Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seittt O sats a.u ..4X.M.jwrvaLjiav,ea—e ajOMSCRE TOLKSSTMUH!." RSByMWWRB^Mea——agBBBagg... i.:m= Nf. 12. Kultusgemeindewahlen der gewesene Stad trat L n s t i g. Herr Lustig ist ein ehrenwerter Mann. E« ist eigentiich gegen uns nie so recht hervorgetreten, und wir hielten ihn fiir einen Mann der Kultur, von dem wir Zionisten viel lernen konnten. Nun sind wir aber eines besseren belehrt worden. Den Einsichtigen ist es klar, dafi alle Menschen, die Neurotiker sind, die etwas auf dem Gewissen haben, dieses ihr Gewissen, ihre geheime Schuld, dadurch rein waschen wollen, daB sie auf die Juden schimpfen, oder * dreinschlagen. Wir Juden und Zionisten sind die Merksteine der Kultur. Wenn Herr L us t i g, coram publico, in Anwesenheit von Damen und Herren erklårt, weil ein Zionist mit einer I^atio- ' nalfondsbiichse im Vorhause des Wahllokales steht „Ich sch-ihnen herein!44, so hat dieser Herr das Recht verwirkt, uns Zionisten Kultur abzusprechen. Denn so hat sich von uns noch keiner benommen! Und die Herren mogen nun drohen und schimpfen; mdgen von „Lebensart44 sprechen soviel sle wollen, sie sind doch fiir uns abgetan. Wenn das Kultur ist, wahrlich, dann halte ich mich an irgendeinen Butikenhausknecht, der wird sie mich auch nicht schlechter lehren, denn ein Herr Lustig. Wenn ich ein Deutscher w&re, ich wiirde mich auf das entschiedenste dagegen verwahren, vom Herrn L u s t i g reprdsetiert zu werden. „Wenn man den Russen kratzt, kommt der Kosak zum Vorschein“, oder wie wir Måhrer zu sagen pilegen: „Dem IJanaken steckt stetS das Stroh zum Stiefel heraus!" Deutschland. Rasch kam der Umsturz. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft die Nachricht ein, daB Berlin ein monarchistisches Regime iiber Nacht bekommen hat. „Gestern noch auf stolzen Rossen!" Was steht bevor? Sind die jetzigen ' Machthaber nur Platzhalter fiir eine neue Hohenzollern-Dynastie?' Soli wieder Militarismus und Imperialismus die Oberhand gewinnen? Die nåchste Entwicklung dtirfte eine Militærdiktatur bringen. Es scheint der Entente doch zu passen, daB an Stelle der Republiken Monarchien éntstehen. Nach Ungarn kommt Deutschland daran. Vorlåufig steht an der Spitze Deutschlands ein General. Wird dieser ein General Monk werden? Die Kontrerevolution bringt , Terror und BlutvergieBen mit sich. Es ist schade ' um ein Land, das soviel erdulden muBte, daB es wiederum vor neuen Umwålzungen steht. Die wirtschaftliche Not ist zu groB, als daB sie ertragen wert den konnte. So wende man sich flehend, zit der Hånd; die Rettung verheiBen konnte. Dr. F e d e r n hat in seiner Broschiire, „Die vaterlose Gesellschaft“ das Problem der Monarchie und Republik vom psychoanalytischen Aspekte 'aus erfaBt. Das Volk sehn' sich nach einem Vater! MuB es ein Monarch sein? Ist selbst im deutschen Volke, das die Freiheit gepachtet zu haben glaubte, die Sehnsucht nach dem Kaiser so stark vorhanden? Fast scheint es so. Nicht an der Regierungsform liegt es, sondern am System. Der alte Republikaner Samuel hat schon das jiidische Volk vor einem Herrscher gewarnt. Auch damals vergeblich. Noch ist es nicht geklårt, ob des Volkes Wille Urheber des Berliner Putsches war. Wenn ja, dann hat alles andere zu schweigen. Literatur. Dr. Nathan Birnbaum: „Um die Ewlg. keW.“ Jiidische Essays 1920. Welt-Verlag, Berlin. Ich sah Nathan Birnbaum -(Matthias Acher) das letztemal, als seine Sohne eben mit einer Marschkompagnie ins Feid abgegangen waren. Erl præsidierte dem Binbaumtische irfi „Café Central4* in Wien. Aufrecht saB er» Bart und Haar waren etwas grauer geworden, das Auge blitzte hinter starken Giæsern. Die hohe Stim in Falten gezogen B. erfirterte das religiøse Problem. Ich konnte lange Jahre zu ihm in keine Relation kommen. Immer wurde ich von ihm ferngehalten. Zu Anfang, als er Kritiker der Bewegung geworden war, ein Jahr nach Hprzls Tode, dann als er Jiddischist wurde. Viele Studenten flogen ihm zu. Ich konnte nicht. Viele Jahre vergingen, als ich ihn wieder sah. Es war in Abbazia. Birnbaum war bereits religios. Und beinahe tæglich fuhr er nach Fiume, um dort speisen zu konnen. Narretei nannten es viele! Nun aber beuge ich mich doch vor ihm. Er ist der einzige Kopf der jiidischen Moderne, der so lebt, wie er denkt. Er hat sich zu seinem streng religidsem Standpunkte durchgerungen und halt sich strikte ans Geset?. „Wir haben gesundigt!44 beginnt sein Buch. Chatanu! Ein starker, ein starrer Geist, ein Mann des harten Nackens. Ungebeugt durch Schicksalsschlåge, die er meistert. Ewig Jung, entwicklungsbereit, entwicklungsfåhig. Vom heiligen Feuer erglilhen seine Essais. Prophetisches Pathos klingt aus ihnen her vor. Nichts ist gesagt, das nicht gelebt wiirde. Strenge gegen seine Mitmenschen, strenge gegen sich selbst. Schammail Und doch kann er nicht Fiihrer werden, wonach er lechzt; doch blieb ihm die Jugend nicht treu, der er in Vereinigung von Lehre und Leben Lehrer und Meister sein konnte, weil er zu herrisch, zu tyrannisch ist. Immer Acher. Romane der Volker. Hinter goldenen Mauern, Roman von Emil Rasmussen. 1919. Georg Miiller, Milnchen, brosch. M. 8.—, geb. M. 11.—. — Rasmussen, der es als Ddne liebt, europdische und aufiereuropæische Stædte und Lænder zu suchen um Sujets fiir seine Romane zu finden, hat sich diesmal Galizien auserkoren. Das Galizien der Vorkriegszeit, als noch polnisch.e Magnaten mdchtig, wie kleine Konige, auf ihren Giitern herrschten. Die Heldin des Romans Eugenie Orlicz-Rawicz, selbst ein Abkdmmling soleher Magnaten, heiratet 14jiihrig den alten Grafen Kasimir, der Liebhaber ihrer Mutter ist. Kasimir, das Prototyp eines polnischen Szlachzizen, Politiker, Aesthet, Gurmand, Grandseigneur und etwas pervers. Sohn eines degenerierenden Stammes. V6n weitem sehen wir die Wolken, die sich liber Galizien zusammenballen. Schon murren ruthenische Bauern, von Pastoren und Studenten aufgewiegelt, — das Andenken an S i c z y n s k i ist noch -sehr lebendig, — noch gelingt es, die Unruhen zu verhiiten, aber bald kornmt der Aufruhr und dann, wehe Polen. Rasmussen macht auch diesmal seinem Namen Ehre. Das Milieu gut erfaBt, die Personen scharf karakterisiert nur der Jude, episodenhaft, ist nicht gut getroffen. " BRUENNER NACHRICHTElil. Jiidische Frauenorganisation. Im Laufe der nachsten Woche findet ein Vortragsabend der bekannten Rezitatorin Mirjam Schnabl aus Wien, die bei der in Prag am 13. Ind 14. d. stattgefundenen Frauentagung durch ihite ergreifende Wiedergabe jiidischer Dichtungen, den damit verbundenen hervorragenden Intellekt, berechtigtes Aufsehen erregt hat. Næheres iiber Ort und Datum wird in den Tagesblættern bekanntgegeben Werden. Jiidische Rede- und Lesehalle. Montag, den 22. d. M. findet im „Freitisch44, LegionærstraBe 38, um 8 Uhr abends, ein Vortrag des Herrn Prof. Dr. K. T e 11 e r statt: „Der jiidische Student und die Philosophie.44 Jiidischer Landesvolksrat fiir Mahren. Sonntag, den 21. d„ findet im Lokale „Jiidischer Vølksrat44 'Briinn, Koltété 57, um halb 10 Uhr vorm., eine Plenarsitzung statt. — Dr. Karl Sonnenfeld, Obmann. Jiidischer Volksrat. Jiidischnationale Vereinigung. Sonntag, den 21. d„ um 11 Uhr vorm. im Sitzungssaale der KuItinsgemeinde'Sitzung. Makkabi, Verein fiir Turnen und Sport. AuBerstande, allen unseren Mitarbeitern, welche ap dem schonen Erfolg der Blau-WeiBredoute mitgeholfen haben, einzeln zu danken, spricht die Vereinsleitung auf diesem Wege den besten Dank aus. Insbesondere gilt das den Damen der Frauenorganisation, welche sich in liebénswiirdigster Weise zur Verfugung gestellt haben. — Sonntag, den 28. Mdrz, findet die korporative Besichtigung des neuen Turn- und Sportpjatzes im Schreibwalde durch alle Abteilungen statt, wozu wir auch unseré Freunde einladen. — AniæBlich Einweihung des neuen Verelnshauses und Platzes wird das diesjæhrige Schauturnen als Landesturnen aller mæhrischen Makkabis am 27. Juni im Schreibwald abgehalten. AnschlieBend daran leichtathletisches Meeting und FuBballmatch. Mitteilungen der Jiid. Nationalfonds-Komin. in Briinn. Wir machen die Besitzer von Btichsen darauf aufmerksam, daB nur Personen, die sich mit einer Legitimation der Jiid. N. F. K. in Briinn ausweisen, berechtigt sind Biichsen zu leeren und der Biichsenleerer ist auBerdem verpflichtet den enthobenen Be. trag zu quittieren. — Betræge fiir den Nationalfond entgegenzunehmen sind nur jene Leute berechtigt,’ die diese Betræge mit den vorgeschriebenen Formularien der J. N. F. K. in Briinn quittieren konnen. — Ing. cand. Beer, Sekretar, Berta Schnabl. Alle jiidischen Lebrkrafte Mihrens, welche sich nicht im Amte befindea (enthoben sind), werden dringend ersucht, umgehend ihre genæuen Adressen der JQdisch-nationaten Vereinigung (Schulreferat) Briinn, KoliStS 57,bekanntzugeben. VOLKSWIRTSCHAFTLICHES. Klelobesledfung und BewSsserung Palæstinas.*) Die Sitzung des GroBen A. C. ist vorUber, das Mandat iiber Palæstina dtirfte fiir die nåchsten Wochen zu erwarten sein. Entgegen den Meldungen der verschiedenen Tagesbiætter, die hæmisch den Widerspruch der Christenheit und der Mohammedaner zu berichten wuBten. Nun wird die Kolonisation Palæstinas aktuell. Und die groBe Frage nach der Kolonisationsform rtickt immer mehr in den Vordergrund, und mit ihr die finanzielle und soziael Frage. Nach Berichten Dr. Weizmanns und der anderen maBgebenden Faktoren, wird fiir die ndchsten 20—50 Jahre, diejenige Kolonisationsform akzeptiert, die uns in Palæstina die Majoritæt sichert, die aber der finanziellen Lage der zionistischen Bewegung entspricht und, die eine Ausbildung der Kolonisten ermoglicht. Der jiidische Nationalfonds, als der einzige Besitzer an Grund und Boden in Erez-Israel steht ietzt vor der groBen Aufgabe des Wiederaufbaues unserer Heimat. Wird er imstande sein, dieser Aufgabe gerecht zu werden? Dr. E. S. S o s k i n unternimmt es, uns in dem 4. Heft der Nationalfondbibliothek, Kleinsiedlung und Bewæsserung Palæstinas, zu zeigen, wie aus Wiisten, bliihende Aecker und Felder entstehen und wie Erez Israel in einen einzigen bliihenden Garten verwandelt wird. Dazu meint er, ist in erster Linie notwendig, alle veritigbaren Wassermengen zu verwerten. Durch ein Netz von Irrigationen, die sich von den Quellen, Bæchen und Fliissen bis tief in das innere Land hineinerstrecken, wird jetzt nicht bebaubares Land fruchtbar gemacht. Die Wasserkræfte und Wassermengen wdrea nicht zuerst fiir elektrische Ueberlandzentralen zu verwerten, sondern seien ihrem ursprOnglichen Berufe, der Bewæsserung und Befruchtung zuzufiihren. Die tropische Wdrme der palæstinensischen Sonne in Verbindung mit einer verntinftigen Wasserausniitzung, jiidischer Arbeitskraft und jiidischem Intellekte sind imstande, Erez Israel zu einem natilrlichen Treibhaus zu machen. „FaBt man das Gesagte zusammen, so sielit man sich zur Annahme berechtigt, daB eine richtige einheitlich durchgefiihrte Organisation der Wasserwirtschaft Palæstina den Segen der intensivsten Bewæsserung bringen konnte. Ballod gelangt zu einer Mindestflæche von 300.000 ha kiinstlich bewæsserbaren Bodens, und zwar rechnet er 30.000 ha der Jesreel-Ebene, 20.000 ha an der Kiiste Galilæas, 15.000 ha der Ebene am Hule-See, 120.000 ha des Jordantals und etwa die Hælfte der Kiisten-Ebene, die sich in 165 km Længe urtd 15 km Durchschnittsbreite von Gaza bis zum Karmel erstreckt. Zieht man alle Moglichkeiten, besonders auch die Ausniitzung der meteorischen Wæsser, in Betracht, so gelangt man, allerdings auf anderen Wegen, zu einer Gesamtzahl fiir die bewæsserungsfåhige Fiæche, die der Ballod’schen nahekommt, næmlich, daB mehr als 1/10 des gesamten Landes und mehr als J/7 des kulturfæhigen Bodens kiinstlich bewdssert werden konnen.44 Das so wichtige Problem der Lohnarbeit, das Kautsky nur mit Hilfe der genoss^nschaftlichen Betriebe in der Land wir tschaft zu losen* trachtet, verliert in Palæstina seine Schdrfe von dem Augenblick an, wo die Gemeinschaft — der Staat eder die in seinem. Auftrage wirkenden Faktoren — allen verfiigbaren bewsisserbaren Boden nur auf dem vorgeschlagenen Wege der Kleinsiedlung ausniitzt. In den neuen Sledlungen wird es keine Lohnarbeiter ge. ben. Diejenigen Einwanderer, die aus irgendeinem Grunde noch nicht selbståndig auf der ihnen zugewiesenen Parzelle arbeiten wollen oder konnen, werden als Genossen in den genossenschaftlicljen Betr.ieben der Siedlung beschæftigt. Sie sind nicht Lohnarbeiter, sondern gleichberechtigte Genossen, die den gleichen Anspruch auf eine selbstændige SeBhaftmachung haben, wie die Siedler, und nur voriibergehend im Lohnverhæitnis zur - Genossenschaft stehen. Die Vorarbeiten fur die ersten Siedlungen konnen sofort beginnen. Es ist denkbar, daB am A u ds c h e ein fiir die Bewæsserung hprzurichtendes Ter- *)Kleinbesiedlung und Bewæsserung. Die neue Siedlungsform fiir Palæstina. Von Dr. S. E. Soskin. Nationalfonds-Bibliothek Nr, 4. Jiidischer Verlag, Berlin.