Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1920)
- Date
- 1920-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JCJDISCHE VOLKSSTIMME. Bezugspr eise: halbjåhrig. ganzjåhrig. Deutschosterreich. Deutschland, ganzjåhrig .... Kronen 50.— . Mark 25.— Redaktion u. Administration: Briinn, Krapfeng. 19. Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Lelpzlg. Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum c. K 2.—. Unverlangte redaktionelle Beitråge werden nicht honoriert. Manuskripten ist RUckporto beizufOgen. Jahrgang XXI. Briinn Februar 1920. > M 8ohwat g680 Nummer 7. Die jiidische Frau im politischen Leben. r Zu einer Zeit, wo gerade die meisten jener Parteien, welche heute anlåBlich der Wahlbevvegung am lautesten die Prioritåt, politische Rechte fur die Frauen erkåmpft zu haben, in Anspruch nehmen, grundsåtzlich an dem Dogma: „Mulier taceat in ecclesia"*) ais an etwas Sankrosanktem festhielten, ist unser GroBmeister Theodor H e r z 1 mit einem Sehérblick, Me wir ihn bei ihm nicht nur in dicser Frage, sondern in fast allen die kunftige Gestaltung politischer und sozialer Verhåltnisse beriihrendcn Fragen in einer geradezu staunenswerten Weise ausgeprågt finden, in seinem beriihmten Romane: „Altneuland“ fiir die politischen Rechte der Frauen eingetreten, indem er seinen Romanhelden David ausfulnen låfit: „In unserer neuen Gesellschaft sind die Frauen gleichberechtigt mit den Månnern. DaB sie das aktive und passive Wahlrecht haben, ist selbstverståndlich. Sie haben treu mit uns gearbeitet am Ausbau unserer Einrichtungen. Ihre Begeisterung fiir unseren hohen Gedanken hat den Mut der Manner befltigelt. Es wfiré die' haBncRstevUh‘dariIcbarkeit gewesen, wenn wir sie an den Gesindeti’sch unseres Hauses oder in ein verfehmtes Serail verwiesen hatten." Die Revolution des Jahres 1918 hat die Frau riicksichtlich des aktiven und passiven Wahlrechtes dem Manne gleichgestellt, ohne daB gleichzeitig riicksichtlich såmtlicher politischer Rechte diese Gleichstellung eingetreten ware; es besteht . viel- *) Die Frau schweige in der Versainmlung! FEUILLETON. Uebør das JUdische Rechtsempfinden. Von E. K 6 n i g. Mit den tausendfaitigen, schicksalsschweren Erlebnissen des jiidischen Volkes, mit dem Verluste seiner staatlicben Selbstandigkeit, mit seinen Fluchtziigen aus Babel und Persien, aus Rom und Spanien, mit der Zerstreuung in die Ungewissenheit aller Weltteile, mit der Geburt des Ghetto im Mittelalter und mit der Pogromkultur des letzten Jahrhunderts-, ist auch der jiidische Gerechtigkeitsgedanke in eine neue Phase getreten. Der heutige „Zedoke‘‘-Begriff ist seines, alten biblisch-sozialen Gefårbes entbloBt und tragt den ergreifenden Unterton der Philantrophie. Die chassidische Identitåt zwischen einem Zaddik, Frommen und Wohltater ist ja zur Geniige bekannt. Hier flieBen Menschenliebe, Selbstentsagung, mystische Exstase und metaphysische Vcrgeltung ineinander. Wollen wir aber auch in jener, trauten deutschen Ghettoliteratur der Vor- und Nach-MendelSohn’schen Epoche nachblåttern, angefangen von den liebvollen Erinneruhgen der G 1 ii kk e 1 v. H a m e 1 n bis zur letzten Erzåhlung Kompert’s, welche umfassende Vielfalt von Humanitåt und Nåchstenliebe offenbart sich hier dem Leser; der einzige Ausweg zur Erhaltung des Judentums das aUer Mithilfe seiner Umwelt bar, auf sich selbst mehr beispielshalber noch immer die Anomalie, daB die Frauen trotz des.ihnen eingeråumten aktiven und passiven Wahlrechtes vorlåufig nicht der Mitgliedschaft an politischen Vereinen teilhaftig werden kininen. Vom Standpunkte der allgemeinen Frauenbewégung ist es eine nicht leicht erkliirliche Erschcinung, daB seit der Erringung dieses Teilerfolges, der Kampf fiir die Zuerkennung weiterer politischer Rechte und die vollståndige Gleichstellung der Frau mit dem Manne auf politischetn Gebiete eingestellt wurde. Es wåre iiberhaupt zu erwarten gewesen, daB die Frauen mit viel groBerenrElan als sie es taten, von den ihnen bereits eingeråumten Rechten Gebrauch machen werden. Es hat sich anlåBlich der im Juni 1919 durchgefiihrten Gemeinderatswahlen gezeigt, daB nur wenige Frauen und auch diese nur mit einem gewissen Widerstreben in den Vordergrund politischer Betåtigung getreten sind und sich, wenn sie sich hiezu doch entschlieBen inufiten, ausschlieBlich auf Betåtigungggebiete beschrånkt haben, die ihrer Eigenart am nachsten liegen. Die hohe Politik haben die wahlwerbenden Frauen in der Regel ganz bei Seite gelassem die bloB ihr Wahlretht ausubenden Frauen ihre Betåtigung ausschlieBlich auf die ^tirnmenabgabft jipscbjrankL- Die .hohe-,: Politik scfiéTnt Her Frau 'uberhaupt nicht zu liegen und sie scheint die HåBlichkeiten der Politik instinktiv zu empfinden. Sie durchschaut ganz genau das Getriebe der politischen Parteien, welche fiir die politische Betåtigung der Frauen in der Regel nur insoweit Interesse bekunden, als sie fiir die eine oder die andere Partei ihre Stimmen abgeben, ohne daB diese politische Partei auch nur im entferntesten an die Ausgestaltung der Rechte der Frauen auf allen iibrigen Gebieten bis zu ihrer Gleichstellung mit den Rechten der Månner ernstlich dåchten. angewiesen ist. — Kaum hatten Erlasse, Privilegien und Konstitutionen den Juden als freien Biirgern, gleichen Staatsanteil, wenn auch nur formell gewåhrt, ist auch das jiidische Rechtsempfinden in seiner alten Kraft sprudelnd zu Tage getreten. Wieder ist es bei jeder Gelegenheit der Ausdruck sittlicher Emporung; im politischen Lager des 19. Jahrhunderts steht es aufrecht in der Phalanx des biirgerlichen Liberalismus und der radikalsten Demokratie im, Streite fiir die Freiheit des Individuums. Es wird zum heiligen Geist an den unser Heine glaubt wenn er singt: Dieser tat die groBten Wunder-, Und viel groBre tut er noch; Er zerbrach die Zwingherrnburgen Und zerbrach des Knechtes Joch. Alte Todeswunden heilt er, Und erneut das alte Recht; Alle Menschen gleichgeboren, Sind ein adliges Geschlecht. Die Wirtschaftsentwicklung Europas schreitet hemmungslos vorwårts, der kleine manuelle Produzent verarmt angesichts der Konkurrenz gewaltiger Fabriken, die mit ihren Schloten wie Pilze aus dem Boden schieBen. Der Arbeiterstand feiert die Geburt seiner Organisationen, die soziale Frage wird brennend; unbewuBt ihres jiidischen Rechtsempfindens (andere nennen es Rassenempfinden) werden Marx und Lasålle flammende Wegweiser der nach sozia* ler Freiheit ringenden exploitierten Arbeiterklasse; denn die materlalfstische Auffassung Karl Marxens Diese allgemeinen Erwågungen und Betrachtungen konnen auf die im jiidischnationalen Lager stehenden Frauen nicht zur Oånze angewendet werden; denn diese sind schdn an der Wiege des politischen Zionismus gestanden und haben seither rege bei der Vertiefung und Verbreitung unserer politischen Ideen mitgewirkt. „Ihre Begeisterung fiir miseren hohen Gedanken hat den Mut der Månner befliigelt". Alle diese Frauen, die in der Schule der jiidischnationalen Bewegung ihre ersten politischen Anregungen empfangen haben, haben eine gewissc politische Schulung bereits hinter sich und haben auch inrierhalb der zionistischen Bewegung ein Stiick nicht von der Hånd zu weisender Arbeit in niannigiachcr Hinsicht geleistet. Sie haben bei dem Ausbaue der einzelnen Organisationen ernstlich mitgearbeitet und, soweit Einrichtungen kultureller und wirtschaftk'cher Natur geschaffen wurden, an deren Schaffung redlich mitgewirkt. Die jiidischnationale Frau hat auf dem Wege natiirlicher Entwicklung politische Ideen in sich aufgenommen, die im Verhåltnisse zur GroBe dieser Ideen die Betåtigung in dem allgemein politischen Leben als banal erscheinen lassen. Sie ist sich aber vollståndig dessen bewuBt, daB auoh dieses politische Leben hn Interesse unserer Ideen betrieben werden muB, nicht aber als das Primåre, sondern als das Sekundåre, nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zwecke. Die jiidischnationale frau muB nicht erst in Wåhlerversammlungen fiir die Politik der Diaspora gewonnen werden, sie sieht es als eine Ehrenpflicht, als etwas Sedbstverståndliches an, ohne weitere åuBere EinfluBnahme fiir jene Taktik einzutreten, welche die Gesamtorganisation fiir die richtige hålt und deshalb haben wir es nicht notwendifh spezielle jiidische . Frauenversammlungen einzuberufen und divergiert auffallend wenig mit der altjiidischen sozialen Verfassung, die den fordernden EinfluB einer gunstigen wirtschaftlichen Lage mit normalen gesellschaftsentwickelnden Attributen. auf die ersprieBliche intellektuelle Entwicklung des Einzelnen rechtzeitig zu agnoszieren verstand. — Zugleich beginnt eine Verwirrung in der jiidischen Welt, hervorgerulen durch das Wiiten der Ritualmordqnd Pogromfurie. Das jiidische Rechtsempfinden schreit auf, appelliert an den letzten Funken der dem Judentum sa teueren menschlichen Gerechtigkeit. Månner wie Emile Zola (in der DreyfuB-Affåre) und spater Prof. Masaryk (im HilsnerprozeB) verleihen der geknechneten Stimme eines Volkes Gehor und huldigen vereint mit uns der Rechtsgeltung. Doch wie eine eiternde Wunde klafft es weiter, ein Vulkan gåhrt im Osten. Gewaltsam unterdriickte Revolutionskeime, Judengemetzel, wandernde Emigranten; eine Weltkrankheit, die man Judenfrage nennt. Pinsker hat seine „Autoemanzipation“ långst niedergeschrieben und Herzl erscheint, um endlich der Welt, die an der aktuellen Judenfrage ganz enorm krånkelt, zu helfen. Die Sache des jiidischen Volkes wird Sache des Menschentums. Nach zweitausend Jahren soli endlich die geschmåhte und mit FuBen getretene Rechtsgeltung des Judentums als neues Panier verjungt aufgerichtet werden. Das Gewissen der Menschheit, die sich an den Sinn der Gerechtigkeit so frevelhaft vergrilfen, soli entlastet werden. Und wuchtig drohnt es in Herzl’s „Judenstaat": »Wir wollen endlich als freie Månner auf unserer eigenen Scholle leben und in unserer eigenen Heimat ruhig sierben. — Die Welt wird durth unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert." —'