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Jüdische Volksstimme · 1920-08-12 · Heft 33 (12.8.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 33 (12.8.1920)
Date
1920-08-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Stut Mømm vournmumtr Nr. 88. BrOnner Nachrichten. Der Unterttiitzungsvweta ffir mittellose JUdlsche Tecbolker tn Brflnn gibt hiemit bekannt, daB Gesu* che um Plåtze im jiidischen Technikerheime, mit Mittellosigkeitszeugnis und Bteuerklausel versehen. langstens bis zum 25. September 1920 an den genannten Verein zu richten sind. Briinn. Dem J. S. K. Boskowitz verdankten vergangenen Sonntag die leider nur spSrlich erschienenen Besucher des Sportplatzes Makkabi eine genuBreiche, hdchst vergnQgte Stunde. War aber der J. S. K. Boskowitz nur der indirekte Urheber der ergdtzlichen- Zurschaustellung klassischer „Boskowitzer FuBballkunst", die unsere Lachmuskeln auf das hdchste reizten, so gab den unmittelbaren AnstoB hiezu das erstmalige Auftreten unserer OIJ- Boy-Mannschaft, die in „stårkster** Aufstelliuig antretend, alle unsere hochgespannten Erwartungen von ihrem konnen bei weitem tibertraf. Boskowitz, welches bis dato nach Briinn blofl Studenten, Journalisten, Doktore, Tuchjuden etc. importiert hatte, stellteeine åuBerst spielfreudige Mannschaft, in der unter anderem auch 2 Boskowitzer „Internationale'* tatig waren. Diese junge Mannschaft spielte.mit seltener Aufopferung, und blieb ihr auch der Erfolg gegen unsere Old-Boy-Mannschaft, die leider durch 3 Spieler aus der IA ohne zwingende Notwendigkeit verstårkt worden war, versagt, so kann doch mit Freudp konstatiert werden, daB in dieser Mannschaft ein sehr guter Kern steckt, der sie bald zu einem achtenswerten Gegner machen vvird. Gut Ding braucht jedoch Weilel Die Mannschaften traten in folgender Aufstellung an: J. S. K. Boskowitz: Sechestower, Oeppert, Steckelmacher — Rabinowitsch, Braun, Ungar — J. Munk, F. Munk, Briill, Frisch, Hanhak. O 1 d-B oy’s Makkabi B r ii n n: Lang, — Jellinek IA, Fischer I A, — Schuschny, Wele, Allerhand, — Minich IB, Maxi Gelbkopf, Robert, Stiassny, ReiB I A. Das lebhaft gefiihrte Wettspiel stand bei Halbzeit 1:0 zu Gunsten Briinns und zeitigte in der 2. Halbzeit das Resultat 3:1. Trotz Verstårkung der Old-Boys durch 4 Spieler der IA und IB war das Spiel stets ganz offen und riur der SchuBunsicherheit der Boskowitzer Stiirmerreihe vor dem Tore ist es zuzuschreiben, wenn diese nicht mehr Tore erzielten. Gelegenheiten dazu gab es mehrere. — Bei Boskowitz war die Halves-Reihe der beste Mannschaftsteil.* Insbesondere gefiel uns das Spiel des Zenterhalf Braun, der auch das Ehrentor der Gåste schoB. Der Angriff arbeitete zerfahren. Am besten die beiden Brtider J. und F. Munk. Briill, genannt Menke, war als Leiter und Dirigent des Augriffs im Gegensatz zu seinen Mitspielern durch lange Hosen gekennzeichnet und bildete in dieser das ErgStzen von Jung und Alt. Die linke Verbindung machte sich iiberhaupt nicht bemerkbar. Der linke Fliigel geh6rt eigentlich ins Zentrum, wo er sich uls vérståndiger Ballverteiler und Angriffdirigent mehr Lorbeeren holen dilrfte. Flir seinen Posten als Fliigelstilrmer wilrde sich Menke Briill infolge seiner Flinkheit hervorragend eignen. In der Verteidigung war Oeppert agiler und stoBsicherer als sein Partner Steckelmacher. Der Tormann scheinbar infolge einer Verletzung schr unsicher und aufgeregt. Bei Briinn bildete die Verteidigung eine eiserne uniiberschreitbare Mauer. Lang im Tore bekam daher nur eincn Ball zu fangen, den er prompt — durchlieB. Ansonsten aber war er gut! Dagegen kåmpften die Oldj^oys Halves im wahrsten Sinne des Wortes wie die Lowen, sie waren liberal! dort, wo der Ball war und badeten sich ansonsten im SchweiBe ihres Angesichtes. Der Held des Tages war Wele, der schier Ubermenschliches an Fehl$chiissen leistete. Wacker sekundierten ihm die alten Recken Allerhand und Schuschny. Der Angriff kombinierte wohl wenfg, hatte aber einen imponierenden Zug nach vorne. 'Beide Fliigel sehr gut, Robert und Stiassny rackerten sich ehrlich und erzielten auch beide le f«nen zåhlbaren Erfolg. Eine Klasse flir sich Maxi Gelbkopf, der nach einem prachtvollen Durchbruch mit BombenschuB das dritte und schonste Tor des Tages erzielte. Er dribbelt jedoch zu viel und hat fiir Kombinationspiel wenig Verståndnis. Es wåre wiinschenswert unserer braven Old-Boy-Mannschaft dfters Gelegenheit zur Austragung von Wettspielen zft geben, umsomehr als sie allem Anscheine na;h stets ehrenvolle Resultate etzielen diirfte. Rumbo. * * * Die jiidisch-akademische Ferialverbindung „Ge iillah** In OlmiPz hielt am 29. Juli 1920, um 8 Uhr abends, ihren diesjåhrigen Generalkonvent ab und erschienen dabei følgende Herren als Chargen fiir des komaende Semester gewfihlt: Erster: cand. chem. Siegfried Kohn, Zweiter; JUC. Ernst Sonnenschein, Dritter: Artur Auerbach. Korrupondenzen. Die Iildischen Vertreter In den Gemelndeverwaltungen der Slovaket. S a b i n o v. In den hiesigen Gemeinderat wurden seitens der Vereinigten iildischen Parteien følgende Herren delegiert und vom Zupanat beståtigt: Dr. Karl Sperling, Nandor KrauB und Adolf Handler als ordentliche Mitglieder, Samuel Zipser als Ersatzmann. * Nové Zåmky. In die hiesige Stadtrepråsentanz wurden følgende Vertreter der V. j. P. nominiert, bezw. ernannt: Drechsler Alois, Grtinfeld Adolf, LåB16 Sandor als ordentliche Mitglieder, Reichfeld Sandor als Ersatzmann. I g 1 6. Hier wurden als Vertreter der V. j. P. die Herren Simon Pollak, Pråses der hiesigen Kultusgemeinde, und Schuldirektor Moritz Lowi in die Stadtreprasentanz ernannt. — In dieStadtrepråsentanz von LeutSchau wurden die Herren Dr. Abranyi und Oberrabbiner Dr. G. Lowy ernannt. Letzterer ist iibrigens bereits seit 18 Jahren Mitglied der Stadtreprasentanz, wo er stets wirksam fiir jildische Interessen eingetreten ist. S t u p a v a. In den hiesigen Gemeinderat wurden als Vertreter der Vereinigten jiidischen Parteien die Herren Markus Weber, Leopold Schlesinger und Alfred Hindis delegiert. Charakteristisch ist der Umstand, daB Herr Markus Weber, ein Bruder des PieStanyer Oberrabbiners, wåhrend der Parlameritswahlen als entschiedener Gegner der V. j. P. bekannt war, jetzt aber die Kandidatur und die Ernennung in den Gemeinderat als Vertreter der V. j. P. bereitwillig angenommen hat... (J. V. Z.) Vortrag Ing. Paul Heln. Gg. Ing. Paul H e i n wird, aus London zuriickgekehrt, Montag, den 16. d., um 8 Uhr abends, im „Café Margaretenhof", I. Stock, ilber die Ergebnisse der zionist. Jahreskonferenz referieren. Gåste herzl. willkommen. Besondere Einladiftigen gehen nicht aus. Parteisekretariat. Die Erfiffnung der jiidischen Welthilfskonferenz in Karlsbad. Karlsbad, 5. August. J. C. B. In Anwesenheit von 80 Delegierten, die 28 Lånder und 80 Hilfsorganisationen und Nationalrate vertreteu, wurde heute die Welthilfskonferenz von Leo M o t z k i n eroffnet. Der Pråsident der Cechoslovakischen Republik, Masaryk, sandte der Konferenz ein herzliches BegriiBungstelegramm. Von den erschienenen Delegierten hielten Simonsen, Sliosberg, Singer (Prag) und Ussischkin BegriiBungsansprachen. In das Pråsidium wurden Motzkin, Simonson, Salkind, Solowejczyk, Birnbaum, Rottenberg (America), Sliosberg, Epstein (Amerika) und Singer gewåhlt. Hierauf erstatteten Sliosberg ein Referat ilber die Lage der Juden in RuBland und Solowejczyk viber die Lage in Litauen, Tomkin iiber die ukrainischen Juden. Letzterer fiførte ein erschiitterndes Bild anhand statistischer Angaben vor Augen. 568 Ortschaften der Ukraine sind von Pogromen heimgesucht worden, bei denen 138.000 Menschen ihr Leben einbiiBten. Hiezu kommen noch die von Denikin veranstalteten 69 Progrome. Die Folge der ukrainischen Judenmetzeleien sind heute 1,200.000 Brotlose und 130.000 Waisenkinder. Karlsbad, 6. August. J. C. B. (Zweiter Tag.) Im Namen des amerikanischen Judentums, begriiBte nach Alexander Cahan (Neuyork) im Namen der Stadt Karlsbad ein Vertreter dieser Stadt die Konferenz. Hierauf wurde die Erstattung der Referate iiber die wirtschåftliche Lage der Juden in einzelnen Låndern fortgesetzt. Es sprachen Niemirower iiber Rumånien. Sluzki iiber Beflarabien und Churgin iiber WeiBruBland. Den Bericht iiber Oesterreich erstattete Frau Annita Miiller, Eisner iiber die Slovakei, Prof. Engel iiber die Cechoslovakei, Oebrrabb. Dr. Chajes iiber Ungarn u. Italien u. Dr. Kramer iiber die Bukowina. Eine Darstellung der heutigen Emigrationsfragen gab Kaufmann (Deutschland). Vor den Wahlen in die Spezialkommission erstattete der MandatsprUfungsausschuB einen Bericht, demzufolge 15 Mandate annuliert wurden. Hierauf wurde ein PermanenzauschuB, tø dem såmtliche Parteien aller Schattierungen vertreten sind, gewåhlt. Es wurde be* schlossen den gestern von Temkin erstatteten Bericht Qber die Pogrome in der Ukraina als Schwarzbuch in fiinf Sprachen herauszugeben. Die Konferenz nahm auch einen Åntrag des Oberrabbiners Chajes an, einen Protest gegen die Judenmetzeleien in der Ukraina und der Vergewaltigung der Juden Ungarns, zu V6roffentlichen. Hierauf wurden die Kommissionen ftir Emigration, soziale Flirsorge, Wiederaufbau, Finanzen und Organisation gewflhlt. Literatur. Max Brod: Sozlallsmus Im Zionlsmus. 1920. R. Lowit Verlag, Wien. — Ais einer der geistigen Fifører des Cechoslovakischen „Hapoel-Hazair** Versucht Brod die Frage des Sozialismus im Zionismvis zu losen. Ein viel erdrtertes Problem und es ist riatiirlich, daB sich Brod seirter bemåchtigt, um so mehr, als er ja fiir die sozialen Probleme eiri ofrenes Auge besitzt. DaB die heutige Wirtschaftsordnung einem Geiste, wie Max Brod nicht geniigen kann, finden wir selbstverståndlich und es verwundert uns gar nicht, daB er gerade dem Technikerphilosophen Poppe r-Lynkeus f'olgt. Ob er aber dem Lynkeus’schen Programm in seirtem Briche nicht ziiviel Raum einråumt und so den elgenen Gedankengången schadet, ist eine Frage an den Verfasser selbst. Es ist ja wahr, daB auch N e u r a t h, dem Idealstaate Lynkeus, groBe Verehrung erweist, doch bewegen ihn dazu andere Momente. Brod will eine Synthese zwischen Zionismus und Sozialismus schaffen. Besteht hier eivr Gegensatz? Theoretisch wohl nicht, wenn wir unter Soziailsmus nicht irgend eirie spezielle Lehre versteheri. Sehr interessant und beachtenswert ist Brods Aufsatz Mehr Zeit! Hier, wo er dem kaufmånnischen englischen Sprichwort". „Zeit ist Geld“ entgegentritt, zeigt sich der Meister. Mehr Zeit ruft er, mehr Zeit fiir Frauen, Mådehen, Jiinglinge, MånnerJ D i e Menschen einmal in dijese peinliciie Situation z u bringen, daB sie vor lauter Nichtstun nicht weiB, was sie tun soli, ihr diese Verantwortung fiir sich selbst allen Ernstes aufbiirden, ihr die Durchfcchnittsmelancholie ihrer Existenz vor Augen stellen, die durch .tausend Wurstelprater durchzttfilhlen sein muB, wenn es nichts mehr gibt, als Wurstelprater und keine Ausrede: „Heut’ hab’ ich mich halbtot geschunden** zur VerfUgung steht, — das ist der eigentliche Kern meines Vorschlages." Der Junge Goedeschall. Ein Pubertåtsroman von Hans Fallada, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1920. Hans Fallada behandelt im vorliegenden Romane das. von Frank Wedekind, dem gottlichen, angeschnittene Problem des „Friihlingserwachen**. Mit Gewalt, erruptiv sich geltend machend, tritt im jungen Menschen der Sexualtrieb auf; verwirrend bis zur Krankhaftigkeit und Krankheit sich entwickelnd, nach Entladung snehend. Von den Eltern nicht verstanden, von den Lehrern getadelt, kiimmert das junge Menschenpflånzlein dahin; unbewuBt zum Verbrecher werdend, disponiert får in spfiteren Jahren erst auftretenden Psychosen, die dann Psychonalytiker mit mehr oder weniger Geschicklichkeit und T*-1 durch Analyse auf die Wurzeln zuruckftihrend, hei* len sollen. Solehen Werdegang, der unabweislich zu starken neurotischen Anlagen ftihrt, schildert Fallada in packender, fesselnder Sprache. Der 16jåhrige Goedeschall, Gymnasiast, hochstrebend, vom Originalitåtswahne befangen, wie die mfeisten begabten Schuler seines Alters, wird durch die auftretende Pubertåt, — zu unser Zeit bezeichnete man diese Periode mit dem schonen Namen „Flegeljahre** — gut deutsch gesagt, ganz „aus dem Håusl gebracht**. Kommt mit Eltern, Freunden, Schule in Konflikt und kann natiirlich nur durch Selbstmord gerettet werden, der zum Gliick unterbleibt. Der Stil stark expressionistisch, Worte aneinander gereiht, die oft die Verståndlichkeit erschweren, ist trotzdem flieBend, schon, gewand. Die Handlung geschlossen, abgerundet, schlUssig. Der Eindruck tief, trotz des nicht mehr originellen Stoffes. Psychologisch gut durchdacht, in das Seelenleben der Gymnasiasten mit scharfen Licht leuchtend. Fallada wird hoffentlich auch die Kinderkrankheit des heutigen Expressionisrnus ilberwinden u. sicherlich noch Schones schaffen. „Herz stlirmt! Das hort man! Krummung um zu dampfen, Hånde auf die Brust, zu dåmpfen den Schall, Atemhalt, daB sie nichts hbrt . . . .“ (Der lunge Goedeschall betritt das Zimmer Erna’s.) „In die Kis-

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