Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1920)
- Date
- 1920-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE VOLKSSTIMME. Bezugspr eiset halbjahrig ..K5 21.- ganzjåhrig ......... 40.— DeutschSsterreich.Kronen 80.— Deutschland, ganzjfihrlg .... Mark 35.— __ irM Redaktion n. Administration: Brflnn, Krapfeng. 19. Inserate: der 6-spaltlge Mlllimeterraum K6 —40. Unverlangte redaktionelle Beitrflge werden nicht honoriert. Manuskripten Ist Rfickporto beizufOgen. - —:---» ~ .. .. Jahrgang XXI. Brilnn, '«■ V.mM2««®. Hummer 29. Zlonistlsche Jahreskonferenz, Bewegte Scenen kennzeichnen die Erfiffnungs* sitzung vom Mittwoch. Die Jahreskonferenz, welche in der Memorial Hall stattfindet, ist von iiber 270 Delegierten besiicht. Zum Prftsidenten der Konferenz wurde Brandeis gewahlt; das EhrenprSsidium hat Nordau inne; die tlbrigen Mitglieder des Prfisidiums sind: Ussischkin, Rothschild, Ffirbstein, Thon, Alenikov, Temkin, Yellin, Klee, Robinson. Vizeprftsident Sokolov erOffnete die Sitzung und erklårte, daB die Zukunft der ganzen Bewegung vom •Ergebnisse der Diskussionen dieser Konferenz abhfinge. Weizmann sagte, daB er binnén zweier Jahre den Erfolg unserer Arbeit in PalSstina erwarte. Es wiirde weder eine britische noch eipe andere Anleihe notwendig sein. Die ICA werde die Entwicklung des Aufbaus unterstiltzen. Er verlangte die Befreiung Jabotinskys und die Weiterbelassung der jUdischen Regimenter in Palæstina. Brandeis meinte, dieA^Æbsnseien schwer, kdnntep jédoch getøst werden. Die Zeit der Tat sei gekommen. Jeder Jude miisse seinen Teil beitragen. Nordau erinnerte an Herzls ersten Ausspruch vom jUdischen Staat, welche Hoffnung werde nunmehr Tatsache werden. Ussischkin forderte die Summe von 4 Millionen Pfund Sterling, fiir das erste Jahr, flir welche 3000 bis 5000 Menschen angesiedelt werden konnten. — Naiditsch verlangt 25 Millionen Pf. St. ftlr. den Palåstinaaufbaufonds. — Julius Simon legt einen Plan fiir Bodenerwerb, Bew&sserung, Aufforstung und den Aufbau von 2000 Håusern und Kredit fiir kooperative Gesellschaften. FEUILIET0N. Entwicklung und Niedergang der mShrischen Judengemeinden. Von Dr. Theodor Haas. I. Die Judenschaft Mdhrens bildete von altersher ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Unter Kaiser Karl Vi. wurde die Hochstzahl der im Lande systemisierten Familien auf 5106 festgesetzt, und die Errichtung eigener Judenviertel verfiigt, indem alle nahe den Kirchen gelegenen Judenhåuser und Synagogen ttbersetzt, und fiir christliche Håuser ausgewechselt wurden. Unter Kaiser Josef II. wurde die Anzahl der tolerierten Judenfamiiien von 5106 anf 5400 erhdhi, Und durch ein Patent Kaiser Franz II. aus dem Jahre 1798 wurden 52 Judengemeinden geschhffen, meist in Stadten, in welchen die Juden bereits lange vorher, zum Teil durch Jahrhunderte, gewohnt hatten, ihre elgenen religiosen Institutionen besaBen, wie Tempel, Sschulen und Friedhdfe, ferner in mehreren kleinen Gemeinden um Iglau und Znaim, in welchen die Juden bei Vertreibung aus diesen Stadten, so wie ays Niederdsterreich (1670) sich niedergelassea hatten* Die „koniglichen" Stadte Brttnn, Olmiitz, Iglau, Znaim und Ung.-Hradisch blieben den Juden verschlossen, auch das deutsche Nordmahrei war nahezu iudenrein, und in dem aø Ungarn angrenzen- Die Debatte iiber den Aufbauplan wird am folgenden Tage eroffnet werden. Wahrend der ganzen Sitzung herrschte groBer Enthusiasmus. Die Rede von Sokolow, Weizmann und Ussischkin. Nahum Sokolow eroffnete die Konferenz mit einer hebraischen Ansprache. Er begriiBte die Delegierten, die nach einer langen, finsteren Nacht von Leiden und Marter wieder zusammengetreten sind. Sie stehen jetzt wieder einmal unter der zionistischen Fahne. Die Lage ist noch nicht ganz normal, aber er hoffe, daB man in der ndchsten Zukunft den WeltkongreB werde zusammenrufen konnen. Vor 20 Jahren — sagt der Redner —haben wir hier in London den vierten zionistischen KongreB abgehalten, als unser verstorbener Fiihrer Dr. Herzl (Alle erheben sich) in seiner Erdffnungsrede darauf hingewiesen hat, welche Dienste England uns erweisen kann. Sein Traum ist in Erfiillung gegangen. London ist jetzt ein Zentrum der zionistischen Arbfcit fiir Erez Israel und Englgnd hilft uns, unsere Ideale zu verwirklichen. Eine bétie Epocfre mt fttr uns angebrochen. Wir Zionisten haben nie gezweifelt, daB in der jétzigéji Zeit, wo die geographische Karte der Welt einer derartigen Umgestaltung unterliegt, auch die gerechten Forderungen des jUdischen Volkes in Bezug auf Erez Israel berUcksichtigt werden mUssen. Jetzt kommt die Zeit von Arbeit. Dje L8sung der PalUstina-Frage liegt jetzt ausschlieBlich in unserer Hånd. In unserer Hånd liegen jetzt alle Hoffnungen unseres Volkes. Als wir von der Welt die RUckgabe unseres Landes gefordert haben, haben wir es stets betont, daB wir auch fahig sind das Land auszubauen. Jetzt mussen wir es durch Taten beweisen. Wir rufen jetzt alle Juden die iiber die den Karpathengebiete bildeten Ung.-Brod und Holleschau die am weitesten vorgeschobenen Posten. Die groBte Anzahl der systemisierten Judenfamiiien besaBen die Stadte Nikolsburg, ProBnitz, Boskowitz und Holleschau. Auch auBerhalb der 52 Judengemeinden wohnten Juden zerstreut auf dem Lande, auf Grjjjjd besonderer behordlicher Bewilligupgen, meist als „Randare**, Pachter herrscbaftliqher Brantweinsehenken, von Mauten, Brauhausern usw. Diese Juden behielten ihre ZustSndigkeit in ihrer Heimatsgemeinde, wurden auch bei Besetzung der- Familienstellen den dortselbst wohnhaften Juden zugezahlt. Die Aufenthaltsbewilligung wurde gewdhnlich nur im Zusammenhange und auf die Dauer der gewerblichen Berechtigung erteilt, erlosch sohin mit dem Wegfall derselben, falis nicht, wie dies vielfach erfolgte, die Pachtung von Vater auf den Sohn iiberging, sodaB bereits zu jener Zeit minche Familie durch Generationen in einer Landgemeinde wohrtte. , i* II. # Eine bedeutende Umgestaltung erfuhren die Wohnve.rhaitnisse der mahr. Judenschaft, wie des ehemaligen Os’lerreichischen Kaiserstaates Uberhaupt, durch die Umwaizungen des Jahres 1848. Die $prengung des absolutistischen Regierungssystems durch die Marzrevolution in Wien, an welcher viele in Mahren gebUrtige Juden hervorragenden Anteil hatten, verschaffte auch auf kirchlich-religiOsem Ge* biete freieren Anschauungen Geltung, und bescitigte die fiir die luden bis dahin bestandenen Beschraukungen bezOglich der Freiziigigkeit. ganze Welt zerstreut sind, auf, dafi sie bei der Errichtung des jUdischen Baues mit uns mltarbeiten sollen. Wir sind Uberzeugt, dafi das Volk sowohl die geistigen wie auch die materiellen Krafte dazu besitzt. Diese Versammlung muB , den Grundstein fUr diesen groBen Bau legen. Die Konferenz wird sich mit allen Fragen des Wiederaufbaues beschaftigen mUssen. Wir dUrfen vor dieser grofien Verantwortung, die wir tragen, nicht zurUckschrecken. Wenn es uns gelungen Ist die Arbeit auf das jetzlge Niveau zu bringen, so werden wir auch im Stande sein sie vollauf durchzufUhren. Herr Sokolow drUckt der englischen Regier ung fUr die MandatsUbernahme den Dank aus. Er dankt auch Frankreich, Amerika und Italien und insbesondere der englischen Arbeiterschaft, die ihre erhabene Pflicht érfUllt haben. Aber der gr6Bte Dank — filhrte der Redner aus — gebUhrt dem jUdischen Volke, daB. sich in den letzten Jahrén vortrefflich bewahrt håbe. Wir haben in den letzten< Jahren sovlel gelitten, Svie' wir in der ganzen Yergangehhelt} wShren^ vféler ' Generationen, nicht gelitten haben. Das schmerzenrelche Klagelied unsere MUrtyrer in der Ukraine'(Alle erheben sich) ist noch nicht geschaffen worden. Haman und Nero waren die reinste Tugend im Vergleich mit diesen wilden Tieren in Menschengestalt, die unser Blut getrunken haben. Diese HyUnen haben jedes menschliche GefUhl abgestreift und weder Greise noch schwache Frauen und kleine Kinder geschont. Unsere bchdnen Gemeinden, die sich durch Moral, Arbeit, WohltUtigkeit, Keuschheit, Ehrenhaftigkeit und Traditionen auszeichneten, wurden g&nzlich zerstfirt und ein herzzerreiBender Ruf um Rache dringt bis zum Himmel. Wir sind aber weit davon entfernt die Fahne der Rache zu erheben. Die TrU- Dieses Recht der Freiztigigkeit wurde sogar ausdrUcklich beibehalten, als die meisten Ubrigen Errungenschaften der Revolution durch die kurz darauf einsetzende Reaktion rUckgångig gemacht wurden. Aber von den kdniglichen Stad ten, in welche sich die Juden nach. Oeffnung der Ghettotore In grofien Massen ergossen, wurden rasch die alten Priviligien hervorgeholt, auf Grund welcherden Juden der Auf* enthalt dortselbst nicht gestattet war. Durch den AbschluB des Konkordates (1856; verschlimmerten sich die Verhfiltnisse der Juden in Bezug auf ihre Rechtsstellung, und die mahriscbc Statthalterel wollte In einem Ober eine an sie ergangene Anfrage abgegebenen Votum von einer Gleichberechtigung der Juden nlchts wissen. Aber die reaktionfiren Verffigungen liefien sich auf die Dauer nicht aufrecht erhalten, ein freierer Geist war bereits in die Welt gezogen, und dieser konnte auch vor den 'Juden nicht Halt machen. Nach dem Zusammenbruche der Reaktion und des Åbsolutismus auf den italienischen Schlachtfeldern des Jahres 1859 gelangte wieder eine freiheitlichere Strfimung zum Durchbruche, die Rechtsbeschrfinkungen der Juden wurden wieder aufgehoben, insbesondere auch die BeschrSnkung bezUglich ilirer Wohnrechte; Es wurde ihnen der Aufentbalt auf dem flachen Lande und der Erwerb unbeweglicher Gttter gestattet, und durch das Staatsgrundgesetz vom Jahre 1867 erfolgte die endgiltige Deklarierung der Freiziigigkeit und des Rechtes der Staatsbiirger zum freien Aufenthalte innerhalb des ganzen Staatsgebletes. Die Juden Mkhrens machten vom Rechte der PV DtM«itb$t mtbeint > „fitcklt 3MUcb« U«lk$fcal«<ler“.