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Jüdische Volksstimme · 1920-02-26 · Heft 9 (26.2.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 9 (26.2.1920)
Date
1920-02-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Selt* 2. Nr. 3 , Ich klage an. . . I Ich klage Euch, Ihr dentschdemokratfcclitn Joden, an, daB Ihr ehrverfMsen seid! Ich klage Euch an, daB Ihr dem judischen Volke in den Zeiten der hOchsten Nøl den Rftcfctfi gekehrt håbet. DaB Ihr Euch in dem Moment«, als die besten miseres Volkes in London ZtfSammeflgtkomftien sind, tun uher das Wohi und Wflhe unsefes Volkes 20 beratW, In Euercm Bfatte die hiesigtti Joden 211 tingstigen suchet, indeni Ihr Pogromgertichte verstreut. Ich klage Euch an, weil Ihr mit dem Feuer spielet. Weil Ihr in dem Zeitpunkte, in dem der nationalso2ialistische Abgeordnete Dr. Krejdl in der Nationalversammlung den Juden die Nationalittit und die jUdisehe Schule gesetzmfiBig gewtihrleistet,;m Brtinner „Tagesbote“ das Selbstbestimmungsrecht der Volker dahin profaniert, daB Ihr durch Eueren Leitartikler erkltiren lasset: „So wie ledes Volk ein unvertiuBerliches und unzerstorbares Selbstbestimmungsrecht hat, so hat es auch ein jeder Mensch, auch der Jude. Wenn er sich daher als Deutscher* bekennen will, dann kann ihn keine Macht der Welt dieses Rechtes berauben.“ Ich klage Euch, Ihr deutschen Juden, darob der Frivoiittit an! Ihr seid unehrlich! Ihr begehet ein nationales, ein menschliches Verbrechen, da Ihr die Juden zwingen wollet, sich zum Deutschtum zu bekennen, indeB es ihnen freisteht, sich frei und offen zum Judentume zu bekennen. Ich klage Euch, deutsche Juden, an, daB Ihr in einem Staate, der vom nationalen Hasse zersetzt ist, die Juden diesem Hasse aussetzt. Ich klage Euch der Unerhrlichkeit an, indem Ihr in Euerem Parteiblatte behauptet: „aus den Cechischen Reihen grinst ihnen (den Juden ntimlich) der schtirfte HaB entgegen“ und den HaB, der ihnen aus den deutschen Reihen entgegengrinst, bemåntelt. Ich klage Euch an, daB Ihr die Einigung des deutschen Volkes und so eine Versdhnung der Volker verhindert. Ich klage Euch an, daB Ihr die korrupte altosterreichische Nationalittitenpolitik fortsetzet. Ich klage Euch an, weil Ihr Euer Volk verleugnet und verratet, weil Ihr Renegaten seid und Renegaten machet. Ich klage Euch an, daB Ihr jeder jildischen Scham bar seid; daB Euch alles mehr am Herzen lieget, denn die seelische Not Euerer Kinder. Ich klage Euch an, daB Ihr Euere Kinder, anstatt sie zu freien Menschen zu erziehen, zwinget, in einer inneren Knechtschaft zu leben. Ich klage Euch an, weil Ihr die Seelen Euerer Jugend verkriippelt! das kostbarste Gut unseres Volkes! Ich klage Euch weiters an, daB Ihr Euch Demokraten nennt und in der Kultusgemeinde FEUILLETON. Zum und am NationalkongreB der slovakischan Julensih3 ft. ReiseeindrUcke von Dr. Theodor Haas (Briinn.) I. Die flir den 1. und 2. Februar anberaumte Tagung der slovakischen Judenschait in PieStany gab uns Gelegenheit zu einer Reise dorthin, was bei den heutigen sattsam bekannten Verhåltnissen keinesfalls zu den Annehmlichkeiten gehort. Eine Fahrt die V1 a r a p a Bstrecke durch galt schon in Friedenszeiten als Inbegriff eines langsamen, endlosen Zustandes, und tatstichlich sind die vielen Stationen nahezu zahllos, welche mit Hingeren oder ktirzeren Aufenthalten zu durchwinden sind, bevor man an das Ziel der Reise anlangt. Aber auch grdfiere Stationen sind zu passieren, welche fiir uns Juden Von Bedeutung sind als Sitze alter, einst bliihender, heute mehr oder weniger absterbender Kehillas: Austerlitz, Butschowitz, Gaya, Bisenz, Wessely, Ung.-Ostra. Einst Namen von Klang, aus denen viele hervorragende Mtinuer hervorgingen, welche in den dortigen gut geleiteten jlidischén Elementårschulen die Grundlage fur ihre weitere Ausbildung gewonnen hatten, und welche, ebeoso wie die Sdhne anderer m&hrlscher Judengemeinden, besooders in Wien, dem seinerzeitigen Sammelbecken def gewesenen Monarchie, zu Wiirde, Ansehen und Verm&gen gelangten. „jumsciiE vouts»tiMwr.M Oligarchen seid. DaB Ihr Euch an j ti d ische Wtihler nnd Wtih 1 e r in ne n tim deren Stimmen w« 11 det, indeB ihr ilmen, namentlichj den Fratien, das Wahlrccht fiir die* Kultiisstube brii.sk abweiset. Dafi Ihr das primitivste Recht cines Staatsbtirgers mit FiiBen tretet. DaB Ihr dabei doch noch die Stirne und die Ktihnheit håbet, gera de um Stimmen dieser Juden zu werben. Ich klage Euch an, daB Ihr durch Euer deutsches Bekenntnis die Juden zu den nationalen Gegnern der Cechen stempelt, daB Ihr bei Euerer egoistischen Mandathascherei die Provir.zjudcnschaft den scharfsten Angriffen und den groBten Gefahren aussetzet. Ich klage Euch deshalb an, weil Ihr, durch diese Euere Politik im alten Oesterreich Schuld seid an den Plitnderungen und an den Ausschreitungen gegen die Juden im Vorjahre. Ich klage Euch an, weil Ihr durch Euere Politik Blutschuld auf Euch geladen håbet. Ich schreie Euch Allen diese Anschuldigungen offen ins Gesicht; Ihr konnet Euch nur rein waschen, wenn Ihr von Euerer schadigenden und schadlichen Politik abiasset. Gehet in Euch, Ihr deutschen Juden, tuet BtiBe! Hånd weg von miseren Juden 1 Hånd weg!! Dr. Gustav K o h n. Wahltaktik. Ein groBer Teil der Brunner Juden geht an den sich abspielenden politischen Geschehnissen bewuBt oder unbewuBt mit geschlossenen Augen kritiklos voriiber. Sie verstehen es nicht in die Grundtiden jener treibenden psychischen Krafte zu blicken, welche diesen Geschehnissen zugrunde liegen und eine genaue Kenntnis aller Vorgange erschlieBen. Nur so konnte es geschehen, daB der „Tagesbote" in der Vorwoche, ohne auch nur den geringsten Widerspruch hervorzurufen, sich erdreisten konnte, das Vorhandensein einer Judenhetze einzig und allein zu dem Zwecke zu erfinden, um sich vor den Wahlen, wie es die deutschdemokratische Freiheitspartei mit einer besonderen BeflieBenheit in Olesen Wahltagen tut, als Judenschutztruppe zu gerieren. Erhebungen an allen kompetenten Stellen haben das Ergebnis gezeitigt, daB nicht ein Wort an der Mittei- Iung des „Tagesbote** wahr ist, „daB in den nåchsten Tagen eine Hetze gegén die Judenschaft unternommen werden wird, indem Flugzetteln in der Nacht verbreitet und an Haustoren und Fenstern angeklebt werden,' die zum Hasse gegen die Judenschaft aufwiegeln sollen.'* Die maBgebenden Stellen bezeichnen diese Mitteilung des „Tagesbote** als vollståndig aus der Luft gegriffen, als eine dreiste, bewufite, als Wahlmandver in Anwendung gebrachte Liige, und es ist nur zu bedauern, daB ein von Juden erhal tenes und auch geschriebenes Blatt in seiner Kurzsichtigkeit gerade- Heute haben die politischen Judengemeinden in allen diesen Sttidten, wie tiberhaupt in ganz Måhren, zu bestehen aufgehort. Sie sind' mit den anschliefienden Christenstadten vereinigt, und auch die Kultusgemeinden verlieren von Jahr zu Jahr ihre, besonders die steuerkrtiftigeren Mitglieder immer mehr. Insbesondere nach dem Umsturze hat die Abflutung der Land- und Provinzjuden in die Stådte erheblich zugenommen, und es wurde derselben nur durch, Erschwerung der Einreise nach Brunn und anderen groBeren Sttidten ein Riegel vorgeschoben. Von der Station Wessely aus heben sich in ostlicher Richtung am Horizonte die Berghoheu der weiBen Karpathen ab, und vor meiueni geistigen Auge erscheint das am FuBe dieser Berge gelegene Sttidtchen W e 1 k a, mein Heimatsort und bis vor Kurzem der Wohnsitz meiner Eltern, woltin ich so gerne meine Schritte lenkte.' Es liegt weit abseits von der Bahn im Gebirge nabe der slovakischen Grenze, und doch hat es ein kleines Htiuflein 'der dortigen Juden in opferwilliger Weise zustande gebracht, daB dort ein Bethaus erriQhtet wurde, in welchem an jedem Samstag Gottesdienst abgehalten wird, und daB dort seit mehr als vier Jahrzehnten eine gut geleitete jiidischdeutsche Schule besteht. Goldene Jugenderinnerungen, welche mir stets unvergefilich bleiben werden! In Gedanken versunken in einer der ntichsten "Stationen angelangt, erblicken wir linker Hånd d:e 4 Ttirme von Ung.-Hradisch, der Metropole der mtihriscben Slovakei, und im Hintergrunde die maleriscben Burghdhen von Buchlau. Wir erinnern uns , unwillkQrlich an die altersgraue Zeit, da das im dorzu die Anregung zur Veranstaltung einer Judenhetze zibt, ohne eine solche, wie loyal zugestanden werden muB, geben zu wollen. *• * * Der „Volksfreund", der anltifllich der bevorstehenden Gerneinderatswahlen fast zu judenfreundlich geworden ist, nicht aus Ueberzeugung, nicht dem eigenen Triebe folgend, sondern unter dem Zwange der Verhtiitnisse der Befiirchtung, es kdnnten ihm sonst die vielen Hunderte Stimmen verloren gehen, hat in einer schwachen Stunde zur Herstellung des Gleichgewichtes auch der anderen Stimmung in seinem Lager Rechnung tragen miissen. AnlaBlich der Auffiihrung des Stiickes von Felix S a 11 e n „Der Gemeine*' wurde bei einer Rekrutenszene hinter den Kulissen von der Musikkapelle „O du mein Oesterreich" gespielt und da leistet sich der „Volksfreund" die Feststellung, „daB die Kltinge dieses Liedes unter den anwesenden Schiebern einen wahren Sturm der Begeisterung hervorgerufen haben, obwohl gerade diese Sorte am allerwenigsten Ursache håbe, mit den heutigen staatlichen Verhåltnissen unzufrieden zu sein, da ihr das Wuchern und Kettenhandeln im alten Oesterreich auch nicht leichter gemacht war, als im cechoslovakischen Staate." Uns ist nicht bekannt, wo sich der Berichterstatter des „Voiksfreundes" gerade in dem Augenblicke befand, als sich die Szene abgespielt hat. Keineswegs war es ihm moglich, wo immer er sich auch befunden haben mag, die Situation derart zu iiberblicken und zu erfassen, um aus der Menge gerade die Schieber als diejenigen zu erkennen, die in diese geschilderte Begeisterung gerieten. Der Berichterstatter scheint aus der Rolle fallend, etwas unvorsichtig, seinen ihm angeborenen Rasseninstinkten folgend, jedenfalls 14 Tage zu friih, freien Lauf gelassen zu haben. Es mutet einen ganz sonderbar an, wenn man gleichzeitig die Randbemerkungen des „Brunner Montagblattes" zu diesem Zwischenfalle liest, in denen es heiBt: „Bazeichnend ist, daB sich iiber die Kundgebung am Montag die jtidischen Schieber und Kette-nhtindler, die zahlreich im Theater waren, am meisten aufregten und sich namentlich in Schimpfreden nicht genug tun konnten, bis ihnen von paar entschlossenen Deutschen die Jtøauler geschlossen wurden. Fiir diese Leute scheint also unser Staat ein Paradies zu sein, das sie zum Heile ihrer unersattlichen Taschen aufrecht erhalten wollen." Also wer liigt: lDer „Volksfreund" oder das „Brunner Montagsblatt"? Wir wollen diese Frage, weil sie fiir uns belanglos ist, unentschieden lassen. Das eine ist aber sicher. Hie und da reichen einander das „Briinner Montagsblatt" und der „Volksfreund" in ihrer Betatigung von Rasseninstinkten, beide aus verschiedenen Motiven, die Hånde. tigen Talkessel versteckt liegende Welehrad die Hauptstadt des groBmtihrischen Reiches bildete. Auch Juden diirften in jener friihmittelalterischen Epoch§ bereits auf mahrischem Gebiete wohnt haben; das aus der Zeit zwischen 903 und 936 stammende Zoll- und Schiifahrtsdiplom von Raffelstetten bemerkt, daB Juden die Mtirkte in Mtihren besuchen, und der tilteste Sechische Chronist Kosmas erwåhnt zum Jahre 1064, daB der getaufte Jude Podiva der Griinder der nach ihm benannten Burg Podivfn (Kostel) war. Wir nåhern uns der alten Grenzfeste Ung.-Bro1, einer altberiihmten Judengemeinde. Unmittelbar bei der Bahn liegt, angelehnt an den Ueberresten der ehemaligen Festungsmauern, der alte jiidische Friedhof mit seinen verwitterten Grabsteinen, den Blutzeugen des Kuruzzeniiberfalles vom 14, Juni (20. Tamus) 1683, bei welchem nicht weniger als 113 Juden in bestialischer Weise gemordet, der Tempel geschandet, und die Torahrollen zerrissen u. zertreten wurden. Das Seelengedtichtnis der Opfer dieses Barbarismus wird noch bis zum heutigen Tage nicht nur in Ung.-Brod erhalten, sondern auch in Waag-Neustadtl, der slovakischen Nachbargemeinde, woliin nach diesem Blutbade ein Teil der Ung.-Broder Gemeindeangehorigen tibersiedelt war. Ung.-Brod ist noch heute eine der sttirksten und bewuBtesten mtihrischen Judengemeinden, wenn es auch nur mehr eliten Sehatten seiner frttheren Bedeutung reprtisentiert. Wir erinnern uns an eine Stelle aus einem Buche, welches uns vor einigen Wochen vom Autor eingesendet wurde: „Korosz-Botenu** (Die Tragbal-

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