Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 19/35 (19.11.1920)
- Date
- 1920-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II. Bezirk, Malzgasse Nr. 12 a. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. jtrscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: jrthr Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.ö. K120- -, Tschechoslowakei Kc. 60- -, Deutschland Mk. 60- -, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K3 -, Kc. 1*20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000*—, halbe Seite K 1500«-, viertel Seite K 800 -, achtel Seite K 400--, sechzehntel Seite K 250«-. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 19/35 I Wien-Bratislava, 19. November 1920 .K*»m n rvnDDjna - m n-pa 6. Jahrg. 3üdi$cbe Gescbicbte, In den Westländern trifft man zuweilen heute noch eine unberechtigte Eigentümlichkeit, die darin besteht, daß man die „Jüdische Geschichte" erst von dem Wiederaufbau des zweiten Tempels beginnt. Dem liegt die auch wissenschaftlich nicht haltbare Tendenz zugrunde, daß man die Periode, deren Hauptquelle die Erzählungen in der Bibel sind, nicht .'einer historischen Vorstellung für fähig hält. Unser Leserkreis aber weiß und ist der Ueberzeugung, daß in der Tat das Geschick der Enkel nur eine Wiederholung dessen ist, was mit den Ahnen geschah. Und so ist denn das, was im laufenden Wochenabschnitt von Jakob erzählt wird, der Kern der jüdischen Geschichte. Es wird so schlicht erzählt: Jakob ging aus von Beer Scheva und ging nach Charan. Welche Erinnerungen knüpfen sich an Beer Scheva? Dort war die Stätte, allwo Abraham zum erstenmal in ein klares Bundesverhältnis zu dem Machthaber eines anderen Staates trat. Dort war der Schauplatz, wo zum erstenmal in der Geschichte Israels etwas in Erscheinung trat, was man etwa «inen Staatsvertrag nennen könnte. Es war der Ausdruck eines durch Eid bekräftigten, ehrlichen Willens, mit dem Nachbar und Mitbewohner des Landes in einem freundschaftlichen Verhältnis zu leben. Was dem Philisterkönig besonders imponiert hatte, war die Tatsache, daß Abraham trotz des pomphaften, königlichen Angebotes seitens Avimelech, in dem er ihm sein ganzes Land zur freien Wahl aur Verfügung gestellt hatte, sich auf das Notwendigste beschränkte. Da sah Avimelech ein, daß Abraham tatsächlich nur die von keinem menschlich Denkenden zu versagenden Lebensnotwendigkeiten förderte. So" kam es zum Bunde und der Bund war ehrlich. Denn Beer Scheva wurde nach heiliger Ueberlieferung eine Stätte des Rechtes, der liebe- Tollsten Gastfreundschaft und der Schönheit; gen Beer Scheva zog Abraham nach dem Höhepunkte seines Lebens auf der Höhe Moria, um allen zu beweisen, daß auch die höchste, opferwillige Ekstase Vater Abraham und sein Kind nicht abhielt, gemeinsam, ohne soziale Scheidung von seinen Dienern, mit Menschen anderen Stammes in menschlich erfreulichen Beziehungen des Alltagsdaseins zu leben. Und dieses Beer Scheva mußte Jakob nun verlasseh; Kains Erbe hatte sich wieder einmal geltend gemacht, Bruderhaß hob dräuend sein Haupt. Verkümmert das Recht, geschwunden die Liebe, zerstört die Schönheit. Not und Leid, Sehnsucht und Bangen waren grausame Dissonanzen, die Jakob aus Beer Scheva trieben. Haß sprengt die heiligsten Bande, ist Tod der Liebe, Wiege des Unrechtes und Feind der Harmonie geworden. Also zog Jakob hinaus nach Gharan, in den schonungslosen, starren Grimm der Welt, wie es von unseren Weisen s. A. gedeutet wird, also war Jakob ein Fremder, ein Heimatloser geworden. Hinter sich Entfremdung, vor sich Lieblosigkeit, die ihn in Gharan erwartete, gepaart mit biedermeierischer Schlauheit, der Wort und Eid ein Spiel selbstsüchtiger Interessen sind. Selbst das Heiligste, die Bande der Familie, wird Gegenstand kühler Berechnung, und wo Jakob Friede zu finden hofft, trifft er die Fratze des Neides, das Grinsen des Hasses- Leer zog Jakob aus Beer Scheva. Nur den Wander stab nahm er mit; der Stab, der einst vielleicht am heimischen Herd, in Beer Schevas Gefilden, ein Abzeichen guter Würde gewesen war, wurde nun zum Wahrzeichen des Geschickes Jakobs, zum Symbol der jüdischen Geschichte. Es war Abend geworden, der erste Sonnenuntergang für den Heimlosen, für den Verlassenen; der Wanderstab war seinen müden Händen entsunken. Steine fügten sich zum plumpen Lagerstein für das Haupt. Jakob schläft ein und träumt, das unveräußerliche Recht des Fremden. Da ward ihm der Ruf einer Liebe, die nimmer versagt, in seinem Glauben fand Jakob eine neue Heimat, Engel durfte er schauen in erdentrückter Schönheit und große Verheißung aufs heilige Land schuf neues Recht. Denn also hatte G'tt gesprochen. Denn ich werde dich nicht verlassen. So vermählte sich Himmel und Erde und schuf den gewaltigsten Auftakt zur jüdischen Geschichte. Bedarf dieser Werdegang von Beer Scheva über Haran nach Beth El wirklich noch eines Kommentars? P. K. Sitzung der Ucrwaltungskommission der orthodoxen Organisation der Slowakei. Am 2. November fand im Sitzungssaale der orthodoxen israelitischen Kultusgemeinde in Bratislava die Sitzung der Verwaltungskommission statt. Seitens des Rabbiner-Kollegiums waren anwesend: die Oberrabbiner von Preßburg, Kascjiau, Galantaund Neuhäusl; von den Laien die Herren David Krausz, Leopold Ungar, Leopold Weiß (Nitra), Simon Ehrlich (Kosice), JeremiasStera(Piestany),LeopoldPaschkusz(Dunajska Streda). Die Tagesordnung bestand aus a) Tätigkeitsbericht; l) Festsetzung des Zeitpunktes der Tagesordnung der einzuberufenden Plenarsitzung; e) Stellungnahme zur Schächterfrage und c£) Eventuelle Anträge. Obberrabbiner Präses Weber eröffnet und referiert über die Statutenangelegenheit, legt die Schwierigkeiten dar, welche der Genehmigung der Statuten in den Weg gelegt wurden und es ist umso erfreulicher, daß die Sanktion der Statuten, trotz den Intriguen gewisser Kreise, erlangt werden konnte. Der Vorsitzende berichtet sodann über den Stand des Pensionsfonds für die Gemeindefunktionäre. Die Statuten wären bereits fertiggestellt und eine jährliche Einnahmsquelle von zumindest KC 70.000 Bilder aus Alt°Pre$burg. Znr Jahrhundertfeier der Primär-Schule. (Schluß.) Die Leitung der neuen Schule war übrigens bestrebt, ihrem Institute ein strengreligiöses Gepräge zu verleihen. Es gab genug viele Gemorostunden. Der langjährige Lehrer Heinrich Buxbaum erzählt in seiner Schrift „Haschern nissi* als Beweis des strenggläubigen Geistes, der in den ersten Jahren des Institutes geherrscht hat, daß män zur Zeit, als eine Gholeraepidemie in Preßburg gewütet hat, den Kindern der Primärschule Lulow-Ringel als Amulet an die Finger gesteckt hat. Immerhin sah sich auch die Gemeindeleitung bemüßigt, die Konkurrenz mit der Primärschule auch in Dingen der weltlichen Bildung aufzunehmen. Das Schulwesen der Gemeinde erfuhr im Jahre 1825 eine gründliche Verbesserung. Bis dahin galt die ,deutsche" Schule als eine von der Regierung aufgezwungene Gesera, welche nach Möglichkeit umgangen wurde. In einem im Besitze des Budapester jüdischen Museums befindlichen Akte Tom Ende des 18. Jahrhunderts, warnt die Statthalterei die Preßburger Gemeinde, ihren Widerstand gegen die Schule aufzugeben, die Statthalterei erfahre, daß die Gemeinde nicht nur die Schulerlässe der Regierung außer acht ließe, sondern ihren Einfluß dazu benütze, auch die Ofner Gemeinde zum Widerstand gegen die Schule zu ermuntern. Als der Schulinspektor einmal unerwartet die Gemeindeschule inspizieren wollte, fand er leere Zimmer und versperrte Türen vor. Allmählich aber zog auch der Geist der neuen Zeit in die Gemeindeschule ein, jedoch wohl kontrolliert von der frommen Sorge der Gemeindeführer. In einer Beziehung herrschte in beiden Schulen erstaunliche Einmütigkeit: in der schlechten Besoldung der Lehrer. Bei dem rechten Flügel war dieser Umstand, wenn auch nicht entschuldbar, doch erklärlich. Der Lehrer war ein notwendiges, von außenher aufgezwungenes Uebel. Er war zumeist ein „Kall*; war doch schon sein Entschluß, die Lehrerlauibahn zu wählen ein „Kallus" gewesen. Er war entweder eine leichtsinnige Bohemenatur, oder noch schlimmer, ein starrer Idealist, der fanatisch für Bildung und Aufklärung geschwärmt hat. Die Gemeinde versuchte es stets, seine Erhaltungskosten auf die Regierung abzuwälzen, worüber ein lebhafter, fast ergötzlicher Aktenwechsel vorhanden ist. Befremdlicher aber ist die Gleichgültigkeit, mit welcher das Wohl des Lehrers an der Primärschule, von ihren Leitern, die in dem Lehrer doch den besten Förderer ihrer Ideologie sehen mußten, behandelt worden ist. Da war der jüdische Lehrer der wahre geistige Proletarier gewesen, bis nicht der Staat nachdrücklich. für die Besserung des Loses der Volksbildner aufgetreten ist. Besonders traurig gestaltete sich das Schicksal Freyers. In Raab, wo er später gewirkt hat, erblindete er durch einen Unfall zuerst an dem einen, später auch an dem zweiten Auge. Die'Frommen in der Preßburger Judengasse erblickten darin eine Mahnung der Allmacht, ebenso wie in dem frühen Tod des Koppelman Mandls, der an einer Operation in Wien gestorben ist. Im Jahre 1873, als. sich die Preßburger Kehilla in eine orthodoxe und eine neologe Gemeinde gespalten hat, wurde die Primärschule von der neologen Gemeinde übernommen. ) Allein die Zeit nivellierte die kulturellen Unterschiede zwischen rechts und links. Das orthodoxe Schulwesen nahm in den Achtzigerjahren einen Autschwung und überholte bald die stagnierende neologe Rivalin. Gegenwärtig stehen in friedlicher Nachbarschaft zwei moderne Schulgebäude, die Erziehungsstätten der orthodoxen und der Religionsgemeinde, nebeneinander. Die ältere Schwester hat sich wieder in jeder Beziehung ihr Erstgeburtsrecht zurückerobert, und mag sich sagen : „G-ttliche Kämpfe kämpfte ich mit meiner Schwester und habe sie bestanden." Briefe über Juden und Judentum. I. Orthodoxie und Nationalismus. Lieber Freund! . Du bist wieder einmal mißgestimmt, der Stand der Dinge im Lager des giaubenstreuen Judentums findet deinen Beifall nicht, du hast hier und dort vieles auszusetzen und bist auf dem besten Wege, dich in deine vier Ellen zurückzuziehen, oder gar den Gedanken aufkommen zu lassen: es sei im anderen Lager viel besser; man müsse trotz weitgehender prinzipieller Unterschiede Annäherung und Mitarbeit .suchen.. Jene arbeiten, leisten, vollbringen, schreiten vorwärts, häufen Erfolg auf Erfolg, die Zukunft gehöre ihnen; wogegen die Orthodoxie über gewisse Aufmachungen, die gar bald in sich zusammenfallen, nicht hinauskommt und deswegen immer mehr an Anhang einbüßt und eines schönen Tages sich gezwungen sehen werde, zusammenzupacken. Es ist leider nicht zu leugnen, daß du in vieler Hinsicht leider recht hast. Die Arbeit der Orthodoxie in öffentlichen Dingen läßt vieles zu wünschen übrig und steht sicherlich in einem Mißverhältnisse zu ihren Aufgaben,, zu ihrer moralischen und materiellen Kraft. Es wäre daher sehr verdienstvoll, wenn diejenigen, die offene Äugen für die Mängel .haben, ihrer Unzufriedenheit ungescheut Ausdruck geben und auf Besserung drängen. Nur darf man dabei nicht in den Fehler verfallen, das, was im eigenen Lager geschieht, zu bagatellisieren, hingegen das, was andere tun, zu überschätzen. Denn in Wirklichkeit stehen die Nationalisten der Orthodoxie nur hinsichtlich des Wortschwalls über, sie posaunen ihre Taten mit großer Emphase aus und erwecken den Anschein, als ob sie tatsächlich wer weiß was geleistet haben, wogegen die Orthodoxie in alter Bescheidenheit auch das, was sie leistet, gewissermaßen mit Stillschweigen übergeht. Es ist also nur Schein, was deinen übertriebenen Pessimismus verursachet. Der Schein aber trügt bekanntlich. Es würde natürlich zu weit führen, in einem Zuge all deinen Klagen und Bemängelungen an den Leib gehen zu wollen. Ich will mich daher nur auf das wesentlichste beschränken und das übrige einer anderen Gelegenheit überlassen. Das Wesentliche aber ist heute unstreitig die Palästinafrage. Hinsichtlich dieser Sache verteilst du mit großer Energie Licht und Schatten, wobei es der Orthodoxie zufällt, ganz im Schatten zu wandeln. Sie haben in den letzten dreißig Jahren, da der Weizen desZionis-