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Jüdische Volksstimme · 1920-06-02 · Heft 22-23 (2.6.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 22-23 (2.6.1920)
Date
1920-06-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JODISCHE VOLKSSTIMME Bezagspr clse: halbjahrl« ....... . C. K 20.- ganzlåhri«.. 40.— DeutschOsterrelch. Kronen 50.— Deutschland, ganzjShrig .... . Mark 25.— Redaktion u. Administration: Brflnn, Krapfeng. 19. Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Lelpzlg. tnserate: der 6-spaItlge Milimeterraum C. K — *30. Unverlangte redaktionelle Beitrfige werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rfickporto belzuftlgen. Jahrgang XXI. Briinn, 2 Juni 1920. 10 Sl«r«n 5600 Nummer 22-23. WF* Die zionistische Jahreskonferenz, welche am 4. Juli fUr Karlsbad einberufen war, wird in London atattfinden. *^pe Die heutlge Nummer erieheint all Doppalitummer, da die leize Nummer wegen allgemelner Lohndiffertnzen In den Diuokerelen nicht ereehelnen kornet .i i. * i ' ~ sars' >'■ "■■* 111 " —■* ■ i Der zweite KongreB der Sechoslovakischen Juden. (Brflnn 13.—16. Juni 1920.) Der JUdische Nationalrat flir die Cechoslovakei beruft fiir den 14. und 15. Juni den zweiten KongreB der Cechoslovakischen Judenschaft nach Brflnn ein. Der KongreB wird bereits am Sonntag, 13. Juni, abends, durch Vorkonferenzen eingeleitet. Der erste Jftdische NationalkongreB in der Cechoslovakei fand amt 4., 5. und A Jånner 1919 in Pra« statt. Er war einfr grofiartige Manifestation des elnheitlichen Willens der Judenheit dieses Staates und r.lcht zum wenigsten auf diesen wohlgelungenen KongieB ist es zurilckzufilhren, daB der« Prager Jiidische Nationalrat, auf diese Willenskundgebung gestiitzt, in der darauf folgenden Zeit eine erfolgreiche politische Arbeit einleiten, die offizielie Anerkennung der jiidischen Nationalitet durchsetzen und auf zahlreichen Qebieten (Schuie, Fliichtlinge, Kriegsgefangenenaktion usw.) wirksame Schritte unternehmen konnte. Am dritten Sitzungstage nahm der erste NationalkongreB ilber, Antrag Dr. Melssner (Olmiltz) følgende Resolution einstimmig an: „Der NationalkongreB beschliefit, dem Jiidlschen Nationalrate und Seinen Vorsitzenden den besten Dank und das Vertrauen auszusprechen und billigt sein bisheriges Vorge- FEUILLET0N. F. RICH. HEINSCHEL: SchmBle. (Fortsetzung.) Im Winter ging er um halb 6 Uhr morgens — im Sommer noch viel friiher — mit seinem Semmelkorbe zu den Schnapsschflnken und zu einzelnen Privatkunden und brachte ihnen das frische Gebflck ins Haus. Die Frtihaufsteher harrten seiner schon, kiindigte er'ja sein Herannahen schon aus der Ferne an; er pfiff sein Liedchen, das bei der Stille, welche um jene Stunde noch in W. herrschte, um so deutlicher vernommen wurde. Hier wurde eine Tflre, dort em Fenster gedffnet; SchmBle gab seine Semmel ab und trollte weiter. Es war ja kein leichter Dienst, derin er muBte auch bei unwirtlichem Wetter seinen beschwerlichen Qang durch das Stfldtchen machen, seine gute Laune half ihm dartiber hinweg. Nur bel einem Hause hatte sein Signal keinen Erfolg, bei der schwerhdrigen Milly in unserer Nachbarschaft. Dort bearbeitete er die Tflre mit den Fflusten und schrie durchs Schlflsselloch: „Milly-torisch machen sie auf“, oder auch sie tdrisches Frflulein, hSren sie denn heute gar nichtsl Zuweilen muBte er bei Frflulein Milly unverrichteter Dinge abziehen, doch er hatte damit einen anderen Zweck erreicbt; die ganze Nachbarschaft war allarmtert. len. Er beståtigt den Jiidischen Nationalrat in seiner gegenwflrtlgen provisorischen Zusammensetzung und crteilt ihm das Recht, gemflB den jeweiligen Zeitverhåltnissen neue Mitglieder zu kooptieren.“ — Ein Enatermin des Provisoriums war in diesem Besehlusse nicht angegeben. Doch galt es als stillschweigende und spater auch offiziell bekrflftigte VoraUssetzung, daB der Nationalrat, der heute noch?us Delegierten der in ihm vertretenen Kbrperschaften Und Parteien besteht, durch eirie gewåhlte Verti eumg der Cechoslpvakischen judenheit ersetzt werden mflBte, sobald die Mfiglichkeit demokratisrher Wahien gegeben wdfe. Im gegenw&rtigerr Zeitpunkt hat sich zum erstenmal eine solche M&gljchkeit gezeigt und es ist selbstverstandlich, daB sje yen den demokratisch fiihlenden Juden. stj5hen hinterdem Nationalrat) mit ••^ifrmjBqnalrat felne definitive Gestalt zu geben. — Anlflfllich der allgemeinen Wahien ins Parlament haben unter der Parole „Erhaltung des Judentums, Qlaube an seine Zukunft“ B0.000 jiidische Wåhler auf die jiidischen Listen fiir das Abgeordnetenhaus und 60.000 auf die jiidischen Senatslisten gestimmt. Diese imposanten Ziffern, dieven groBen Erfolg, der ein Erfolg bleibt, auch wenn er nicht zu einem Mandat gefiihrt hat, der von allen auch als Erfolg gewertet wird, nur von den jiidischen Assimilanten (wenigsteris nach aufienhin) nicht, da sie ja kein anderes Interesse haben, als die Verungllmpfung unserer Arbeit und Geschlossenheit — diesen Erfolg wollen wir nun aus einem Papier-Erfolg in die belebende Tat umsetzen. Welches ist sein eigentlicher Sinn? 80.000 (bezw. 60.000) Juden haben •‘n staatlich sanktionierter Form erkllirt, daB sie jei:en Mflnnern und Frauen, die auf den jiidischen Listen W hatte zu jener Zeit noch eine schleehte Stra- Benbeleuchtung und die Petroleumiampchen, die nachts brannten, waren um Mitternacht schon erloschen; am frtihen Morgen herrschte zumeist ågypiische Finsternis. Eine Laterne wurde ihm nicht. beigestellt; das Gltick lieB ihm eine solche aufleuchten, Er kam in friiher Stunde zu Reb Berl Griin, in d?r Kliche stand eine brennende Laterne, die Hausleute schliefen noch, die Magd war im letzten Zimmer und bevor diese kam, war Schmiile mit der Laterne versrhwunden. Nach einer halben Stunde brachte Schmiile die Semmeln, die verlOschte Laterne, lieB er in einem Winkel im Hofe stehen, um sie beim V/eggehen wieder an sich zu nehmen und wShrend des ganzen Winters zu beniitzen. Beim Pessach- Reinmachen fand Frau Griin die Laterne in einem Winkel — Schmiile hatte diese tags vorher zuriickgelassen — und konnte sich nicht erkl&ren, wieso es mflglich war, daB sie durch Monate das Vorhandensqin der Laterne, nicht bemerkte, deren Fehlen so viel VerdruB nach sich zog und den braven Pienstboten zum Ktindigen des Postens veranlaBt hatte. Im Hause meiner Eltern hatte man Schmiile lieb gewonnen, er war klug, sehr anstellig und machte gute Fortscbritte. Unsere Dienstmagd Marie aber hatte an Schmiile einen Narren gefressén — sie waren Lapdsleute und standen auf dem DufuBe — trotzdera er sie oft zur Zielscheibe seines Spottes erwfthlte; sie verzleh ihm alles und hielt ihm die Stange. Er erzflhlte der Marie die Neuigkelten und wenn der Republik als Kandidaten fungierten, ihr Vertrauen schenken. 80.000 Juden haben ihre Kandidaten gewahlt, wenn auch nicht erwahlt. Hat auch clie WillensfiuBerung der 80.000 nicht zu Mandaten gefiihrt, so bleibt sie doch eine absolut zweifelsfreie Willenserklfirung. — Es ist nun von verschiedenen Seiten die Anregung gemacht worden, die jiidischen Kandidaten, die auf unseren Listen standen, ferner Jie BevoIImflchtigten- und deren Stellvertreter auf diesen Listen, sowie Delegierte der im Nationalrat vertretenen Korperschaften und Parteien zu einem KongreB zusammenzurufen und von dieser Versammhmg, die vom Vertrauen der jiidischen Wflhlerschaft getragen ist, den „Jiidischen Nationalrat fiir die dcchoslovakische Republik" als Vertretung der Juden neu und definitiv (bis -zu den nåchsten allgemeinen Parlamentswahlen) erwahlen zu lassen. Der. .Nationalrat hat' diese Anregung gem aufgegriffen, in Prasidialsitzungen und im Einvernehmen mit auswartigen Mitgliedern sorgfåltig durcliberaten und ein KongreBstatut .ausgearbeitet. — Dies die Vorgeschiclite des zweiten jiidischen Nationalkongresses. An diesem konstituierenden KongreB, der die definitiven Grundlagen fur die Vertretung der Judenschaft dieses Staates schaffen wird, nehmen teil: 1. alle Kandidaten, die auf den Listen der „Vereinigien jiidischen Parteien" (fiir Abgcordnetenkamrner nnd Senat) genannt waren; 2. alle Bevollmachtigten und deren Stellvertreter, die in den einzelnen Walilkreisen nominiert waren; 3. je fiinf Delegierte der «-irei zionistischen Distrikts-(bezw. Exekutiv-)Komitees, der Landesverbånde der Kultusgemeinden fiir MShren und Schlesien, des Jiidischen Landesvolksrates fiir Mflliren, des Volksverbandes fiir die Slovakei, der orthodoxen Organisation „Sinai" und der es auch faustdicke Lugen waren, sie horte ihm andiichtig zu, wflhrend die andern Zuhorer herzlich lachten. „WeiBt Marie", erzflhlte er einma|, „heute haben sie den blinden Peter, den Werkelmaim, du kennst ihn ja, eingenaht."7) „So, den armen Kerl, warum den", fragte Marie, „na, er hatt beim Café Mocca in die Fenster geschaut unj als Kibitz das Spiel vérraten." „Geschieht ihm recht, dem gemeinen Kerl", replizierté Marie. Zum Nikolofeste veranlaBte er Marie die Schuhe zum Hoffenster zu stellen, weil ihr die Gesellen was einlegen mochfen. Marie stellte ihre Schuhe vor’s Fenster, fand auch am Morgen in Seidenpapier gehiillte Platzchen, welcher Provenienz diese waren, hat Marie nie verraten. An einem Donnerstage kam Marie vom Wocherimarkte nach Hause und sagte zu Schtniile: „WeiBt, Schmiile, heute hat mir der junge Weinstein am^Wochenrharkte aiif den FuB getreten. und hat dann'zu mir „pardon" gesagt. Was ist derin d^s Pardon." „So, pardon hat er dir gesagt, das' ist aber eine Frechheit. WeiBt, Marie, was pardon heifit, das ist so viel als . . . dabei tat er den klassischen Ausspruch des Gotz von Berlichingen.; Marie war eine impulsive Natur, sie lief schnurstarks wieder auf den Markt, trat dém jungen Weinstein entgegen und rief iim bebend vor Zorn zu: „Sie gemeiner, miserabliger Mensch, erst treten sie mir auf den FuB und dann 7) eingesperrt.

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