortrag Birnbaum an sich Ereignis, so war es diesmal um so mehr, als Redner in seinen fast zweistündigen Ausführungen alle jüdischen Probleme, die Probleme %er jüngsten Vergangenheit und die Fragen der nächsten Zukunft, in seiner, wie der Obmann der Jugendgruppe Herr David Baumgarten in der Einleitung treffend bemerkte, ganz individuellen Art beleuchtete, die Gegensätze und Begriffe haarscharf kennzeichnete gegeneinander hielt und die Lösung aller Fragen mit dem Gewichte eines in allen Gebieten versuchten und erfahrenen Mannes vertrat. Neu und daher umso wirksamer war die Art und das Auftreten gegen die Schäden, die deV Strom der Zeit in den eigenen Mauern angerichtet hat. Gleich dem seiner Verantwortung bewußten Arzt, reißt Redner das Pflaster, unter dem die Wunde zum Eiter werden kann, von der kranken Stelle und schneidet tief in das gesunde Fleisch, um so den Wundbrand zu lokalisieren. Er geißelt die Zustände im eigenen Lager mit der Schärfe seines Geistes und seines Wortes, geht mit den Leuten seiner Gesinnung schärfer ins Gericht, als mit den Andersgesinnten, denn Birnbaum spricht über die Antwort an sich selbst, an den Fragenden im eigenen Innern. Seinen Standpunkt in der Palästina- und Hebräischfrage, die zu Mißdeutungen Anlaß gaben, vertritt Birnbaum in einer Art, die nur als rührend bezeichnet werden kann. Den Unterschied zwischen unserem und den zionistischen Standpunkt drückt Redner in den geistreichen Worten: „Uns ist Palästina das Land der Väter, ihnen Vaterland" aus. Der gleiche Gedanke kommt in seinem Standpunkt gegenüber dem „Hebräischen" zum Ausdruck, das er als die Sprache der gequälten jüdischen Volksseele, welches das Verständigungsmittel des in zweitausendjährigem Golus so sehr auf seinen G'tt angewiesenen jüdischen Volkes geworden ist, bezeichnete. Mit heiliger Begeisterung eifert Birnbaum gegen die dem jüdischen Wesen vollkommen entfremdeten Richtungen des Judentums und im erbittertem Zorne spricht er über jene gesetzestreuen Juden, die das Wesen des konservativen Judentums mit farblosen Fetzen der „Moderne" eintauscht. Ein tiefer Gedanke durchzieht das Ganze: das gesetzestreue, konservative Judentum soll und muß erfüllt sein von der alle Teile des täglichen Lebens erfüllenden und beherrschenden jüdischen Idee, der „Thora-Idee"; nur geistig Entwurzelte, der jüdischen Idee Entfremdete, können jene jüdischen Ideale kennen und sie brauchen. — Ein Bericht über die Versammlung folgt. Vereinsleben in Nitra. Am 17. Cheschwan hielt die Jugendgruppe des Agudes Jisroel-Vereines in Nitra die Vorstandswahl ab. Gewählt wurden: Heinrich Weiß, Präses; Leo Reimann, Sekretär; David Reichenthal, Kassier; Julius Danzig, Kontrollor; Hermann Steiner und Isidor Lampl, Gaboim; S. Latzes und Lajos Neuwalder, Vorstandsmitglieder: Israel Weiß und Jakob Weiß, Ersatzmitglieder. Die Aguda Jugendgruppe in Bratislava bereitet eine großzügige Chanukafeier vor, bei welcher "auch Oberrabbiner Seidl (Galanta) seine Teilnahme zugesagt hat. Jugendgruppe in Szatmar. Am 14. November findet in Szatmar die Konstituierung der Jugendgruppe statt. Von Großwardein werden zwei Delegierte hingeschickt. mirteilungcn der Agudas Jisroel-Jugendgruppe, Wien. Jeschivo-Aktion: Wir erlauben uns, die geehrten Leser auf die der heutigen Nummer beigelegten Erlagscheine aufmerksam zu machen und hoffen, daß jeder nach seinen besten Kräften beitragen wird. (Siehe Aufruf in Nr. 17/33 vom 5. November der „Jüdischen Presse".) Lokaldienst: Leopold Löwy. Gesellige Zusammenkunft: Ab Freitag, den 19. November, ist die Jugendgruppe um Uhr abends geöffnet. Mitgliederversammlung: Die dritte Mitgliederversammlung wird in 14 Tagen stattfinden. Der genaue Zeitpunkt wird in der nächsten Nummer veröffentlicht. Spcinlcnauswcis. Agudas 3isrocl-3ugend8rupp«. Wien, II., Obere Donaustraße 69. 1. Jugendgruppe: Moritz Csysz (Drohobycz) K 1000, Trachtenberg K 500, Sammlung durch Herrn Ignaz Brody und N. Adler K 375, Gesammelt durch Herrn Emil Richter K 56, Isidor Ratzesdorfer K 500, Steiner K 100, Josef Safir K 100; zusammen K 2631. 2. Flüchtlmgsfürsorge: Jakob Wolf (XVIII.) K5000, Br. G. K 5000, Salomon Schreiber K 1000, David Schreiber K 1000, Emil Stroh K 200, Alexander Danzinger K 200, durch Herrn Moskowitz K 300, J. K. K 100, Markus Kamm K 200, Blaser K 10,