Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1920)
- Date
- 1920-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE VOLKSSTIMIWE. Redaktion u. Administration: BrQnn, Krapfeng. 19. Inserate: der 6-spaltige Millimeterraum K5 —*40. Unverlangte redaktionelle BeitrXge werden nicht honoriert. Manuskripten ist RQckporto beizufOgen. -- -. —' ' ' —. .- ---1....- -. ' Jahrgang XXI. BrUnn, |4 Ttn!Æo. Nummer 26. Be zugspr else: halbjahrig. ganziahrig ....... . » 40.— Deutschdsterreich. Kronen 80.— Deutschland, ganzjahrig . . . . Mark 35.— KONGRESS der „Vereinigten |Qd. Parteien". BrUnn, 13. bis 15. Juni 1920. 1. Tag. Referat Dr. Singer. (Schlufi.) Deshalb war es notwendig, diesen KongreB einzuberufen, um diesé Exekutive mit der Autoritåt dieses Kongresses zu versehen und im Interesse der Judenschaft wirken zu lassen. Die Beschltise, die wir zu fassen haben, werden noch formuliert dem Kongresse vorgelegt werden. In unserem Memorandum hatten wk verlangt, daB § 40 des Entwurfes entfallen soli, daB hiefle also, daB die Wahl allgemein durchgefiihrt wird. Wir haben auch. in diesem Memorandum vorgeschlagen, daB § 40 gestrichen werde. Man hat uns eingewendet, da konnten sich verschiedene Parteien von Hausmeistern und Gewerbetreibenden bilden und der Staat hatte dann eigentlich ein zerstiickeltes Parlament. Ich håbe geantwortet, daB wenn tatsachlich diese Hausmeister und Gewerbetreibenden eine solche Partei sind, ihnen mit Recht eine Vertretung im Parlament zusteht. Aber abge-j sehen davon, daB er sich doch, nachdem diese Fåile nicht praktisch sind, gegen die Judenschaft wendet, da ja die Juden meistens im ganzen Staat zerstreut leben. Und wir konnen uns dieses durchaus nicht gefallen lassen, daB wir bei den Staatsgeschåften und bei der Staatsverwaltung ausgeschaltet werden. Wir haben einen Eventualantrag gestellt, nachdem wir als Realpolitiker rechnen muBten, daB die Streichung des § 40 nicht durchgefåhrt werden konnte. Damit uns nicht eingewendet werden kann, daB sich kleine Parteien bilden konnten, håbe ich vorgeschlagen, daB jene Partei ins zweite Skrutinium kommt, die im ganzen Staate wenigstens 50.000 Stimmen aufgebracht hat. Und ich kann ihnen sagen, der Pråsident ist diesem zweiten Vorschlag geneigt und ich hoffe, wenn der KongreB eine diesbezugliche Resolution beschliefit und sie der Regierung von hier aus schicken wird, daB wir vielleicht dieser unser Postulat durchbringen werden und ich bin ttberzeugt, daB wir damit unser Auskommen får die Zukunft finden werden und es wåre noch zu beriicksichtigen, daB wir auch bei diesen ersten Wahlen das Recht hatten, daB ein Kreis, wo wirklich eine groBe Anzahl von Juden wohnt, und zwar Russokarpatien, nicht mitgewåhlt hat, daB die Wahl dort erst spåter stattfinden wird und daB eine Bestimmung im Wahlgesetz vorhanden ist, die sagt, daB bei diesen ersten Wahlen der Ausgang der Wahlen in der russokarpat. Gegend keinen EinfluB auf die festgesetzte Mandatszahl hat. Wenn wir dort einen Abgeordneten bekftmen, daB das noch beritcksichtigt wiirde. Wir miissen jedanfalls trachten, daB diese Aenderung bald stattfindet. Es wurde mir gesagt: „Warten Sie, wir kénnen die im Mårz beschlossene Verfassung nicht andern". Sie fiirchten sich, diese Verfassung anzutasten und es ist klar, daB von anderen Parteien diesbeztigliche Antrage werden gestellt und gestiitzt werden, so u«.. . .'canderungen werden getan mtissen und wir werden unsererseits diese Postulate durchzubringen haben, weil wir nicht wissen kdnnen, wann die nåchste Wahl stat finden wird. Nun aber, meine Øamen und Herren! wdre die Aufgabe dieses Kongresses nicht erschdpft, wenn wir uns nur auf den Protest und dieses Postulat beschrånken wollten, sondern wir haben noch andere wichtige Dinge zu besprechen. Wir mflssen einen Riiekblick-auf Vergangenheit werfen und von der Gegenwart nnd Zukunft einige Worte sagen. Wenrt ich von der 'latigkeit des Nationalrates spreche, mdchte ich sagen: Die Tatigkeit des Jttdischen Nationalrates zerfailt in zwei Teile, in einen positiven und einen mehr negativen, der letztere bezieht sich auf die Abwehr gegen Angriffe auf das Judentum, gegen den Antisemitismus. Die negative Arbeit hat den J. N. R. wegen der traurigen Verhaitnisse in dieser Hinsicht mehr in Anspruch genommen als der positive Teil. Wir hatten eine ungeheure Anzahl von Eingaben und Memoranden zu verfertigen, Mitglieder von Korperschaften und Sekretare zu bestiirmen und es gibt keine offizielle Stelle des Staates, wo wir nicht interveniert hatten. Es ist nicht moglich, von allen Interventionen zu sprechen, ich håbe mir jedoch einige kurze Notizen gemacht, um ihnen an einigen Beispielen zu zeigen, auf welche Gebiete sich diese Interventionen manchmal erstreckten. In Schulfragen, wegen Vortragen aufreizénden Inhalts, die dem Militar gehalten wurden, Eingaben wegen Nominierung von Referenten, die nicht berufen \vr ren, unsere Sache zu regeln, wegen Anerkennung der bestehenden Schulen, Bedrohung der Schulen, wegen Pliinder ungen, Prager Exzesse, Transporte von Waisenkindern, beim Minister fiir soziale Fursorge wegen Lehrlingen, beim Finanzminister wegen Konkursen, die dffentlich ausgeschrieben und wo der Taufschein verlangt wurde, beim Ernåhrirngsminister wegen Zuweisung von Mazzoth. Ferner wegen des Unrechtes, das jild. Beamten zugefiigt wurde, wegen Nichtannahme von jiid. Auskultanten, wegen der sehr bedrohten Judenschaft der Siovakei, wegen Verletzung der Sabbathruhe, wegen des Befehls des Kommandos des 107. Rgts., in welchem den Soldaten verboten wurde, jttdische Gasthauser zu besuchen. Wir' protestierten gegen Ausweisungen und Judenhetzen, wegen Nichterteilung von Lizenzen, Streichiing von hebråischen Worten in unserer Presse, wegen unzulånglicher Renumerationen an jUd. Lehrer, wegen Einstellung des Religionsunterrichtes. Beim Minist. fiir nationale Verteidigung wegen Verletzung iudischer BUrger durch Offiziere. Sehr viel hat uns die FlUchtlingsfrage beschaftigt, viele Gruppen haben sich mit dieser brennenden Frage beschaftigt. Es sei mir gestattet, einen kurzen Bericht uber den heutigen Stand der Sache zu geben. Die Hilfsstelle flir Fliichtlingsangelegenheiten wurde am 29. X. 1918 erdffnet Denn damals war es am gefåhrlichsten. Sie hatte die j Aufgabe des Rechtsschutzes, Unterstiitzung und Re- I patriierung. Die Hilfsstelle flir Kriegsfliichtlinge wurde am 29. Oktober 1918 eroffnet und iibernahm folgende Auf gaben: 1. Rechtsschutz; 3. Unterstiitzung der FHichtlinge. 2. Repatriierung; . a? Øer Bescfi&ff’HeT Mlnisferfum' lØlJéjscnT- 4*s*&a*f*£ ber 1918, die Fluchtlingstransporte bis zum Friihjahr 1919 einzustellen, gab der Hilfsstelle erst die Mdglichkeit, die Regelung der gesam ten Fliichtlingsfrage in die Wege zu leiten. In ununterbrochenen Interventionen, Memoranden, Spezialeingaben wurde auf die flngeklarte politische Lage in den nordlichen Kriegsgebieten verwiesen und die Notwendigkeit dargetan, den Fliichtlingen das weitere Verbleiben im Cechoslovakischen Staate auch weiterhin zu gewåhren. Verhandlungen in Prag, Briinn, Bratislava hatten gu ten Erfolg; dagegen wurde die gunstige Erledigung der Ansuchen durch Interpellationen in der Nationalversammlung, durch gericht- - liche Erhebungen und lokalpolitische Ereignisse aufgehalten, sodaB der groBte Teil der Fluchtlinge das Staatsgebiet verlassen rnuBte. Im Juni 1919 setzte die groBe Repatriieruugsarbeit ein. Sie wurde im Herbst und Winter notwendigerweise unterbrochen und findet gegenwårtig ihren AbschluB. .Bis zum 1. Juni 1920 wurden in ca. 200 Transporten 7000 Personen heimbefdrdert. Die klaglose Abwicklung ist nicht in letzter Linie dem Entgegenkommen des Eisenbahnministeriums und des Finanzministeriums zu verdanken. Die konsularischen Aemter der Heiinatstaaten waren an der Erledigung der Aufgabe nur in der Weise beteiligt, daB sie fiir die Ausstellung eines jeden Reisepapieres die unverminderte Gebiihr einhoben. Die Leitung der Hilfsstelle war unablassig bemuht, moglichst vielen Personen zeitweilige Aufenthaltsbewilligungen zu ver-schaffeu, um in der Heimkchraktion keine Ueberstiirzung eintreten zu lassen, nicht zumindest aber aus dem Grunde, um einer groBeren Zahl von Fliichtlingen Einbiirgerung zu ermoglichen. Im Ganzen wurden 1400 Gesuche iibernommen, begiitachtet und weitergeleitet; mehr als 80 Prozent dieser Gesuche fanden eine gunstige Erledigung. Die Frage der Unterstiitzung der in der Cechoslovakei weiienden FHichtlinge bildete eine Hauptsorge der Hilfsstelle. Durch Herrn Alsberg aus Newyork wurde ein Hilfskomitee b^nindet regelmaflige Untersliitzungen zur Verteilung brachte. Das amerikanische Hilfskomitee in Wien iibe.*- nahm im Mai 1919 die Verwaltung des Barakenlagers Nikolsburg.