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Jüdische Volksstimme · 1920-07-22 · Heft 30 (22.7.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 30 (22.7.1920)
Date
1920-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sftte 6 „JtTDISCffE VOLKSSTtMME" Nf. sa POLEN. Perlmutterindustrie ffir Palæstina. Vor kurzem wurde in Lodz durch eine Gruppe von Kaulleuten und Fabrikanten eine ^ktiengesellsohaft ftir Perlmutterindustrie in Palåstina gegriindet. Dieser Gesellschaft, der auch spezielle Fachleute angehoren, geiang es, die notigen Maschinen gunstig einzukaufen. Dieser Tage traf die Erlaubnis zur Ausfuhr der Maschinen ein. Im AnschluB daran beschleunigen die Griinder die Vorbereitungen, um die Fabrik schnetlstens in Gang zu setzen, die vor allem Knopfe und alle Arten von Luxusartikeln der Perlmutterindustrie fabrizieren soli. Gleichzeitig ' sollen noch einige andere, kleinere Industrien angefiigt werden, wie Fabrikation von Striimpfen, Heften und Handelsbttchern, wie auch eine Druck- und Lithographie-Anstalt. Das Aktienkapital betrågt 20,0000 Pfund. Die allgemeine Versammlung der Aktionåre soli demnåchst stattfinden. JUdlsche Gemeinderåte in Polen. Im Bulletin Nr. 3 des Zentralrates der Konferenz der jtid. Gemeinderåte in Polen werden auf Grund einer in 126 Stadten des friiheren Russisch- Polen durchgefiihrten Enquete die Zahl der Gemeincieråte wie folgt angegeben: Auf 2930 Gemeinderåte sind 1009 d. h. 34*/a Prozent Juden. Die Intensitåt des Wahlkampfes bezeugen die 311 jiid. Wahllisten gegenilber den 594 Listen die es iiberhaupt gab. In 16 Stådten waren alle jtid. Parteien in einem Block zusammengeschlossen, wahrend in 11 Stådten der Block nur die jiidischen biirgerlichen Parteien umfaBte. Zu einer Verståndigung mit den polnischen Mitblirgern kam es in 12 Stådten. Von den jiidischen Gemeinderaten sind 280 gleich 2Vk Prozent Zionisten, 169 gleich 168/» Prozent Misrachisten, 121 gleich 12 Prozent Schlome Emune Jisroel, 90 gleich 9 Prozent Bund, 79 gleich 8 Prozent Poale Zion, wåhrend der Rest auf die kleineren Parteien entfållt. LITAUEN. Jiidlsche Bank. Am 29. Juni begann die Zeichnung der Aktien der jtid. Zentralbank ftir Litauen. Das Grundkapital soli aus 3.010.0000 Mark, verteilt auf 3010 Aktien, bestehen. Hebrålsches Gymnasium. Im Herbst wird in Poniewjesch ein jiidisches Gymnasium mit hebråischér Unterrichtssprache er- Sffnet werden. RUMANIEN. Juden frage in der rumånischen Kammer. Bukarest, J. C. B. In der rtimånischen Kamme:* entspann sich anlåfllich der Rede des Deputierten Dr. Strauchen ein heftiger Wortwechsel zwischen dem Redner und den antisemitischen Deputierten. Im Verlaufe seiner Ausfiihrungen richtete Dr. Slraucher an die Regierung die Anfrage, ob ibr belcannt sei, daB die Advokatenkammer die Aufnahmt der jiidischen Rechtsanwålte B. Neutnann und Ma~ ximilian Schorrt trotz ihrer rumånischen Staatszugehorigkeit verweigert hat, ferner ob die Regienmg vom Befehle ^es Krigsministeriums Kehntnis lm såmtliche jiidische Qagisten und Soldaten von den Militarkanzleien zu entfernen. Deputierter Brestian: „Sehr gut!“ Ein anderer Zwischenruf: „Ruhe, Schande!“ Deputierter Zatnf rescu: „Bitte nicht mehr solche Zwischenrufe zu machen." GroBer Tumult. Als sich der Tumult gelegt hat setzte Dr. Straucher seine Rede fort und indem er abermals gegen die den Juden gegentiber angewendeten Willkiirakten nachdriicklichst Einspruch erhoben hat, schloB er in der Erkiarung, daB diese Praktiken gegen den von der Regierung unterzeichneten Friedensvertrag arg verstoflen. SIF.BENBCRGEN. Mlsrachl-Beweaung. Wåhrend seines Aufenthaltes in Siebenbtirgen, hielt Rabb. Dr. Schdnfeld, Mitglied der Leitung der Misrachiorganisation Mitte Juni in GroBwardein und Klausenburg in groBen Versainmlungen Reden Ube' die Palåstinafrage und legte den Grundstein zur Misrachi-Bewegung in Siebenbtirgen. jådtøcbes Spltal in Clu). Der jtid. Haudwerker und Arbeiterverband „Poale Zedek“ von Chij (Klausenburg) hat sich bereit erklfirt, mit elgenen Hånden ein iild. Spital zu erbauen und wendet sich in einem Aufruf an allé Juden Siebenbiirgens diesen Plan zu untersttitzen. Sportvereine. In beinahe jeder Stadt Siebenbiirgens haben sich jiid. Sportvereine gebildet, von denen die zwei grofi* ten „Haggibor" (Cluj) und „Samson" (Marmarossziget) sind. Aus den bisherigen Wettkåmpfen kann gt-folgert werden, daB der „Haggibor" in Bålde der bsste Sporiverein Siebenbiirgens sein wird. Am 13. Juni fand ein FuBball-Wettkampf zwischen dem ,Haggibor" und dem besten rumånischen Sportklub „Victorie" statt, der unentschieden endete. Von Woche zu Woche. Dr. Heinrich Friedjung. Nun ist auch der von uns gegangen. Ein beinahe 70jåhriger Greis. Friedjung erfreute sich in ziinftigen Historiker-Kreisen einer gewissen Beliebtheit, wenn man ihm auch den Weg zur Dozentur und somit zur akademischen Laufbahn bald abgeschnitten hat. Hans Hart im „Heiligen Feuer", beschréibt einen tiichtigen, jiidischen Historiker, der seines Judentums wegen nicht zur Dozentur gelangen konnté, man sprach von — Friedjung. Aufsehenerregend waren seine Werke: „Kampf um die Vorherrsphaft", „Krimkrieg", sein Benedekbuch, das J. S. Mach ar zu einer wunderbaren Benedekskizze bewog. Seine Geschichte „Oesterreich seit 1848“ diirfte ein Torso bleiben, ebenso sein letztes irnperialistisches Werk. Dieser gewiegte Historiker, konnte sich zeitlebens von der unfruchtbaren Assimilation nicht losmaclien, und so sah er denn auch auf das Habsburgerreich mit dep Augen eines Dualisten, wenn auch seine Studie liber den Dualismus den Exzellenzen nicht gefiel. In den Ietzten Jahrensank Friedjung zum Hofhistoriograph des Habsburger Franz Ferdinand herab. Wenn er noch dessen angebliche Slawophilie geteilt håtte, aber auch das nicht. Es wird noch erinnerlich sein, — und die liberalen Blåtter schweigen sich darob aus — daB Friedjung im sogenannten A g r a m e f HochverratsprozeB gerade keine Heldenfigur abgab. Und es war uns allen unfaflbar, wie ein Friedjung von einem Aehr e n t h a 1 so blindlings alles hinnehmen konnte. Eins håtte ihn den Historiker, der doch gewohnt ist, mit. und in Quellen zu arbeiten, zumal er doch der serbischen Sprache nicht måchtig war, stutzig machen sollen, die Stellungnahme des damaligen Abgeordneten und Prager Universitåtsprofessors Dr. Th. G. M a s a r y k, der von vornherein alle Akten flir falsch erklårte. Friedjung glaubte nicht einmal diesem Wahrheitssucher, der als Zeuge einvernommen dem osterreichischen Richter den Eid weigerte, da sein Ja — Ja wåre, sein Nein — Nein. Nach diesem klaglichen HochverratsprozeB — die Trotteln von magyarønischen Regierungskommissåren in Agram brauchten Material gegen Serben und Kroaten — ging es mit dem wissenschaftlichen Ruhme Friédjungs bergab, man traute dem Historiker nicht mehr und der Historiker traute auch der Welt weniger; verblieb aber noch immer in der Gefolgschaft der Judenliberalen. Erhob nicht einmal seine Stimme, als der ungltickliche Dr. Alter infolge seines Benedekbuches von einer gewissenlosen, antisemitischen und neurotischen Bande aus dem k. u. k. Kriegs-Archiv mit Wojnovich — und den anderen Viechern an der Spitze — in den Tod getrieben wurde — und nur deshalb, weil diesmal der Jude Dr. Alter die ganze Felonie der Habsburgerfamilie gegen Benedek aufgezeigt hatte. Dr. Heinrich Friedjung, der so gut diplomatische Noten zu lesen verstand,, hatte im jiidischen lebendigen Volke nicht zu lesen verstanden — und das war sein groøter Irrtum! Dr. Friedrich Delitzsch. Schon lange hat sich jiidisches Schrifttum mit diesem Manne nicht befaBt, so wird er denn wieder iippig. Es m6gen wohl 20 Jahre her sein, als er mit seinem Bibel- Babel und seinem Hammurabi die Augen der Welt auf sich zu lenken wuBte, und dies um so mehr, als Wilhelm IL, der doch auf allen Gebieten zu Hause war, den berUhmten Assyriologen, als den grSBten Mann seiner Zeit hingestellt hat. Damals gab ihm, der nun schon lange verstorbene Hofrat David Heinrich Muller die gebuhrende Antwort. Aber heute? Muller ist gestorben, G o 1 d z i e* her befafit sich lieber mit dem Islam, denn mit dem JudeotunuBtichier, seitdem Rektor des Rabbinerseminars in London, ist beinahe vdllig verstummt, K r a u s befindet sich im Streite wegen der Orgelfrage nun und Rektor AdoIfSchwarzder isr. theolog. Lehranstalt in Wien hat in seinem Leben dem Judentum nicht viel gegeben. So hat Delitzsch freies Spiel und kann ruhig die Bahnen de Lagardes wandeln. Denn Chamberlain ist ja jiinger. Und unter der orientalistischen Gelehrtenwelt ist de Lagarde in Bezug auf die Judenfrage, dasselbe, was Eugen Duhring den Phiiosophen bedeutet, ein Orakel. L a g a r d e sogar ein deutscher Apostel, wenn er auch seinen schonen deutschen Namen Bdtticher von Napoleon III. Gnaden in de Lagarde umtaufen liefi. Klingt wohl einem deutschen Apostel germanischer. Seine Lorbeeren scheinen Herrn Dr. Fr i e d r i c h Dei i t z s c h nicht ruhen zu Iassen. Er muB dem aufhorchenden Deutschland die „grofle Tåuschung“ vor Augen fiihren. Du meinst etwa, er wird dem deutschen Volke zeigen, wie es von Wilhelm, dem Gro- Benwahnsinnigen, dem er ja nahe stand, getåuscht wurde? Du wåhnst etwa, Delitzsch, der sich sp gerne in der Sonne des Imperators sonnte, wird endlich seinen Landsleuten und der Welt beweisen, wie klein, wie feig dieser Imperator in den Tagen der groBten Not war. Nein! Neinl Du tåuschest Dich lieber Leser! „Die groBe Tåuschung" beging Juda! Nun, wer denn sonst? DaB unsere synagogalen GesSnge in den Schwefnstall gehoren, diese Entdeckung hat ihm leider Lagarde vorweggenommen — irre ich nicht, in „Lippmann Zunz und seine Verehrer"; es kdnnte auch in „Juden und Indogermatien" stehen, so bleibt ihm denn nichts anderes ilbrig, als in Jaho einen Gotzen zu finden. Wahrlich: Difficile, satyram non scribere. Haben denn Deutschlands Gelehrte jetzt in dieser schweren Zeit, gar keine anderen Sorgen? Sollen nun B a r t e 1 s und Delitzsch die offiziellen gelehrten Vertreter Deutschlands sein? Nun ich begrUBe diese gelahrten Herren! Gegen die Ausftthrungen des neuen De-! i t z s c h é n Buches, das in der „Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart—Berlin 1920" erschienen ist, zu polemisieren, hiefie eine Apologie des Judentums schreiben, und dartiber sind wir ja heute Gott sel dank hinaus. Eine Lehre soliten aber denn doch unsere Rabbanim ,aus solehen Vorkommnissen ziehen, sich mit jildischer Wissenschaft denn doch etwas mehr z" befassen, und nicht alles dem FleiBe protestantischer Pastoren und Professoren zu tiberlassen, dann werden solche Blicher, wie sie Delitzsch schreibt, unbertlcksichtigt bleiben, vorausgesetzt daB sie ein Gebiet behandeln, auf dem er kein Starker ist. Aber so kommt es, wenn groBe Vater kleine S6hne haben. Ja aber was Franz Delitzsch vermochte, das kann Klein Friedrich noch lange nicht, wenn er auch aus dem Fr. Vorteile ziehen mochte um Viele wissen zu machen, es konnte eventuelt Franz sein. Im Qbrigen wird uns nationalftlhlenden Juden „die groBe Tåuschung" nicht tåuschen. Wir sind gewappnet, denn wir kennen Manner vom Schlage Friedrich Delitzsch und Konsorten, und scllten Juden — was nicht anzunehrhen ist — hfichstens Israeliten, glauberi, daB in Delitzsch ein Kdrnchen Wahrheit liege, so mogen sie selbst zur Bibel greifen, und sich an dem wahrhaften Gehalte clieses einzigen Buches der Welt erfrischen. Herrn Delitzsch, Chamberlain, Wichtel und Fritscb, Barteis nicht zu vergessen, mdchten wir nur zurufen: Kehren Sie vor der eigenen Tåre aus! Wir Juden werden es flir uns selbst schon besorgen! Brllnner Nachrichten. Sitzung der Israel. Kultusgemeinde am 8. Juli. Vorerst wurde die Sitzung statt um 6 UUr erst nach 7 Uhr érdffnet, weil interne Unstimmigkeiten zwischen dem Vorstand und einem Beamten herrschten. Der Pråsident, von seinem Urlaube zyitickgekehrt, sichtlich erholt, eroffnet die Sitzung und låBt das Protokoll verlesen, daB nach kleinen Berichtigungen verifiziert wurde. Hierauf erstattet Dr. Brunner seiu Rrjemt ater die neue Tempelsitze-Mieteordnung. Ein genau detailliert ausgearbeitetes Elaborat soli der bis nun herrschenden Protektion Halt gebieten les wqre schon hochste Zeit! (Anm. der Red.)]. Die Verteilung der Sitie geschieht nicht mehr durch Beamte, son-

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