Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 2 (1846)
- Issue
- 8 (24.2.1846)
- Date
- 1846-02-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 gen bei ihnen ihre Tradition verloren, sondern auch die heilige Schrift in ihrer normativen Kraft angefochten wurde. Was für eine Zurücksetzung ist es für Israel, wenn alle Nationen, deren Alter bei weitem nicht in die Zeiten der Abfassung der heiligen Bücher hiuaufteicht, dennoch jede» Buchstaben in ihr für heilig halten, und für das Theuerste anerkennen, und gerade Israel, dem dieses theuere Kleinod als unveräußerliches Eigenthum angehört, und zu seinem Ruhme in der ganzen Welt gereicht, das Fundament der Schrift zu erschüttern suchet, indem es ihre Buchstaben für todt erklärt? Denn wenn in andern Nationen einzelne Männer die heilige Schrift angreifen, so wird solches Verfahren nie der ganzen Nation zum Vorwurf gereichen können, denn in jedem denkenden Individuum machen sich verschiedene Ansichten geltend, die. je mehr sie von der wirklichen allgemein betretenen Bahn abweichen, um so leichter auf Irrwege führe. Bleibt nur die Nation im Ganzen bei ihrem Glauben fest, so löst sich die Einzelheit allmälig auf. Ganz anders ist es jetzt bei Israel, wo leider der jetzige Rabbinismus selbst solche Erschütterungen im Glauben Hervorrust, welche die jüdische Nation in den Ruf der Ungläubigkeit bringen. Denn was kann man anders vermuthen, wenn von der Kanzel ungläubige Worte gepredigt werden, das Volk ihnen ein bereitwilliges Ohr leiht. Aber Israels Leben wankt noch nicht. Man betrachte nur, wie die frommen Rechtgläubigen gegen ein iolches Unheiliges Treiben ankämpfen, wie ste Alles aufbieten, die weitgähnende Kluft wieder auszufüllen, dem Volke feinen Glauben wiederzugeben, dann sieht man iwp' pvx x- '2 .-.-V. Von allen Seiten finden sich Verfechter der heiligen Religion, der h. S., deS Talmuds, des alten Ritus und der Messiaslehre; so bleibt Israel immer noch die Lebensquelle, und seinem Priesteramte getreu. Das ganze Unheil, welches die Religion zu stürzen droht, ist aber nur dadurch entstanden. daß der Rabbinismus sich in das Joch der Mode gezwängt hat. Die Religion darf aber einem so vergänglichen und wankelmüthigen Wesen als die Mode ist, unmöglich Zugeständnisse machen, die sie in ihren Grundfesten erschüttern, und sie an den Rand des Verderbens bringen würden. Nach altem Herkommen wurde die Religion tausende von Jahren durch zwei Seelsorger überwacht, durch einen talmudischen Rabbinen u. durch einen Magid. So war es in allen großen Gemeinden; der Rabbiner hat zugleich das Amt eines VX"> bekleidet, als solcher die Jugend in dem Talmud belehrt, und die Religion nach dem Sinne der Heil. Schrift und des Talmuds in ihren Rechten geschützt. Der Magid hat die Moralität gefördert; nach dem damaligen Geschmack erregte er die Gefühle durch die schöne Auslegung der heil. Schrift und der Talmndstellen, so daß man seinem Rathe unbedingt Folge leistete. Ich will nun annehmen, der jetzige Zeitgeist fände in den Worten des Magids nicht den ihm ackaequsten Ausdruck, so wäre wohl genügend, an der Stelle des Magids einen Prediger einzusetzen; der Rabbiner aber muß in seinem alten Rechte bleiben. Sein Amt war, zu lehren, und nicht zu predigen; auch das Gewand des talmudischen Rabbi sollte in der Art geschmückt werden. Er muß die Landessprache kennen, und hebräische Philosophie durch und dgl. inne haben, damit er seine Lehre mit der Vernunft möglichst vereinigen könne. Lateinisch und Griechisch aber ist nicht Sache des Rabbiners; das Studium, das er diesen Gegenständen zuwendet, entzieht er den talmudischen und theologischen Wissenschaften. Die Funktionen des Rabbiners und des Predigers sind zwei Gegenstände, die nichts mit einander gemein haben; die jetzige Mode will sie aber vereint wissen; eine Forderung, unter der nur beide leiden können. Der Doctor- Titel und die Bekanntschaft mit solchen Wissenschaften, welche mit der Religion als solche nichts zu thun Haben, sollte seine Befähigung zum hohen Rabbrnerstuhl begründen? Gleichwohl nimmt das Studium des Talmuds und der jüdischen Theologie für sich allein schon so viel Zeit in Anspruch, daß es neben den andern Studien der Hochschule unmöglich mit dem gehörigen Ernst und Fleiß betrieben werden kann. Sodann ist er dort von vielen Freigeistern umgeben, deren Grundsätze tiefe Wurzeln in seinen Gesinnungen fassen. Mancher Professor nimmt den Spinozismus zur Grundlage seiner Philosophie, einen andern verleitet sein Eigendünkel zur Aufstellung eines neuen Systems; auch steht die Fakultät mit der Religion in keiner Verbindung. Nicht so ist es bei den christl. Theologen, welchen die Lehren ihrer Religion in der Fakultät selbst