Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 20 (11.11.1845)
- Date
- 1845-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Schriftsteller ist die heilige Aufgabe geworden, sorgfältiger als der gewöhnliche Alltagsmensch die Tagesereig- Inste zu prüfen, und oftmals wird ihm dasjenige,'waS das gewöhnliche Leben kaum beachtet, zum Untrüglichen Wegweiser für die Zukunft. Tragen solche Ereignisse gar rin religiöses Interesse an sich, so sind sie allen denen, die nicht erkaltet für die heiligsten der Interessen, von unberechenbarer Wichtigkeit, und ein solches will ich Ihnen heute mittheilen, indem ich auf die hiesige Feier der jüngst verflossenen Festtage, der O'Q' Und WZO zurückgehe. Erwarten Sie nicht von mir- Hr. Nebacteur» eine Schilderung der hiesigen Neform- Confvrten, verlangen Sie nicht eine Beschreibung ihrer leeren Marktschreiereicn, womit sie andere, und zuletzt sich selbst zu übcrtauben suchen, nicht ein Bild jenes wetterwcndcrischenGeistlichen, dersickselbstmir Weihrauch bestreute, wie er den betäubten Reformern zerstückelte, zerfetzte und höchsteigen fabricirce Gebete, statt einer Uebersetzung aufrischte, und endlich hier mit Pomp durchfiel — nein, was ich Ihnen mitrheilen will, ist, daß auch in Berlin, wie in Hamburg und Alrvna> diese heiligen Tage mit wahrer, echt religiöser Würde begangen wurden. Traurig, sehr traurig ist es zwar, daß die Feier der heiligsten Tage des Iudcmhums, Tage, die jedes irgend fühlende Herz mir heiliger Scheu erfüllen müssen, ein Ereigniß von Wichtigkeit genannt werden muß, — jedoch in einer Zeit, wo Neuerungssuchc und Irrglauben, Neformwuth und Religionsschändung ihr Asyl aufgeschlagen haben, ist dies allerdings ein wichtiges Ereigniß, ein Ereigniß, durch welches wir nur zum heiligen Vertrauen gegen die Gottheit gestimmt werden müssen, wenn wir sehen, daß trotz diesem Allen, trotz lärmschlagender Ncformgeistcr, trotz dem neu fabricirren Hutabnehmungsgottes-- dicnst, trotzdem der Hoflieferant der Reform, der sich so nennende Rabbiner geruhten, demselben seine Legitimität zu verleihen, — hier in Berlin auch eine große Vorliebe für das rchre Iudenrhum, für den altherkömmlichen geheiligten Gottesdienst herrscht. In heuriger Zeit bildet einmal die Art des Gottesdienstes den Maaßstab für den religiösen Sinn einer Gemeinde, und in diesem Sinne berechtigt Berlin gerade zu den schönsten Hoffnungen, obwohl noch manches für die Zukunft zu wünschen übrig bleibt. Der Andrang zu dem alten herkömmlichen Gottesdienst war so groß, daß der Gemeindevvrstand bei 14 Synagogen, wo regelmäßig auch Wochentags Gottesdienst ist, bei unzähligen bei einer Hanptsynagoge für circa 609 Personen, sich noch genöchigt sah, ein Local, circa 300 Personen umfassend, zu miethen. vr. Sachs predigte abwechselnd in diesem mir der Hauptsynagoge und wirkte erhebend durch seine religiöse, betehrende Rede auf Herz und Gemürh seiner zahlreichen Gemeinde. So, Hr. Nedact., können wir getrost auf die Zukunft und den sich NeN gestaltenden Nebelbildern Hinblicken, und der Lenker der Schicksale wird den treuen Väterglauben schützen und erhalten zum Heile und zum Wohls seiner Bekenner, zum Trotz u. zur Beschämung derer, die ihn zu verunglimpfen und anzuschwarzen sich bestreben. — Betrübend ist eS nur, daß seit 5121 l'UM'lN eine Zwistigkeit in der Gemeinde auSgebrochen, deren Folge für das religiöse Interesse Berlins gar nicht zu berechnen ist. Di» Funktionen der Vorsteher waren nämlich abgelausen, und es sollte an diesem Tage eine neue Vorsteher-Wahl stattfinden; durch einen plötzlichen Protest eines der dazu erwählten mußte die beabsichtigte Wahl jedoch unterbleiben. Ueber diesen Punkt verspreche ich Ihnen binnen Kurzem einen ausführlichen Bericht. Schütze in P. Kurfürstenthum Hessen. Cassel. Wahrhaft komisch und pvssirlich nimmt es sich aus, wie mir einem Male Geistliche und Vorstände, deren Aufklärung bis dahin untadelhasi, — wie Rabb.- Vers. und Nes.-Verein dies ihnen documentirc — in deren hell erleuchtetem Gehirn keine Spur veralteter Finstcrmß mehr anzurreffen, wie diese plötzlich en müsse abtrünnig werden, nicht den leisesten Vorwurf der Neologie mehr ertragen wollen, wie sie sich auf daS Feierlichste gegen derartige Anschuldigungen verwahren, wie sie sogar zu Injunen-Prozessen ihre Zuflucht nehmen. Zn der Thar komisch, aber doch wieder sehr ernst und betrübend. Darüber freilich war längst die allgemeine Stimme einig, daß es nichts Prinziplvseres gäbe, als die sogenannte Aufklärungssucht, Modernität. Daß aber jene Prinziplvsigkeir, die, soweit sie daS Gebiet religiöser Grundsätze und Pflichten berührt, doch immer noch als Meinung und Ueberzeugung ausgegeben werden kann, sich bereits über das ganze Leben und Wirken der von ihr inficirten ausbereiret, ein neues Geschlecht pygmäenhafter Castraten - Seelen hervorbringt, das eben ist eS, was jener Erscheinung ihren traurigen, betrübenden Charakter aufdrückr. Der Muth der Meinung! Nun Ihr Tagcsheiden, wo bleibt da Euer Enthusiasmus?