Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1920)
- Date
- 1920-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622108--4526-2625835- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hf. 40. £ MH 8b AMERIKA. Opposition In Amerika. Die Opposition in den Reihen der amerikanischen Zionisten verstårkt sich immer mehr. So hat jetzt einer der ftihrenden Zionisten Amerikas, Rabbi Dr. Stephen Wise als Vizepråsident der amerik. zion. Foderation resigniert, mit der Motivierung, dafl er mit der von Brandeis und de Haas in London eingeschlagenen Politik nicht einig gehe und auch nicht ins OroBe Aktionskomitee gewåhlt vvorden sei. , »Joint" liir Pafåstina. Auf der letzten Sitzung der Exekutive des „Joint Distribution Committee“ wurden 400.000 Dollars als UnterstOtzungen fur den Monat September bestimmt, davoh 105.000 Dollars fiir die allgemeine Hilfsarbeit in Palfistina. Das Komitee hat auch den Plan des Kindérkomltees gutgeheiBen, hinsichtlich genauor Untersuchung der Lage der jiid. Kriegswaisen uhd Ergreifu'ng von Mittéln, um die Kinder aus den Orten wo sie isch Jetzt befinden zu transferieren, event, auch nach Amerika. Die „Kindericommission“ hofft in Balde einen genauen Plan groBziigiger Hilfsarbeit fiir die Waisenkinder in Europa vorlegen zu kohnen. J. P. Z. Z. Dr. Margosches in Neuyork. Dr. Margschos, def Prasident des Oali2ianer- Vefbandes in Amerika ist nach selner mehrmonatlichen Reise durch Europa am 21. August nach Neuyork zuriickgekehrt. Er v:rwies in Zeitungsreporten gemachten Mitteilungen auf die eminente Pogromgefahr, die jetzt in Polen herrscht. Die nationale Autonomie in Polen ist bisher nichts als leerer Traum. Dr. Margosches erwåhnte auch, daB ihm unlångst in Wien der Czortkower WunderrabbFerklårt håbe, es sei nicht ausgeschlossert, daB er demnåchst nach Amerika kommen werde. Im Herbst durf ten auch Priluicki und Dr. Nathan Birnbaum, dieser mit einer Mission, den orthodoxen Qedanken unfer den Juden Amerikas zu verbreiten, nach Amerika kommen. J. P. Z. Z. Jahreskonferenz der Misrachi. Die Jahreskonferenz des amerikanischen Misrachi wird vom 18.—21. Oktober stattfinden, wobei die Bestimmung des Ortes noch vorbehalten ist. FRANKREICH.! Nordau in Frankrelch. Dr. Nordau hat England am 16. .September verlassen, um sich nach, Frankrelch zu, bpgeben. Es Ist wahrscheinlich, daB er — um dringlichen Finladungen nachzukommen, — Amerika besuchen wird. Frankrelch spendet fiir Jerusalemer Universitåts- Bibliothek. Die franzosische Regierung hat die zion. Landesorganisation in Frankrelch verståndigt, daB sie bereit sei, alljåhrlich mefirere Tausende von franzbsischen Buchern fiir die Universitåtsbibliothek in Jerusalem zu spenden. , J. P. Z. Z. ITALIEN. Chaluzimtransporte. Triest, 16. Sept. Am .10. v. Mts. verlieB s/s „Tirol“ mit 200 Palåstina-Auswanderern den Hafen von Triest, am 14. v. Mts. lief s/s „Graz“, mit 220 Chaluzim und Chaluzoth an Bord von hier aus und auf dem heute morgens abgegangenen Schnelldampfer „Helouan“ wurden 30 Passagiere nach Erez Israel eingeschifft, darunter u. a. die beiden hebr. Dichter Fichmann und Schymonowicz und das Mitgljed des „Hapoel Hazair“, Sprinzak. J. P. Z. Z. Strelk in der Venezia Giulia. Der Ausbruch des Qeneralstreiks ain 3. Sept. in der Venezia Qiulia, zwang einige Hundért Passagiere mehrere Tage in Triest zu verweilen. Die Unterbringung und Verpflegung derselben stellte an unser Palåstina-Amt weitgehende Anforderungen, denen es nach besten Kråftne gerecht wurde. Das P. A. muBte allerdings, um die auBerordentlichen Auslagen decken zu kbnnen, bei der Beneficenza Israelitlca ein Darlehen aufnehmen. Das mehrtågige Verweilen so vieler Passagiere in Triest war sowohl fiir das P. A. als auch fiir die „Maawirim" eine harte Qeduldprobe, denn die Passagiere waren durch den gezwungenen Aufenthalt in Triest begreiflicherweise ziemlich nervos; doch die Mitglieder der genannten Institutionen erwiesen sich dieser Aufgabe voll gewaehsen, berubigten die Passagiere und konnten die Disziplin aufrecht erhalten. Die Ereignisse der Triester Streikwoche fuhrten den beteiligten Faktoren wiedec ekunal so recht vor Augen, daB die Schaffung elnes groBon Auswandérerhelms in Triest eine unaufschiebbare Notwendigkeit f$t Es ist daher Pflicht aller Voiksgenossen, dene« das Los unseter Auswanderer am Her2en liegt, die Schaffung eines solehen Heimes in Triest mit allen Mitteln zu fordern. J. P. Z. Z. DEUTSCrtLAND. Antisemitismus der Interallilerten Kommission. Wie aus Oberschlesien gemeldet. wird, nehmen die Verfolgungen und Ab9chiebungen jtid. militårflilchtiger Arbeiter nach Polen ihren Fortgang. Die Interalliiérte Kommission in Oppeln treibt eine offen antisemitische Politik. Wåhrend die polnischen Deserteure polnischer Nationalitåt unbehelligt bleiben, werden die Judén aus den Gruben und Arbeitsståtten gewaltsam fortgeholt und miBhandelt. Die Interalliierte Kommission gab einen Befehl heraus, wonåeh binnen 5 Tagen, das ist gerade zum zweiten Tag Rosch haschanah, alle jiidischen Fluchtlinge nach Polen abzuschieben seien. Mit Miihe gelang es dén Vertrétern des Arb. Fiirs.-Amtes im Verein mit lokalen jiidischen Personlichkeiten, einen Aufschub dieser unerhort grausamen MaBregel zu erwirken. In Kattowitz und Beuthen verlebten 900 von ihren Arbeitsstellen .verjagte und gefliichtete jiidische Arbeiter die Rosch haschanah-Feiertage. Es sind bei den zuståndigen Stellen dringende Vorstellungen im Gange, um der Statuierung eines Ausnahmsrechtes gegen Ostjuden vorzubeugen. J. P. Z. Z. Antisemitismus In der GroBgemeinde. Berlin. Bei dem gegenwftrtig tobenden Kampf um die sozialistische Umgestaltung des GroB-Berliner Magistrates ist es wiederholt zwischen den rechten und linken Parteien zu Konflikten antisemitischer Natur gekommen. Die heftigste Opposition rief die Designierung des Unabhångigen Dr. Ldwenstein zum Oberstadtschulrat von Berlin hervor. Del biirgerlichen Parteien mobilisierten nicht nur Vereine und Versammlungen, sondern auch die Eltern und Lehrerschaft, um gegen die Berufung eines Juden zum Leiter des Berliner Schulwesens zu protestieren. In einer dieser Protestversammlungen sprachen auch die bekannten Professoren der Berliner Universitåt Roethe und Wilamowitz-Moellendorf, die sich heftige antisemitische Ausfålle erlaubten. Eine Lehrerversammlung am 16. v. M., in der Dr. Lfrwenstein séin pådagogisches Programm entwickeln sollté, wurde unter groBen Skandalen von den deutschnationalen Lehrérn gesprengt. — Die Kandidatur Dr. Lowensteins wird tibrigens' auch von maBgebender judischer Seite als verfehlt angesehen. Die Berliner „JUdische Rundschau“ åuBefte sich — bei schroffer Verurteilung der antisemitischen Exzesse — dahin, daB gerade fUr das Schulwesen ein christlicher Leiter gefunden werden solite, wogegefi die Juden die autonome jUdische Schule anstreben mtissen. Jakob H. Schiff gestorben. Berlin, 27. September. Wie Reuter meldet, ist in Neuyork der bekannte jUdische Bankier Jakob H, Schiff gestorben. (Schiff, der zu den bekanntesten Finanzleuten der Vereinigten Staaten gehorte, hat sich durch seine philanthropische Tåtigkeit manches Verdienst erworben. In friiheren Jahren«war er ein erklårter Gegner des Zionismus, in letzter Zeit hat er jedoch fUr den Aufbau des jUdischen Palåstina viel Interesse bekundet. Wåhrend des Krieges hat Scrhiff groBe Summen fUr die jUdischen Kriegsopfre gespendet und es gab keine groBere. Aktion, an der er nicht irgendwie beteiligt gewesen wåre.) J. P. Z. Z. POLEN. Die Pogrome in Ostgallzien. Der ukrainische „Wpered“ schreibt: Auf Grund der Nachrichten des Jiidischen Nationalrates kamen Exzesse in folgenden Ortschaften vor: Tysmieniczany, Tysmienica, Bolszowce, Halicz, Marjampol, Jezupol, Stanislau. In Tysmieniczany wurden 5 Juden getotet, 2 verwundet, Frauen vergew^ltiglt in Tysmienica 3 getdtet, 3 verwundet, 25 vergewaltigt; in Bolszowce 5 getotet, 7 verwundet, 33 vergewaltigt; in Halicz 4 getotet, 2 verwundet, 15 vergewaltigt; in Marjampol 3 getotet, 18 verwundet, 9 vergewaltigt; in Jezupol 5 getotet; in Stanislau 2 getotet, 5 verwundet. Genaue Protokolle sind im Besitze des JUdischen Nationalrates. Authentische Nachrichten aus den einzelnen Orten im Pokucie, wo die Horden noch barbari$cher gehaust haben solien, sind bisher nieht eingetroffen. Aus privater Quelle verlautet, daB 40 Banditen fur ihre Betcilignng an den Exzessen erschossen werden sind. Rozwadowski gegen fixtesse. Namens des polnischen Oberkommandos hat Gen. Rozwadowski einen Miiitårbefehl gegen das Ueberhandnehmen der Judenexzesse erlassen, worin auch erwåhnt wird, daB sich das Miltiår in den letzten Tagen groBerer Ausschreitungén in Wyszkow und Sokolow zu Schulden håbe kommen tessen. GroBe Wirkung låBt sich von diesem Befehl um so weniger erhoffen, als auch in demselben es ftir nOtig gefunden wird, darauf hinzuweisen, daB ein Teil der jUdischen Bevolkerung z. Zt. des Eindringens der Bolschewisten <-ich staatsfeindlich verhalten håbe. Das Volk und vor allem die Soldaten diirften also kautn die Aufforderung, nicht alle Juden mit diesen zu identifizieren, Ernst nehmen. J. P. Z; Z. Verbot von SUkkoth. In Warschau wurde Von der Polizei das Aufstellen der Laubhtltten .auf den Balkonen vérboten. J. P'Z. Z. RUMANIEN. Der Kronprlnz flir die Nafurallslerung der Juden. Im Laufe eines Gespråchs, das Dr. Gaster mit dem rumånischen Kronprinzen hatte, der ihn zu sich ins Ritz Hotel in London eingeladen hatte, wurde Dr. Gaster ermåchtigt zu sagen, daB das dekretierte Gesetz, das die Naturalisation der Juden in Rumånien betrifft, zweifellos von der Kammer angenommen werden wird und daB der Konig von Rumånien darauf einwirken wird, daB es, wie dekretiert, im Rahmen der konstitutionellen Gesetze, in Kraft treten wird. J. P. Z. Z. Judenausweisungen aus Transylvanlen. Laut der Londoner „Jewish Times** herrscht in Targul Mures (Transylvanien) groBe Aufregung iiber einen an 250 jUd. Familien erteilten Befehl, die Stadt zu verlassen, obwohl diese Juden entweder in erwåhnter Stadt. selbst oder deren Umgebung geboren sind, motivlerend, daB sie in die Stadt .erst nach Kriegsausbruch zugezogen seien. Charakteristisch ist, daB der auch an zwei nichtjUdische Familien erteilto Befehl die Stadt zu verlåssen, zurUckgezogen wurde. Ueber das Resultat der in Bukarest versuchten Intervention ist noch nichts bekannt./J. P. Z. Z. Von Woehe zu Wochø. Ottokar Czernin. Wir haben .uns mit ihm schon des literen bpschhftjigt. Mtissen es tun, denn er ist unserer Meinung .nach der gefåhrlichste Gegenkandidat der Jtidischnationalen Liste, und die verbrauchte liberale; Partei mit neuer Firmatafel als Arbeitspartei konstituiert lanciert ihn stark. Schon hat die „Neue Freie Presse" einen Leitartikel geschrieben,-schon hebt ihn Lippowitz auf seinen Schild. Benedikt und Lippowitz als Schildtråger des ehemaligen Grafen Czernin, nicht unpikant. Als Czernin nur noch kommender Mann im alten Qesterreich war; als Czernin in der „Oesterr. Rundschau" seine Artikel iiber pationale Autonomie vom Stapel lieB und sich namentlich der ungarlåndischen Rumånen annahm — er kokettierte damals schon mit der schonen Romapia — da wollte Benedikt der Vater und Lippowitz von ihm nicht viel wissen. Denn Benedikt vertrat das Deutschtum und war solehen Gedankengången, zumal sie mit dem Belvedere und Konopiåt zusammenhipgen, abhold. Auch die heutige magyarische Clique mochte , ihn nicht, denn Pista Tisza war ihm Feind. Nun låBt sich aber ein ehemaliger Graf zur Plebs herab, gemeint sind bei diesem Aristokraten voll Eigendunkel die Juden — und Benedikt samt Lippowitz’ leitartikeln, interviewen. Naturlich der kommende Retter Oesterreichs. Meinetwegen, dann lasse er sich in Tirol wåhlen. Schwar z-Hi 11 e r dUrfte ja in der Leopoldstadt abgetan sein, den werden hoffentlich Juden nicht wåhlen, nun und Nichtjuden doch gewiB nicht. Aber Czernin, )a V ls^ namlntlioh^tit jtrøspre iudischen Frauen gefåhrlich, denn die „jUdische Frau der Gesellschaft" die muB doch eher den Czernin wåhlen, als die Anita Mtiller. Mein Gott, die Anita Mtiller geht doch in sozialer Ftirsorge ganz auf, hat sich den Juden mit Haut und Haaren verschrieben, die kann man doch unmbglich wåhlen. Pikanter ist Czernin! Wir aber fordern nachdriicklicbst alle Parteigenossen auf, dgliir Sorg© zu tragen, daB alle Mure Verwandten, Bekannten und GesabMftsIrennde in Oesterreleb die JUdischnatlonale Liste Strlcker und Anita Mtiller w8Men! a