Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 11 (9.9.1845)
- Date
- 1845-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Reich, wo es wimmelt von so vielem kriechenden und schleichenden Gcthiere. Wir beginnen also mit der ersten Sorte. Der anmaßende Reformer (siüinal retormsns LAresie. (.4in H-rets!) Diese Species hat Maulwurföaugen, impertinente Züge und ein elegantes Äußere. Der Reformer dieser Gatrung hat seinen natürlichen Beruf noch nicht als Knabe erkannt; er fühlt ihn erst, wenn er in das Alter tritt, wo er den Werth einer Cigarre nud eines pompösen Halstuchs erkennt. Er hat sich nie im Geringsten um das bekümmert, was er umformen will, aber er sucht durch das imponirende Verzehren eines Schinkenschnittchens an öffentlichen Orten oder durch spöttische Bemerkungen — nach seiner Meinung Ausflüsse der höchsten Weisheit — über Biedermänner, denen er nicht das Fußwasser reicht, alle Welt von seinen reformatorischen Talenten zu überzeugen. Diese Species ist die ekelhafteste, aber auch die unschädlichste, denn sie wird bald allgemein von den übrigen Geschöpfen entweder bemitleidet oder verlacht. Trotz dem, daß unser Reformer oft durch das Geklimper seines Geldes die gewichtigen Argumente derer, die mit ihm streiten, zu übertäuben sucht, giebt er sich doch endlich so schmachvolle Blößen, daß er's für das Beste hält, eiligst zu retiriren, und nimmer mehr etwas Heiliges mit dem Geifer seines Mundes zu bespritzen. Er hat das Wort, Reform, nie verstanden und übersetzt es: «Hasenbraten" und «Krebssuppe". Wir lassen diese Bastarde von Ignoranz und Gemeinheit fahren und wenden uns zum: Gleichgültigen Reformer(aa!msl retoriusns LiiKiäum) Dieser stammt aus der kalten Zone; der Mund ist gewöhnlich vom Gähnen halb geöffnet, die Züge und die Haltung schlaff und fade, der Ton der Stimme wie lauwarm Wasser. Dieses Gethier verbindet mit dem Worte Reform bloß den Begriff Ruhe, oder(nachdes weiland Rabbi Beitel Stern Leib- und Sprichwort): „Was thut man damit? Ein solcher Reformer fühlt für Nichts mehr, und deshalb affekrirt er Gefühl für Alles; — er spricht von den Interessen der Menschheit, von den Fortschritten der Zeit, und während er davon spricht, streckt er gähnend die Arme aus, und erkundigt sich gleich darauf nach dem Stande der „Hamburg-Berliner." Und dennoch will er so gut reformiren, wie jener; er glaubt, daß der träge Hauch seines MundeS Berge umblasen wird, die Jahrtausende Landen, und zuweilen gleitet ein selbstzufriedenes Lächeln über seine breiten, gehaltlosen Gesichtszüge. Dies Geschlecht bildet gleichsam das Statistencorps unter den Reformern; es wird von Zeit zu Zeit auf die Bühne gebracht, um dieselbe zu füllen; zu Weiterem ist's nicht tauglich. Denn cs fehlt ihm alle Kraft, alle Gewandtheit, und es dient nur dazu, den Troß zu vermehren. Seine sparsamen Declamationen »erspart es zu besonderen Gelegenheiten, als da sind: öffentliche Versammlungen zur Festsetzung neuen Gottesdienstes, Sammlung neuer Gesänge von gebildeten Damen zum Gebrauch bei jenen u. dergl. Reformen, wie es solches Zeug zu benennen pflegt. Genug von den Gleichgültigen — diesen Amphibien mit kaltem Blut und schrecklich zähem Leben! Es folgt der Reform - Comödiant rolormsn'; lÜPoeeitum) eine gefährliche Gattung. Diese Reformer sehn das Leben als eine Schaubühne an, wo sie auftreten und — trotz der schwarzen Kleidung — den Zuschauern, so zu sagen, viel weiß machen. Sie sind von Ansehn pfiffig-schwärmerisch, dabei wohlgenährt, und wissen ertemporair zu heucheln. Sie haben oft richtiges Gefühl des Wahren, aber sie wissen, daß sie durchs Falsche ein thöricht Publikum leicht betrügen und sich ein glänzend Leben verschaffen können. Mit stehenden Phrasen winden sie sich aalglatt durch, wenn man sie packen will, und geben sich eine kühne Miene, wenn sie sagen: Alles für die Reform. Em Refv'M-Comödiant besteigt die Rednerbühne — bald sind alle Damen zu Thränen gerührt — Eine droht sogar von innerer Bewegung ohnmächtig zu werden, aber sie hat keine Zeit, denn so eben ist der Vortrag beendet und das Haus wird geschlossen. — Unser Thierchen ist ein großer Freund von gut besetzten Tafeln, denn die vertragen sich nicht selten mit der Würde der „Reform" und es werden gar herrliche Tischreden gehalten — von denen auch manche gedruckt unteres Publikum kommen. Es ist schon vor, gekommen, daß sich einer todt gegessen bei solcher Gelegenheit; er fiel als «Märtyrer seines Glaubens" als „wackerer Vorkämpfer für die Reform" und sein Andenken lebt in Segen bei allen denen, die sich noch erinnern, mit welch? meisterhafter Gewandt-