Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 15/31 (22.10.1920)
- Date
- 1920-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE -«r—-- Nr. 15/31 Die erste Sitzung des Regierungsbeirates. (Jewish Gorr. Bur.) Die erste Sitzung des Regierungsbeirates in Palästina., der aus 10 hohen Beamten und 9 gewühlten Vertretern der palästinensischen Bevölkerung besteht, wurde mit einer Begrüßungsansprache des Oberkonrmissärs Sir Samuel feierlich eröffnet. Sir Samuel zollte den Versammelten volles Lob für Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung im Lande und erklärte, daß die Verhandlungen mit der französischen Regierung über die Regelung der Grenzfragen im Norden gute Fortschritte machen; sie konnten jedoch noch nicht abgeschlossen werden. Was die inneren Verwaltungsreformen betrifft, werden die Reiseeinschränkungen in Kürze aufgehoben werden. Gegen die Malaria werden besondere Schutzmaßnahmen getroffen und pharmazeutische Schulen errichtet werden. Ein jüdischer Bauer als Zola-Üebersetzer. In Jaffa erschienen dieser Tage der erste und der zweite Band der hebräischen Uebersetzung von Emile Zolas „Debacle". Die Uebersetzung, welche von der Jerusalemer hebräischen Presse wegen ihrer Exaktheit, ihrer klaren, flüssigen Sprache außerordentlich gelobt wird, stammt aus der Feder des T. Padava, eiaes Bauern in Hebron, der tagsüber auf dem Felde und in der Scheune schwere Arbeit leistet und am Abend, gewissermaßen zur Erholung, den großen Roman von Zola ins Hebräische übersetzt. Padova hat das Buch dem Andenken seines von den Türken vertriebenen Bruders Jakob Padova gewidmet, der auf seiner Wanderung in die französische Armee verschlagen wurde und im Kampf . den Tod fand. „Hachurban", dies der hebräische Titel des „Debacle", ist der erste große Zola-Roman, der ins Hebräische übertragen wird. Bisher wurden nur kurze Erzählungen von Zola übersetzt. Rabbiner M. L. Landau s. A. Ein treuer, hingebungsvoller Sohn des Judentums, ein bedeutender Talmid-Ghochom, der sich auf autodidaktischem Wege eine erstaunliche weltliche Bildung erworben hatte, ist vor der Zeit, im Alter von 59 Jahren gestorben. Der Raw von Botösani! Eine liebenswürdige, geistreiche, bescheidene Persönlichkeit, dem der K^wod hatora und das Glück Israels 'die ersten Bedingungen der Freude am Leben waren. Er nahm an den ersten Arbeiten des Zionismus Anteil, wandte sich aber hauptsächlich dem Aufbau der Misrachi-Organisation zu. Er gehörte dem Präsidium der ersten Weltkonferenz der Misrachi in Preßburg an, nahm aber an der Agudabewegung großes Interesse und wirkte eifrig bei allen Bemühungen um Haromas keren hatora mit. Sein Wollen und Streben hatte in allen Formen ihren Ursprung in warmer Liebe zur Thora. Reines, Grünhaus-Trok und Landau waren die drei Säulen des Gedankens des Misrachi, die wohl in ihren Absichten näher der heutigen Aguda, als der Misrachi gestanden sind. Sein Andenken wird ein bleibendes sein. „Videnske Listy" nimmt in seiner letzten Nummer zu der antisemitischen Hetze der tschechischen agrarischen Presse energisch Stellung und erklärt unter anderem: Die tschechische Presse verurteilt in ihrer Mehrzahl die versuchte Agitation gegen die Juden, getreu den tschechischen Traditionen. In ähnlicher Weise verurteilt auch der Prager „Üas" die gehässigen Angriffe gegen das Judentum durch die agrarische Geschäftspresse und warnt die Oeffentlichkeit vor den Konsequenzen einer ähnlichen Hetze, die nur dem tschechischen Volke und dem Staate Schaden bringen würde. „Die Zeit" (The Jewish Times) bringt unter dem Titel „lemaan zion lo echsche" einen Artikel des Dr. Benzion Feßler: „Man sollte meinen, daß die zionistische Organisation, die schon jahrelang für das Ideal eines Heimes für das jüdische Volk kämpft, in der Zeit der Verwirklichung dieses Ideales hervortreten und dem ganzen jüdischen Volke und überhaupt den Gegnern des Zionismus folgendes sagen sollte: „Seht, ihr habt euch bis jetzt aus verschiedenen Ursachen gegen das Aufleben des jüdischen Volkes im jüdischen Lande manchmal gleichgiltig, manchmal sogar feindlich verhalten, aber heute, da uns der Beschluß von San-Remo die Möglichkeit gibt, ein Heim für das gepeinigte jüdische Volk zu schaffen, wollen wir alle Bekämpfung vergessen und sagen, wir sind nur eine Partei im jüdischen Volk und, um solch ein riesiges Work durchzuführen, wie die Ueberleitung eines Volkes vom Golus zur produktiven Arbeit im eigenen Lande, benötigen wir die Mithilfe des ganzen jüdischen Volkes. Alle jüdischen Parteien und Organisationen, welche Interesse und Liebe haben für das Aufbauen eines jüdischen Palästinas, sei es aus religiösen, sei es ans nationalen oder aus philantropischen Motiven, sollen und wollen uns willkommen sein. Erez Jisroel ist dem ganzen jüdischen Volke gegeben worden, das ganze jüdische Volk kann es aufbauen, wenn es nur wird wollen." Man sollte meinen, daß die zionistische Organisation im Interesse von Erez Jisroel mit einem solchen Aufruf hervortreten und die Erez Jisroelfrage auf breite Grundlage stellen werde, um sie dadurch zum Lieblingskind, zum einzigen Sohn des ganzen jüdischen Volkes zu machen, für dessen Erziehung sich alle Juden interessieren sollten. Man darf sich auf keinen Fall täuschen lassen, daß die zionistische Organisation trotz ihrer politischen Erfolge, trotz der durch die traurige Lage der Juden in Osteuropa erzeugten Sympathien der breiten jüdischen Massen für diese Organisation, doch nur eine Partei — wenn auch eine große und starke — ist, die nicht imstande ist, aus eigenen Kräften das jüdische Land aufzubauen. Es darf nicht vergessen werden, daß es zum Beispiel auf der ganzen Welt noch Millionen religiöse Juden gibt, welche außerhalb der Organisation stehen, die sich ihr nicht anschließen wollen aus Furcht, ihre religiöse Ueberzeugung könnte dadurch leiden. Und diese Millionen Juden sind sehr wertvoll für den Aufbau von Erez Jisroel. Sie sind ein großartiges Kräftereservoir, welches Erez Jisroel mit ernsten, arbeitsamen Menschen stärken kann, welche mit Erez Jisroel durch ihren religiösen Instinkt verknüpft sind. Sie können auch Erez Jisroel mit Geld speisen. Man muß mit dem Umstand rechnen, daß Millionen fromme Juden keine Zionisten sind, und trotzdem Interesse und Liebe für Erez Jisroel haben. Darf man — ich frage das im Interesse von Erez Jisroel — diese Millionen, die Träger des historischen Judentums, ausschalten von der aktiven Mitarbeit des historischen Landes? Kann man denn wirklich glauben, daß Erez Jisroel ohne tatkräftige Mithilfe der großen frommen jüdischen Massen aufgebaut werden kann, die heute noch die Rov minjan und rov binjan des jüdischen Volkes sind? Ich scheue auch nicht zurück, eine andere verfängliche Frage zu stellen: Seit der Emanzipation gibt es unter den Juden solche, welche man unter dem Schlagwort „Assimilanten" Und unter dieser Klasse Juden, welche wichtig für den Aufbau von Erez-Jisroel sind, weil sie sehr reich sind, die bis vor kurzem kein Interesse an Erez-Jisroel hatten, finden sich sehr einflußreiche Menschen, die bereit sind, sehr viel Geld zu geben, um den „gepeinigten Glaubensgenossen von Osteuropa" zu helfen. Gewiß, diese tun das nicht vom jüdischen, idealen Standpunkt, gewiß sie werden nicht beeinflußt von jüdisch-religiösen oder jüdisch-nationalen Motiven. Sie wollen einfach das Geld aus Barmherzigkeit, aus Philantropie. Kann man aber aus chauvinistischen Gründen das Geld zurückweisen, das Geld, das jüdische Herzen mit jüdischer Barmherzigkeit geben? Ueberhaupt, wenn man das Geld benötigt! Was braucht man Furcht zu haben, wenn sie nicht national sind? Der jüdisch-nationale Charakter von Erez-Jisroel kann dadurch auf keinen Fall in Gefahr geraten. Denn in Erez-Jisroel sind doch die zwei wichtigsten Kriterien für die Nation vorhanden, Land und Sprache. Die jüdische Erde und die hebräische Sprache werden sich nie „assimilieren". Und warum sucht man nicht -die Mitarbeit dieser „Assimilanten" welche Erez-Jisroel so viel Nutzen bringen kann? Ist man den so naiv, zu glauben, man könne zu Partei-Zionisten einerseits fromme Juden, anderseits Assimilanten machen? Wie kann man denn so naiv sein und sich und anderen einreden, die zionistische Organisation könne allein Erez-Jisroel aufbauen. Ist denn die zionistische Organisation nicht ein Mittel und Zion das Ziel? Lemaan Zion lou echsche! Weg mit der Parteihegemonie, wenn es sich um Erez-Jisroel handelt! Dem ganzen jüdischen Volke muß die Möglichkeit gegeben werden, in Erez-Jisroel mitzuarbeiten. Erez- Jisroei selbst benötigt die Mitarbeit. Ich glaube, daß Zion ohne Zionismus wichtiger ist, als Zionismus ohne Zion! .... Nur, wann wird man das einsehen, rechtzeitig einsehen? Oder wird vielleicht der große Moment kleine Menschen vorfinden? Die Olocbe. Di« Sidra „EtclHccba". „Lech!" Das kleine Wort, aus zwei hebräischen Buchstaben bestehend, beinhaltet das vieltausendjährige Schicksal der Kinder Abrahams. Dem Ersten befiehlt ein machtvoller Drang, der Enge des Heimatsortes zu entweichen, sich loszureißen „vom Heimatslande, vom Geburtsorte, von der Familie", um die große Apostrophe der G-ttesfurcht an alle Völker zu richten. Dem Zweiten, lsak, seinem Vater ungleich an Geistesgröße aber würdig an Selbstaufopferung, ruft der wegen der Macht des wachsenden Reichtums des Sohnes Abrahams besorgte Abimelech das jüdische Schicksalswort zu: Lech! Der dritten Generation, Jakob, der weder mehr die geistige noch die materielle Stellung seiner Ahnen besitzt, jagt der Zorn des sich übervorteilt glaubenden Bruders in die Fremde, und die bestürzte Mutter selbst verbannt ihn mit dem Worte : Lech . . . Die Sidra zählt zu den wundersamen, berückend schönen Szenerien der Urzeitgeschichte. Die Tradition unserer Thora zeigt uns wie durch ein Riesentelcskop ein scharfes, wahres Bild Aveltferner Zeiten, den teueren, großen Urahn, vom herrlichsten Trieb, dessen eine Menschenseele fähig ist, ins Wunderland Mizraim wandernd, dessen sittliche Verworfenheit eine dunkle Folie für das herrliche Paar abgeben. Pharao, Abimelech, Kedorloomer seine Entente und der Vierbund und das seltsame Schlachtenbild, welch wundersamer Hintergrund, wahrheitsscharf wie ein Lichtbild und zugleich von märchenhafter Farbenpracht, dazwischen die geheimnistiefe Vision des Brit ben habessorim, wo Abraham, der Gläubige, im schwachen Momente von Zweifelsschauer ergriffen das sündige kleingläubige: Bama eda spricht „wie weiß ich, daß ich es vererben könne?" Das mag die Kleingläubigkeit vieler Thoratreuen verzeihlich machen, die trotz aller Verheißung nicht immer zukunftsfreudig genug an die Gewißheit der Weitervererbung der Thora - an die künftigen Geschlechter glauben wollen ... - Der edle, warmherzige Ahraham heißt dann seinen wesensungleichen Blutsverwandten Lot zu scheiden, aber setzt sein Leben ein, wenn es gilt, ihn, aus Feindeshand zu retten ... Ismael, der Halbbruder Isaks, wird geboren. Auch er ist Abrahams Kind, und ein Ben Brit. In diesen großen Zeiten, wo das bange Problem Israel und Araber die Geister beunruhigt, langt der nach Erkenntnis forschende Blick zum Ursprung aller Dinge zurück, als könnten wir wie von Urirn und Tumim die Antwort ablesen: Einem Vaterherzen, welch ein großes Herz, entreißt sich die zärtliche Bitte: Lu Ismael jichje lefonecho . . . pendefffirdenleschivafonds! Palästittasetttrak der Egudas jisroel. Schon seit einigen Monaten arbeitet die Palästinasektion der Agudas Jisroel-Jugendgruppe mit großer Aufopferung. Nach den Beratungen der Preßburger Konferenz der Agudas Jisroel, die ein selbständiges Vorgehen der Agudas Jisroel in allen Erez Jisroel-Angelegenheiten beschlossen hat, wurde diese Palästinasektion der Jugendgruppe in die Palästinazentrale der Agudas Jisroel umgewandelt. Nunmehr -ist die Palästinazentrale konstituiert, als Vorsitzender wurde Herr Rabbiner Josef Baumgarten, als sein Stellvertreter Abram Hornstein und Rabbiner Fri e dm ann, Sohn des Großrabbiners von Gzortkow, gewählt. Die innere Leitung besteht nebst dem Präsidium aus 10 Herren. Nach der Konstituierung fand die erste Beratung der Leitung am 19. Oktober 1920 statt. Herr Abram Hornstein, der mit den Entwurf eines Aufrufes betraut war, hat nun diesen Appell an die thoratreue Judenheit Wiens vorgelegt. Nach längeren Beratungen, wo besonders Herr Rabbiner Friedmann aus Gzortkow eine energische und großzügige Arbeit in Erez Jisroel forderte, und es als Aufgabe für die neugeschaffene Zentrale bezeichnete, daß das lebhafte und rege Interesse der thoratreuen Kreise für Erez Jisroel in der Palästinazentrale den brauchbaren Apparat besitzt, um diese Interessen tatsächlich zu befriedigen. Der demnächst erscheinende Aufruf, gezeichnet von den geistigen Führern der thoratreuen Judenheit, wird allen diesen Anforderungen Rechnung tragen. Nebst dieser großen Aufgabe, deren Durchführung sicherlich eine gewisse Zeit erfordert, hat die Leitung gleichzeitig beschlossen, die Repartrierung der noch hier weilenden Palästinaflüchtlinge, die sich in einer entsetzlichen, allen Begriffen spottenden Not befinden, nach ihrer Heimat, nach Erez Jisroel zu befördern. Da diese Aktion mindestens 250.000 bis 300.000 Kronen benötigt, hat man zur Aufbringung dieser Summe und zur Erledigung der mit der Repartrierung zusammenhängenden Geschäfte eine Spezialkommission, bestehend aus dem Obmannstellvertreter und Kassier der Zentrale, Abram Hornstein und Lipe Türkl, Josef Brody, Sandor und Ludwig Adler. Als Geschäftsstelle der Palästinazentrale wurde das Lokal des Agudabureau, II. Malzgasse 12 a, bestimmt. Die Leitung nimmt täglich von 12 bis 1 Uhr mittags den Parteienverkehr vor. Die außerordentliche Generalversammlung des Waisenfonds der Agudas Jisroel. Der schon im Jahre 1916 gegründete Kriegswaisenfond der Agudas Jisroel war damals eine Schöpfung der hier etablierten galizischen Landesorganisation der Agudas Jisroel.